Ich finde, du bist zu hart zu dir selbst.
Softwareentwickler ist was das berufliche Ansehen betrifft mittlerweile doch quasi auf einer Stufe mit Rechtsanwalt oder Arzt. Bei mir kriegen jedenfalls immer alle große Augen, wenn ich sage, dass ich Softwareentwicklerin bin. Software muss außerdem nicht immer langweilig sein. Es gibt schließlich auch Produkte, die durchaus wichtig sind. Etwa in der Medizin, Luftfahrt, bei Banken, Industrie 4.0, auch die Zukunft des Autos liegt in Software. Da wird sich doch gewiss irgendetwas finden, wofür du dich begeistern kannst.
Es kann sein, dass du nicht direkt auf deine Wunschposition kommst. Aber dann merkst du dir, wo du hin willst und suchst dir das Nächstähnliche.
Es gibt neben ADHS übrigens auch ADS, ohne das H. Das habe ich, ich bin ebenfalls superschnell abgelenkt. Auch ich habe aber diese Spitzenzeiten. In meinen Augen sogr intensiver als "normale" Kollegen. Diese Spitzenzeiten nutze ich dann, um volle Power zu bringen. Und achte eben darauf, dass ich in Firmen und Projekten komme, die mich interessieren, bzw. die mich zwar nicht immer interessieren, aber bei denen ich weiß, dass sie ein gutes Sprungbrett sind hin zu wo ich wirklich hin will.
In Spitzenzeiten notiere ich mir einfach immer, wie ich was programmieren will. So Pseudocode mäßig, mit leeren Klassen und Methodenkörpern, manchmal auch nur auf dem Papier existent. Wenn der Plan erst mal steht, kann ich auch bei schlechter Konzentration weiterarbeiten, etwa indem ich die einfacheren Methoden schon mal ausimplementiere, bis ich mich wieder besser konzentrieren kann und zu den schwierigeren Teilen übergehe. Oder ich nutze konzentrationslose Zeiten, um Kollegen zu helfen, Fehler zu fixen, die mir auch schon ein paar Mal über den Weg gelaufen sind.
Weißt du, ich kann dich schon irgendwie verstehen. Dank ADS und psychischen Problemen hatte ich auch eeewig studiert, war erst mit Ende 20 mal fertig (mit dem B.Sc. den Master mache ich im Schneckentempo neben dem Job). Das nagt natürlich sehr am Selbstbewusstsein. In meinen Traumjob kam ich nicht rein, da hätte ich schon in Regelstudienzeit nen 1er Schnitt samt Master gebraucht, um da direkt genommen zu werden. Also habe ich eben eine Stelle bei einem Dienstleister angenommen, der schon mal in die richtige Richtung geht, um Erfahrung zu sammeln.
Mir geht es jedenfalls besser, seit ich die Karriere nicht mehr so wichtig nehme. Ich starte morgens meinen Rechner, gebe so viel, wie ich heute eben kann und abends fahre ich ihn wieder herunter. Es gibt Tage, da habe ich viel geschafft und solche, da hätte ich auch gleich im Bett bleiben können. Aber mit weniger Eigendruck klappt es schon besser.
Und: nur weil du jetzt noch nicht so weit gekommen bist wie andere, muss das nix für die Zukunft heißen. Als ich vor 5 Jahren endlich mit dem Studium fertig war, fühlte ich mich auch als Versager. Aber ich habe die letzten 5 Jahre Gas gegeben (so gut es eben ging) und überall versucht, das Positive zu sehen, selbst wenn mal was nicht so lief. Chancen ergriffen, wenn sie mir über den Weg liefen (etwa besserer Job). Haben früher noch manche über mich und meinen beruflichen Misserfolg gelacht, ist ihnen das Lachen längst vergangen. Dabei war der berufliche Aufstieg so gar nicht geplant, der kam mit der Zeit von alleine. Ich habe mich einfach immer mehr in Bereiche vertieft, die mich schlicht interessierten und ja, irgendwie ging es dann steil nach oben.
Und glaub nicht alles, was andere alles sagen. Wer weiß schon, was der eine an dem Satelliten gearbeitet hat. Vielleicht war seine "Arbeit" derart wertvoll, dass der Satellit noch 3 Monate früher ins All geschossen worden wäre, wäre er einfach "krank" zuhause im Bett geblieben. Oder er macht was eigentlich völlig triviales. Du glaubst nicht, wie viele Leute ich kenne, die nach außen hin totale Großkotze sind, aber kennt man mal Kollegen von denen, hört man ganz anderes...
Daher: geh in Therapie, versuche, aufzuklären, ob du AD(H)S hast und was man ggf. dagegen tun kan. Gib einfach von jetzt an das Beste (im Rahmen deiner Möglichkeiten) und halte die Augen offen nach Chancen.