Ich bin jetzt gerade Zuhause und spüre sehr deutlich, dass ich an meinem Limit angekommen bin. ABER - und das ist ja gerade auch eine Baustelle von mir - ich bin mir so unsicher, ob ich da auf mich hören soll, ich mich nur "anstelle", oder die Zähne jetzt zusammenbeißen soll.
Ich würde am liebsten jetzt eine Grenze ziehen und den letzten Seminartag ausfallen lassen. Aber irgendwie traue ich mich das auch nicht... Warum nicht, kann ich nur ganz schwer erklären. Ich weiß nur, ich habe mein Limit erreicht.
Ist denn dieser letzte Tag irgendwie wichtig, relevant? Nicht für andere, sondern für dich? Brauchst du ihn dringend, weil du sonst schlechter bewertet werden würdest, oder ist er irgendwie anders entscheidend? Oder wäre die Konsequenz deines Wegbleibens "nur", dass vielleicht jemand schlecht darüber denken könnte (evtl. auch du selbst von dir?) oder dass du Inhalte verpasst (die du aber selbst nachholen könntest)?
Wenn man sein Limit erreicht hat, hat man sein Limit erreicht. Spätestens (!) dann sollte man schon auf sich hören. Leider geistert in unserer Gesellschaft ein Mythos herum: dass das, was richtig ist, sich auch gut anfühlt. Das ist aber nicht unbedingt so. Besonders, wenn man bestimmte Erfahrungen nie gemacht hat.
Was ich meine: Wenn man nie gelernt hat, auf sich und die eigenen Grenzen zu hören (zumindest in bestimmten Situationen, wo es aber besser wäre), dann hat man auch nie die Entscheidung getroffen, wie jetzt in deiner Situation, die, den letzten Seminartag ausfallen zu lassen. D. h. man hat dann nicht die Erfahrung gemacht, wie gut man sich fühlen kann, wenn man tatsächlich auf sich hört und absagt und sich danach an dem "freigewordenen" Tag ausruhen kann, statt den auch noch durchzuboxen, obwohl man sein Limit erreicht hat. Man kann die Erfahrung, dass so eine Entscheidung eine gute Entscheidung ist, nur machen, wenn man die Entscheidung auch trifft und dann schaut danach "wie geht's mir damit jetzt". Bei den ersten Malen wird sich die Entscheidung vielleicht auch erst mal noch schlecht anfühlen, weil man den "freigewordenen Tag" gar nicht zur Erholung nutzen kann, weil man trotzdem in sich die "alten Stimmen" hört, die sagen, "du hättest dich zusammenreißen sollen", "das hättest du auch noch geschafft", "blau machen ist eigentlich nicht ok", oder wie sie eben lauten. Aber spätestens mit der Zeit merkt man eben doch: wie gut, dass ich das so entschieden und auf mich gehört habe. Und mit der Zeit, mit mehr solcher Entscheidungen, festigt sich auch, dass man seine Grenzen immer besser erkennt. So sehr, dass man dann schon weit bevor man sein Limit erreicht, Pausen einlegt - damit man sein Limit gar nicht erst erreicht! Denn wenn man sein Limit erst erreicht hat, kann man eigentlich gar nicht mehr weiter gehen... Man ist ja dann schon am Ende angekommen und hat dann gar nicht mehr wirklich große Wahlmöglichkeiten, wie man damit umgeht. Oft kommt dann eine Art "Zusammenbruch" (ob körperliche Erkrankung vor Erschöpfung, oder ein mentales Es-geht-nichts-mehr).
Wenn man gewisse Erfahrungen gemacht hat, in der Kindheit, oder auch später, dass andere solche Dinge gesagt haben zu einem, wie "reiß dich zusammen", dann kann das in einem "gespeichert" werden und diese Erfahrungen können ähnlich wie Szenen eines Films im Heute ablaufen, automatisiert, besonders, wenn man schon sehr belastet ist.
Wir leben aber auch in einer "Leistungsgesellschaft", die nicht ohne Grund so heißt - es geht um Geld, Arbeit, Leistung. Und in so einer Gesellschaft haben eigene Grenzen, Pausen, Nachsicht, Mitgefühl etc. leider wenig Stellenwert. D. h. auch durch die Gesellschaft kann man geprägt sein, was Sätze angeht wie "reiß dich zusammen" usw. Manchmal ist es ja auch gut, wenn man Dinge noch schafft, z. B. bei der letzten Prüfung vor einem Abschluss. Dann ist es unter Umständen besser, sich noch durchzubeißen (wenn man noch kann). Aber ganz oft muss man eben nicht. Und viele Menschen hauen eben solche Sätze (wie "reiß dich zusammen") raus, um den anderen noch zu motivieren, durchzuhalten - ohne aber darauf zu schauen, wie es dem wirklich geht, oder auch, ohne es wirklich zu wissen. Es geht ja nicht darum, dass man grundsätzlich faul ist und nichts tut. Es ist ja oft das Gegenteil: man tut viel zu viel und findet gar nicht mehr den Absprung von "Leistung, Leistung, Leistung".
Ich kann nur ermutigen dazu, neue Entscheidungen für sich zu treffen. Und danach zu schauen, wie geht es mir jetzt damit? Und auch nicht nach einer neuen Entscheidung für sich aufzugeben, weil es sich nicht sofort gut und richtig anfühlt. Wenn man Dinge bewusst wieder "verlernen" will, das kann etwas dauern, weil man es ja für viele Jahre anders gelernt und praktiziert hat. Aber wenn man dann mal eine neue Erfahrung macht und feststellt "das war genau richtig, das anders zu entscheiden" und (zum Beispiel!) den letzten Seminartag abzusagen, dann "versteht" man erst richtig, wie viel man sich vorher abverlangt hat. Und diese Erfahrung wünsche ich jedem, der sie noch nicht gemacht hat.
Ich kann natürlich nicht für andere entscheiden, aber wenn der Seminartag keine relevanten Auswirkungen haben kann, darf man auch mal absagen. Man sagt ja auch nicht ab, um mit dem Privatjet eines Freundes einen Tag in Paris zu verbringen ;-) Man sagt ab, weil man nicht mehr kann. Und man darf nicht mehr können und sich das auch eingestehen und entsprechend für sich sorgen. Auch, wenn es sich (erst mal) nicht gut anfühlt.
Sorry, dass es so lang ist... Aber ich finde wichtig bei solchen Themen, dass man sich auch die Hintergründe für das eigene (gewohnte) Verhalten anschaut. Denn man kann solche, wie ich sie nenne, "alten" oder "fremde Stimmen" abstellen, wie ein Lied, das einem im Radio nicht gefällt. Aber das geht meiner Erfahrung nach nur durchs tiefer gehen...
Das alles natürlich nur meine Erfahrungen... es muss nicht passen.
Ich wünsche dir, dass du einen für dich guten Weg findest.