Ein Gefühl der Einsamkeit durchstreift mich auf der Suche nach dem letzten Fünkchen Glück in mir. Es fand nichts. Wie konnte es auch. Das Glück ist mit ihnen gegangen. Von einem Augenblick zum nächsten. Es war mein Fehler. Wessen sollte es auch sonst sein?
Er war mein Erster. Und wahrscheinlich mein bester.
Und da war er. Seine Sprache, sein Verhalten, seine Symphatie. Alles war gehoben. Ich hatte das Gefühl aufzugehen wie eine Narzisse nach einem langen Winter.
Der Winter namens Einsamkeit. Der Winter voller Depressionen, die jegliches Leben unterdrückten, voller Kälte, das jedes Pflänzchen der Hoffnung einfror, voller Enttäuschung, denn kein April wollte kommen. Ein Winter, der siebzehn Jahre gedauert hatte und wahrscheinlich noch viel länger gedauert hätte, wäre er nicht gekommen. Er war mein Frühling, mein April. Einige Momente lang liebte ich ihn aus tiefster Seele, im nächsten Augenblick fragte ich mich, was ich da tat. Warum ich zuließ, berührt zu werden, geliebt zu werden. Wenn ich auf seiner Brust lag und seinen Geruch tief einatmete, spürte ich das Glück an meinem Ohr pochen.
Aber jahrelange Einsamkeit ließ mich nicht hoffen. Ließ das Glück nicht zu.
Einsamkeit.
Jagt mich mein Leben lang.
Sein Lächeln, seine Freundlichkeit brachten mich um. Er war nicht der, auf dessen Brust ich das Glück klopfen gehört habe. Und doch war das Verlangen da. Das Verlangen nach dem Neuen, dem Unbekannten.
Je mehr Aufmerksamkeit er mir schenkte, desto mehr versüßte er meine Qual.
Er saß mir dirket gegenüber und lächelte mich an. Zu meiner Überraschung lächelte ich zurück. In diesem Lächeln lag mein ganzes Verlangen und meine ganze Traurigkeit.
"Das Lächeln ist schön.", sagte er leise und ich seufzte. Angst schnürrte meine Kehle zu. Automatisch streckte ich meine Hand nach ihm aus und berührte seine Wange. Er schloss die Augen, genoss die Berührung. Diese traurige Zärtlichkeit brach mein Herz. Er stand langsam auf und ging um den Tisch herum. Legte seine Hände auf meine Schultern und beugte sich vor. Ich spürte seinen warmen Atem an meiner Wange. Seine Lippen an meinen. Roch seinen Geruch. Und mein ganzer Körper war gespannt. Ich wusste nicht mehr. Ich dachte nicht mehr. Ich wollte nur noch das Objekt seiner Begierde sein.
Und ich war es auch. Wo wir waren und warum wir da waren, weiß ich nicht mehr. Ich spürte nur noch ihn. Seine Bewegungen, seine fordernde Zärtlichkeit. Den Rythmus dieser Nacht vergesse ich nie, obwohl ich mir nicht einmal sicher bin, dass es wirklich Nacht war. Pochende Leidenschaft. Zitternde Liebe. Damals wie heute bebe ich innerlich, spüre immer noch den tastenden Mund. Er wusste nichts von meinem eigentlichen. Ich hatte ihn vergessen.
Rosenduft steigt mir in die Nase. Ich betrachte den Flakon vor mir. Ein zarter, boshafter Geruch entsteigt diesem bäuchigen Fläschchen. Setzt sich in meinen Nasenhöhlen fest und erinnert mich an meinen Entschluss. Rosenduft ist der Duft des Todes. Seine qualvolle, süße Duftnote ist ein guter Abschluss.
Ich stehe auf. Es ist nicht so, dass die beiden Schuld an meinen Gefühlen sind. Doch sie verließen mich. Hals über Kopf. Und ich war wieder allein. Ich hatte kein Selbstmitleid. Ich fühlte nichts. Nur Enttäuschung.
Und das fühle ich bis heute. Deswegen der Abschluss. Ich ertrage alles. Doch Enttäuschungen kann ich nicht verkraften. Besonders nicht diese.
Kapsele mich von der Welt ab. Lebe in meiner eigenen Welt. Mein Vertrauen in die Menschheit ist gestorben.
Als sie gingen, war ich schon sterbenskrank. Mein Körper eine leblose Hülle. Ist es immer noch.
Sie liegt immer noch da, wo ich sie vor vielen Jahren hingelegt habe. Unberührt, unschuldig, jungfräulich. Eine millimeterhohe Staubschicht verdeckt ihre spitze Schärfe. Ich nehme den Flakon mit Rosenduft und verspritze ihn im Raum. Ich schminke mich. Blutroter Mund und blasse Haut. Mein Haar lasse ich mir ins Gesicht fallen. Ich trage nur ein schwarzes, dünnes Kleid. Ich friere, bin barfuss. Die jungfräuliche Klinge küsst meine Ader. Ganz langsam drücke ich sie fest hinein und ziehe sie vom Handgelenk bis zur Innenseite des Ellenbogen. Das Blut kommt schnell. Troft auf den Boden. Ich denke, ich kann das Geräusch, das diese blutigen Tropfen verursachen, hören.
Ansteigendes Schwindelgefühl. Ich gehe in die Knie.Wirkt schnell. Ich kann mich nicht mehr halten. Senke mich langsam und vorsichtig nieder.
Ich fühle mich wie eine gerade erblühte Narzisse nach einem starken Frost. Wieso hat diese Osterglocke nur ihr hübsches Köpfchen zur Kälte erstreckt. Wieso ist sie nicht unter der Erde geblieben und hat gewartet, bis es sich für sie gelohnt hätte? Wie hätte sie gewusst, dass es sich für sie lohnt, rauszukommen?
Narzissen blühen und verblühen, so wie das Leben.
So wie mein Leben.