Ich möchte einfach nur meinen inneren Frieden schließen, dass ich sagen kann so wie ich bin ist okay, und das was ich mache ist okay. Ich sehe es genauso wie du schilderst. Ich gehe arbeiten um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich möchte aber nicht Leben um zu arbeiten.
(...)
Genau solche Bekannten urteilen ja dann auch gerne über mich warum ich mit 30 Jahren noch nicht an meinem Idealbild geschraubt habe. Solche Menschen lassen einen minderwertiger vorkommen, sogar meine eigenen Eltern. Und das macht mich sehr traurig und setzt mich gleichzeitig einer inneren Unzufreidenheit aus.
Danke für deine Rückmeldung, MaikBat,
in deinem Alter habe ich auch angefangen, mir bewusster
zu werden, was die gesellschaftlichen Vorgaben sind und
wie ich darauf reagieren möchte. Davor habe ich sehr viel
gearbeitet und kaum Zeit für meine eigenen Interessen
freigehalten. Ich hatte aber Glück, gute Vorbilder zu sehen,
die anders leben und auch ohne diesen Leistungsdruck und
das ewige Streben nach Mehr ein gutes Leben führen - und
habe in den letzten 20 Jahren auch viele weitere gefunden,
die ähnlich denken und leben wie ich. Komischerweise haben
Leute, die mich kennenlernen oft den Eindruck, ich würde
"sehr viel machen", was nur zum Teil stimmt, da ich mir viel
freie Zeit gönne und in Kauf nehme, dafür weniger Geld zu
verdienen (was nicht schlimm ist, wenn man auch wenig da-
von braucht). Kennst du "Walden" von Henry David Thoreau
oder "Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann" von
Anne Donath? Das wären zwei meiner Vorbilder, die ich zur
Lektüre empfehlen kann.
Ich finde es schön, dass du deinen inneren Frieden schon im
Ansatz kennst und ihn festhalten willst. Das wird aber nie
"für immer" klappen, sondern du wirst dich immer wieder
gegen andersartige, nicht zu dir passende Anforderungen
oder Lebensentwürfe abgrenzen müssen und auch ertragen,
dass dich deshalb jemand nicht akzeptiert. Es ist klar, dass
viele versuchen, anderen ihren Lebensentwurf aufzudrängen,
damit sie dann selbst ein gutes Gefühl haben - oder weil sie
davon profitieren möchten, z.B. wenn sie selbst ihr Leben
über Arbeit definieren und dich in die Tretmühle einspannen
möchten, damit du für sie arbeitest. Die fahren dann mit
einem großen Auto herum und möchten, dass du die Gier
nach auch so einem bekommst und dafür deine Lebenszeit
und deine Kraft aufwendest.
Die entscheidende Frage ist aber: was möchtest du statt-
dessen? Was ist dir wichtig, was inspiriert dich, was fasziniert
dich, was möchtest du lernen? etc. - nur wenn du einen
starken Gegenpol hast, der dich anzieht und damit vom üb-
lichen Leistungswettbewerb abhält, kannst du auf Dauer dem
Sog entkommen (so mein Eindruck). Sich nur verweigern
macht auf Dauer nicht glücklich, da der Verweigerer ja immer
noch das braucht, was er verweigert, um eine eigene Identität
und eine Lebensberechtigung zu haben. Ich möchte aber so
leben, dass ich auch glücklich weiterleben könnte, wenn es die
Leistungsgesellschaft gar nicht mehr gibt oder ich irgendwo
leben müsste/könnte, wo sie keinen Einfluss mehr ausübt.
Zu deiner inneren Unzufriedenheit: wenn du dein Ziel im Leben
immer wieder klar hast, dann können dich Ideen und Erwartungen
von anderen nur kurzfristig aus dem Gleichgewicht bringen, selbst
wenn sie dir recht nahe stehen. Der erste Schritt ist hier, dich zu
wehren, deutlich Nein zu sagen zu dem, was du nicht willst und
dir dann klar zu werden (immer mehr), was du willst, was gut ist
in deinem Leben, was erhalten bleiben soll, wovon du gerne nach
Möglichkeit mehr möchtest. Aktive Lebensgestaltung eben - eine
Aufgabe, die nicht mal eben kurz zwischen Feierabend und Tages-
schau erledigt werden kann
🙂
Viele Grüße,
Werner