Grau ist alle Theorie. Hier und auch in vielen ähnlich gearteten Themen wird soviel darüber sinniert, was eigene Bedürfnisse und Ansprüche anbelangt, was Warnsignale und rote Linien sind oder wer die 'Deutungshoheit über die Relevanz der Penisgröße' (wtf?) habe. Sind wir in einem Seminar für Genderfragen?
Die Praxis sieht in den meisten Fällen doch ganz anders aus. So wie sich ein jeder unter der Beschreibung von Charakteren in Büchern etwas anderes vorstellt, gestaltet sich die Wirklichkeit oder das wahre Leben ähnlich – nämlich anders als in der Vorstellung.
Es ist nicht verkehrt, Ansprüche und Vorstellungen zu haben, sondern meist gesund, sofern sie nicht bloß um Oberflächlichkeiten kreisen. Meist sind es doch Dinge, die man nicht sofort greifen kann, die einen an einem anderen Menschen faszinieren.
Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. So lautet ein Sprichwort, das im Grunde besagt, dass es sowieso immer anders kommt, als geplant, weil das Leben nun mal nur sehr begrenzt planbar ist. Die Frau, die unbedingt einen Mann will, der über 1,90 Meter sein muss, verliebt sich in einen 1,70 Meter großen Kerl, weil es letztlich viel wichtiger ist, dass er sie zum Lachen bringt und sie in allen wichtigen Dingen (auch die sind individuell) auf einer Welle funken. Wie unbedeutend ihre Wunschvorstellung im Nachhinein wirken muss!
Das Philosophieren ist ja für eine Weile ganz nett, aber wenn daraus ein auf der Stelle treten wird, dann bedeutet das eben auch Stillstand. Um weiterzukommen müsste man sich bewegen, nicht nur geistig, sondern auch physisch.
Wer schon mal verliebt war, der wollte weder von irgendwelchen Deutungshoheiten wissen, noch seine eigenen Bedürfnisse an erster Stelle sehen, sondern der hatte Lust daran, die Bedürfnisse des anderen herauszufinden und versuchte die, wenn möglich, auch zu erfüllen. Man will den anderen glücklich machen, weil das selbst glücklich macht.
Mein Rat ist also, raus aus dem bequemen Sofa und rein ins Leben. Das ist dann der Lackmustest. Du wirst schnell rausfinden, dass dieses Anspruchsdenken erst einmal zurückgesteckt werden muss und andere Dinge beim Kennenlernen wichtiger sind. Einen Schritt nach dem anderen. Das tut manchmal weh und bringt einen auf den Boden der Tatsachen zurück. Manchmal ist es aber genau diese Erdung, die nötig ist, um aus der komatösen Bewegungsstarre zu erwachen.