Zitat Stefan Klein:
Die Erklärungen der Philosophen und Priester haben kritische Geister ungeduldig gestimmt. Zu ihnen zählte der Stauferkaiser Friedrich II., der unter den Forschern des Mittelalters einer der mutigsten war. Um die Frage nach der Seele endlich zu klären, ließ er angeblich einen Gefangenen in ein Fass einsperren und verhungern. Mit dem grausamen Experiment wollte er feststellen, ob sich die Seele nach dem Tod des armen Mannes durch ein Loch im Fass davonmachte. Fast sieben Jahrhunderte später verfolgte der amerikanische Arzt Duncan MacDougall ein ähnliches Ziel: Er hatte sich Gemüsehändler-Balkenwaage besorgt und wog damit einen sterbenden Tuberkolosekranken. Als der Tod eintrat, sei der Körper um eine dreiviertel Unze leichter geworden, schrieb MacDougall in der Fachzeitschrift American Medicine. Genau so viel wiege also die Seele. Zur Gegenprobe mussten sterbende Hunde ihre letzten Minuten auf der Waage verbringen. Bei deren Ableben habe sich der Balken nicht im Geringsten bewegt, erklärte der triumphierende Forscher im Jahr 1907. Damit sei der Beweis erbracht, dass Menschen eine Seele haben und Hunde keine.
In der letzten Zeit hat die Forschung allerdings Fortschritte gemacht. Wenigstens ein Argument der Seelengläubigen konnte sie wohl für immer entkräften: Es gibt keine psychischen Vorgänge, ohne dass sich zugleich im Gehirn etwas tut. Mittlerweile können Wissenschaftler Menschen buchstäblich beim Denken und Fühlen zusehen, indem sie mit per Computertomographie die Tätigkeit der verschiedenen Regionen im Gehirn messen. Und ganz gleich, was wir wahrnehmen, überlegen oder empfinden – stets lässt sich die seelische Aktivität an der Arbeit der grauen Zellen ablesen.
Umgekehrt kann man inneres Erleben erzeugen, wenn man nur die richtigen Hirnzentren anregt. Mitunter implantieren Ärzte Epileptikern Elektroden ins Gehirn, um ihr Leiden zu mildern. Als nun der kalifornische Neurochirurg Itzhak Fried vor ein paar Jahren einen schwachen Strom in den Kopf einer solchen Patientin leitete, begann die junge Frau plötzlich zu lachen und konnte gar nicht mehr aufhören. Gefragt, was denn so lustig sei, antwortete sie: „Ihr Ärzte! Ihr seid einfach so komische Typen, wie ihr da herumsteht.“ Sie konnte sich nicht vorstellen, dass allein die Elektrode im Gehirn ihre Heiterkeit ausgelöst hatte.
Sogar außerkörperliche Erfahrungen, wie sie Ernst Waelti gemacht hat, können auf diese Weise entstehen. Dem Neurologen Olaf Blanke in Lausanne gelang dies ebenfalls bei einer Epileptikerin. Als er eine Stelle auf dem rechten Scheitellappen der Patientin reizte, berichtete sie, sie sei als Double ihrer selbst zur Decke geschwebt. Von dort habe sie auf ihren anderen Leib hinuntergeschaut. Offenbar braucht man also keine Seele, um außerkörperliche Erfahrungen zu erklären. Vielmehr erzeugen seltene Störungen der Hirnfunktionen das Gefühl, der eigene Leib verdoppele sich. Und weil wir nicht wahrnehmen können, was sich in unserem Gehirn abspielt, geht es Menschen bei einer außerkörperlichen Erfahrung wie der durch elektrische Stimulation zum Lachen gebrachten Patientin: Sie kommen nicht auf die Idee, die Ursache in ihren eigenen Köpfen zu vermuten.
Noch eine Illusion nimmt uns die Hirnforschung: Nichts spricht dafür, dass so etwas existieren könnte wie ein innerster Kern der Person. Wenn es ein solches Zentrum gäbe, müsste das Gehirn so ähnlich organisiert sein wie die Truppen einer Armee. Irgendwo müsste es einen Oberbefehlshaber geben, bei dem alle Drähte zusammenlaufen. Doch das Gehirn arbeitet ganz anders, wie Neurobiologen heute wissen. Seine Teile wirken keineswegs wie Soldaten zusammen, sondern eher wie die Spieler einer gut trainierten Fußballmannschaft: Jeder übernimmt eine Rolle, jeder stimmt seine Aktionen selbst mit den anderen ab, darum braucht es kein zentrales Kommando. Und wie ein gutes Team, so organisiert sich auch das Gehirn ständig neu. Niemand würde behaupten, der FC Bayern sei Mark van Bommel, Bastian Schweinsteiger oder Miroslav Klose. Genauso unsinnig erscheint es, irgendeinen Bestandteil einer Person als den anzusehen, der sie ausmacht. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.