Gab es bei Euch im Leben den "Einen" Moment in einer Kriese bei der Ihr alles gegen die Wand gefahren habt?
Ja in relativ jungen Jahren.
Ich bin nach der mittleren Reife auf eine weiterführende Schule gegangen und habe, aus welchen Gründen auch immer (heute, 20 Jahre später, für mich nicht mehr im Geringsten nachvollziehbar) das alles nicht "gepackt" die Umstellung fiel mir unendlich schwer. Die weiterführende Schule war in einer anderen Stadt. Ich kam mit dem Stoff nicht hinterher und ich habe dann in einer Kurzschlussreaktion, mitten im Schuljahr mich so sehr mit einem Lehrer angelegt, dass die Sache eskaliert ist.
Er wollte mich an der Tafel ausfragen und ich wusste gar nichts. Ich hatte nichts gelernt und auch im Unterricht nicht aufgepasst und der Typ hat mich gegrillt (zu Recht natürlich). In einem Anflug an jugendlicher Dummheit (ich war 16-17) habe ich ihn verbal beleidigt und einen Tisch umgetreten. Dann habe ich meinen Rucksack genommen und bin abgehauen.
Da war er also der Moment, in dem ich alles an die Wand gefahren hatte.
Nur war mir das damals noch gar nicht so krass bewusst und ich hätte all das, was später kam, abwenden können, wenn ich am nächsten Tag den entsprechenden A**** in der Hose gehabt hätte, mich beim Lehrer entschuldigt und mich endlich hingesetzt und gelernt hätte.
Aber rückblickend ist man immer schlauer.
Ich habe dann damals fast ein Jahr lang erstmal gar nichts getan, außer sinnlos in den Tag hineinzuleben, mit 50€ Taschengeld im Monat, dass mir meine Mutter zusteckte. Falls ich überhaupt jemals so etwas wie eine gewisse Arbeitsmoral und Disziplin besessen hatte, dann hat sie sich in dem Jahr des Nichtstuns in Luft aufgelöst.
Dann kam die Musterung und ich konnte Gott sei Dank erstmal meinen Zivi machen und habe ein Fünkchen Antrieb durch den regelmäßigen Tagesablauf usw zurückerhalten.
Danach habe ich dann mit vielen Irrungen und Wirrungen irgendwie mein Abi gemacht und dann ein paar Jahre erfolglos studiert (im Detail heißt das, wieder nichts gelernt, alles nicht ernst genommen, jeden Tag Bier getrunken und am Ende Exmatrikulation).
Es war dann nicht nur so, dass ich keinerlei Antrieb oder Disziplin mehr hatte, sondern vielmehr so, dass ich durch die Untätigkeit und das gleichzeitige Wissen, dass mein Studium eine Vollkatastrophe ist und mir jede Alternative fehlt (zumindest dachte ich das damals) ich regelrecht depressiv war. Ja der bloße Gedanke an Arbeit Panik in mir ausgelöst hat.
Gleichzeitig sehnte ich mich so sehr nach einem "normalen" Leben.
Geld war immer knapp.
Meine Zukunftsvision glich einer postapokalyptischen Wüste und vor lauter Scham konnte ich mit niemandem auf der Welt über all das reden.
Wenn mich Freunde oder noch schlimmer in der Familie jemand nach meinem Studium gefragt hat, bin ich fast zur Salzsäule erstarrt und hatte keine Ausreden parat.
Erst als ich dann als ungelernter Hilfsarbeiter dreckige und körperlich harte Arbeit verrichten musste, weil ich nichts anderes bekommen habe, bin ich endlich wirklich aus meinem Dornröschenschlaf aufgewacht.
Hab dann neben der Arbeit meinen Berufsabschluss nachgeholt, dann Fachwirt + paar anderweitige Zertifikate und stehe heute mit Ende 30 mit beiden Beinen im Leben. Aber das war ein langer und schmerzhafter Prozess.
Der Moment, in dem ich damals den Tisch umgetreten habe, hat mein Leben für viele Jahre aus der Bahn gleiten lassen.
Und obwohl das fast 20 Jahre her ist bin ich in vielen Dingen (vor allem beruflich) nicht auf Augenhöhe mit vielen Altersgenossen.
Natürlich kann ich jetzt so geschwollen reden, von wegen, "das hat mich ja zu dem gemacht, der ich heute bin und bla bla bla". Hätte ich eine Zeitmaschine und könnte diesen Moment ungeschehen machen, dann würde ich es ohne zu zögern tun.