Nur was, wenn es nicht in unserer Macht liegt, jemanden in der Art zu behandeln, sondern wenn tatsächlich der einzige Weg darin besteht, Unschuldige vor dem sicheren Tod zu bewahren, wenn man den Täter auslöscht?
Soll man eine Schreckenstat schon verzeihen, bevor sie begangen wird? Das hat nichts humanes, das ist Gleichgültigkeit. Scheint nicht manchmal das einzige Mittel gegen einen Täter das Mittel des Täters zu sein?
Und ich kann sagen, dass ich Gewalt wirklich hasse.
Vorneweg: ich verfüge über ein enormes Aggressions- und Gewaltpotential. Ich wäre durchaus imstande, im Angriffsfall zu töten. Es gab Zeiten, in denen ich auch befürchtet habe, daß dieser Fall mal eintreten könnte. Wie auch immer: meine größte Angst bestand darin, wie
ich nach einer solchen Tat weiterleben könnte.
Ja, ich denke schon, daß während einer akuten Notsituation auch das Töten eines anderen Menschen gerechtfertigt ist - und NUR dann. Weil dem nicht eine Wertung über den Menschen, der getötet wird, zugrunde liegt.
Anders sieht es schon aus, wenn man einen Gewalttäter zu Tode verurteilt. Um das tun zu können, muß man diesen Täter erst einmal "haben" - und das bedeutet, daß er akut keine Gefährdung mehr darstellen kann, wenn man die dem Täter entsprechend angemessene Sicherheitsmaßnahmen umsetzt.
Weil ich der Überzeugung bin, daß
der Wert menschlichen Lebens an sich nicht in Frage gestellt werden darf, muß meiner Auffassung nach immer der Erhalt eines Menschenlebens im Vordergrund stehen.
Worauf ich hinaus will: wir werden in unserer Gesellschaft mit dem Tabu "Du sollst nicht töten!" aufgezogen. Um töten zu können (wenn es sich nicht um eine Affekttat, eine Tat im Rausch oder sonstigen Ausnahmezuständen handelt - die werden ja nicht grundlos von den Gerichten mildernd gewertet) muß der Tötende zunächst eine Rechtfertigung für seine Tat finden, nämlich, indem er das Opfer als nicht lebenswert erklärt.
Beispiel: im Dritten Reich die Juden - die wurden nicht einfach als nicht-menschlich erklärt (hätte nicht funktioniert, kein Tier wird mit solchem Haß, solcher Abwertung verfolgt, wie das mit den Juden geschehen ist), sondern man sprach ihnen ihren WERT als Mitmenschen ab - das rechtfertigte den Holocaust. Ähnliches passiert, wenn man sagt "Ach, das ist doch kein Leben, wenn "das da" geistig und körperlich behindert ist..." - der WERT dieses menschlichen Lebens wird unter dem Deckmäntelchen des Mitgefühls kleingeredet. Soldaten, die im Krieg töten müssen: entweder sie zerbrechen, oder sie fangen an, nur noch den
Feind wahrzunehmen, nicht mehr den Menschen, auf die sie schießen müssen (so gesehen wundern mich die Berichte über Entwürdigung, Folter und lachende Soldaten, die mit Gefangenen oder Toten posieren, absolut nicht - sie haben ihre Opfer buchstäblich ent-menschlicht).
Nichts anderes tut ein Gewalt-/Sexualstraftäter. Er erniedrigt, stellt seine sexuellen Begierden, seine Bedürfnisse (Mord aus Habgier), seinen Machthunger über den Wert des Menschen, den er sexuell benutzt, tötet, vergewaltigt.
Und wenn es dann heißt: solche Täter sind un-menschlich, deren Leben ist verwirkt, sie sind es nicht mehr WERT, am Leben zu bleiben - dann würde das bedeuten, daß diejenigen, die das befürworten und umsetzen, nichts anderes tun. Sie tun damit dasselbe wie diese Täter: sie erklären menschliches Leben als unwert, um es töten zu können.
Was wäre das für eine menschliche Gesellschaft, in der Täter per Legitimation (Gesetze wie Todesstrafe, Lynchjustiz, Rache) anderen Tätern das Leben nehmen dürften? Keine, in der ich mich sicher fühlen würde, ich hätte Angst.