Hallo,
ich stamme auch aus einem emotionsarmen Elternhaus..bzw. es gab zwar Emotionen aber eher in Richtung Mißtrauen, MIßgunst, Terror und Gewalt, wenig Mitgefühl und Förderung, sondern eher Unterdrückung.
Ab der Pubertät habe ich mich jedoch recht erfolgreich da rausgeschält und im Laufe meines Lebens gelernt meine Emotionen auszudrücken..per Kunst, per Kontakt zu anderen Menschen als Familienmitgliedern, über Freunde etc.
Man hat es zwar dann irgendwie schwerer, wenn man sich das alleine beibringen muss, auch selber sowas wie ein Gerechtigkeitsgefühl oder gegenseitige Achtung beibringen muss, aber es geht. Wo ein Wille ist finden sich ja bekanntlich immer Wege.
Eine Zeitlang hat mir die elterliche Anerkennung sehr gefehlt..ich erinnere mich jedoch noch an die Tage, indenen ich meine Illusionen in der HInsicht quasi begraben hatte..damals so im Alter von ca. 11-14 Jahren..da machte es knacks und ich hab mir gesagt: o.k. hier ist nix zu holen, konzentrier dich also auf dich selber und andere Mitmenschen, die dich mehr achten und dir auch das geben, was du brauchst...nämlich Aufmerksamkeit, Achtung und Anerkennung ...und damit ging es dann recht gut...dieses Kapitel ewige Enttäuschung ggü den Eltern war abgeschlossen..ich denke das ist wichtig, ansonsten schleppt man da zu viel Depressionsmaterial huckepack mit sich rum. Man sollte da irgendwo hart sein um nicht zu viele weitere Härten/Enttäuschungen zu erleben..hier gilt es sich selber zu schützen. Witzigerweise hab ich wahrscheinlich grad dadurch dass ich emotional unabhängig geworden bin von meinen Eltern letztlich in den heutigen Tagen deren Anerkennung erhalten..aber nun ist mir die ehrlich gesagt ziemlich egal...ich hätte das damals brauchen können...hätte mir glaube ich damals so einige Irrfahrten und Schwierigkeiten im Leben ersparen können.
Ungerechte Ungleichbehandlung zwischen mir und meinen Schwester hab ich auf erlebt..aus Schiss vor meinem gewaltbereiten Vater hatte sich meine mittlere Schwester (anbiedernd aber irgendwo verständlich) auf die Seite meines Vaters geschlagen..war dann ne Zeitlang Haupterbin, was wieder so ein Machtspielchen war...das aber irgendwo nicht wirkte...bis ich dann mal so mit 25 Jahren, als die Zeit reif war ein Machtwort gesprochen hatte und meine Schwestern dazu überreden konnte egal was der EX-Despot arrangiert, wir den Streit lassen und gerecht aufteilen und fertig. Die emotionale Abhängigkeit zwischen uns Geschwistern ist immer noch stark genug um sowas auch durchzuziehen. Klingt alles ziemlich taktisch..aber ich denke wenn klare Verhältnisse herrschen und man auch offen über ALLE Dinge redet, dann kommt man am Besten miteinander klar.
In punkto Liebe geben können hatte ich bereits wie gesagt während meines Lebens meine Privatfortbildungen machen müssen und mache die immer noch.. Ich hab sehr viel durch Kinderbetreuung in der Hinsicht dazu gelernt, durch meine fünfjährige Nichte, die ich total liebe und die mir immer wieder zeigt wie man das auch mit einfachen GEsten und Worten einfach ausdrücken kann hat sich in mir nochmal mehr etwas gelockert und macht es mir nochmals ein stückweit leichter mich emotional auszudrücken...ist an sich ein prima Gefühl...
Die alten griechischen Philosophen Aristoteles und Platon schrieben über die reinigende Wirkung der Emotionen..den Katharsis-Effekt..indem man sämtliche menschlichen Gefühle durchlebt wird man zum vollständigen Menschen...wir lernen so viel über uns selber und in Sachen MItgefühl..wenn wir ein Theaterstück oder einen Film angucken können wir uns in die Protagonisten hineinversetzten und deren Gefühle mit durchleben..und dass soll uns nach Aristoteles läutern, innerlich reinigen...nun ja ich finde irgendwo ist da was dran...durch unser Mitgefühl anderen ggü, der Fähigkeit mitleiden zu können erkennen wir auch in uns immer wieder unsere weichen Seiten, was wichtig ist, damit unsere Kultur nicht allzusehr verroht. Leider ist unsere Gesellschaft der Individuen...Medienkultur derzeit dabei immer mehr zu verrohen..siehe das jüngste Beispiel des Schulattentäters in Emsdetten...ein vereinzelter Mensch, der mehr KOntakt zu Waffen und PC-Gewaltspielen hatte als zu seinen Mitmenschen..ehrlich gesagt wundert es mich, dass nicht öfters sowas passiert..grad die Jugendlichen sind ja am stärksten gefährdet..brauchen Anlehnung (amae...jap. Begriff dafür) um sich orientieren zu können, brauchen Struktur um ein vernünftiges Sozialverhalten zu erlernen und sich emotional auszudrücken...damit sie keine wandelnden Pulverfässer sind, die irgendwann hochgehen.
Da Emotionsarmut oder auch das Unvermögen sich emotional zu artikulieren sehr häufig in Gewalt ausarten kann ist es sehr wichtig hier seine Druckventile zu installieren, hier am Ball zu bleiben um nicht zu frustriert und demnach zu aggressiv ggü seinen Mitmenschen zu werden.
Ich denke im Leben gibt es immer wieder Situationen in denen man mal knallhart sein muss und mal butterweich..wenn man es schafft zwischen diesen beiden Polen einigermaßen elegant hin und her zu takten, dann ist man erst irgendwo menschlich, füllt das Spektrum der menschlichen Fähigkeiten besser aus. Liebe geben, aber auch Liebe annehmen zu können ist eine große Stärke, auf die man nicht verzichten sollte. Wobei allerdings natürlich drauf zu achten ist, dass der Liebesbegriff normal und nicht abnorm ist (wie bei vielen Gewaltopfern und auch Tätern z.b.)ne total selbstlose Liebe halte ich für Quatsch, eine einseitig egoistische Liebe ist auch net gut...Liebe ist wie die meisten Dinge im Leben eine Sache des richtigen Maßes...ein Ding des gegenseitigen Gebens und Nehmen, dass einigermaßen ausgeglichen sein sollte.
Gruß
Tyra