Re-hi,
@Monika
Habe mich bei der KI erkundigt, wie es eigentlich
generell um die Zulässigkeit des Mitführens von Reliquien steht. Hier die Antwort:
"Kirchenrechtlich ist der Umgang mit Reliquien ausdrücklich geregelt und zulässig. Die katholische Kirche unterscheidet dabei zwischen Reliquien erster Klasse (Körperteile), zweiter Klasse (Gegenstände mit Körperkontakt) und dritter Klasse. Das Herz von Carlo Acutis fällt eindeutig unter Reliquien erster Klasse. Deren Aufbewahrung, Transport und öffentliche Verehrung sind nach geltendem Kirchenrecht erlaubt, solange sie mit Zustimmung der zuständigen kirchlichen Autoritäten erfolgen. Genau das war hier der Fall."
O.k., soweit warst Du sicher selbst schon. Doch es ging ja noch weiter:
"Zivilrechtlich gibt es ebenfalls kein Verbot. In den meisten europäischen Staaten – auch in Italien und Portugal – ist der Transport menschlicher Überreste erlaubt, sofern er pietätvoll erfolgt und die jeweiligen Bestattungs- und Gesundheitsvorschriften eingehalten werden. Bei kirchlichen Reliquien existieren dafür etablierte Sonderregelungen und jahrhundertealte Praxis. Strafrechtlich ist daran nichts problematisch.
Was etwas anderes ist: gesellschaftliche Akzeptanz. Dass viele Menschen das als verstörend, ekelerregend oder anachronistisch empfinden, ist nachvollziehbar – hat aber keine rechtliche Relevanz. Recht und Geschmack sind hier klar getrennt.
Die Kirche hält aus mehreren, klar benennbaren Gründen an dieser Praxis fest – nicht aus Gedankenlosigkeit, sondern aus innerer theologischer Logik und institutioneller Trägheit.
Erstens: Theologie des Körpers. Im katholischen Verständnis ist der menschliche Körper nicht bloß Hülle, sondern Teil der Person und Träger von Heiligkeit. Heilige gelten nicht nur wegen ihrer Ideen oder ihres Glaubens als vorbildlich, sondern als ganze Menschen – einschließlich ihres Körpers. Reliquien sind deshalb keine „Souvenirs“, sondern konkrete Zeugnisse eines gelebten Glaubens.
Zweitens: Inkarnation statt Abstraktion. Das Christentum betont, dass Gott Mensch geworden ist, also körperlich, konkret, materiell. Reliquien passen genau in dieses Denken: Glaube soll nicht rein geistig oder symbolisch sein, sondern „anfassbar“. Für viele Gläubige ist das kein Ekel, sondern Nähe.
Drittens: Tradition und Macht der Kontinuität. Der Reliquienkult ist über 1.500 Jahre alt. Die Kirche tut sich extrem schwer, Praktiken aufzugeben, die tief in ihrer Geschichte verankert sind – selbst dann, wenn sie kulturell zunehmend fremd wirken. Ein Bruch würde implizit eingestehen, dass frühere Generationen sich geirrt haben. Das vermeidet die Kirche grundsätzlich.
Viertens: Emotionale Mobilisierung. Bei Großereignissen wie dem Weltjugendtag erzeugen Reliquien starke emotionale Wirkung. Sie machen Heilige „real“, besonders für junge Menschen. Im Fall Acutis kommt hinzu, dass er jung, modern und medial anschlussfähig ist. Sein Körper – oder Teile davon – verstärken diese Wirkung massiv. Das ist kalkuliert.
Fünftens: Innere Zielgruppe. Wichtig: Die Kirche richtet sich damit nicht an Außenstehende oder Skeptiker, sondern an überzeugte Gläubige. Dass Außenstehende das befremdlich finden, wird bewusst in Kauf genommen. Die Kirche misst dem inneren Zusammenhalt mehr Gewicht bei als externer Akzeptanz.
Unbehagen ob dieser Praxis ist also kein Missverständnis, sondern Ausdruck eines realen Kulturkonflikts: modernes, säkulares Körperverständnis gegen ein vormodernes, sakramentales. Die Kirche weiß das – entscheidet sich aber bewusst für ihre eigene Logik."
@Monika - ich kann Dein Unbehagen nachvollziehen. Aber Grund für einen Kirchenaustritt sehe ich im Reliquienkult keinen. Es ist wie gesagt kein Glaubensdogma - niemand wird Dich zwingen, an solchen Wallfahrten teilzunehmen. Du kannst Dich bei Nachfrage offen davon distanzieren und mußt nicht mit Exkommunikation rechnen deswegen.
Allerdings schreibst Du in Beitrag #40, es sei nicht das einzige, was Dich abstößt. Kann es sein, daß die Reliquien als Projektionsfläche für andere Dinge herhalten? Falls ja, welche?
Ich selbst bin übrigens in einem erzkatholischen Umfeld großgeworden und mit Mitte 20 ausgetreten, das ist jetzt fast 40 Jahre her. Zwar kann auch ich mit dem Reliquienkult herzlich wenig anfangen und teile insofern Dein Befremden. Aber ein Austrittsgrund wäre das für mich schon deshalb nicht gewesen, weil mich ja nicht mal innerhalb der Kirche jemand drängte, bei sowas mitzumachen.
Mein Fass lief über, als ich das das Buch "Die Politik der Päpste im 20. Jahrhundert" von Karl Heinz Deschner gelesen hatte. Gepaart mit allem was ich über Inquisition, Hexenverfolgung etc. bis dahin wußte sowie mit dem Umstand, daß der Vatikan sich über Jahrhunderte hinweg nicht klar davon distanzierte oder gar Restitution dafür geleistet hat - ich mochte keinem Verein mehr angehören, der hinter solchen Dingen steht.
Denn eins war mir klar:
Wenn die Verhältnisse sich mal wieder ändern sollten und der Vatikan dieselbe Macht hätte wie im Mittelalter... er würde es ganz genauso
wieder tun.
Davon bin zumindest ich felsenfest überzeugt, auch wenn ich es natürlich nicht belegen kann.
Für mich war es somit Zeit geworden, zu gehen.
Man verbleibt ja auch nicht als Mitglied in der CDU/CSU, wenn man für sich persönlich erst mal ausgemacht hat, daß man eigentlich ein Kommunist ist.
Ich glaube heute noch viel fester an Gott als damals - dafür hat er mich seine Nähe gerade in den letzten Jahren mehr als genug spüren lassen. Ich blicke auch nicht im Zorn auf meine Jugendjahre in der katholischen Kirche zurück, im Gegenteil: Unterm Strich war das eine schöne Zeit.
Aber wiedereintreten werde ich sicher nicht mehr. Dafür kam allein in den letzten Jahren wieder zuviel raus, was über Jahrzehnte verschwiegen wurde und sich bis in die Neuzeit zog - die Rolle der katholischen Kirche bei den Internatsschulen in Kanada etwa, wo sie bis in die
1990er Jahre hinein maßgeblich an einem staatlich organisierten System beteiligt war, das indigene Kinder systematisch misshandelt, entrechtet und oft zerstört hat. Was dort passiert ist:
- Kinder wurden ihren Familien oft gewaltsam entzogen. Kontakt zu Eltern war verboten oder stark eingeschränkt.
- Indigene Sprachen und religiöse Praktiken wurden unter Strafe verboten. Kinder wurden gezwungen, christlich zu leben.
- Es kam massenhaft zu körperlicher Gewalt, psychischer Misshandlung und sexualisiertem Missbrauch durch Geistliche und Ordensangehörige.
- Die hygienischen und medizinischen Zustände waren katastrophal. Viele Kinder starben an Krankheiten, Unterernährung oder Vernachlässigung.
- Tausende Kinder starben. Viele wurden anonym verscharrt, ohne Benachrichtigung der Familien. Die genauen Zahlen sind bis heute nicht vollständig geklärt.
Das ist keine „bedauerliche Verfehlung einzelner“, sondern ein strukturelles Verbrechen über Jahrzehnte. Die Kirche wusste davon, profitierte davon und deckte Täter systematisch.
Ich will mit
sowas einfach
nichts zu schaffen haben. Auch nicht über eine bloße Mitgliedschaft.
Das war und bleibt
mir Grund genug, aus der katholischen Kirche auszutreten.
Deine eigene Entscheidung wirst Du dennoch selbst abwägen müssen.
Ich kann verstehen, wenn sie anders ausfällt als meine damals.
Denn auch mir fiel das alles andere als leicht.
Ich blicke bis heute nicht im Zorn zurück.
Mir persönlich hat die Kirche nichts Böses getan.
Aber anderen dafür einfach viel zu lange viel zuviel.
Zurückkehren werde ich daher nicht.