Apri
Mitglied
Irgendwie steck ich seit gestern in einem tiefen Loch und weiß nicht mehr weiter.
Deshalb will ich versuchen, mir alles von der Seele zu schreiben, einfach mal versuchen meine Gedanken zu ordnen und vielleicht auch eine Lösung zu finden.
Gestern war mein erster Arbeitstag in diesem Jahr; kurz vor Feierabend kam eine Kollegin zu mir und sagte, ich brauch noch ne Unterschrift von dir, sie hielt eine Karte in der Hand. Da ich die Geburtstage unserer Abteilung recht gut im Kopf habe, fragte ich, wofür? Und sie meinte, hat dir noch keiner was gesagt, von ner anderen Kollegin der Mann ist plötzlich gestorben. Sie erzählte, dass die beiden im Garten waren und er gesagt hätte, dass es ihm nicht so gut ginge und er sich etwas hinlegen wolle. Als sie ihn nach einer Stunde wecken wollte, war er tot, einfach so, mit 51 Jahren. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand mit voller Wucht in den Magen geboxt. Wir sprachen noch kurz darüber, dass man sich das gar nicht vorstellen sollte, nach Hause zu kommen und den Partner tot zu finden, unsere haben ja auch das gefährliche Alter, und dass man jeden Tag genießen soll. Dann ging sie.
Wie im Trance habe ich aufgeräumt und Feierabend gemacht und die ganze Zeit liefen mir immer wieder Tränen runter und ich konnte nichts dagegen machen. Und auch heute noch muss ich mich ganz schwer zusammenreißen, dass ich nicht wieder heule.
Was geht da ab? War das jetzt das Tüpfelchen auf dem i und mein Speicher ist voll und quillt über?
Ich versuch mal, zu analysieren, einfach nur Tatsachen aufzuzählen.
2001 erkrankte nicht nur mein Sohn an schwarzem Hautkrebs, sondern auch mein Mann an Schizophrenie. Ich machte Spagat zwischen meinem Ältesten, meinen beiden Kleinen, meiner Arbeit und meinem Mann. Die Reihenfolge ist bewusst gewählt, denn er stand wirklich an letzter Stelle. Ich hätte ihn damals schütteln, treten und was sonst noch alles können, weil er, nachdem er uns umbringen wollte (Narben des Messers in Rücken und Brust kann man jetzt noch sehr gut erkennen, aber mein Schutzengel hat wohl gemeint, ich werde noch gebraucht) sich in eine Depression geflüchtet hat, wo er nicht mehr raus kam. Ich konnte machen, was ich wollte, habe ihn mitgeschleppt in Gruppen und einfach nur so zu Unternehmungen, ihm 1000 Angebote unter die Nase gehalten und und und, nichts geschah. Bei den Kindern hieß es nur: Papa sitzt eh nur auf der Couch und macht nix.
Und ich hing da und versuchte alles zu schaffen und es hat auch geklappt, selbst die Kommunion meines Jüngsten 2003 haben wir hingekriegt, aber frag bitte keiner wie, ich weiß es nicht mehr. Da war der Älteste noch mit und hatte Hoffnung, dass doch noch alles gut würde. Aber dann gings plötzlich ganz schnell. August 2003 ist er gestorben, 15 Tage vor seinem Geburtstag. Trauern, Verarbeiten … nein, das ging nicht, dazu hatte ich gar keine Zeit … zwei Kinder, denen man erklären muss, was passiert war, Vollzeitjob, Haus mit Garten, Wohnungsauflösung, und mein Mann … zum Nachdenken kam ich nicht, ich habe einfach funktioniert.
Nachdem mein Mann dann im November endlich in eine Klinik ging, hätte ich aufatmen und trauern können, aber die Ereignisse rissen nicht ab, meine Nichte erkrankte an Leukämie und meine Schwester (ihre Mutter) an Brustkrebs. Also ging der Stress einfach nur weiter, nur die Entfernungen waren etwas größer, da meine Schwester in einer anderen Stadt lebt.
Meine Kinder drehten in der Schule durch, der mittlere kam in die Klinik, der jüngste „nur“ auf eine E-Schule und ich war nur noch unterwegs. Heute wunderts mich, dass unser Haus in der Zwischenzeit nicht zusammengefallen ist. Ich weiß nicht, wie ich das damals alles geschafft habe. Zwei bis dreimal die Woche in die Klinik, min. zweimal zu meiner Schwester und Nichte, Gespräche mit den Lehrern meines jüngsten, Therapeuten des mittleren und Betreuern meines Mannes und nebenbei musste ich ja auch noch arbeiten und den Haushalt machen. Aber es hat funktioniert, ich habe funktioniert, immer und immer wieder. Und jedes Jahr zum Ende des Jahres haben wir gesagt, das nächste kann nur besser werden, aber es wurde nicht besser.
Erst seit 2009 habe ich etwas mehr Zeit, meine Nichte und auch meine Schwester waren über dem Berg, der mittlere war wieder zuhause, nachdem nach den vielen Jahre klinischer Irrfahrt endlich jemand festgestellt hat, dass er Autist ist, trotzdem hat er seinen Realschulabschluss und auch den Führerschein geschafft. Nur seine erste Ausbildung wurde arbeitgeberseitig beendet, weil keiner mit seiner Art klar kam. Erst danach kam endlich die Erkenntnis, dass er Asperger ist und auch ich musste wieder viel Neues lernen, aber es wurde immer besser. Und heute ist er genau wie der Kleine im zweiten Ausbildungsjahr und es sieht aus, als würde alles gut.
Aber ich schweife ab, in der Zwischenzeit bekam mein Vater mehrere Schlaganfälle und wurde Aphasiepatient. Den Umzug aus seiner 120 qm Wohnung in eine kleinere haben wir alle zusammen gemeistert, meine Schwester und ich sind nach Bayreuth und Wien gefahren, die Sachen in Museen und Auktionen zu bringen. Irgendwann hatten wir dann auch die Pflegestufe geschafft, meine Schwester hat ihn betreut und ich bis zu meiner OP im April 2011 habe sie dabei unterstützt, alles gut.
Seit Anfang 2009 habe ich auch wieder einen Mann an meiner Seite, den ich einfach nicht los werde, egal was er bisher bei uns mitmachen musste: Polizei, weil der Große durchgedreht ist, immer wieder Theater und Krach mit dem „Kleinen“, der das Leben so satt hatte und meine Erkrankung.
2011 starb mein Vater (Mama ist seit 1995 tot) und irgendwie konnte ich nicht trauern, ich fühlte mich einfach nur leer und ausgebrannt. Über meine Krankheit mit Rollstuhl und so red ich jetzt nicht, dass ist hoffentlich bald Geschichte. Aber das mit meinem Vater machte mir doch Angst, irgendwie hatte ich das Gefühl, als ob er nie existiert hätte.
2012 lief eigentlich bis August recht ruhig, ich hatte auch die zweite OP gut überstanden und alles schien gut. Mein Mann und ich waren zum Kaffee verabredet, er hatte sich endlich wieder gefangen und nahm wieder komplett am Leben teil. An diesem Tag rief er mich an und meinte, mir geht’s nicht so gut, ich kann nicht kommen. Ok, dann bis später. Zwei Tage später habe ich angerufen, da ich endlich wieder Auto fahren durfte, aber er ging nicht ans Telefon. Die Woche drauf rief mich dann eine Betreuerin an, dass er einen Herzanfall gehabt hätte und im Krankenhaus sei. Ich also mal wieder in eine Klinik. Er lag auf der Intensivstation, angeschlossen an zig Geräte. Der Oberarzt erklärte mir dann, dass er während der OP mehrere Schlaganfälle gehabt hätte und sie jetzt langsam die Narkose ausschleichen lassen würden, damit er wach würde, aber er wurde nicht mehr wach.
Naja, ich will jetzt nicht alles erzählen, was da abging, der Kleine (grad 18 geworden) war fix und fertig und plötzlich brach aus ihm auch alles aus den letzten Jahren heraus. Wie viel er insgeheim gelitten hatte, wusste ich zwar, aber da er nie reden konnte, war es sehr schwierig gewesen. Seine Ausbildung und seine Flucht in die Spielewelt hielten ihn aber doch und halfen ihm. Noch während mein Mann im Koma lag, erhielt ich die Nachricht, dass meine Freundin mit 48 Jahren plötzlich umgefallen und gestorben war. Am 10. Oktober ist dann mein Mann gestorben und am 12. war die Beerdigung meiner Freundin, um die ich mich in den letzten Monaten seit meiner OP nicht mehr gekümmert hatte.
Aber auch das habe ich wohl alles immer nur verdrängt, ja nicht dran denken, da kommen viel zu viele Emotionen hoch. Und dann gestern diese Nachricht. Gut, ich kannte den Mann meiner Kollegin nicht, aber …
Ja keine Schublade aufspringen lassen, sonst lande ich noch im Irrenhaus. Aber ich habe ja so viel zu Hause zu tun, das schaff ich auch wieder einzupacken, bestimmt!
Ich kann doch jetzt nach fast 10 Jahren nicht anfangen, über den Tod meines Sohnes nachzudenken, das ist doch so lange her, da heult man doch heute nicht mehr.
Oh man, ist das alles Scheibe
Deshalb will ich versuchen, mir alles von der Seele zu schreiben, einfach mal versuchen meine Gedanken zu ordnen und vielleicht auch eine Lösung zu finden.
Gestern war mein erster Arbeitstag in diesem Jahr; kurz vor Feierabend kam eine Kollegin zu mir und sagte, ich brauch noch ne Unterschrift von dir, sie hielt eine Karte in der Hand. Da ich die Geburtstage unserer Abteilung recht gut im Kopf habe, fragte ich, wofür? Und sie meinte, hat dir noch keiner was gesagt, von ner anderen Kollegin der Mann ist plötzlich gestorben. Sie erzählte, dass die beiden im Garten waren und er gesagt hätte, dass es ihm nicht so gut ginge und er sich etwas hinlegen wolle. Als sie ihn nach einer Stunde wecken wollte, war er tot, einfach so, mit 51 Jahren. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand mit voller Wucht in den Magen geboxt. Wir sprachen noch kurz darüber, dass man sich das gar nicht vorstellen sollte, nach Hause zu kommen und den Partner tot zu finden, unsere haben ja auch das gefährliche Alter, und dass man jeden Tag genießen soll. Dann ging sie.
Wie im Trance habe ich aufgeräumt und Feierabend gemacht und die ganze Zeit liefen mir immer wieder Tränen runter und ich konnte nichts dagegen machen. Und auch heute noch muss ich mich ganz schwer zusammenreißen, dass ich nicht wieder heule.
Was geht da ab? War das jetzt das Tüpfelchen auf dem i und mein Speicher ist voll und quillt über?
Ich versuch mal, zu analysieren, einfach nur Tatsachen aufzuzählen.
2001 erkrankte nicht nur mein Sohn an schwarzem Hautkrebs, sondern auch mein Mann an Schizophrenie. Ich machte Spagat zwischen meinem Ältesten, meinen beiden Kleinen, meiner Arbeit und meinem Mann. Die Reihenfolge ist bewusst gewählt, denn er stand wirklich an letzter Stelle. Ich hätte ihn damals schütteln, treten und was sonst noch alles können, weil er, nachdem er uns umbringen wollte (Narben des Messers in Rücken und Brust kann man jetzt noch sehr gut erkennen, aber mein Schutzengel hat wohl gemeint, ich werde noch gebraucht) sich in eine Depression geflüchtet hat, wo er nicht mehr raus kam. Ich konnte machen, was ich wollte, habe ihn mitgeschleppt in Gruppen und einfach nur so zu Unternehmungen, ihm 1000 Angebote unter die Nase gehalten und und und, nichts geschah. Bei den Kindern hieß es nur: Papa sitzt eh nur auf der Couch und macht nix.
Und ich hing da und versuchte alles zu schaffen und es hat auch geklappt, selbst die Kommunion meines Jüngsten 2003 haben wir hingekriegt, aber frag bitte keiner wie, ich weiß es nicht mehr. Da war der Älteste noch mit und hatte Hoffnung, dass doch noch alles gut würde. Aber dann gings plötzlich ganz schnell. August 2003 ist er gestorben, 15 Tage vor seinem Geburtstag. Trauern, Verarbeiten … nein, das ging nicht, dazu hatte ich gar keine Zeit … zwei Kinder, denen man erklären muss, was passiert war, Vollzeitjob, Haus mit Garten, Wohnungsauflösung, und mein Mann … zum Nachdenken kam ich nicht, ich habe einfach funktioniert.
Nachdem mein Mann dann im November endlich in eine Klinik ging, hätte ich aufatmen und trauern können, aber die Ereignisse rissen nicht ab, meine Nichte erkrankte an Leukämie und meine Schwester (ihre Mutter) an Brustkrebs. Also ging der Stress einfach nur weiter, nur die Entfernungen waren etwas größer, da meine Schwester in einer anderen Stadt lebt.
Meine Kinder drehten in der Schule durch, der mittlere kam in die Klinik, der jüngste „nur“ auf eine E-Schule und ich war nur noch unterwegs. Heute wunderts mich, dass unser Haus in der Zwischenzeit nicht zusammengefallen ist. Ich weiß nicht, wie ich das damals alles geschafft habe. Zwei bis dreimal die Woche in die Klinik, min. zweimal zu meiner Schwester und Nichte, Gespräche mit den Lehrern meines jüngsten, Therapeuten des mittleren und Betreuern meines Mannes und nebenbei musste ich ja auch noch arbeiten und den Haushalt machen. Aber es hat funktioniert, ich habe funktioniert, immer und immer wieder. Und jedes Jahr zum Ende des Jahres haben wir gesagt, das nächste kann nur besser werden, aber es wurde nicht besser.
Erst seit 2009 habe ich etwas mehr Zeit, meine Nichte und auch meine Schwester waren über dem Berg, der mittlere war wieder zuhause, nachdem nach den vielen Jahre klinischer Irrfahrt endlich jemand festgestellt hat, dass er Autist ist, trotzdem hat er seinen Realschulabschluss und auch den Führerschein geschafft. Nur seine erste Ausbildung wurde arbeitgeberseitig beendet, weil keiner mit seiner Art klar kam. Erst danach kam endlich die Erkenntnis, dass er Asperger ist und auch ich musste wieder viel Neues lernen, aber es wurde immer besser. Und heute ist er genau wie der Kleine im zweiten Ausbildungsjahr und es sieht aus, als würde alles gut.
Aber ich schweife ab, in der Zwischenzeit bekam mein Vater mehrere Schlaganfälle und wurde Aphasiepatient. Den Umzug aus seiner 120 qm Wohnung in eine kleinere haben wir alle zusammen gemeistert, meine Schwester und ich sind nach Bayreuth und Wien gefahren, die Sachen in Museen und Auktionen zu bringen. Irgendwann hatten wir dann auch die Pflegestufe geschafft, meine Schwester hat ihn betreut und ich bis zu meiner OP im April 2011 habe sie dabei unterstützt, alles gut.
Seit Anfang 2009 habe ich auch wieder einen Mann an meiner Seite, den ich einfach nicht los werde, egal was er bisher bei uns mitmachen musste: Polizei, weil der Große durchgedreht ist, immer wieder Theater und Krach mit dem „Kleinen“, der das Leben so satt hatte und meine Erkrankung.
2011 starb mein Vater (Mama ist seit 1995 tot) und irgendwie konnte ich nicht trauern, ich fühlte mich einfach nur leer und ausgebrannt. Über meine Krankheit mit Rollstuhl und so red ich jetzt nicht, dass ist hoffentlich bald Geschichte. Aber das mit meinem Vater machte mir doch Angst, irgendwie hatte ich das Gefühl, als ob er nie existiert hätte.
2012 lief eigentlich bis August recht ruhig, ich hatte auch die zweite OP gut überstanden und alles schien gut. Mein Mann und ich waren zum Kaffee verabredet, er hatte sich endlich wieder gefangen und nahm wieder komplett am Leben teil. An diesem Tag rief er mich an und meinte, mir geht’s nicht so gut, ich kann nicht kommen. Ok, dann bis später. Zwei Tage später habe ich angerufen, da ich endlich wieder Auto fahren durfte, aber er ging nicht ans Telefon. Die Woche drauf rief mich dann eine Betreuerin an, dass er einen Herzanfall gehabt hätte und im Krankenhaus sei. Ich also mal wieder in eine Klinik. Er lag auf der Intensivstation, angeschlossen an zig Geräte. Der Oberarzt erklärte mir dann, dass er während der OP mehrere Schlaganfälle gehabt hätte und sie jetzt langsam die Narkose ausschleichen lassen würden, damit er wach würde, aber er wurde nicht mehr wach.
Naja, ich will jetzt nicht alles erzählen, was da abging, der Kleine (grad 18 geworden) war fix und fertig und plötzlich brach aus ihm auch alles aus den letzten Jahren heraus. Wie viel er insgeheim gelitten hatte, wusste ich zwar, aber da er nie reden konnte, war es sehr schwierig gewesen. Seine Ausbildung und seine Flucht in die Spielewelt hielten ihn aber doch und halfen ihm. Noch während mein Mann im Koma lag, erhielt ich die Nachricht, dass meine Freundin mit 48 Jahren plötzlich umgefallen und gestorben war. Am 10. Oktober ist dann mein Mann gestorben und am 12. war die Beerdigung meiner Freundin, um die ich mich in den letzten Monaten seit meiner OP nicht mehr gekümmert hatte.
Aber auch das habe ich wohl alles immer nur verdrängt, ja nicht dran denken, da kommen viel zu viele Emotionen hoch. Und dann gestern diese Nachricht. Gut, ich kannte den Mann meiner Kollegin nicht, aber …
Ja keine Schublade aufspringen lassen, sonst lande ich noch im Irrenhaus. Aber ich habe ja so viel zu Hause zu tun, das schaff ich auch wieder einzupacken, bestimmt!
Ich kann doch jetzt nach fast 10 Jahren nicht anfangen, über den Tod meines Sohnes nachzudenken, das ist doch so lange her, da heult man doch heute nicht mehr.
Oh man, ist das alles Scheibe