Vorsicht, langer Text - und Entschuldigung für so viele Worte.
Sapale, ich kann es auch gut verstehen dass da eine Trennung nicht einfach ist.
Bin auch mit einem Mann zusammen, den ich liebe, bei dem ich mir aber auch schon x-mal überlegt habe, dass ich eigentlich ausziehen sollte - es geht nicht um Drogen, aber Situationen die sich ein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte eigentlich nicht gefallen lassen sollte.
Was spricht in einer Beziehung für oder gegen eine Trennung, wenn (wie Du schreibst) hinter Drogen und Problemen ein guter Mensch steckt? Letztendlich muss sich jeder selbst fragen, wie viel er erträgt, aber es gibt doch bestimmte Grenzen:
Ein absoluter Trennungsgrund wäre für mich physische Gewalt. Du schreibst, das kommt bei Euch nicht vor.
Wo es aber auch gefährlich wird: wenn Deine Gesundheit darunter leidet - wie viele Nächte verlorener Schlaf zum Beispiel? Wie sehr leidet Deine psychische Gesundheit? Wie oft kommen seine Eskapaden vor? Einmal im Monat, mehrmals im Monat, bis auf kurze Abstände immer? Gibt es Situationen, wo die Schulkarriere Deines Kindes durch die Eskapaden Deines Mannes leidet?
Wenn Deine finanzielle Zukunft beeinträchtigt wird: Wo bekommst Du Dein Geld her? Was geschieht auf Dauer, wenn Dein Partner es verprasst? Wenn Du im Alter finanziell versorgt sein musst und alles ist weg wegen Drogen- und Spielsucht? Oder Dein Kind wird krank und Du brauchst jeden Cent? Was ist mit Sachen, die er kaputt macht und die Du neu kaufen musst - sind das Kleinigkeiten, oder auch mal Dein Computer oder Dein Auto?
Ich verstehe, dass Du helfen willst und versuchen möchtest, den guten Menschen wiederzubekommen, der er einmal war. Leider braucht es dazu in solchen Situationen "Tough Love" (auf gut deutsch: ein kräftiger Schuss vor den Bug) - und das bedeutet, dass Du gehen musst, zumindest vorübergehend, bis er bereit ist, sich zu ändern, und das auch ganz deutlich zeigt. Und selbst dann ist der Weg noch lange nicht zu Ende - da kann erst Einsicht kommen, Besserungsversuche, Hoffnung, dann wieder Rückfälle, Enttäuschung, Elend. Wenn Du diesen Weg gehen willst, bereite Dich innerlich vor.
Du sagst, er war Dein erster Freund. Damals fandest Du ihn vielleicht supercool? Warst Du stolz als er Dich wollte, und keine andere? Habe mich da gestern an einen Schwarm von vor 23 Jahren erinnert, wie er ganz fertig vor mir stand und nuschelte "Ich bin heute total zugekokst!" Mann, er war so unglaublich hübsch, unglaublich cool - wäre ich nicht so schüchtern gewesen, hätte ich mich ihm sofort in die Arme geschmissen. Und heute sage ich mir, was ein Glück, dass er nie Interesse gezeigt hat! Wahrscheinlich würde ich mir heute die Radieschen von unten anschauen - ich wäre sicher nicht so stark wie Du gewesen, von dem harten Zeug auf Dauer die Finger zu lassen!
Wer sind all diese Menschen, die im Drogensumpf untergehen? Das sind oft so wunderschöne Seelen. Ich war einige Jahre in der Punk-Szene unterwegs, habe einige Monate auf der Straße gelebt, und werde immer noch traurig, wenn ich an all die guten, lieben Menschen denke, die dort untergegangen sind. Ich möchte die am liebsten alle in den Arm nehmen, an der Hand nehmen, dort hinführen, wo sie all die Liebe bekommen, die sie verdienen. Aber es klappt so selten, und es funktioniert nie, nie, nie, wenn der Mensch nicht selbst bereit ist, seine Probleme anzugehen - dann gehen wir stattdessen mit unter.
Ich bin trotz der Probleme bisher bei meinem Mann geblieben. Warum? Keine harten Drogen. Krisen geschehen nicht oft (höchstens alle paar Monate). Es ist keine körperliche Gewalt im Spiel. Mein Mann zeigt Einsicht. Allerdings bin ich oft ein paar Tage ausgezogen, und er weiß, dass ich zur Not auch für immer gehen würde.
Entschuldigung, jetzt wird das hier richtig lang. Aber ich bin sehr neugierig wegen Deinem Kind, weil ich auch einen 13-jährigen Sohn habe. Wie schaffst Du das, dass Dein Kind nichts von den Problemen Deines Partners merkt? Was sagst Du Deinem Kind, wenn Dein Partner nächtelang nicht schläft oder sogar randaliert?
Ich war immer sehr offen - ob das gut ist, weiß ich nicht. Mein Sohn weiß schon lange, dass sein Vater psychische Probleme hat - ich habe ihm erklärt, was PTSD und bipolare Störung sind, und habe auch schon mit ihm über die Möglichkeit gesprochen, wegzuziehen.
Wie gesagt, ich weiß nicht, ob das besser oder schlechter ist als Deine Lösung. Hier ging es oft gar nicht anders - dass manchmal etwas mit meinem Mann nicht stimmt, war einfach immer offensichtlich - ich stelle es mir als Drahtseilakt vor, so etwas vor einem Kind zu verstecken.
Ich drück Dich ganz herzlich! 🙂