Anzeige(1)

  • Liebe Forenteilnehmer,

    Im Sinne einer respektvollen Forenkultur, werden die Moderatoren künftig noch stärker darauf achten, dass ein freundlicher Umgangston untereinander eingehalten wird. Unpassende Off-Topic Beiträge, Verunglimpfungen oder subtile bzw. direkte Provokationen und Unterstellungen oder abwertende Aussagen gegenüber Nutzern haben hier keinen Platz und werden nicht toleriert.

27, keine Nähe, keine Wurzeln – manchmal völlig lost

Cursebearer

Mitglied
Hallo zusammen,
ich bin 27 Jahre alt und werde momentan von einer tiefen inneren Leere und Orientierungslosigkeit überrollt. Ich merke, wie stark mich meine Kindheit bis heute prägt – und es tut weh, das endlich zuzulassen.

Ich bin in einem sehr instabilen, lauten Haushalt aufgewachsen. Es wurde viel herumgeschrien, Grenzen wurden regelmäßig ignoriert, und auch körperliche Gewalt kam vor – nicht so, dass es äußerlich sofort als Missbrauch aufgefallen wäre, aber eben doch so, dass man ständig auf der Hut war. Ich wurde oft abgewertet, meine Interessen wurden klein gemacht, meine Entscheidungen lächerlich gemacht oder gar nicht ernst genommen. Als ich einmal einen anderen Bildungsweg als den „klassischen“ vorgeschlagen habe, wurde ich wochenlang angeschrien. Alles, was nicht in ihr Bild gepasst hat, war automatisch falsch.

Heute wohne ich in einer Immobilie, die meiner Mutter gehört. Ich habe das Gefühl, dass sie sie unter anderem deshalb gekauft hat, um mich an sich zu binden. Ich studiere Vollzeit in einem anspruchsvollen naturwissenschaftlichen Bereich. Finanziell bin ich aktuell auf Studienbeihilfe angewiesen – nicht auf Geld meiner Eltern. Ich habe versucht, nebenbei zu arbeiten, um schneller unabhängig zu werden, aber durch die begrenzte Anzahl an geförderten Semestern war das einfach nicht machbar: Die Arbeitszeit hat mir die nötige Zeit für die Prüfungsvorbereitung genommen. Ich stehe dadurch unter enormem Druck, das Studium rechtzeitig abzuschließen, ohne mich komplett zu überfordern – und das alles innerhalb eines psychisch extrem belastenden Umfelds.

Was mich aber aktuell am meisten belastet, ist ein Gedanke, der immer wiederkommt:

Es war nie „alles gut“. Und es wird auch nie „alles gut“ werden.
Ich werde sterben, meine Eltern auch – und es wird niemals diesen versöhnlichen Moment geben, kein echtes Verstehen, keine Nähe, kein „heilsamer Abschluss“.

Das tut weh auf eine Weise, die ich schwer beschreiben kann. Ich bin nicht mal wütend – ich fühle mich eher taub. Und gleichzeitig trauere ich um die Version von mir, die ich hätte sein können, wenn ich in einem unterstützenden, liebevollen Umfeld groß geworden wäre.

Ich hatte noch nie eine echte Beziehung. Nur lose sexuelle Kontakte, weil ich Nähe oft abblocke, selbst wenn ich sie mir eigentlich wünsche. Ich bin kommunikativ, nicht extrem schüchtern – aber ich halte Menschen auf Abstand, aus einem Reflex heraus. Und dann frage ich mich:

Was stimmt nicht mit mir?

Ich weiß, dass andere schlimmere Dinge erlebt haben, aber trotzdem fühlt es sich oft so an, als würde mich mein Hintergrund zerfressen. Ich habe so viele Schutzmuster aufgebaut, dass ich kaum mehr weiß, was davon ich selbst bin – und was einfach nur Überleben war.

Gibt es hier Menschen, denen es ähnlich geht?
Wie geht ihr mit der Erkenntnis um, dass eure Kindheit nicht mehr heilbar ist?
Und wie gelingt es euch, trotzdem Beziehungen und ein eigenes Leben aufzubauen, das sich richtig anfühlt?

Danke fürs Lesen.
 
Und wie gelingt es euch, trotzdem Beziehungen und ein eigenes Leben aufzubauen, das sich richtig anfühlt?
Ich bin in einem Lehrer-Haushalt aufgewachsen. Es zählte nur Leistung, Charakter war egal. Es gab so unfassbar viel Gewalt, denn schlechte Leistung oder Ungehorsam wurde immer doppelt bestraft: Arschvoll bis der Teppichklopfer auf dem eigenen blutenden Hintern zerbrach und natürlich monatelang Stubenarrest. Das nannte nur mein Vater anders: Er gab uns die Gelegenheit zu lernen. Meine Mutter tat stets so, als wäre nie etwas passiert, totale Ignoranz. Mit 18 J. bin ich von zu Hause quasi geflohen, raus raus raus war die Devise.

Dann habe ich mir meine Prägung ansehen und habe für mich festgestellt, dass das nicht die für mich richtigen Werte im Leben sind. Ich habe mit 28 J. eine Therapie gemacht, die mir quasi das Leben rettete. Ich habe mich wirklich kennen gelernt, konnte meine Werte viel besser benennen und bin nun heute der Mensch, der ich immer sein wollte. Lebe seit 28 J. sehr glücklich mit meinem Mann zusammen und bin froh darüber, nicht so wie meine Eltern geworden zu sein. Es war ein Prozess bis hierhin, heute bin ich 59 J. alt und bis auf einige gesundheitliche Probleme ein wirklich glücklicher Mensch.

Meine beiden Brüder haben andere Wege gewählt. Der Ältere hat sich in einen totbringenden Alkoholismus gestürzt und ist mit 39 J. an multiplen Organversagen krepiert, der Jüngere hat erst spät mit einer 10-jährigen Traumatherapie begonnen, die ihm aber nicht so viel gebracht hat, so dass er aktuell wieder in Therapie ist.

Besinne dich auf dich, bist du der Mensch, der du sein willst? Wenn nicht, fange im Kleinen an, Dinge zu ändern und fühle nach, ob dir das besser tut. Professionelle Hilfe kann auch nicht schaden, es hilft, die richtige Abzweigung im Leben zu nehmen. Auch das Lösen von Abhängigkeiten (Wohnsituation) kann sehr hilfreich sein. Alles Gute!
 
Allmählich herausfinden wer du ohne diese Familie bist...
Ich glaub aus der Phase bin ich langsam durch. Ich kann fast alles machen ohne Schuldgefühle zu haben mittlerweile
Dein eigenes Ich finden. Einiges von diesem Ich wurde zwar stark durch frühere Erlebnisse geprägt, doch dein Kern gehört nur dir allein.
Das läuft irgendwie immer so zyklen durch von einem guten selbstbild bis hin zu Selbstzerstörerischen Tendenzen, aber mittlerweile ist das zum Glück weniger geworden, gerade was Drogenkonsum angeht (eigentlich nur total wenig Gras alle paar Monate nur noch) und Alkohol (auch nur mehr selten stark übertriebener Konsum). Meistens triggern aber solche Momente wie heute dass ich Zigaretten rauche obwohl ich es nicht will oder ich Lust bekomme was anderes, meistens Alkohol was für mich schon gefährlich genug ist, zu konsumieren
Ggf therapeutische o.ä. Hilfe in Anspruch nehmen.
Das hatte ich schon öfters über die Jahre und auch über Monate hinweg aber tatsächlich hat sich das nie was gebracht und ist momentan eh zu teuer
 
Hallo!

Zunächst mal finde ich, dass du deine Probleme ernst nehmen darfst. Dieses " anderen haben weit schlimmeres erlebt" stimmt zwar, da wird man immer irgendwen finden. Aber das hilft nicht, denn jeder Mensch hat andere Grenzen. Und für dich war schlimm, was du erleben musstest.

Mein Vater starb, als ich elf Jahre war und wäre er nicht gestorben, würde ich vermutlich nicht mehr existieren. Der erste Teil meiner Kindheit war mit seinem Tod vorbei. Sie hat mich geprägt, aber sie bestimmt heute nicht mehr mein Leben. Mein Glück war sicher, so heftig sich das anhört, sein Tod, weil ich da noch recht jung war. Danach gab es aus anderen Gründen auch noch einige eher heftige Jahre.

Ich habe lange überlegt, ob ich etwas antworte, weil ich wohl kein Rezept habe oder dir direkt etwas raten kann. Ohne eine wirklich gute Therapeutin, die ich hatte, wäre ich nicht dort, wo ich jetzt bin. Aber da muss sicher die Chemie stimmen.

Aber dein Gefühl "es war nie alles gut und wird es nie werden" das kann ich sehr gut verstehen. Man wünscht sich von denen, die so viel falsch gemacht haben oder zu Tätern wurden natürlich auch so etwas wie Einsicht. Weil das irgendwie einem selbst "Gehör" geben würde. Man könnte leichter abschließen. Es wäre dann auch nicht gut gewesen, aber es würde sich wahrscheinlich anders anfühlen.
Leider kannst du das nicht erzwingen. Eventuell es aber auch als eine Art Stärke sehen, dass du diese bittere Realität schon erfasst hast. Manche hoffen über viele Jahre und werden immer enttäuscht.

Glückwunsch übrigens zu deinem Studium, das ist ja auch nicht selbstverständlich. Ich würde sagen, äußerlich läuft die Zeit für dich. Du wirst das abschließen. Du wirst gutes Geld verdienen. Du wirst von deinen Eltern komplett unabhängig sein. Das könnte auch seelisch nochmal ein neuer Startschuss sein.

Dieser Reflex, Leute auf Abstand zu halen, ist ja verständlich, weil du nicht enttäuscht werden möchtest. Als es bei mir bergauf ging, war ich auch sehr misstrauisch. Freundinnen? Ich? was wollen die von mir? Die wollen mich sicher nur verarschen. ich habe es zu gelassen und das war sehr schwer, anfangs habe ich den Tag X ständig erwartet, dass sie mir sagen: Ha, mit einer wie dir will niemand etwas zu tun haben.
Aber dann habe ich kapiert: In meinem Kopf ist nicht die Realität, nur die Realität meines Vaters oder irgendwelcher Mobber. Und soll ich wirklich ihre Realität weiter leben, mich weiter steuern lassen, heute, da sie das doch gar nicht mehr real mit mir machen können?

Aber es war ein long way out...und alles andere als ein Selbstläufer.

Ich wünsche dir alles Gute!
 
Was mich aber aktuell am meisten belastet, ist ein Gedanke, der immer wiederkommt:


Das tut weh auf eine Weise, die ich schwer beschreiben kann. Ich bin nicht mal wütend – ich fühle mich eher taub. Und gleichzeitig trauere ich um die Version von mir, die ich hätte sein können, wenn ich in einem unterstützenden, liebevollen Umfeld groß geworden wäre.
Ja, kenn ich. vor allem den hervorgehobenen Gedanken, der hier im Zitat dazwischen nicht steht.
Das in gewisser Weise zu akzeptieren hat Jahre gedauert. Aber dazu habe ich auch meine Erzeuger innerlich st*rb*n lassen, für mich sind sie t*t. Das brachte mir sowas ähnliches wie Frieden.
 
Glückwunsch übrigens zu deinem Studium, das ist ja auch nicht selbstverständlich. Ich würde sagen, äußerlich läuft die Zeit für dich. Du wirst das abschließen. Du wirst gutes Geld verdienen. Du wirst von deinen Eltern komplett unabhängig sein. Das könnte auch seelisch nochmal ein neuer Startschuss sein.
Ja danke. Das war zwar mehr zufall aber passt mir ganz gut. Das Problem mit der Unabhängigkeit ist auch, dass ich als ich viel jünger war mir immer vorgestellt hatte, dass ich irgendwann weg bin und woanders lebe und jemanden kennenlerne (oder andere Reihenfolge), quasi als ob da irgendwo ein Platz ist den man sich schaffen kann aber im Endeffekt ist alles ziemlich gleich geblieben und nichts davon ist eingetroffen, es fühlt sich verschwendet an. Irgendwie fühl ich mich oft als ob ich irgendwie in einer falschen Zeitlinie wär, als ob ich aufwache und es sollte wieder 2009 sein oder so, dass irgendwas Metaphysisch einfach nicht stimmt und ich nur irgendwie hier gelandet bin, aber wahrscheinlich ist es nur Sehnsucht nach einer Vergangenheit die es sowieso nie gab.
Als es bei mir bergauf ging, war ich auch sehr misstrauisch. Freundinnen? Ich? was wollen die von mir? Die wollen mich sicher nur verarschen.
Ne das war bei mir nie der Fall Zugang hab ich zum Glück oft ganz gut zu Leuten aber halt innerliche Schranke dass sich nicht zu viel entwickeln kann.
 
Gibt es hier Menschen, denen es ähnlich geht?

Danke für deinen Text, ich habe ihn gerne gelesen, auch wenn der Inhalt schwer ist. Du schreibst gut!

Ich weiß nicht, ob es mir ähnlich geht, aber es gibt auf jeden Fall Parallelen. Ich bin ein paar Jahre älter (33) und habe dadurch vielleicht auch schon etwas mehr Abstand zu meiner Kindheit, die ebenfalls sehr gewaltvoll und schwer war. Dennoch begleitet mich vieles bis heute, spiegelt sich in meinen Beziehungen und meinem Erleben.

Wie geht ihr mit der Erkenntnis um, dass eure Kindheit nicht mehr heilbar ist?
Ich musste etwas darüber nachdenken, aber ich glaube, diese Frage beschäftigt mich selbst nicht, zumindest nicht mehr.
Wobei es bei mir im Gegensatz zu dir möglich ist, mit meinem Vater über früher zu sprechen und wir teilweise eine sehr gute Ebene haben, ich glaube, das ist und war immer sehr heilsam für mich. Dafür habe ich zu meiner Mutter seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr und musste mich sehr klar von der Hoffnung verabschieden, dass das nochmal anders werden könnte, da meine Mutter sehr verrückt ist und in ihrer eigenen Welt lebt. Aber diese Erkenntnis ist so klar und unumstößlich, dass sie einfach sehr früh zu meiner Realität wurde, an der es keinen Zweifel und auch keinen Platz für Hoffnung gibt.
Stärker beschäftigt mich die Frage, wie ich mit dem, was war meinen Platz auf der Welt finde, wie ich einen guten Umgang mit meinen Themen finde, dazu passt deine nächste Frage:

Und wie gelingt es euch, trotzdem Beziehungen und ein eigenes Leben aufzubauen, das sich richtig anfühlt?
Ich würde sagen, das gelingt mir so Mittel. Im Gegensatz zu dir wohne ich weit von meiner Familie entfernt (Familie in Süddeutschland, ich in Berlin) und ich könnte es auf keinen Fall aushalten, so nah dort zu wohnen geschweige denn in einer Immobilie, die einem Familienmitglied gehört. Ich brauche ganz dringend Autonomie und Abstand, weil ich mich bei Familienbesuchen oft sehr schlecht fühle.
Um besser zu verstehen, was für mich selbst "richtig" ist, hat mir Therapie geholfen, viel Therapie, am meisten eine Psychoanalyse. Durch diese habe ich vieles in mir besser verstanden, auch vieles in mir entdeckt, was ich mag, was mich interessiert. Trotzdem struggle ich auch weiterhin sehr viel und oft und romantische Beziehungen sind für mich kompliziert. Aktuell führe ich meine bisher längste Beziehung (5 Jahre), aber auch die steht gerade auf der Kippe. Ich kann sehr viel Nähe und Verbindung zu Menschen fühlen, aber Leid und Liebe liegen bei mir sehr nah beisammen und ich schwanke emotional oft zwischen Extremen. Inzwischen gelingt es mir aber sehr, sehr viel besser auch viele Phasen zu haben, in denen ich ruhig und harmonisch fühle, mitunter auch dank meiner Therapie.

Wenn du noch mehr Fragen hast, frag gerne.

Liebe Grüße und alles Gute! 🙂
 
Das hatte ich schon öfters über die Jahre und auch über Monate hinweg aber tatsächlich hat sich das nie was gebracht und ist momentan eh zu teuer
Ich habe auch viele Anläufe gebraucht, um eine Therapeutin zu finden, mit der es wirklich "lief". Alles davor war Zeit absitzen, das entscheidende bei ihr war die Beziehungsebene, ich konnte mich mit ihr streiten, schwierig sein, sie hat mich ausgehalten und an den richtigen Stellen begrenzt.

Drogen waren / sind bei mir übrigens auch ein Thema.
 
Ich habe akzeptiert, dass ich meine Eltern nicht brauche. Das ist Tatsache. Ich werde mich nie richtig fühlen, aber das tut niemand. Und es gibt keine Version von mir, die ich geworden wäre, wenn alles gut gelaufen wäre. Da bin nur ich. Nichts heilt und nichts muss heilen. Mich entlastet es hinzunehmen, dass es auch weitergeht, wenn nichts gut ist und das ich nichts Besonderes bin.
 

Anzeige (6)

Ähnliche Themen

Anzeige (6)

Anzeige(8)

Regeln Hilfe Benutzer

Du bist keinem Raum beigetreten.

      Du bist keinem Raum beigetreten.

      Anzeige (2)

      Oben