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Farbenblind

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Farbenblind

Gast
Hallo,
ich suche Rat, ein letztes Mal. Mir geht es nicht gut. Ich suche Menschen, die mir sagen, dass es Hoffnung gibt und die mir sagen, dass all die Theorien und Therapeuten nicht lügen.
Die letzten vier Jahre haben mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt und doch habe ich immer versucht nicht aufzugeben. Ich habe Gewalt überlebt. Habe Enttäuschung, Vertrauensbruch und Verlust hinter mir. Ich habe stationäre und ambulante Therapien gemacht und ich habe lange gehofft, dass irgendwann alles wieder gut werden wird. Ich habe versucht abzuschließen. Ich ließ nichts unversucht auf diesem meinem Weg. Aber ich habe irgendwo die Orientierung für diesen Weg verloren und seither irre auf Abwegen. Ich bin mir fremd und ich bin farbenblind.

Ich dachte lange, ich sei traurig wegen der vielen schlimmen Ereignisse der letzten Jahre. Ich dachte, ich sei traurig, weil ich mich habe so sehr täuschen lassen. Ich dachte, ich sei traurig, weil ich Antworten erhoffte auf die es keine Antworten für mich gab.
Ich dachte es wird mir helfen, wenn ich nochmal in eine Klinik gehe und ich glaubte, wenn ich mir nur genug Mühe gebe, dann schaffe ich es mein Leben wieder lebenswert zu gestalten - trotz aller Umstände, Verluste und Verletzungen. Ich dachte es hilt mir Briefe zu schreiben, in denen ich mich erkläre. Ich dachte, dass es mir hilft, wenn ich mich wehre und ein Zeichen setze. Ich dachte, dass ich abschließen kann, wenn ich für mein Recht Kämpfe und stark bleibe und ich dachte, dass ich abschließen kann, wenn ich diese meine Geschichte auf meiner Haut verewige und mich zugleich damit vor weiteren Stigmatisierungen und Verletzungen schütze.

Ich dachte, ich sei auf einem Weg, aber ich bin farbenblind. Farbenblind, weil ich das bunte Leben nicht mehr spüre. Ich klebe in meinen Gedanken an den ungelösten Fragen fest. Ich drehe mich im Kreis, zerfleische mich innerlich, fühle mich völlig zersplittert. Mein innerster Kern, ein freundliches Wesen, führt einen Krieg mit einer Persönlichkeit in mir, die mir so fremd ist. Und ich erkenne, dass ich nicht einfach nur traurig bin, sondern innerlich unendlich schwer.
Ich schlafe zu wenig und tue ich dies, so träume ich schlimm. Ich bin entsetzt darüber und möchte diese Träume nicht. Ich träume von Gewalt, von Mord. Davon, dass ich einst mir wichtige Menschen verletze, davon mir beim Duschen die Haut abzuziehen. Ich träume real, so sehr, dass ich diese Träume emotional sehr erlebe.
Aber auch am Tag werden meine Gedanken von Gewalt, von Aggressionen bestimmt. Ich versuche es zu unterdrücken, ich will diese Gedanken nicht. Und so entsteht dieser Krieg in meinem Kopf zwischen dem Guten in mir und dem Bösen.
Es macht mich innerlich schwer, wie ein Elefant, der auf mir sitzt. Ich weine beinahe jeden Tag. Eine kleine Erinnerung, ein Wort, ein Lied, ein Bild - und das Gedankenchaos geht los. Ich suche nach Antworten auf all die ungeklärten Fragen, nach dem, was ich verbrochen habe und nach dem, wie es weiter gehen soll. Und alles fühlt sich unwirklich an. Ich nehme am Leben nicht mehr teil und alles, was mir mal Freude gemacht hat, fühlt sich leer an.
Ich habe für mein Leben gern getanzt, aber ich fühle es nicht mehr. Ich habe Selbstverteidigung gemacht, aber auch das gab ich auf. Ich liebte die Natur, Spaziergänge und Tiere, aber ich kann es nicht mehr genießen, ja nicht mal wahrnehmen, weil mein Kopf irgendwie kaputt ist und nicht mehr aus diesem Hamsterrad heraus findet.

Ich kann es einfach nicht gut erklären und beschreiben, wie ich mich fühle. Es ist schwer dafür Worte zu finden. Es ist, als wäre ich farbenblind in einer farbenfrohen Welt.
Ich glaubte und hoffte, dass es nach allem wieder Berg auf geht, dass alles wieder gut wird. Aber anstatt Aufschwung erlebe ich Abstieg, vor allem innerlich. Ich bin nicht mehr ich, ich bin ein fürchterlicher Mensch geworden, obwohl ich dies nicht will, nie sein wollte. Und ich kämpfe so sehr mit mir dieses Schlechte in mir zu unterdrücken, es nicht raus zu lassen, weil es die falschen trifft, weil es die trifft, die mir einst sehr wichtig waren und die nichts dafür können, dass ich mich nicht im Griff habe, es nicht besser kontrolliert bekomme.
Ich fühle mich innerlich abgeschnitten von dem Leben, distanziert. Und doch weine ich beinahe täglich, weil ich mich so machtlos fühle, weil ich mich selbst verloren habe, weil ich mich einsam und unverstanden fühle, weil ich so viel kaputt und so viel falsch gemacht habe. Weil ich es nicht schaffe nach vorne zu schauen, weil ich es nicht schaffe mein Leben in die Hand zu nehmen, weil ich es nicht schaffe aufzuhören nach dem warum zu fragen und danach, was ich hätte besser machen können und müssen.

Mir wurde damals schon eine Depression diagnostiziert, aber die Umstände haben sie mich nicht wahrnehmen lassen. Ich musste sie ausblenden, um stark zu bleiben. So, wie ich alle Gefühle ausblenden musste. Ich habe sie nicht gespürt und wollte sie auch nicht spüren. Ich leugnete sie vor mir selbst. Aus der leichten Depression wurde nun eine schwere und nun spüre ich sie und ich habe Angst, dass ich diese Welt nie wieder in Farbe sehen werde kann. Ich habe Angst, dass dieser Elefant nicht wieder von mir geht und dass meine Hoffnung, alles würde wieder gut werden, ein Betrug an mir selbst ist.
Durch die Symptome, die nach wie vor noch Teil von mir sind und die ich nicht von mir abschütteln konnte, durch das zwanghafte Grübeln und der Aggressionen in mir sowie meiner Unfähigkeit, das Leben wieder in Farbe zu sehen, ist die Lebensqualität nahezu null. Würde ich heute sterben, es wäre mir egal. Und doch halte ich fest, weil Therapeuten sagen, es kann wieder gut werden und dass ich Geduld haben soll. Geduld mit mir.

Aber ich fürchte sie lügen, weil sie es nicht besser wissen, weil sie an Theorien glauben und es ihr Beruf ist. Aber am Ende liegt es an mir, ob ich es schaffe mich da rauszuziehen oder nicht. Und wenn nicht mal mehr Medikamente helfen, um die Welt ein bisschen farbiger zu sehen, was gibt es dann noch zu hoffen?
Ich bin so naiv, ich hoffe immer dort, wo es keine Hoffnung mehr gibt. Und ich halte an Dingen fest, obwohl ich loslassen sollte - so auch am Leben.

Tut mir leid, ich musste das alles gerade mal loswerden, auch wenn es nichts bringt. Nur ich selbst bin mir zuweilen ein schlechter Zuhörer.
 

Hallo Farbenblind,

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