Das Leben und die Beziehungen sind oft nicht so klar, wie es auf den ersten Blick scheint.
Ein intensives, inniges Verhältnis zwischen Mutter und Tochter, eine Vielzahl an Beweisen, wie sehr die Tochter ihre Mutter liebt, kann gleichwohl bedeuten, daß für die Entwicklung der Tochter eine Distanz zur Mutter hilfreich wäre. Nach außen hin denkt jeder, was für eine innige liebevolle Beziehung, ohne zu ahnen, daß das Kind sich kaum um die eigenen Bedürfnisse kümmert, sondern fast ausschließlich die der Mutter erfühlt.
Oft sitzen die Töchter in ihrer unendlich großen Liebe in den Gefühlen der Mutter fest, unternehmen in ihrer Liebe alles mögliche, um der Mutter ihre Liebe zu beweisen, die Mama glücklich zu machen etc. Oder sie spüren die Bedürftigkeit oder Depression oder das schwere Schicksal der Mutter und versuchen das auszubalancieren. Gilt auch für Söhne. Dann erscheint es fast unmöglich, in die eigene Kraft und in das eigene Fühlen zu finden und sich emotional zu distanzieren, wenn nicht die räumliche Distanz dazukommt.
Oft glaubt man, eine räumliche Distanz, eine innere Distanzierung oder gar ein Kontaktabbruch hätte etwas mit mangelnder oder verlorener Liebe zu tun. Die Mutter glaubt, das sie verlassende Kind würde sie nicht mehr lieben. Oft werden auch eigene frühe Verlassenheitsängste und Ängste, nicht geliebt zu werden, getriggert, wenn das Kind sich distanziert. Oft sind Mütter aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte so bedürftig und so wenig im Vertrauen, daß sie tatsächlich "Beweise", räumliche Nähe, körperlich spürbare Verbundenheit benötigen, um an die Liebe ihrer Kinder zu glauben.
Ich habe 30 Jahre Kontaktabbruch mit meinem Vater hinter mir. Ausgehend von mir von meinem 18. - 48. Lebensjahr. Bei mir war es umgekehrt. Mein Therapeut hat mir geholfen, den Mut zu finden, meine Gefühle, die nie erloschen nur verschlossen waren, wieder zu spüren und das Band wieder zu knüpfen. Die Liebe fließt wieder, obwohl wir uns kaum treffen und auch nur selten telefonieren. Mein Vater hat auch geglaubt, ich liebe ihn nicht mehr. Und ich sei beeinflußt worden von außen. Tatsächlich war ich damals so im Schmerz, daß ich es nicht ausgehalten habe. Die Distanz war für mich die einzige Möglichkeit, mit meinen Gefühlen umzugehen. Es war reiner Selbstschutz aufgrund gefühlsmäßiger Überforderung. Mit meinem Vater hatte das erstmal gar nicht so viel zu tun, sondern mit meinen Fähigkeiten mit Konflikten, Schmerz etc. umzugehen und mit meinem damaligen Unvermögen, Menschen differenzierter zu betrachten. Ich kannte nur Schwarz oder weiß. Ganz oder gar nicht. Mit allem dazwischen kam ich nicht zurecht.
Du kennst die Sicht der Mutter. Das, was sie Dir erzählt. Vielleicht gibt es noch einiges, was sie aus Scham verbirgt, vielleicht sogar vor sich selbst verbirgt. Du siehst ihren Kummer. Sie ist Deine Freundin. Du fühlst mit ihr. Die Erklärung, ein Dritter ist Schuld, die Psychotherapeutin hat den Kummer ausgelöst, ist vielleicht eine einfache schöne Erklärung. Meine Lebenserfahrung sagt mir, daß es meist nicht so oberflächlich ist.
Schau, ich bin sicher, bei den meisten meiner Freundinnen hätte eine Psychotherapeutin sagen können, was sie mag, die Mädels hätten den Kontakt zu ihre Müttern oder Vätern nie abgebrochen. So einfach ist es nicht, das zu manipulieren, selbst wenn eine Therapeutin das versucht. Ohne tierferliegende Gründe passiert nichts.
Es ist verständlich, daß man mit der Psychotherapeutin eine vermeintlich Schuldige ausgemacht hat. Und es ist gut nachvollziehbar, daß es für die Mutter weniger schmerzhaft ist, sich die Geschichte so zurechtzulegen. Aber es wird der Wahrheit der Tochter, ihrem Erleben und Fühlen, vermutlich nicht gerecht.