Es tut mir sehr leid, wenn Menschen von Zeugen Jehowas belästigt wurden. Eigentlich ist ihnen Respekt wichtig und es macht auch im Rahmen ihres Glaubens keinen Sinn, aufdringlich zu werden. Aber auch sie sind nur Menschen und es gibt eben immer und übeall solche und solche.
Ich lebe als "Ungläubiger" mitten unter ihnen und wurde und werde keinesfalls zwangsmissioniert, zu keinem Zeitpunkt. Ich nehme mir mit, was ich möchte, was ich für sinnvoll halte. Und das ist völlig okay so. Da ich die Zeugen Jehowas als friedliche Menschen kenne, die niemandem etwas zuleide tun wollen, macht das die Tragödie für mich umso schlimmer.
Ich habe den gestrigen Abend mit den Leuten aus unserer Versammlung verbracht. Der erste Schock ist vorbei. Man hat sich umeinander gekümmert, geschaut, dass es allen gut geht. Man hat einander Mut gemacht. Die Opfer, die Verletzten, die Angehörigen, um die wird sich vor Ort gekümmert.
Wichtig ist jetzt eher, wie kann man andere trösten, die keine solche Gemeinschaft haben. Und es wird darüber geredet, dass man dankbar ist. Für die Polizisten, die so schnell vor Ort waren und schlimmeres verhindert haben. Für die freundlichen Worte, die Menschen für sie finden . Das Mitgefühl. Für die Empathie.
Ich kann nicht für "die Zeugen" sprechen, ich kenne nur Menschen aus den Versammlungen hier vor Ort. Und da ist wichtig, keine Angst oder gar Hass in die Welt zu tragen. In der Bibel steht, Menschen können nicht gerecht sein und wir sollten es uns nicht anmaßen. Der Täter ist tot und damit wird es Jehowa sein, der ihn richtet. Daran glauben die Zeugen, dass wir auch - oder nein, gerade im Anblick einer solchen Tragödie nicht aus den Augen verlieren dürfen, dass wir als liebende Wesen geschaffen wurden.
Mich würde es auch nicht wundern, wenn nicht jetzt gerade Zeugen Jehowas bei der Familie des Täters sind, um dort Trost zu spenden. Das entspricht ihrem Glauben.
Wenn ich mir dagegen die Gesellschaft anschaue, und das tut mir gerade echt weh, die Toten sind noch nicht beerdigt und es kommen schon die ersten und verurteilen, beurteilen, plappern von Dingen, von denen sie ganz offensichtlich keine Ahnung haben. Ich studiere seit zwei Jahren die Bibel mit diesen Menschen und verstehe ein wenig, wie sie denken und was sie fühlen. Und das entspricht nicht dem, was ich momentan gerade verschiedentlich lese.
Das ist pietätlos.
Aber ... Gott richtet die, die sich anmaßen, über andere zu richten.