Hallo Anais,
Selbstmorde hinterlassen bei den Angehörigen oftmals nicht nur unfassbare Betroffenheit sondern auch Schuldgefühle. Schuldgefühle können auch zu mehr oder weniger offensichtlichen Selbstbestrafungen führen, die eigenartige Formen annehmen.
Ein Teil der jetzigen Schwierigkeiten kann damit zusammenhängen, dass du es dir nicht mehr wert bist, dass es dir gut gehen darf. Vielleicht brauchst du eine neutrale Person, mit der du das herausfinden kannst. Trauerbegleitung für Hinterbliebene z.B. Vielleicht gibt es in deiner Nähe eine Hospizgruppe, dort könntest du erfahren, wie du Hilfe erhalten kannst.
Die andere Sache ist, dass gerade der Tod einer nahestehenden Person Prozesse auslösen kann, die das eigene Leben plötzlich schärfer unter die Lupe nehmen. Das muss erst mal gar nicht besonders bewusst sein, dass es darauf hinausläuft.
Man beginnt, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, man ist wie aufgerüttelt und dort wo man andauernd nur Kompromisse gelebt hat, ist man nicht mehr bereit dazu. Das führt dazu, dass man Kontakte hinterfragt, die eigentlich nur mitgeschleift sind sozusagen. Also z.B. Menschen, die man Freunde nennt, die aber nie etwas von sich preis geben, sprich, Menschen, mit denen gar kein Vertrauensverhältnis existiert. Wozu sollte man also solche oberflächlichen "alles ist ok" - Kandidaten weiterhin zu seinen Freunden zählen, wenn es immer nur im oberflächlichen und nichtssagenden Bereich bleibt?
Die erste Frage ist dann aber nicht, wer es alles ehrlich mit dir meint, sondern eher, wieviele Kompromisse bist du eingegangen, wieviel Nichtssagendes hast du zugelassen, in dein Leben gelassen? Wer bedeutet dir wirklich etwas? Wem bringst du echtes Vertrauen entgegen? Etc.
Wenn du das Gefühl hast, dass du mit niemandem mehr über dich sprechen kannst, dann heißt das doch auch, dass dir niemand vertrauenswürdig erscheint. Das würde ich zunächst mal ganz ernst nehmen, es ist ja dein Gefühl, das kommt nicht aus dem Nichts.
Andererseits neigt man in Stresssituationen auch zur Überreaktion, zur Übertreibung. Mit viel Achtsamkeit und vielleicht mit ein paar Gesprächen mit einer neutralen Person könntest du das herausfinden. Du musst dir selbst die Zeit geben, die so etwas braucht. Du beobachtest deine neue Wahrnehmung doch auch sehr gut, das ist ein guter Anfang.
Es hat etwas von einem großen Reinemachen an sich und die Möglichkeit, dass nach einer solchen Aktion nicht mehr viel übrig bleibt, ist sehr groß. Das kann sich zunächst sehr schockierend anfühlen, aber eigentlich geht es darum, mehr Echtheit und mehr Klarheit in sein Leben zu holen.
Große Zusammenbrüche sind harte Zeiten, aber eigentlich geht es vorallem darum, sich von unnötigem Ballast zu befreien. Das wird einem aber erst bewusst, wenn der Prozess vorbei ist.
Es geht darum mehr Wahrhaftigkeit in sein Leben zu bringen, das bedeutet oft, dass man erst einmal mit einem Vergrößerungsglas den Ist-Zustand wahrnimmt. Das fühlt sich oft nicht so beglückend an, weil man vieles in Frage stellt.
Auf mich machst du den Eindruck, als wärst du dabei tiefe Veränderungen vorzunehmen. Das Wichtigste ist, dass du dich damit selbst ernst nimmst.
LG