Hilfe, wie schlecht und langatmig und belanglos kann man so eine Show eigentlich machen?
Hazel Bruggers Beiträge fand ich teilweise ganz lustig, aber ich mag sie und ihren arschtrockenen Humor auch richtig gerne. Davon ab einfach nur lahm, absolut überflüssige Interviews mit der internationalen Jury, dem Kommentator und den Sofa-Sitzer*innen. Ich frage mich echt, was das Ansinnen der Redaktion ist, die sich den Ablauf der Show ausgedacht hat. Wie bricht man die Zuschauer*innen möglichst effektiv? Wie beschert man ESC-Fans einen Abend, der zum Kopf gegen den Tisch knallen langweilig und ereignislos ist? Es gab neun, NEUN, Acts - wieso zur Hölle musste man das ganze so ziehen?
Wir haben parallel im Live-Stream den serbischen Vorentscheid geschaut und der war zwar richtig trashig, teilweise schlimm kontrovers, aber dafür halt auch mutig und kultig. Vor allem aber haben da alle so, so Bock drauf.
Und die deutschen Beiträge… ja, schade einfach. Ich fand viele der Teilnehmer*innen sympathisch und man konnte sehen, dass die alle viel Kreativität und Leidenschaft in ihre Musik stecken, aber auch hier habe ich nur Fragezeichen Richtung Castingredaktion im Kopf. Wieso wurden diese neun Beiträge aus sicher hunderten ausgewählt? Waren alle anderen noch…äh…unpassender?
Kein einziger passt so richtig zum ESC. Mein Mann und ich können uns an keine Auswahl erinnern, die so schlecht war. (Also nicht schlecht im Sinne der einzelnen Menschen und Songs, sondern einfach im Kontext des ESCs.)
Bela mit „Herz“: niedlicher Typ, beim Einspieler dachte ich, da kommt bestimmt ein cooler Banger, aber leider nicht, sondern eher Kiddy Contest-Niveau.
Dreamboys mit „Jeanie“: auch hier dachte ich beim Einspieler, sympathische Mädels und so wie du über ihren kreativen Prozess und ihren Song reden, kommt da bestimmt was Cooles. Aber dann war’s lauwarmer Feelgood-Kaufhaus-Pop, den man nach zehn Sekunden wieder vergessen hat. Gar kein Wiedererkennungswert, weder die Mucke, noch die Performance. Außerdem war die Tonqualität unterirdisch, man konnte kaum verstehen, was gesungen wurde und es war kaum zu glauben, dass da vier Leute an den Mikros stehen. Keine Power, total verwaschen. Entweder die vier Frauen hatten Pech mit der Technik oder die Komposition war einfach nicht sonderlich ausgereift.
Myle, Laura Nahr, Malou Lovis, Sarah Engels, Molly Sue: joah, kann ich gar nicht viel zu sagen, sicher sehr subjektiv welche dieser Songs und Musiker*innen man mehr oder weniger mochte oder als herausstechender wahrnahm. Mich hat keiner von ihnen abgeholt, allesamt Songs, die keine Playlist sprengen würden, aber bei denen ich niemals lauter drehen und mitsingen würde oder die gar so ins Ohr gehen, dass man sie nicht vergisst.
Und Kommentare wie von, glaube, Malou, sie selbst wäre ja eigentlich gar nicht so ne Person für den ESC, finde ich immer so oberdämlich, weil es für mich einfach das deutsche Problem wiederspiegelt à la „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“ Man will mitmachen, man will - natürlich - vorne mitspielen und hält sich auch für gut genug, aber zugleich grenzt man sich direkt vom ESC ab, weil was für ne peinliche Trash-Veranstaltung, nee, ich stehe da drüber und bin zu cool für, aber grade deswegen mache ich trotzdem mit, weil Europa hat bestimmt auf mich gewartet.“ Für mich einfach das Sinnbild des deutschen Zugangs und es von einer Teilnehmerin auch noch im Zuge der Vorentscheid-Show zu hören, finde ich einfach nur bescheuert.
Ragazzki: eigentlich ganz witzig, aber halt ziemlich peinlich einen deutschen Kombi-Verschnitt aus Tommy Cash und Käärija (- das „Ciao ciao ciao“ erinnert schon stark an dessen Song damals) zu bringen. Auch hier verstehe ich die Redaktion nicht und frage mich: wieso?? Einer der Typen hatte sogar eine Mütze in Käärija-grün auf. Will man die Leute unbedingt mit der Nase drauf stoßen, dass es ein Abklatsch aus mehreren Songs und Interpreten ist, die ESC in den letzten Jahren total gut verstanden haben und deswegen dementsprechend erfolgreich waren? Sagt dann irgendein Readaktionsfutzi: „Weißte was, nimm noch die Mütze und lass das Bühnenbild noch extra nach Tommy Cash aussehen, damit wirklich noch die allerletzten Zuschauer*innen sofort checken, was wir mit dem Song machen wollen.“?
wavvyboi: wie gestern schon geschrieben, der einzige bei dem ich Potential sah und das Gefühl hatte, dass es mit dem ESC so ein bisschen matcht. Wobei es für mich auch kein Lied war, bei dem ich sofort aufhorche. Bei mehrmals Hören bleibt es womöglich schon hängen und nachdem heutzutage im Vorfeld der ESC-Woche schon ganz viel über Socialmedia gearbeitet wird, um die Songs groß zu machen, hätte es womöglich sogar aufgehen können, aber letztlich auch kein Act bei dem ich jetzt voller Überzeugung gesagt hätte: jo, das kann was werden. Da war ich bei Abor & Tynna oder sogar Lord of the Lost (- die am Ende ja gar nichts gerissen haben) hundertmal optimistischer.
Jetzt ist es Sarah Engels geworden mit einer Nummer, die es so gefühlt schon hundertmal gab, nichts Neues, nichts Herausragendes, keine Message.
Meine erste Assoziation war zwar tatsächlich Helena Paparizou, die mit ihrem Song damals gewonnen hat, aber der war auch hundertmal eingängiger und obwohl ich ihn und generell so Dance-Nummern überhaupt nicht mag, habe ich den Chorus sofort im Kopf und könnte direkt mitsingen. Ich bezweifle stark, dass der Song von Sarah Engels auch nur einen Bruchteil dieser Wirkung hat und denke, dass er je nachdem, was die anderen Teilnehmer*innen so bringen, irgendwo in der Unbedeutsamkeit rund um Platz 20 landen wird.
Am meisten habe ich mich aber über den Zusammenschnitt der „schönsten ESC-Momente“ geärgert. Ja, die schönsten Momente aus deutscher und westeuropäischer Perspektive und wenn man bewusst alle Beiträge, die aus dem Osten kommen, komplett negiert und ausklammert. Wie arrogant und ignorant kann man das eigentlich machen?
Es wurden neben den deutschen Teilnehmer*innen nur oder fast nur westeuropäische Acts gezeigt, Abba, Brotherhood of Man, Johnny Logan, Celine Dion und von den jüngeren Alexander Rybak, Conchita, Mans Zelmerlöw und Nemo. Jamala war ungefähr eine Viertelsekunde zu sehen und Klavdia vom letzten Jahr, aber was ist mit Ell & Nikki, Marija Šerifović, Ruslana, Sertab oder Riva? Sowas verstehe ich nicht, so ne Compilation wird doch nicht von einer Einzelperson zusammengestellt, da müssen doch mehr Menschen draufgucken, die wissen, dass der ESC nicht am nicht mehr existenten eisernen Vorhang endet und genau das der Sinn der gesamte Veranstaltung ist. Im live gesungenen Medley nochmal dasselbe.
Aber hey, immerhin haben es Moldawien, Rumänien und Polen in die Kategorie „kurioseste ESC-Momente“ geschafft. 👍 Dafür reicht es dann grade noch (- obwohl all diese Länder auch schon recht gute Beiträge hatten).