Ich frage mich gerade ernsthaft, was generelle Gefühle und Impulse mit "Liebe" zu tun haben, daß man das alles so in einen Sack packt und mehr oder weniger draufhaut. Ehrlich gesagt, kommt mir persönlich die verzweifelte Suche nach Beziehungen immer etwas frustriert und unerfüllt vor; dieser permanente Versuch, irgendwo jemanden zu finden, der ja doch vielleicht, eventuell der "Richtige" sein könnte, "Singlebörsen" zu besuchen, sich selbst haufenweise durch den Fleischwolf zu drehen, Diäten noch und nöcher zu machen, um irgendwie vom anderen Geschlecht wahrgenommen zu werden - dieser nie enden wollende Balztanz um die andersgeschlechtliche Anerkennung ... Vollkommen unnötiger Streß.
Viele Leute verkaufen sich an den oder die Erstbeste, bloß damit sie die Empfindung haben, "geliebt" zu werden. Oder aber weil alle anderen Leute ja auch Beziehungen haben, die oftmals während des Verlaufs gar nicht so toll sind, wie man sie sich redet.
Wesentlich bedenklicher finde ich, daß Elric Eigenliebe, Egoismus, diese wundervolle Eigenschaft, als ein Resultat aus "Enttäuschungen" betrachtet - das zeigt nur, wie weit es in der Selbstaufopferung für die vermeintliche "Liebe" Anderer schon gekommen ist. Der Regelfall scheint das "Buhlen" um Anerkennung, das Mitlaufen mit der Herde zu sein, um dabei so durchschnittlich zu erscheinen, daß sich ein Unterdurchschnittlicher doch angezogen fühlen kann.
Daß Egoismus, im Gegensatz zu Elrics Einteilung, eine Gabe ist, die uns während der Sozialisation abtrainiert wird, die eigentlich eine Voraussetzung dafür ist, "bewußt" zu lieben, wird unterschlagen. Und daß Egoismus, über dem puren Überlebenswillen hinaus, nur dann bestehen kann, wenn man sich des Egos, d.h. also selbstverständlich Ziele, Vorstellungen ästhetischer und/oder moralischer Natur, die Sichtweise der eigenen Person und der eigenen Perspektive auf die eigene Person bewußt ist. Nur wenn ich eine Abgrenzung zwischen einer unpersönlichen Masse und mir selbst vornehme, bin ich in der Lage, mich selbst zu definieren.
Tue ich dies nicht, sondern jage jedem Trend hinterher um der Masse zu gefallen - mit welchen Maßstäben messe ich dann Zuneigung? Dann ist die einzige Form der Zuneigung, die ich ablehnen würde, diejenige, die von Leuten kommt, die sich außerhalb der Masse befinden. Alle anderen innerhalb der Masse sind mir so lange willkommen, da sie nicht vom durchschnittlichen Kollektiv abweichen. Dies ist eine selbstlose (im wortwörtlichen Sinne: selbst-los) Form der Liebe, die keinerlei Maßstäbe außerhalb der Zugehörigkeit zur Herde kennt.
Wirkliche, tiefe Liebe habe ich einmal empfunden. Es ist ein seltenes Gefühl, und keines, das ich mit den meisten zu teilen gedenke. Ich suche auch nicht nach Partnern, sondern lasse mich finden - alle meine Beziehungen sind gerade dann entstanden, da ich sie am aller wenigsten wollte. Dieses verzweifelte Suchen erscheint mir deprimierend und hoffnungslos; nicht zu selten bestätigt sich meine Theorie, daß viele dieser Suchenden grundsätzlich sich selbst noch nicht gefunden haben, und stattdessen einen Spiegel suchen, den sie nicht in der Lage sind, auf eigene Faust zu finden.