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Hohe Ansprüche an sich selbst

Jamie94

Mitglied
Hallo zusammen,
Ich weiß irgendwie nicht weiter...
ich habe immer öfter richtige Down-Phasen. Die habe ich schon seit meiner Pubertät, also locker schon 10 Jahre, ich bin jetzt 26, aber ich bin sie so Leid!
Ich wünsche mir so sehr, im Reinen mit mir zu sein und Zufrieden sein zu können aber es geht einfach nicht! Ich habe einen sehr hohen IQ und seitdem ich das weiß, kann ich mir einiges erklären, das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass ich ständig unzufrieden bin.Ich fühle mich faul und ängstlich und bin gleichzeitig rastlos und völlig durch den Wind. Ich würde gerne immer engagiert und pünktlich sein und 100% geben und das stresst mich so, dass ich kaum Energie dafür habe. Irgendwie bizarr. Der kleinste ‚Error‘ im Alltag, der kleinste Fehltritt zehrt so viel Energie, dass ich mich am liebsten ins Bett hauen würde und den Rest des Tages schlafen und am nächsten Tag von vorne anfangen will. Ich habe so viele Pläne, dass ich nicht weiß, wo ich zuerst anfangen soll also fange ich gar nicht an, bevor ich es nicht vollenden kann. Ich finde mich selbst so anstrengend! Nach außen merkt man das eigentlich kaum, ich habe meinen Job, mein Pferd, mein Hund, Freunde, aber ich habe das Gefühl ich werde keinem von ihnen gerecht! Meine Wohnung und mein Auto sind ein Chaos, meine Finanzen ebenfalls und ich habe keine Ahnung, wie ich meine extrem hoch gesteckten Karriereziele erreichen soll. Ich habe das Gefühl alle zu enttäuschen und am meisten mich selbst!
Kritik nehme ich mir immer unglaublich zu Herzen und ich bin sehr schnell gereizt.
auf andere wirke ich eher wie das Gegenteil, immer gelassen, offen, fröhlich und hilfsbereit, sehr selbstbewusst (was ich absolut nicht bin).
Ich bin jetzt auch schon ewig Single, was mir auch echt auf den Keks geht, weil ich so gerne einen Partner hätte und nicht immer so alleine mit allem dastehen würde und irgendwann auch gerne Mama wäre aber im Moment bin ich so weit davon entfernt und ja nun auch nicht mehr sooo jung.
Tut mir Leid für den langen Text, ich bin mir selbst nicht so sicher warum ich hier schreibe. Vielleicht geht es ja jemandem ähnlich?
 

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whateverest

Namhaftes Mitglied
Hast du schon einmal mit jemandem darüber gesprochen?

Viele Menschen, die hochbegabt oder sehr intelligent sind haben auch viele Nachteile. Denn das analytisch-kritische Denken ist gesteigert. Was bei dem Ottonormal-Mensch das "Fühlen" ist, wird beim hochintelligenten zum Denken - was sich oftmals in einer hohen Erwartungshaltung bis hin u Zwangsgedanken entwickelt. Ein ewiger Monologkreislauf im Kopf. Das Problem ist dabei, dass dieser Monolog immer im inneren bleibt.

Viele können ihre "Gefühle" ausdrücken bzw. einen Ausgleich dafür schaffen. Tanzen, Joggen, in einen Boxclub gehen, whatever. Bei hochintelligenten fällt dieser Prozess aber aus, denn die Gefühle sind zu Gedanken geworden, die sich manifestieren und "zwanghafte" Züge bekommen. Es gibt kein Ventil dafür.

Ebenso problematisch, die Erwartungshaltung. Viele lernen als Kinder mit Problemen umzugehen und Lösungskonzepte zu entwickeln, oder auch ein bestimmtes Selbstbild zu entwickeln. Kinder, die hochbegabt sind oder sehr intelligent haben diesen Prozess leider kaum - denn sie finden schnell eine Lösung bzw. adaptieren schnell. Ihre Auffassungsgabe ist halt sehr hoch. Somit entwickelt sich aber auch keine große Konfliktresilienz in bestimmten Bereichen. Kommt dann der Konflikt mit den eigenen Erwartungshaltungen, dann ist das wie eine unüberwindbare Mauer, die sich betonfest manifestiert hat. Eine Patt-Situation.

Noch hinzu, die Erwartungshaltung von außen - du kannst doch alles, also musst du doch auch alles schaffen. Dabei sind auch sehr intelligente Menschen letztendlich nur Menschen - fehlbar und nicht perfekt. Wir haben aber ein bestimmtes Bild, ein Stigma, für hochbegabte und sehr intelligente Menschen - geordnet, einflussreich, organisiert, strebsam. Die Realität ist meist aber das komplette Gegenteil. Hochbegabte und intelligente Menschen haben ein sehr großes Problem mit Organisation und Struktursystemen, auch im persönlichen Umfeld und Leben. Nicht nur, dass sie hinterfragt und analysiert werden. Die Gabe von Intelligenz und Hochbegabung ist es schnell kleinste Fehler und "Ungereimtheiten" zu entdecken und sie korrigieren zu wollen. Dabei hat jede Organisation oder System immer Fehler - und auf diese fokussieren sich Hochbegabte sehr schnell und suchen deren Lösungsstrategie - was zum Nachteil werden kann, wenn es sich nicht lösen lässt.

Und das findet sich dann in der eigenen Lebensstruktur wieder - du siehst diese Fehler bzw. "Systemfehler" und möchtest sie korrigieren. Du fokussierst dich dadurch extrem auf diese Fehler und verfällst in eine Art "Analyseschleife", die dein innerer Monolog wird. Denn objektiv lässt sich nichts an deinem "Sein", bzw. deinem Gehirn ändern.

Leider gibt es in Deutschland kaum Therapeuten, die sich damit auskennen bzw. die darin ausgebildet werden - weil dies in der Psychotherapie auch kaum Beachtung findet.
Es gibt aber ein amerikanisches Netzwerk, die SENG (Supporting the Emotional Needs of the Gifted), die sich eben mit diesen Dingen auseinander setzt und ein Netzwerk für diese Menschen anbietet, sich auszutauschen und mit anderen zu sprechen. Dadurch, dass die Therapiemöglichkeiten einfach sehr schwierig sind bei hochbegabten und sehr intelligenten Menschen, fehlt dieser Rückhalt und Begleitung einfach. Dort gibt es aber viele Menschen, die ähnliches durchleben. Ich kann dir auch persönlich empfehlen, dass z.B. auf Quora, ein amerikanisches Forum, oftmals auch mehr Menschen "dümpeln", die in einer ähnlichen Situation wie du sind und dir ihre Erfahrungen und ihr Umgang damit erzählen können.
 

Jamie94

Mitglied
Hallo whateverest (sehr cooler Name übrigens)
Ich danke dir sehr für deine ausführliche Antwort! Damit hatte ich so schnell gar nicht gerechnet! Du hast in allem was du sagst recht. Ich habe vor Kurzem das Buch ‚Kluge Köpfe, krumme Wege?‘ von Andrea Schwiebert gelesen und erst langsam damit begonnen, meine Art zu Denken zu verstehen. Der Austausch mit anderen, denen es ähnlich geht, fehlt damit natürlich auch, es ist eher ein Ratgeber für Leute am Anfang ihrer beruflichen Karriere. Es wurde bei mir schon als Kleinkind vom Kinderarzt geraten, auf Hochbegabung zu testen, weil ich sehr früh gesprochen habe und das analytische Denken sehr früh weit fortgeschritten war, meine Eltern haben sich damals dagegen entschieden und gedacht, es wird sich im Laufe der Zeit schon zeigen, falls dies der Fall sei. Der Schuss ist gehörig nach hinten losgegangen weil ich mich die ganze Schulzeit als Freak gefühlt habe, weil ich irgendwann gemerkt habe, dass ich anders denke als andere. Wie du sagtest, man sucht automatisch die Fehler im System, und wenn man diese im Schulsystem und der Art zu Lehren gefunden hat, sie aber nicht ändern kann und sie versuchen, einem ein Denkschema das einem nicht entspricht einzutrichtern, wird man irgendwann rappelig. Gesprochen habe ich darüber damals nie mit jemandem, aus Angst, dass eine psychische Störung der Grund sei. Auch gerade deshalb, wie du sagst, weil ich Emotionen anders wahrnehme als die meisten anderen. Sie werden, wie alles andere, analysiert und hinterfragt und als Gedanken und nicht als Gefühle abgespeichert, deshalb komme ich oft als unempathisch rüber.
Mein Freundeskreis weiß nichts davon, sie würden das nicht verstehen. Man ist irgendwie ziemlich alleine damit. Und wie du sagst, es gibt kein Ventil, die Gedanken fangen morgens an zu rattern und hören mit dem Einschlafen (auch nicht immer) auf. Manchmal sind sie so laut, dass ich einfach nur irre laut fremdsprachige Musik anmache und mich auf den Text konzentriere und gleichzeitig ins Deutsche übersetze, um sie abzuschalten. Dann geht es.
In meiner Schulzeit war ich bei zwei Psychologen, die mir nur noch mehr das Gefühl gaben, falsch zu sein. Vielen Dank für die Tipps mit den amerikanischen Foren, da werde ich gleich mal schauen!
 
I

Ich_0815_0815

Gast
Überall 110 % geben zu wollen führt meistens zu einem Gefühl von Überforderung.
Vielleicht könnte es dir helfen, wenn du Prioritäten setzt, und dir überlegst, wo du wirklich viel Energie reinstecken willst?
Die restlichen Betätigungsfelder könntest du dann nach dem Pareto-Prinzip angehen...
 

whateverest

Namhaftes Mitglied
In meiner Schulzeit war ich bei zwei Psychologen, die mir nur noch mehr das Gefühl gaben, falsch zu sein.
Man kann ihnen da auch keinen orbitanten Vorwurf machen, denn wie gesagt - die Thematik von Hochbegabung und den Folgeerscheinungen, die damit einhergehen, finden kaum Beachtung in der "allgemeinen Psychotherapie". Hohe Auswirkungen hat dies zum Beispiel bei den "Savants". Bis heute ist man sich unklar darüber, wie diese entstehen und wieso es oftmals mit z.B. Autismus oder anderen "Einschränkungen" einhergeht. Aber da kann ich dir sagen, die die sich damit auseinander setzen, sind der Meinung, dass diese "Savants" weder falsch noch anders sind - sie ticken nur unterschiedlich. Aber die "Schulpsychologie" hat davon meist wenig Ahnung bzw. Erfahrungswerte was dann zu diesen Stigmata führt man würde "falsch" sein, bzw. einem das Gefühl geben, dass etwas mit einem nicht stimmt. Man könne sich nicht richtig unterordnen bzw. habe Autoritätsprobleme. Das kann manchmal sein, oftmals steckt da aber mehr hinter und mehr als ein Disziplinarverfahren wird dann nicht angewendet (nicht nur, dass da hinter auch eine andere Denkmethode stecken könnte, sondern dass es auch familiäre Missstände sein könnten. Aber anderes Thema...)

Das ist eigentlich sehr fatal. Man geht sogar davon aus, dass es mehr "hochbegabte" Kinder gibt als angenommen, da viele eben Angst haben als "nicht richtig" oder "falsch" beurteilt zu werden und sich verstellen bzw. anpassen um nicht negativ aufzufallen. (Als Randbemerkung meinerseits: deswegen bin ich ein Fan von Primus und Montesorri-Schulen. Sie fördern eben genau diese Begabung bei Kindern oder bauen diese aus, ohne einem Kind das Gefühl zu geben man "stimmt" nicht. Es wird nicht nach Vergleichsleistung beurteilt, sondern selbstständig und individuell.)

Man ist irgendwie ziemlich alleine damit.
Das kann ich gut verstehen. Viele, die hochbegabt sind schotten sich ab bzw. isolieren sich aufgrund der Umstände, dass nur wenige verstehen können was in ihnen vorgeht bzw. welche Problematik sie haben. Sie sehen die Welt einfach anders bzw. nehmen sie anders wahr. Wie ich ja schon sagte - Gefühle werden nicht als Regungen empfunden, sondern in Gedanken interpretiert und analysiert. Von außen lässt sich das nicht beeinflussen und auch Ventile "Ja, dann mach doch mal Sport oder einen Spaziergang um den Kopf frei zu bekommen." helfen da ja kaum.

Der Austausch mit anderen, denen es ähnlich geht, fehlt damit natürlich auch, es ist eher ein Ratgeber für Leute am Anfang ihrer beruflichen Karriere.
Ich glaube es gibt aber auch einen deutschen Verein für Hochbegabte, dessen Hochbegabung muss aber nachgewiesen werden. Aufgrund dessen steht der Verein aber ebenso oftmals in der Kritik "elitär" zu sein. Aber dort sind Menschen unter sich, die nun einmal diese Hochbegabung haben, die oftmals sozial "ausgegrenzt" sind, weil sie anders "ticken" und oftmals auf Unmut bei der Otto-Normal-Gesellschaft stoßen - entweder weil sie, wie bei dir, als unterkühlt und empathielos empfunden werden - oder weil sie Eigenarten im Umgang haben oder sehr spezielle Interessen oder Hobbies.

Oftmals stoßen sie da eben auf Unverständnis, weil sie sich einem "Status Quo" schlecht unterordnen möchten, oftmals werden sie deswegen als "inkompetent" oder "hoffnungsloser Fall" angesehen.

Ich hab hier das gefunden, in denen andere Hochbegabte von ihren Schwierigkeiten und Erfahrungen sprechen.
Vielleicht findest du dich da ja auch bei manchem wieder:
 

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