Theodor Fontane
Marie
Die Kniehases waren ein glückliches Paar; aber kein Glück ist vollkommen: sie bleiben kinderlos. Da traf es sich, dass auch eine Tochter ins Haus kam, kein eigenes Kind und doch geliebt wie ein solches.
Es war um Weihnachten 1804, zwei Jahre früher, als die Frau von Votzewitz starb, da kam ein «starker Mann» ins Dorf, einer von jenen fahrenden Künstlern, die zunächst in rotem trikot mit fünf großen Kugeln spielen und hinterher ein Taubenpaar aus einem Schubfach auffliegen lassen, in das sie vorher eine Uhr oder ein Taschentuch gelegt haben; seine ganze Haltung deutete darauf hin, daß er nicht immer in einem Planwagen von Dorf zu Dorf gefahren war. Er hielt jetzt vor dem Scharwenkaschen Kruge, führte das magere Pferd ind en Stall, und am Abend war Vorstellung. Ein kleines Mädchen, das zehn Jahre sein mochte, wechselte mit ihm ab, sang Lieder und deklamierte; zuletzt erschien sie in einem kurzen Gazekleid, das mit Sternchen von Goldpapier besetzt war, und führte den Schaltanz auf. Die Hohen-Vitzer Bauern , ganz besonders die alten, waren wie benommen und streichelten das Kind mit ihren großen Händen. Es sollte ihnen bald Gelegenheit werden, ihr gutes Herz noch weiter zu zeigen.
Der «starke Mann» war längst kein starker Mann mehr; er war siech und krank. Er legte sich, und es ging rasch bergab. Pastor Seidentopf saß an seinem Bett und sprach ihm Trsot zu; der Sterbende aber, der wohl wusste, wie es mit ihm stand, schüttelte den Kopf, zog den pastor näher an sich heran und sagte fest: «Ich bin froh, dass es zu Ende geht.» Dann wies er mit einer leisen Seitwärtsbewegung des Kopfes auf die Kleine, die am Fenster saß. Preßte beide Hände aufs Herz und setzte mit halberstickter Stimme hinzu: «Wenn nur das Kind nicht wäre.» Dabei brach er, alle Kraft über sich verlierend, in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Die Kleine, küßte in leidenschaftlicher Liebe die Hand des Sterbenden. Dieser streichelte ihr das Haar, sah sie an und lächelte. Es war, als ob er in eine lichte Zukunft geblickt hätte. So starb er. Auf dem Tische neben ihm stand die kleine zauberkommode, aus der immer die Tauben aufflogen. Pastor Seidentopf war tief erschüttert.
An die Hohen-Vietzen aber traten jetzt zwei Fragen heran, von denen es schwer zu sagen war, welche die Gemüter mehr beschäftigte. Die erste Frage war: «Was machen wir mit dem Toten?»
Die Wendenbauern waren gutmütig, aber sie dachten doch ernst in solchen Sachen. Den starken Mann bloß einzuscharren, erschien ihnen als untunliche Härte, ihn aber ihrem christlichen Kirchhofe zu begraben, als noch untunlichere Entweihung. War er überhaupt ein Christ? Die Mehrzahl zweifelte. Da fand Pastor Seidentopf unter dem Kopfkissen des Toten eine Tasche allerhand Papieren, auch Tauf-und Trauschein. Die Briefe gaben weiteren Aufschluss. Es zeigte sich, daß er Schauspieler gewesen war, daß er eine Tochter aus gutem Hause wider den Willen der Eltern geheiratet hatte, und daß die Frau schließlich hingestrorben war in Gram und Elend, aber ohne Vorwurf und ohne Reue. Die letzten Briefe, viel durchlesene, waren aus einem schlesischen Klosterspitale datiert. Ein gescheitertes Leben sprach aus allem, aber kein unglückliches, denn was sie zusammengeführt, hatte Not und Tod überdauert.
Pastor Seidentopf, als er die Briefe gelesen, trat wieder unter seine Bauern, die unten im Krug seiner harrten, und am dritten Tage hatte der starke Mann ein christliches Begräbnis, als ob er ein Kümmeritz oder ein Miekley gewesen wäre. Die Schulkinder sangen ihn hügelan, trotzdem ein großes Schneetreiben war, Frau von Vitzwitz, gütig wie immer, stand mit am Grabe und waf dem Toten die erste Handvoll Erde nach, Berndt von Vitzwitz aber ließ ihm ein Kreuz errichten, darauf folgender, vom alten Küster Jeserich Kubalke gedichteter Spruch zu lesen war:
Ein Stäk'rer zwang den starken Mann,
Nimm ihn, Gott, in Gnaden an.
So erledigte sich die erste Frage. -Die zweite Frage war: «Was machen wir mit dem Kinde?» Pastor Seidentopf erwog die Frage hinn und her; hundert Pläne gingen ihm durch den Kopf, aber keiner wollte passen. Die Bauern waren scheu und schwierig. Da trat Schulze Kniehase dazwischen, und das weinende Kind vom Krug aus in sein Haus hinüberführend, sagte er: «Mutter, die schickt uns Gott.»
Und am anderen Tage, weil es dicht vor dem Christfest war, begann er ihr einen Baum zu putzen und nannte sie seine Weihnachtspuppe und sein Zauberkind.
Die Bauern sahen anfangs ängstlich zu; «sie wird ihm wegfliegen», meinten die einen, «und das wäre noch das beste», versicherten die anderen. Aber sie flog nicht fort, und Pastor Seidentopf sagte: «Sie wird ihm Segen bringen, wie die Schwalben am Sims.»
«Sie wir dem Hause Segen bringen, wie die Schwalben am Sims», so hatte Prediger Seidentopf gesprochen, und seine Worte sollten in Erfüllung gehen. Das Kopfschütteln der Bauern nahm bald ein Ende. Es geschah das, was unter ähnlichen Verhältnissen immer geschieht: dunkle Geburt, seltsame Lebenswege, wie sie den Argwohn wecken, wecken auch das Mitgefühl, und ein schöner Schicksal auszugleichen. Der Zauber des Geheimnissvollen unterstützt die ach gewordene Teilnahme.
Das erfuhr auch Marie. Ehe noch der erste Winter um war, war sie der Liebling des Dorfes; keiner spöttelte mehr über das Gazekleid mit den Goldpapiersternchen, in dem sie zuerst vor ihnen aufgetreten war. Vielmehr erschien ihnen jetzt dieser bloßer Hauch einer Kleidung als ihr natürliches Kostüm, und wenn Schulze Kniehase, der das Kind von Anfang an über die Maßen liebte, drüben im Kruge saß und halb ernsthaft, halb scherzhaft versicherte, «sie sei ein Feenkind», so widerredete niemand, weil er nur aussprach, was alle längst schon an sich selbst erfahren hatten. Daß sie fortfliegen würde, daran glaubte freilich niemand mehr, mit alleiniger Ausnahme der Mädchen in der Spinnstuben, die voll Spuk-und Gespensterbedürfnis immer Neues und Wunderbares von ihr zu erzählen wussten. Und nicht alles war Erfindung. So hatte sie wirklich eine unbezwingebare Vorliebe für den Schnee. Wenn die Flocken still vom Himmel fielen oder tanzten und stöberten, als würden Betten ausgeschüttet, dann entfernte sie sich aus dem Vorderhause, kletterte die lange Schrägleiter hinauf, die bis auf den First des Scheunendaches führte, und stand dort oben schneeumvirbelt. Die Mädchen versicherten auch, sie hätten sie singen hören. Es bedarf keiner Ausführung, welche phantastisch weitgehenden Schlüsse daraus gezogen wurden.
So war es im Winter. Als der Sommer kam, der eine freiere Bewegung gönnte, gewann sie vollends alle Herzen. Sie besuchte nicht nur die einzelnen Bauernhöfe, sondern auch die ausgebauten Lose, die weiter ins Bruch hineinlagen, spielte mit den Kindern und erzählte Geschichten. Das Fremde und Geheimnissvolle, das sie von Anfang an hatte, blieb ihr, aber niemand wunderte sich mehr darüber. Auch die Dorfmädchen nicht. Einmal verirrte sie sich; im Kniehaseschen Hause war große Aufregung; alles lief und suchte bis an die Oder hin. Endlich fand man sie, keine tausend Schritt vom Dorfe. Sie lag schlafend im Korn, ein paar Mohnblumen in der Hand; ein kleiner Vogel saß ihr zu Füßen. Niemand kannte den Vogel, als er aufflog und aller Augen ihn verfolgten. «Der hat sie beschützt!» sagten die Hohen-Vietzer.
In der Regel spielte sie auf dem Abhange zwischen der Kirche und dem Dorfe, am liebsten auf dem Kirchhofe selbst. Sie las die Inschriften, umarmte den Rasen von ihres Vaters Grabe, kletterte auf die hohe Feldsteinmauer und sah auf die Segel der Oderkähne nieder, die, angeglühnt von der sich neigenden Sonne, unten auf dem Strome vorüberzogen. Kam dann des alten Küsters Kubalke Magd, um zu Abend zu läutern, so folgte sie dieser, zog ein paarmal mit an dem Glockenstrang und huschte dann in die schon halbdunkle Kirche hinein. Hier setzte sie sich mit halben Körper auf das äusserste Ende der Frontbank, auf der am Tage nach der Kunersdorfer Schlacht der Major vom Regiment Intzenplitz verblutet war, blickte seitwärts scheu nach dem dunklen Fleck, den alles Putzen nicht hatte wegschaffen können, und sah dann, um das selbstgewollte Grauen wieder von sich zu bannen, nach dem grossen Vitzewitzschen marmorbilde hinüber, das die Inschrift trug: «So du bei mir bist, wer will wider mich sein.» So blieb sie, bis der Glockenton verklang. Dann trat sie wieder auf den Kirchhof hinaus, sah der Magd nach, die den Schlängelpfad ins Dorf herniederstieg, und umkreiste bang, aber immer enger und enger die alte Buche, deren zweigeteilter Stamm, der Sage nach, an den Bruderzwist der Vitzewitze gemahnte. Fiel dann ein Blatt oder flog ein Vogel auf, so fuhr sie zusammen.
Es waren schöne Tage, dieser erste Sommer in Hohen-Vietzen; aber diese schönen Tage konnten nicht dauern. Die Schulzenleute, Mann wie Frau, hatten längst ihre Sorge darüber. All dies Umherstreifen währte schon zu lange; Arbeit, Ordnung, Schule, mußten an siene Stelle treten. Aber wie? Beide Kniehases waren weitab davon, ein Prinzesschen aus ihrem Pflegekind machen zu wollen, aber ebenso bestimmt fühlten sie auch, daß die Dorfschule kein Platz für sie ist. Sie paßte nicht unter die Holzpantoffelkinder, ganz abgesehen davon, daß sie, ohne je eine Schulstunde gehabt zu haben, um ein beträchtliches besser lesen konnte, als der alte Jeserich Kubalke, zumal wenn er seine Holzbrille vergessen hatte.
In dieser Not half die gute Frau von Vitzewitz. Sie hatte längst daran gedacht, das sonderbare Kind, von dessen phantastischem Wesen sie so manches gehört hatte, als Spiel-und Schulgenossin Renatens in ihr Haus zu ziehen, allerhand Erwägungen aber, die dagegen sprachen, hatten es damals nicht dazu kommen lassen. Der Kniehasche Pflegling, so gewinnend er sein mochte, war doch immer eines Taschenspielers, im günstigsten Falle eines verarmten Schauspielers Kind , und so wenig sie persönlich einen Anstoß daran nahm, so glaubte sie dennoch in Erziehungsfragen weniger ihr eigenes, durchaus freies und vornehmes Empfinden, als vielmehr allgemeine, aus Pflicht und Erfahrung hergeleitete Anschauungen zu Rate ziehen zu müssen. So zerschlug es sich denn wieder. Pastor Seidentopf hätte es freilich wohl schon damals ind er Hand gehabt, einen andern Ausgang herbeizuführen; er wollte jedoch, in einer so verantwortungsvollen Angelegenheit, nicht ungefragt eingreifen und zog es vor, sich die Dinge selber machen zu lassen.
Und sie machten sich auch, und zwar in sehr eigentümlicher Weise. Am Rande des Vitzewitzschen Parks, schon in einiger Erhöhung, stand eine Florastatue und sah einen breiten Kiesweg hinunter auf die Gartenfront des Herrenhauses. Zu Füßen der Statue waren fünf dreieckige Blumenbeete angelegt, die in ihrer Gesamtheit einen einfassenden Halbkreis bildeten. An dieser Stelle hatte Marie bei ihren täglichen Streifereien häufig ein paar Blumen gepflückt, Balsaminen oder Reseda, und war dabei niemals einem Verbot begegnet. Im Gegenteil. Der Gärtner, des zierlichen und fremdartigen Kindes sich freuend, hatte ihr zugenickt und einemal sogar ihr ein paar Fuchsaknospen über das linke Ohr gehängt. Nun war es September geworden; die roten Verbenen blühten, und dazwischenm, aus eingegrabenen Töpfen, wuchsen ein paar unscheinbare Blumen auf, die dem spielenden Kinde als dunkle Vergißmeinnicht erschienen. Sie pflückte sie ab. Es war Heliotrop, damals noch etwas Seltenes, und Frau von Vitzewitz wollte wissen, wer ihr das angetan und sie um den Anblick ihrer Lieblingsblume gebracht habe. Als Marie davon hörte, faßte sie rasch einen Entschluss. Sie setzte sich auf eine Bank in unmittelbarer Nähe der Statue, und als Frau von Vitzewitz auf ihrem Spaziergang den breiten Kiesweg hinaufschritt, sprang sie auf, eilte der Herankommenden entgegen, küßte ihr die Hand und sagte: «Ich habe es getan.» Sie war dabei hochrot und zitterte, aber sie weinte nicht. Von diesem Augeblick an war die Freundschaft geschlossen. Frau von Vitzewitz streichelte ihr das Haar und sah sie fest und freundlich an; dann führte sie sie zu der Bank zurück, von der sie aufgestanden war, stellte Fragen und ließ sich erzählen. Alles bestätigte ihr den ersten Eindruck. So trennten sie sich. Noch am selben Nachmittage aber sagte Frau von Vitzewitz zu Seidentopf: «Das ist ein seltenes Kind» und ehe acht Tage um waren, war sie die Spiel-und Schulgenossin Renatens.