Leere?Zukunft
Urgestein
Du hast es wirklich nicht leicht gehabt in deinem Leben....Ich habe übrigens im Grunde gar keine Angehörigen mehr. Meine Schwester ist psychisch so schwer krank, dass ich den Kontakt vor zehn Jahren zu meinem Selbstschutz abbrechen musste. Sie lebt zwar noch, aber ich habe sie an ihre Krankheit verloren. Meine Eltern und die Großeltern sind schon lange tot. Meine Großeltern mütterlicherseits starben bereits in den 1930er Jahren, ich habe sie nie kennen gelernt. Onkel und Tanten sind auch alle tot. Eine Halbcousine im Pflegeheim (vom Alter her - 85 - könnte sie eher meine Mutter sein) wohnt 160 km von hier entfernt. Zwei Cousinen in einem anderen Bundesland, ca. 2 - 2 1/2 Autostunden von hier, die seit jeher nur miteinander und mit anderen konkurrieren. Die eine protzte und stichelte nur, die andere hielt schon immer sehr auf Distanz mit ihrer Familie, nicht nur zu mir, auch zu anderen Verwandten. Da gab es keine emotionale Nähe. Zu den beiden habe ich keinen Kontakt mehr. Sie legen darauf auch keinen Wert. Spätestens seit herauskam, dass meine Schwester psychisch krank ist (vermutlich Schizophrenie), war ihnen meine Herkunftsfamilie wohl nur noch peinlich.
Ab und zu habe ich nur zu einer einzigen Cousine noch Kontakt, die kaum älter ist als ich. Sie wohnt ebenfalls 160 km von hier entfernt, allerdings in ganz anderen Lebensverhältnissen. Sie hat es als Einzelkind immer vergleichsweise bequem gehabt. Hauptschulabschluss, Frauenfachschule, sozialer Beruf. Arbeitsplatz vor der Haustür hat Papi ihr besorgt. Arbeitet seit rund 30 Jahren nur noch Teilzeit, obwohl sie nur einen 30-Jährigen Söhn hat. Nur knapp zwei Jahre nach ihrer Trennung von einem Alkoholiker (ich hätte den Typen nie geheiratet, er hatte schon vor der Heirat Geld aus der Kasse seines Arbeitsgebers geklaut und daraufhin die fristlose Kündigung erhalten) hatte sie schon wieder den nächsten Lebensgefährten. Mit dem ist sie nun fast 26 Jahre zusammen und baut darauf ihr ganzes Selbstwertgefühl auf. Ihr Elternhaus hat sie natürlich als Einzelkind wie selbstverständlich geerbt.
Ich dagegen habe nach dem Tod meiner Mutter meinen Erbteil, zu dem auch mein Elternhaus gehörte, mit hohen finanziellen Verlusten an einen Nachbarn verkaufen müssen, weil ich anders nicht aus der Erbengemeinschaft mit meiner psychisch kranken Schwester herausgekommen wäre. Sie hat in ihrem ganzen Leben nie gearbeitet, wollte allein in dem Haus wohnen bleiben, aber ich sollte alles, auch ihren Lebensunterhalt, bezahlen. Das ging nicht. Ich wohne 75 km von meinem Heimatort entfernt selber zur Miete. Übergangsweise hatte ich nach dem Tod der Mutter noch viel für das Haus bezahlt, Abgaben, Heizöl und anderes, obwohl ich es gar nicht bewohnte. Hatte meiner Schwester damals auch eine fünfstellige Euro-Summe überlassen, die noch auf dem Konto unserer Mutter war. Davon konnte sie etwa ein Jahr lang leben. Ich wollte ihr mit Rücksicht auf ihre Krankheit nicht sofort den Boden unter den Füßen wegziehen. Die Beerdigungskosten habe ich von meinem eigenen Geld bezahlt, obwohl das Geld meiner Mutter dafür ohne weiteres ausgereicht hätte. Zahle auch die Grabpflege - übrigens auch noch für eine andere Grabstätte, in der meine Großeltern väterlicherseits und eine Tante bestattet sind. Aus Sicht meiner Schwester ist das alles selbstverständlich. Finanziell habe ich unter Berücksichtigung all dessen, was ich bezahlt habe und noch bezahle, weniger als meinen Pflichtteil erhalten.
Beruflich habe ich mir alles hart erkämpfen müssen. Habe als erste in der Familie Abitur gemacht und studiert und bin heute Juristin in einer großen Behörde. Habe als Beamtin ein gutes und sicheres Einkommen. Geschenkt worden ist mir aber nichts auf dem Weg dorthin. Während ich 1993 im 2. juristischen Staatsexamen war, starb mein Vater an Lungenkrebs. Meine Mutter war von 1971 (da war ich acht, meine Schwester knapp sechs) bis zu ihrem Tod 2011 chronisch krank (Diabetes, Herz etc.).
Um alledem die Krone aufzusetzen, ist nun auch noch mein Partner, mit dem ich aus bestimmen Gründen sowieso nur eine Wochenendbeziehung führen konnte, Ende Mai 2022 plötzlich und unerwartet im Alter von erst 60 Jahren verstorben. Wir waren elf Jahre zusammen.
Die Cousine, die ich oben erwähnte, weiß dies alles, blendet es aber aus und will nicht wahrhaben, um wieviel besser sie es immer hatte. Klar, ihre Eltern sind auch tot, wurden aber beide über 80, und bei ihrem Tod hatte sie selbst schon ihren Sohn und ihren Lebensgefährten, ihren Teilzeitjob und auch noch Unterstützung durch weitere Verwandte und ihre beste Freundin vor Ort. Sie musste weder beruflich noch um ihr ererbtes Haus kämpfen. Dass ich im Gegensatz zu ihr Abitur gemacht und erfolgreich studiert habe, passt ihr aber trotzdem nicht. Bei Themen, die mit meinem Beruf zusammenhängen, wird immer auffallendes Desinteresse demonstriert. Nachdem ihr langjähriger Lebenspartner ihr kürzlich einen Heiratsantrag gemacht hat (angeblich mit Kniefall), hat sie erst recht Oberwasser. Dies musste sie mir ausgerechnet am Abend des 2. Weihnachtsfeiertags erzählen während eines Anrufs - in dem Wissen um die Rahmenbedingungen meines Lebens und darum, dass es das erste Weihnachtsfest ohne meinen Partner war. Mich hat das über mindestens 14 Tage wieder in meiner Trauerbewältigung zurückgeworfen. Die Wahl des Zeitpunkts für die Mitteilung (Hochzeitstermin steht noch gar nicht fest) und die Erwähnung der Details kommt mir unsensibel und geradezu gemein vor.
Ich habe noch über meinen Vater viele Verwandte in Kanada. Ein Großonkel väterlicherseits war nämlich vor fast 100 Jahren dorthin ausgewandert, hat später dort geheiratet und hatte mit seiner Frau sechs Kinder, die ihrerseits schon längst wieder Kinder (viele davon etwa in meinem Alter) und Enkel haben. Sie haben am Tod meines Partners mehr Anteil genommen als die besagte deutsche Cousine, die sich seither auch nicht häufiger bei mir meldet als vorher. Ich hatte die kanadischen Verwandten 2017 schon einmal besucht - sie wohnen über die Provinz British Columbia verteilt - und sie haben mich für diesen Sommer wieder eingeladen. Ihnen tut es auch Leid, dass mein Partner viel zu früh und so plötzlich verstorben ist. Ich möchte sie auch im kommenden Sommer wieder besuchen und hoffe, dass mir wenigstens dieser Besuch vom Schicksal vergönnt ist.
Wenn man noch mehrere nahe Angehörige hat (Mutter, Partner, sogar ein Kind), mit denen ein Kontakt möglich ist und man sich gut versteht, ist aus meiner Sicht kein Anlass zur Panik gegeben. Eher ein Grund zu großer Dankbarkeit. Dass Eltern, Großeltern etc. eines Tages vor ihren Kindern bzw. Enkeln sterben, ist der normale Lauf des Lebens. Und wenn sie ein normales Alter von, sagen wir, über 80 Jahren erreichen durften, ist das in meinen Augen auch kein wirklicher Schicksalsschlag. Schicksalsschläge sind nur Ereignisse, die in dieser Form nicht jeden treffen (zu früher Tod, plötzlicher Tod oder Tod zu einem Zeitpunkt, zu dem man schon mit anderen Dingen überdurchschnittlich belastet ist, keine Unterstützung durch andere hat etc.).
Ich finde es toll,dass du nicht unterkriegen lässt.Auch super,dass du nach Kanada willst.
Ich wünsche dir von Herzen,dass es klappt!
Liebe Zimtschnecke9,
wie du siehst ,gibt es viele Menschen,die viel durch machen müssen.
Das lindert im Moment nicht euren Schmerz.
Im Grunde genommen ist es der Lauf der Zeit,dass man irgendwann seine Eltern verliert,auch wenn wir das alle nicht möchten und versuchen zu verdrängen.
Meine Mutter ist 86 Jahre alt und wohnt auch sehr weit weg von mir,so dass ich sie nur selten sehe.
Wir genießen jedes Mal die Zeit,wenn wir uns sehen.
Wie gesagt,deine Mutter hat euch, unterstützt euch gegenseitig.Seid gegenseitig für euch da und es wird langsam wieder leichter werden.