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Endlich das Schweigen brechen

nuttyfluffy

Neues Mitglied
Achtung sehr lang
Hallo,
Ich möchte hier einmal meine Geschichte erzählen und hiermit erstmal eine Triggerwarnung aussprechen für alle, die keine Gewaltbeschreibungen oder ähnliches lesen können. Ich habe diese Worte noch nie gesagt oder niedergeschrieben, aber es wird Zeit.
Ich habe langsam einfach das Gefühl, dass mich das alles irgendwie einholt.
Es ist auch nur ein kleiner Teil, denn das würde sonst den Rahmen sprengen.

Meine Eltern haben nie gearbeitet und immer nur von Harz 4 oder Bürgergeld gelebt. Sie haben schon früh Kinder bekommen und ich war das 2. Von 6
Dementsprechend hatten wir in der Kindheit nie besonders viel. Wie hatten nie eine Heizung, weil meine Eltern dort Schulden hatten und es nur dort eine Belieferung gab. Dementsprechend war in allen Zimmern sehr schnell Schimmel. Über den Schimmel wurde einfach regelmäßig mit weißer Farbe drüber gestrichen und das Thema war durch.
Meine Eltern waren schwere Alkoholiker, auch wenn sie sich selber nie so bezeichnet hätten, aber es war schon vor 10 Uhr früh eine Vodka Flasche leer getrunken. Taschengeld gab es nie und auch nie etwas aus der Reihe.
Während dem Alkoholeinfluss haben sich die beiden immer sehr beschimpft und gestritten, was eigentlich immer ausgeartet ist in Prügel. Meine Mutter hat meinen Vater immer sehr provoziert und gegen ihn gestrichelt. Das hat er sich nie gefallen lassen und ist immer auf sie los. Sie hatte regelmäßig eine gebrochene Nase oder gebrochene Rippen. Konnte tagelang nicht einkaufen, weil man das sonst gesehen hätte. Im Krankenhaus war sie natürlich auch nie, ist ja klar. Mindestens jeden zweiten Tag haben sie sich Böse geschlagen. Das unsere Nachbarn nie die Polizei gerufen haben finde ich heute noch sehr krass, denn wir Kinder haben immer wahnsinnig geschrien. Wenn wir zu laut geschrien haben, haben wir eine gekriegt.
Wir haben eigentlich eher selten was abgekriegt, hauptsächlich unsere Mutter.
Ich habe immer versucht zu schlafen und mich unter der Decke versteckt, aber meine Geschwister wollten immer dass ich wach bin wenn das passierte, ich wollte das aber einfach nie mitkriegen.
Wenn mein Vater durch den Alkohol irgendwann eingeschlafen ist, haben wir uns um unsere sehr betrunkene Mutter gekümmert und sie immer mit Wasser und Kaffee zugeschütttet, bis sie nüchtern war, denn sie wollte ihn ja weiter provozieren.
Noch heute kann ich bestimmte Lieder nicht mehr hören, weil diese Lautstark Währenddessen liefen und mich in diese Zeit zurückversetzen.
Mein Vater hat wenn er betrunken war schränke mit einer Axt kaputt gemacht und Dinge angezündet und sie ins Bad gelegt wo er meine Mutter eingesperrt hat.
In der Schule durften wir natürlich nix erzählen.
Wir hatten immer eine gepackte Tasche mit Klamotten unterm Bett und haben gehofft, dass ein Nachbar die Polizei ruft und wir endlich ins Heim kommen.
Als ich älter wurde, wurde ich auch Mutiger und bin regelmäßig dazwischen gegangen. Dadurch habe ich auch gelegentlich mal eine kassiert, weil ich im Weg war.
Meine Mutter dachte immer ich wäre auf der Seite meines Vaters, aber er war weniger wütend wenn man ihm zustimmte und ich konnte ihn so auch tatsächlich häufig beruhigen.
Das ging noch sehr lange und mit 18 bin ich ausgezogen, da war es dann nicht mehr ganz so schlimm.

Das ging so weiter bis vor 3 Jahren. Als meine Tochter geboren wurde, hörten sie vom einen auf den anderen Tag auf mit Alkohol und haben seit dem keinen einzigen Tropfen getrunken.
Sie sind komplett andere Menschen geworden und ich bin neidisch auf meine Geschwister, welche noch Zuhause wohnen und so toll aufwachsen dürfen.
Ich liebe meine Eltern sehr und will sie niemals verlieren. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, aber trotzdem kann ich diese Kindheit nicht vergessen und sie kommt immer wieder hoch. Eine Therapie kann ich wahrscheinlich vergessen. Ich bin immer noch auf der Warteliste für eine Therapie für meine Wochenbettdepression (meine Tochter ist 3 Jahre alt)
 
Danke, daß Du den Mut hattest, das hier aufzuschreiben. Das, was Du schilderst, ist schwere, anhaltende Gewalt und massive Vernachlässigung. Als Kind hast Du Dinge ausgehalten und getragen, die kein Kind tragen kann: permanente Angst, Verantwortung für Erwachsene, Vermittlerrolle, Schutzfunktion. Du hast gelernt zu funktionieren und zu überleben. Das prägt.

Daß Dich heute bestimmte Geräusche, Musik oder Erinnerungen zurückwerfen, ist keine Schwäche, sondern eine typische Trauma-Reaktion. Dein Nervensystem hat sich damals angepasst, um Dich zu schützen. Jetzt, wo Dein Leben stabiler ist und Du selbst Mutter bist, kommen diese alten Inhalte hoch. Das ist bekannt und erklärbar.

Daß Deine Eltern heute nüchtern sind und sich verändert haben, macht es nicht leichter, sondern oft schwerer. Du kannst Deine Eltern heute lieben und gleichzeitig anerkennen, daß sie Dir früher schweren Schaden zugefügt haben. Diese Gefühle widersprechen sich nicht. Du mußt nichts beschönigen und nichts „verzeihen“, um ein gutes Verhältnis zu haben.

Wichtig: Deine aktuelle Belastung hat nichts damit zu tun, daß Du zu empfindlich wärst oder nicht loslassen willst. Dein System holt jetzt nach, wofür früher kein Raum war. Die Wochenbettdepression und Deine Geschichte hängen sehr wahrscheinlich zusammen.

Zur Therapie: Wartelisten sind leider Realität. Das heißt aber nicht, daß Du bis dahin ohne Hilfe bleiben mußt. Trauma-Beratungsstellen, sozialpsychiatrische Dienste, spezialisierte Ambulanzen oder auch Dein Hausarzt können Zwischenstütze sein und Dir helfen, die Zeit zu überbrücken. Das ersetzt keine Therapie, kann aber entlasten und Stabilität geben.

Du hast sehr viel geleistet und sehr lange funktioniert. Daß es jetzt nicht mehr einfach „wegzuschieben“ ist, ist kein Versagen, sondern ein Zeichen, daß Du hinschaust.

Wenn Du magst, schreib gern, was Dich im Alltag im Moment am meisten belastet oder wobei Du konkret Unterstützung brauchst. Dann kann man gezielter schauen, was Dir jetzt helfen kann.
 

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