Ich lese, wie akribisch du die gesamte Timeline rekonstruierst, wann welches Treffen war, wann welche Gefühle entstanden, wann du den anderen Mann zuletzt gesehen hast, wann du deinen heutigen Freund deine Gefühle gestanden hast, wann der erste Kuss war und wann ihr offiziell zusammenkamt.
Das wirkt fast so, wie jemand, der versucht, vor einem inneren Gericht seine eigene Schuld oder Unschuld zu beweisen.
Du sucht nach einem Urteil, das dich entlastet.
Das Problem ist nur, solange du selbst Richterin, Staatsanwältin und Angeklagte zugleich bist, wirst du immer wieder neue Anklagepunkte finden.
Denn die Fakten scheinen eigentlich geklärt, du warst damals Single, du hast nicht betrogen,
dein Freund kennt deine Geschichte und er ist cool.
Niemand außer du selbst scheint darin ein moralisches Vergehen zu sehen.
Trotzdem hältst du Daten fest, weil du hoffst, irgendwo den entscheidenden Moment zu finden, an dem du dich selbst schuldig sprechen kannst oder dich eben doch freisprechen darfst.
Dabei liegt die eigentliche Frage vermutlich gar nicht in der Chronologie, sondern in deinem Selbstbild und es fehlt dir schwer, Frieden mit dir selbst zu schließen und die Akte zu zumachen.
Niemand fordert mehr eine Strafe von dir.
Manchmal besteht der letzte Schritt der Verarbeitung nicht darin, etwas besser zu verstehen, sondern aufzuhören, dich dafür immer wieder vor Gericht zu stellen.
Das klingt einfach, ist aber für Menschen mit starker Scham oder Grübelneigung oft der schwierigste Teil.
Du musst lernen, dass du das Kapitel nicht erst dann abschließen darfst, wenn es makellos war.
Du solltest es abschließen, weil es vorbei ist.