Was ich spannend finde ist die heutige Selbstverständlichkeit für soziale Systeme.
Ich bin Anfang des Jahrtausends zum ersten Mal mit Sozialhilfe in Berührung gekommen. Damals waren die Flure der Ämter voll mit verschämten, oft älteren Menschen, die einem Leid taten. Fast entschuldigend sprachen sie vor, erklärten ihre Notlage und hatten zuvor schon Monate lang versucht ohne Hilfe klar zu kommen.
Es war die Generation, die manchmal noch den Krieg erlebt hatte und sich fürs nichts zu schade war. Kleidung wurde geflickt, Teebeutel mehrfach verwendet und wer ländlich wohnte, fragte den benachbarten Bauern, ob man nach der Ernte die übrigen Kartoffeln vom Feld sammeln dürfte. Es war wirklich Armut aber auch ein tiefes Ehrgefühl, Hilfe nur in absoluter Not annehmen zu wollen.
Viele Jahre später hatte sich das gewandelt. Die Gänge waren voll von jungen Menschen, oft Männer, oft Migrationshintergrund. Die Wände waren verschmutzt, Schuhabdrücke auf Hüfthöhe, am Eingang Security weil Antragssteller mehrfach gewalttätig geworden waren. Ein mir bekannter Mitarbeiter wurde damals mit einem Messer angegriffen.
Diese Generation sieht soziale Hilfen als "Versicherungsleistung", selbst wenn sie nie eingezahlt haben. Jede Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen und jede immer bedingungsloseres Bürgergeld treibt das voran. Selbstverantwortung, Ehrgefühl, private Vorsorge? Kaum. Dafür das neuste Smartphone und maximales Melken des Staates. Im Gedächnis blieb mir ein Antragssteller, der Gardinenstopper wollte. Das sind diese kleinen Plastikendstücke damit Gardinen nicht aus der Schiene rutschen. Ich selber zuhause habe dort einfach etwas Papier reingestopft, klappt auch. Hätte die alte Generation Gardinenstopper beantragt? Niemals! Aber heute ...
Dieser Wandel beunruhigt mich und ich kann deswegen Vorstöße wie in Italien verstehen. Es gibt eine offenbar steigende Zahl von Menschen, die sich wenig mit dem Staat identifizieren, die auch niemals einen freiwilligen oder pflichtigen Dienst antreten würden. Menschen, die entweder keinerlei kulturellen Wurzeln in Deutschland haben oder über Generationen Hartz 4 Empfänger sind, die dem Staat die Schuld an allem geben und Bauernfängern von links und rechts nachlaufen. Mal sind die Kapitalisten Schuld, mal pauschal die Ausländer, aber man selber hat nie Verantwortung, nie Ehre, sieht sich nie in der Pflicht.
Diese Gesellschaft braucht Zusammenhalt, keinen Klassenkampf, kein Whataboutism. Es braucht Unternehmer, die soziale Verantwortung übernehmen und ohne Mindestlohngesetze, faire Löhne zahlen. Aber es braucht andererseits auch Menschen mit Ehre, die den Staat nicht als Beute ansehen, sie im Staat mitmachen, die sich mit ihm identifizieren.