Hallo, Shorn,
ich versuch‘ es.
Stell‘ Dir einen Kreis vor. In der Mitte steht das Ich. Das Ich bestimmt was ihm wichtig ist. Und im Kreis um das Ich herum sind diese Wichtigkeiten angeordnet. Je nach Interesse sind das materielle oder immaterielle Werte. Menschen, Tiere, Beruf, Geld, Ansehen, soziale oder auch religiöse Aktivitäten. Das Ich ist Herr im Leben des Menschen. Solange das Ich „Herr im Hause“ ist, bleibt Schuld systemimmanent. (Siehe dazu mein voriges Beispiel – meine Antwort an Tsunami, Beitrag 942).
Jesus sagte (in meinen Worten): Was nennst Du mich Herr, und tust doch nicht den Willen meines Vaters im Himmel?
Eine gute Frage, oder? Besonders religiöse Menschen wollen das tun, was sie denken, dass Gott es will. Aber auch nicht-religiöse Menschen streben oft nach ethisch-moralisch gutem Leben. Wenn nur der Glaube (das für-wahr- halten) den Unterschied zwischen religiösem und nicht religiösem Menschen ausmacht, stehen sich beide in nichts nach. Der eine Mensch ist eben religiös und glaubt (an irgendwen, irgendwas, ggf. sogar an Gott).
Jesus war nicht nur ein ethisch-moralisches Vorbild, sondern das ethisch-moralische Vorbild. Gott ist das Höchste was wir denken können. Dies bedeutet auch, dass Er auch an Ethik und Moral Maßstäbe legt, die wir nicht erfüllen können. Wie können Menschen annehmen, sie könnten aus eigener Kraft den Willen Gottes erfüllen? Haben wir etwa das Talent zur Perfektion?
Aber Jesus konnte es. Wieso er – aber nicht wir? Der entscheidende Unterschied zwischen Jesus und uns liegt darin, dass Er Gottes Sohn war und ist. In ihm war Gott. In Jesus dominierte nicht das menschliche Ich, sondern Gottes Willen, Gott. Gott tat in und durch Jesus Christus dass, was Menschen unmöglich war und unmöglich ist.
Johannes der Täufer hat es auf den Punkt gebracht, als er bei seiner Begegnung mit Jesus sagte: „Ich muss abnehmen, Er aber muß zunehmen.“
Das ist der Veränderungsprozess, den ich meine. Wir Menschen „müssen“ Jesus Christus, Gott, in uns hineinlassen. Dabei „dürfen“ wir Ihm nicht einen Randplatz anbieten, sozusagen ein Mitspracherecht einräumen, sondern unser Ich räumt seinen Dirigentenplatz und nimmt einen Randplatz ein. Erst dann, wenn Gott Dirigent ist, passiert auch die Veränderung in uns, die Gottes Anspruch an „Gut“ gerecht wird. Dazu sagte Jesus: (Joh. 3, 5 ff): „Amen, ich versichere Dir. „Nur wer von Wasser und Geist geboren wird, kann in Gottes neue Welt hineinkommen. Was Menschen zur Welt bringen, ist und bleibt menschlicher Art.“
Verstehst Du diese Antwort, Shorn?
Es gibt die Erzählung einer Taufe im Mittelalter. Ein Fürst bestimmte, dass alle seine Untertanen sich taufen lassen müssen. Ein junger Ritter hielt bei seiner Taufe seinen rechten Arm über Wasser. Nach seiner Taufe wurde er gefragt, warum er das getan hätte. Er antwortete: „Mit dem rechten Arm führe ich das Schwert. Und darüber bestimme nur ich! Ich lasse mir meinen Entscheidungswillen auch von Gott nicht nehmen“.
Unsere Freiheit lässt sich ohne Schuld nicht leben. Unsere Freiheit ist nicht mit der Macht verbunden, schuldlos zu leben. Wir haben jedoch die Freiheit, von Schuld frei zu werden, wenn wir Gott in unser Leben hineinlassen und wie Johannes der Täufer die Einstellung haben: Ich muss abnehmen, Er aber muss zunehmen.
Ich weiss nicht, ob ich mich verständlich ausgedrückt habe. Wenn nicht, frage nach.
LG, Nordrheiner