Puh... ich habe mich gerade durch die Ereignisse der letzten Tage gelesen. Was für eine Geschichte. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu einem ziemlich eindeutigen Schluss:
Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass nur seine angebliche Absicht, zu dir zu kommen, erfunden war. Ich glaube vielmehr, dass er dir über die gesamte Zeit genau das erzählt hat, was du hören wolltest – das, was zu eurer Geschichte passte und ihn in einem guten Licht erscheinen ließ. Hier ein bisschen Honig ums Maul, dort die nächste dramatische Geschichte. Vielleicht waren einzelne Dinge echt – etwa Telefonate oder Situationen, die du selbst mitbekommen hast. Aber gerade die Geschichten, in denen er immer das arme Opfer war, dem das Leben und andere Menschen übel mitgespielt haben? Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass vieles davon schlicht erfunden oder zumindest massiv ausgeschmückt war.
Und genau deshalb wäre ich an deiner Stelle wütend. Nicht traurig. Wütend darüber, dass ich anderthalb Jahre meiner Zeit und meiner Gefühle in jemanden investiert habe, der sich offenbar seine eigene Realität zurechtgebogen und mich skrupellos angelogen hat. Aber traurig sein? Worüber denn eigentlich?
Frag dich einmal ganz ehrlich: Warum sollte ausgerechnet das Schöne wahr gewesen sein, wenn er inzwischen immer und immer wieder bewiesen hat, wie selbstverständlich er lügt? Welchen vernünftigen Grund gibt es anzunehmen, dass ausgerechnet die Dinge gestimmt haben, die dir Hoffnung gemacht haben? Für mich ergibt das keinen Sinn.
Vorhin habe ich gelesen, dass du von Schuld gesprochen hast. Diesen Begriff finde ich hier unpassend. Schuld bist du nicht. Du hast einem Menschen vertraut. Das ist nichts, wofür man sich schämen müsste.
Was allerdings passiert ist: Du hast ihm immer wieder die Möglichkeit gegeben, neue Geschichten zu erzählen, neue Erklärungen zu liefern und neue Hoffnungen zu wecken. Und irgendwann ist daraus in deinem Kopf ein Bild entstanden – von einem Menschen und einer gemeinsamen, wie auch immer gearteten Zukunft. Nur beruhte dieses Bild nicht auf der Realität, sondern auf seinen Erzählungen. Jetzt fällt dieses Kartenhaus in sich zusammen. Das ist schmerzhaft. Aber es ist der Schmerz darüber, dass eine Illusion zerbricht – nicht darüber, dass du einen großartigen Menschen verloren hast.
Deshalb würde ich mich bewusst für das Ende mit Schrecken entscheiden. Ja, es tut jetzt weh. Aber dieser Schmerz hat wenigstens ein Ende. Die Alternative wäre ein Schrecken ohne Ende gewesen – immer neue Lügen, neue Ausreden, neue Enttäuschungen. Und dafür wäre deine Lebenszeit viel zu wertvoll. Vielleicht hilft ja sogar der Glaube daran, dass das alles ein einziges Lügenkonstrukt war, damit du das alles viel schneller hinter dir lassen kannst.
Versuch doch einmal, in Worte zu fassen, was genau du glaubst verloren zu haben. War es wirklich dieser Mann? Oder war es vielmehr die Vorstellung von dem Mann, für den du ihn gehalten hast? Denn das sind zwei völlig verschiedene Dinge. Der Mensch, den du vermisst, hat in dieser Form wahrscheinlich nie existiert. Er war eine Projektion, genährt von seinen Geschichten. Der reale Mensch war jemand, der gelogen, manipuliert und dich respektlos behandelt hat. Ein Mensch, dem es nicht wirklich um dich ging. Denn wer einen anderen Menschen liebt oder auch nur ehrlich wertschätzt, behandelt ihn nicht so.
Ich glaube deshalb sogar, dass diese Erfahrung irgendwann ihren Wert haben wird. Nicht, weil sie schön war, sondern weil sie dir helfen kann zu verstehen, warum du für genau diese Art von Mensch so empfänglich warst und weshalb du Warnsignale immer wieder beiseitegeschoben hast. Das aufzuarbeiten lohnt sich. Aber nicht, um ihn zu verstehen oder ihm nachzutrauern. Sondern, damit dir so etwas nie wieder passiert.
Einem Menschen wie ihm muss man keine Träne hinterherweinen. Man darf höchstens traurig darüber sein, dass man so lange an etwas geglaubt hat, das es in Wahrheit nie gegeben hat. Lass ihn los und zelebrier deinen Abgang nicht noch wortreich - einfach weg, ausgelöscht aus deinem Leben. Du verlierst hier nichts Wertvolles.