Leseprobe aus dem Buch : “ Das letzte Geheimnis „ v. Ursula Sachau
Katharina von Bora, Ehefrau des Reformators Martin Luther.
Katharina wurde 1499 in der Nähe von Leipzig im heutigen Bundesland Sachsen geboren.
Schon mit sechs Jahren gaben ihre Eltern sie zur Erziehung in ein Kloster.
Am letzten Herbsttag des Jares 1505 folgt Katharina dem Sarg ihrer Mutter. Sechs Jahre ist sie alt. Blumen , überall sind Blumen , ihr Duft ist betäubend , so anders als im Sommer , schwer , seltsam süß , ein wenig nach faulendem Obst und Staub, Katharina könnte ihn nicht beschreiben, aber er legt sich ihr auf die Brust wie eine schwere Last.
Sie erlebt alles als einen dumpfen Traum : die vielen Menschen , Kerzen, Worte, Gesänge, den Weihrauch.
Sie darf nicht reden, nicht weinen, nicht schreien. Ihr ahnt, sie wird es nicht mehr dürfen.
Als sie am nächsten Morgen im rumpelnden Wagen sitzt, ist es November. Der Regen fällt leise, aber stetig auf den Rücken des Pferdes, den Mantel des Vaters, das knarrende, knirschende Lederzeug, auf die traurigen Weiden am Wegesrand. Nebel hängt zwischen hren Zweigen. Grau, grau , alles ist grau.
Wo sind die Blumen geblieben ?
Durch Schlamm und Wasser des aufgeweichten Weges schleppt sich ein Krüppel auf einem Bein. Seine Kleider sind zerfetzt und schmutzig - flehend hält er dem Vater die hölzerne Bettelschale hin.
Aber Jan v. Bora hat anderes im Kopf.
" Hüa ! " ruft er unwirsch und läßt die Peitsche sausen Die Augen des Bettlers sind weit geöffnet, sein Mund setzt zum Sprechen an - schon sind sie vorbei. Das Kind verschluckt ein Weinen.
Einsam, verlassen, verstoßen fühlt Katharina sich, und könnte doch nicht erklären, warum - eine Ahnug ist in ihr, die Seele faltet sich zitternd zusammen. Der Wagen hält an.
"Komm , Käthe!" sagt der Vater.
Gehorsam steht sie auf und vergißt gleich, ihre Füße zu bewegen. Vor ihr türmt es sich wie ein böser Traum: grauschwarze, metallisch glänzende Steine, zu grob , zu schwer, um von Menschenhand bewegt worden zu sein, wie es dem Kind scheint, erheben sich fugenlos zu Mauern und Türmen.
Gibt es da eine Tür ? Oh, daß es keine gäbe, bittet das Kind, daß kein Mensch je hineinkönnte, hineinmüßte !
"Komm" , sagt der Vater ungeduldig, denn ihn erwartet zu Hause seine zweite Frau, " hier ist dein Kloster."
Katharina reißt entsetzt die Augen auf, hebt abwehrend die Arme und schreit: " Nein ,nein! Ich will nicht!
Nach Hause, bitte, nimm mich mit nach Hause, Mutter, Mutter!"
Sie sinkt in sich zusammen, nur noch ein kleines zuckendes Bündel, wimmernd, flehend.
Der Mann hebt sie auf und trägt sie durch eine Spitzbogenpforte hinein - es gibt einen Eingang.
Katharina verliert das Bewußtsein.
Sie sollte dort als Nonne ein frommes Leben führen, um dadurch später von Gott das ewige Leben im Himmel zu bekommen.
Aber am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen zur Reformation der Kirche an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg.
Er sagte darin : " Wir können uns nicht durch gute Werke den Himmel verdienen, auch nicht durch ein vorbildliches Leben im Kloster.
Allein Jesus, Gottes Sohn, bringt uns durch seinen Tod in den Himmel, wenn wir ihn als unseren Herrn annehmen ".
Daraufhin verließen viele Mönche und Nonnen ihre Klöster. Auch Katharina floh, hinter Heringsfässern versteckt, aus ihrem Kloster.
1526 heiratete sie in Wittenberg Martin Luther. Gott hätte diesem Mann keine bessere Frau schenken können. In kurzer Zeit machte sie Luthers Junggesellenwohnung zu einem sauberen und freundlichen Heim. Nach einigen Jahren hatte sie Hühner, Gänse und Schweine angeschafft, dazu mehrere große Gärten und sogar einen Bauernhof.
Denn an ihrem Mittagstisch saßen oft zwanzig und mehr Personen.
Und Luther verdiente als Professor der Theologie nicht viel; er konnte seiner Frau nicht viel Geld für den Haushalt geben.
Katharina hielt streng alle Störungen von ihrem vielbeschäftigten Mann fern. Sie tröstete ihn auch, wenn ihn Sorgen oder Zweifel quälten.
Als Luther einmal mehrere Tage sehr niedergeschlagen war, trat sie plötzlich in schwarzer Trauerkleidung in sein Zimmer.
"Wer ist gestorben?" fragte Luther erschrocken. "Gott ist gestorben", antwortete sie, "denn du willst ja nicht aufhören, dir Sorgen zu machen". Da mußte Luther lachen und wurde wieder froh.
Martin Luther und seine Frau hatten sich herzlich lieb. Käthe war ihrem Mann eine echte Gehilfin, so wie Gott es nach der Bibel haben will (1. Mose 2,18).
Gott schenkte ihnen drei Söhne und eine Tochter. Allerdings verstand Katharina es auch - nicht selten durch Tränen - ihren Willen gegen ihren Mann durchzusetzen.
Sie war eine energische, willensstarke Frau.
Deshalb redete Luther sie manchmal im Spaß mit "Herr Käthe" an.
Nach dem Tod ihres Mannes lebte Katharina noch mehrere Jahre. Aber durch Krieg, Flucht und Armut litt sie mit ihren Kindern viel Not.
Sie starb 1552 durch einen Unfall, 53 Jahre alt, aber getröstet im Glauben an ihren Heiland Jesus Christus.