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Ich habe das Gefühl mir ewig Vorwürfe machen zu müssen weil ich nicht studiert habe

  • Starter*in Starter*in MaikBat
  • Datum Start Datum Start
M

MaikBat

Gast
Hallo. Die Gründe warum ich es nicht getan habe sind ja eigentlich egal. Bin jetzt mittlerweile 30 und frage mich immer wieder ob ich eine Schmach fürs Leben habe weil ich nie studiert habe. Auch meine Eltern werfen mir das dauernd vor. Ich verdiene keine Reichtümer aber kann von meinem Job leben, auch wenn ich bis heute nicht wirklich sagen könnte was der Traumjob schlechthin für mich wäre. Oft wird man wenn man unterwegs ist angesprochen was man den beruflich macht. Dabei komm ich mir im Vergleich zu einem Studierten immer völlig belanglos vor, also ob ich halt was angelerntes mache und der andere aber scheinbar Berge versetzen kann.
Neulich sagte auch jemand zu mir warum ich es denn nie gemacht habe, so würde ich ja sicher nie viel Geld verdienen. Geht es im Jahr 2013 wirklich nur noch mit Studium?
 
Hallo MaikBat,
es gibt viele Menschen, die sich extrem stark über
ihren Beruf definieren und ich habe den Verdacht,
das machen sie deshalb, weil ihr restliches Leben
belanglos und austauschbar ist. Wenn es für dich
(!) okay ist, dass Arbeit dazu da ist, deine Kosten
zu decken und dir ein gutes Leben zu erlauben,
finde ich das völlig okay - da würden dir auch viele
Philosophen recht geben.
Zu den "gut bezahlten Jobs" noch eine Anmerkung:
viele davon sind deshalb so gut bezahlt, weil die
Arbeit, die man da tun muss, ziemlich nervtötend,
ethisch fragwürdig oder langweilig ist. Die richtig
guten Jobs, die jeder gerne machen würde, sind
dagegen oft schlecht bezahlt. Gilt natürlich nicht
für alles, aber oft denke ich: kein Wunder, dass die
dem so viel Geld bezahlen müssen, damit er so eine
Arbeit macht und dafür so viel Zeit und Nerven auf-
wendet 🙂
Aber falls du doch noch ein Thema findest, das du
gerne akademisch studieren würdest: An der Fern-
uni Hagen kannst du alles Mögliche studieren, neben-
bei und in deinem eigenen Tempo.

Viele Grüße,
Werner
 
Lieber Werner. Ich möchte einfach nur meinen inneren Frieden schließen, dass ich sagen kann so wie ich bin ist okay, und das was ich mache ist okay. Ich sehe es genauso wie du schilderst. Ich gehe arbeiten um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich möchte aber nicht Leben um zu arbeiten.
Sicher kann man jetzt sagen wenn du mehr willst dann musst du mehr tun. So einfach ist es aber sicherlich nicht, sonst würde wahrscheinlich jeder studieren. Mir liegt das Büffeln aber sowieso nicht. Ich war auch noch nie der Streber oder so eine Art Alphatier.
Wenn ich aber die anderen so höre geht es ohne Studium ja kaum mehr, weil man muss ja so viel Geld wie möglich anhäufen, Stichwort Altersarmut etc. Alle scheinen auch strikt diesem Muster zu folgen: meine Schule, mein Studium, mein Auto, mein haus, meine Frau, meine Kinder. So eine Art Idealbild eben. Und davon möglichst noch alles etwas luxuriöser.
Genau solche Bekannten urteilen ja dann auch gerne über mich warum ich mit 30 Jahren noch nicht an meinem Idealbild geschraubt habe. Solche Menschen lassen einen minderwertiger vorkommen, sogar meine eigenen Eltern. Und das macht mich sehr traurig und setzt mich gleichzeitig einer inneren Unzufreidenheit aus.
 
Ich möchte einfach nur meinen inneren Frieden schließen, dass ich sagen kann so wie ich bin ist okay, und das was ich mache ist okay. Ich sehe es genauso wie du schilderst. Ich gehe arbeiten um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich möchte aber nicht Leben um zu arbeiten.
(...)
Genau solche Bekannten urteilen ja dann auch gerne über mich warum ich mit 30 Jahren noch nicht an meinem Idealbild geschraubt habe. Solche Menschen lassen einen minderwertiger vorkommen, sogar meine eigenen Eltern. Und das macht mich sehr traurig und setzt mich gleichzeitig einer inneren Unzufreidenheit aus.

Danke für deine Rückmeldung, MaikBat,
in deinem Alter habe ich auch angefangen, mir bewusster
zu werden, was die gesellschaftlichen Vorgaben sind und
wie ich darauf reagieren möchte. Davor habe ich sehr viel
gearbeitet und kaum Zeit für meine eigenen Interessen
freigehalten. Ich hatte aber Glück, gute Vorbilder zu sehen,
die anders leben und auch ohne diesen Leistungsdruck und
das ewige Streben nach Mehr ein gutes Leben führen - und
habe in den letzten 20 Jahren auch viele weitere gefunden,
die ähnlich denken und leben wie ich. Komischerweise haben
Leute, die mich kennenlernen oft den Eindruck, ich würde
"sehr viel machen", was nur zum Teil stimmt, da ich mir viel
freie Zeit gönne und in Kauf nehme, dafür weniger Geld zu
verdienen (was nicht schlimm ist, wenn man auch wenig da-
von braucht). Kennst du "Walden" von Henry David Thoreau
oder "Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann" von
Anne Donath? Das wären zwei meiner Vorbilder, die ich zur
Lektüre empfehlen kann.

Ich finde es schön, dass du deinen inneren Frieden schon im
Ansatz kennst und ihn festhalten willst. Das wird aber nie
"für immer" klappen, sondern du wirst dich immer wieder
gegen andersartige, nicht zu dir passende Anforderungen
oder Lebensentwürfe abgrenzen müssen und auch ertragen,
dass dich deshalb jemand nicht akzeptiert. Es ist klar, dass
viele versuchen, anderen ihren Lebensentwurf aufzudrängen,
damit sie dann selbst ein gutes Gefühl haben - oder weil sie
davon profitieren möchten, z.B. wenn sie selbst ihr Leben
über Arbeit definieren und dich in die Tretmühle einspannen
möchten, damit du für sie arbeitest. Die fahren dann mit
einem großen Auto herum und möchten, dass du die Gier
nach auch so einem bekommst und dafür deine Lebenszeit
und deine Kraft aufwendest.

Die entscheidende Frage ist aber: was möchtest du statt-
dessen? Was ist dir wichtig, was inspiriert dich, was fasziniert
dich, was möchtest du lernen? etc. - nur wenn du einen
starken Gegenpol hast, der dich anzieht und damit vom üb-
lichen Leistungswettbewerb abhält, kannst du auf Dauer dem
Sog entkommen (so mein Eindruck). Sich nur verweigern
macht auf Dauer nicht glücklich, da der Verweigerer ja immer
noch das braucht, was er verweigert, um eine eigene Identität
und eine Lebensberechtigung zu haben. Ich möchte aber so
leben, dass ich auch glücklich weiterleben könnte, wenn es die
Leistungsgesellschaft gar nicht mehr gibt oder ich irgendwo
leben müsste/könnte, wo sie keinen Einfluss mehr ausübt.

Zu deiner inneren Unzufriedenheit: wenn du dein Ziel im Leben
immer wieder klar hast, dann können dich Ideen und Erwartungen
von anderen nur kurzfristig aus dem Gleichgewicht bringen, selbst
wenn sie dir recht nahe stehen. Der erste Schritt ist hier, dich zu
wehren, deutlich Nein zu sagen zu dem, was du nicht willst und
dir dann klar zu werden (immer mehr), was du willst, was gut ist
in deinem Leben, was erhalten bleiben soll, wovon du gerne nach
Möglichkeit mehr möchtest. Aktive Lebensgestaltung eben - eine
Aufgabe, die nicht mal eben kurz zwischen Feierabend und Tages-
schau erledigt werden kann 🙂

Viele Grüße,
Werner
 
Guten Morgen Werner.
Du beschreibst ein paar ganz wesentliche Begriffe:

*Tretmühle
* Leistungswettbewerb
* Streben nach mehr
* Leistungsdruck
* Gier

Meine Fragen wären:
wieviel Status/Geld braucht ein Mensch um zufrieden zu sein, und wie stark wird das durch äußere Einflüsse suggeriert.
Sicherlich hat niemand was dagegen einen angenehmen Lebensstandard zu führen, aber bei manchen muss es irgendwie ums Verrecken dieses Idealbild sein. Unter einem Mercedes geht nichts, mindestens 1 schickes Haus, möglichst viel Einfluss und Prestige, und immer höher schneller weiter. Das ist so das was ich mitbekomme.
Selbst mein Vater kritisiert mich ja im Prinzip in dem er meint dass ich so ja nie weiterkomme und immer Untergebener sein werde. Was erwartet er, dass ich in 5 Jahren im Aufsichtsrat sitze ?

Ich hoffe du verstehst was ich meine.
 
...und ich mache mir jeden Tag, jede Stunde, fast schon jede Minute Vorwuerfe, warum ich mir diesen Sche*ss angetan und studiert habe.

Ich wollte schon immer ein Handwerk machen, praktisch arbeiten. Jetzt hocke ich auf einem
Managerposten und bin oft total ueberfordert. Die Arbeit macht mir keinerlei Freude mehr, ich gehe
jeden Morgen mit Magenschmerzen rein und kotz auf der Raststaette zwischen Wohnort und
Arbeit in die Buesche, wenn ich nur an meinen Job denke.

Alle haben mich immer dazu gedraengt. Junge studier was, dann bist Du ein besserer Mensch etc. bla bla.
Ich wurde immer unter Druck gesetzt, hatte fast keine Jugend. Immer nur lernen, lernen, lernen. Erbrachte
ich die Leistung nicht, bekam ich kuenstlichen Liebesentzug. Keine netten Worte mehr, nur Druck ohne Ende.
Kein in den Arm nehmen, nichts. Brachte ich schlechte Leistung, wurde ich innerhalb der Akademikerfamilie
denunziert und vor allen bloß gestellt.

Momentan denke ich darueber nach, alles hin zu feuern, den Kontakt zu allen abzubrechen und vielleicht auf Altenpfleger umzuschulen, denn fuer ein Handwerk ist es jetzt zu spaet.

Gruss von einem Top Manager eines Grosskonzerns mit Netto ueber 6.000 EUR, der toduengluecklich ist. TODUNGLUECKLICH!

Ich wuerde nie mehr studieren, nie und nie mehr. Never ever - auch wenn mich meine Familie dafuer mit
dem A... nicht mehr anschauen wuerde.

lg
 
G

Meine Fragen wären:
wieviel Status/Geld braucht ein Mensch um zufrieden zu sein, und wie stark wird das durch äußere Einflüsse suggeriert.
(...)
Selbst mein Vater kritisiert mich ja im Prinzip in dem er meint dass ich so ja nie weiterkomme und immer Untergebener sein werde. Was erwartet er, dass ich in 5 Jahren im Aufsichtsrat sitze ?

Du stellst gute Fragen 🙂 ... das erinnert mich an mich
selbst vor 20 Jahren (sorry).

Zur ersten: Ich glaube nicht, dass es "den Menschen"
gibt, sondern viele verschiedene Ausprägungen - und
für manche ist eben "viel Arbeit" = "viel Glück", für
andere ist viel Muse Glück oder eine Mischung aus
Arbeit und Muse (zu der Sorte gehöre ich). Was für
ein Muster zu dir passt, musst du schlichtweg selbst
herausfinden. Klar ist aber, dass du mit wenigen An-
sprüchen mehr Freiheiten hast als mit vielen. Seneca
schreibt: Wenig verlangt die Natur, die allgemeine
Meinung aber unendlich viel.
Was dieses wenige ist, hängt natürlich von der Umwelt
ab, in der du lebst. Von "Naturvölkern" (also "wilden
Menschen") ist bekannt, dass sie täglich maximal vier
Stunden aufwenden, um ihren Lebensunterhalt zu be-
streiten. Für mich (!) ist ein gutes Leben auch daher
eines, das mit vier Stunden Erwerbsarbeit am Tag aus-
kommt - was nicht heißt, dass ich nicht oft viel mehr
arbeite - aber eben nicht, um meinen Lebensunterhalt
zu bestreiten, sondern an etwas zu arbeiten, das mich
interessiert.

Was deinen Vater betrifft würde ich gerne mit einer
Gegenfrage antworten: Wie viel Bedeutung willst du
ihm und seinen Meinungen für wie lange einräumen?

Gruß, Werner
 
Das leidige Thema :wein:

Also zum Gast von vorhin muss ich sagen Hut ab wenn das wirklich stimmt was du schreibst. Was meinst du wieviele genau da drauf hinstreben und über Leichen gehen um so viel wie du zu verdienen. Und dich erfüllt es scheinbar nicht. Viele würden darauf sch***** ob der Job stressig ist oder einem Spaß macht, Hauptsache viel Geld, Status, Prestigegehabe.
Bei den Eltern fängt es oft an: Junge geh studieren, lerne was das Zeug hält damit was aus dir wird. Leider gibt es zu viele Beispiele wo die Kluft aber auch sehr groß ist was den unterschiedlichen Status anbelangt. Da wären zum Einen sicher die schon wohlhabend Aufgewachsenen, bei denen der Weg von den Eltern schon vorgeebnet bzw. darauf hin gewirkt wird. Die bekommen dann natürlichn alles gezahlt oder auch durch Beziehungen in bessere Positionen. Dann gibt es welche die sich studieren nicht leisten können bzw. auch nie gefördert wurden, und letztendlich natürlich noch diejenigen denen ein Studium mangels Fähigkeit (völlig wertungsfrei) einfach nicht liegt.

Ich bin so ein Kandidat, meine Eltern wollten nach der mittleren Reife unbedingt dass ich eine weiterführende Schule besuche. Junge komm du musst das machen damit aus dir was Besseres wird.
Das Ergebnis war dass ich dort völlig überfordert war und den Abschluss letztendlich nicht geschafft habe. Einfach auch weil mich diese Lernerei gestresst hat und ich kein Händchen für Mathe oder Physik hatte. Es lag mir einfach nicht, das Niveau war für mich zu diesem Zeitpunkt zu hoch.

Gerade aber diejenigen die es einfacher hatten rühmen sich hinterher mit dem was sie alles geleistet haben und leben einem dann vor wie toll es ist viel Geld und tolle Autos etc. zu haben. Kann es sein dass sich der TE in so einem Umfeld bewegt ?

Glücklicherweise gibt es immer noch genügend Menschen die ganz normalen und nicht exorbitant anspruchsvollen Jobs nachgehen, denn sonst würde ich glaube ich auch an mir zweifeln. Ich glaube ein großer Fehler ist in Studenten bessere Menschen zu sehen weil sie ja scheinbar gebildeter sind, mehr Können und auch mehr angesehen sind. Ehrlich gesagt bin über Beiträge wie der vom Gast immer wieder beruhigt, weil auch so ein verdienst kein Garant für ein perfektes idealistisches Leben ist (was man ja häufig annimmt).
 
Hallo MaikBat,
Du brauchst Dir absolut keine ewigen Vorwürfe machen das Du nicht studiert hast. Leider ist es so das Leute die studieren (müssen) eher Theoritker aber keine Pratiker sind. Und es ist nun mal so das die Theoretiker auf ihren Wolken schweben, und die Prakiter dann das gerade biegen, was sich die Theoreiker so ausgedacht haben aber nicht funktioniert.

Davon abgesehen gibt es viele Leute die studieren mussten weil ihre Eltern das wollten, die aber damit gar nichts anfangen können und unglücklich sind. Und das ist Dir schon mal erspart geblieben, auch wenn deine Eltern es anders sehen.

Weisst Du, ich sage mir immer, ich kann jeden Tag froh sein das ich Geld verdiene das ich ein Dach über den Kopf habe und jeden Tag was zum Essen und nicht hungern muss. Alles was drüber ist das ist dann ein "nice to have". Aber für viele Leute muss ein Statussymbol herhalten,also ein Auto, Haus, etc. Aber weiss man denn ob das nicht finanziert ist ?

Auch ich habe nicht studiert, bin glücklich und zufrieden wie ich lebe. Jeden Tag, weil ich ein warmen, trockenen Platz habe und nicht hungern muss. Und vor allem weil ich deshalb nicht weniger bin als jemand der studiert hat.

LG, von der zufriedenen Nichtstudierte ;-)
 

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