ist es euch schon mal passiert, dass freundschaften jahre hielten und dann wegen eines streits zerbrachen? habt ihr euch schon mal richtig in menschen getäuscht und wurdet sehr verletzt? wie seid ihr damit umgegangen? ich freue mich auch eure beiträge.
Rene,
im offenen Streit ist mir eigentlich noch nie eine Freundschaft zerbrochen.
Meist fiel etwas vor, das mich veranlasste, mich nicht mehr zu melden... und dann kam auch von der anderen Seite nichts mehr... und so sind sie eingeschlafen. Wirklich überraschend war das eigentlich nie, weil eben vorher schon so einiges angefangen hatte schiefzulaufen. So gesehen kann von "richtig getäuscht" eigentlich nicht die Rede sein.
Es ist doch so: Man lernt jemand kennen, ist sich sympathisch, hat oder entwickelt gemeinsame Interessen. Und dann vergeht einige Zeit, und man lernt sich immer besser kennen, und das Leben geht auch weiter, ändert aber womöglich die Richtung:
Man heiratet, gründet eine Familie, interessiert sich plötzlich nicht mehr für die bisherigen Themen, sucht Kontakt zu Menschen in ählicher Situation, da diese das eigene Lebensgefühl besser nachvollziehen können und man sich gegenseitig aushelfen kann, z.B. beim Babysitten, beim gemeinsamen Grillen im Garten, etc.
Man hat beruflich Erfolg, macht Karriere, hat kaum noch Zeit, ändert womöglich auch seine Verhaltensweisen (man wird z.B. fordernder, oder geiziger mit der eigenen Zeit... um sie sich nicht noch mehr stehlen zu lassen). Man orientiert sich plötzlich auch sozial etwas um, knüpft interessante geschäftliche Kontakte, mit denen man sich austauschen kann. Die alten Freizeitthemen interessieren einen nicht mehr, das ist jetzt plötzlich etwas für Leute, die "wohl zuviel Zeit haben".
Man wird schwerkrank oder bleibt nach einem Unfall behindert zurück, muß plötzlich viel Zeit bei Ärzten, Therapeuten oder Rehainstitutionen verbringen und ist sehr mit sich selbst beschäftigt. Das alles ist sehr anstrengend und macht auch traurig, man wird ernst - mit Herumalbern und "Spaß haben" wie früher ist dann erst mal nichts mehr. Außerdem ist man eher an Leuten interessiert, die einen mal wohinfahren, die einem Gänge abnehmen oder eben sonst irgendwie für einen da sind. Das ist sehr anspruchsvoll und vor allem kann man es nicht im gleichen Maße zurückgeben.
Man geht ins Ausland, sammelt neue Eindrücke, nimmt andere Vorstellungen und Lebensweisen an, entwickelt sich in eine neue Richtung, wird also quasi ein Stück weit zu einem anderen Menschen als damals, wo man die Freunde kennengelernt hat.
Und auch wenn man im Inland bleibt: Man ändert vielleicht seine politische Einstellung, man wird plötzlich zum Sportfreak, zum Veganer, zum Hundehalter, zum Kirchgänger, zu was weiß ich... alles Dinge, die einen plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lassen als damals, zur Schul- oder Studienzeit, oder während der Ausbildung, oder in anderen zurückliegenden Lebensabschnitten.
Leben ist Wandel - Gefühle sind vergänlich - Interessen können sich ändern - Freundschaft ist kein fest definierter Betriff. Und da dem so ist, gibt es auch keine Garantie dafür, daß Freundschaften ein Leben lang bestehen bleiben. Menschen sind kein Besitz, das gilt für Freunde ebenso wie für Lebenspartner, und je unsteter die sozialen Rahmenbedingungen, desto dünner das Eis, auf dem die Freundschaft wandelt.
Je älter man wird, desto anspruchsvoller wird man gegenüber anderen Menschen, zugleich ist man selbst nicht mehr bereit, sich noch groß zu ändern. Das geht aber auch den anderen so, und vor allem Singles sind es nun mal gewohnt, ihren eigenen Rhythmus zu leben. Zwar sind gerade sie in besonderem Maße auf ein soziales Netzwerk angewiesen, aber zugleich scheuen sie auch jedes Übermaß an Nähe und Verbindlichkeit. Wobei es natürlich beliebig definierbar ist, wo "normal" aufhört und wo "Übermaß" anfängt...
Noch nie standen uns technisch soviele preiswerte Kommunikationskanäle zur Verfügung wie heute. Per VoIP-Telefonie oder per Email kann man problemlos und zu kleinsten Flatrategebühren weltweit regelmäßig miteinander in Kontakt bleiben. Per Handy ist man auch unterwegs erreichbar, und per Anrufbeantworter mit Fernabfrage ist man auch übers Festnetz preiswert erreichbar. ........
Aber zu kaum einer Zeit wurde soviel über Vereinzelung, Einsamkeit, soziale Kälte und fehlende Nähe gejammert wie heute.
Wen wunderts... wenn all diese Möglichkeiten nur konsumiert werden, statt sie bewußt und situationsgerecht zu nutzen?