Ich bin ja hörgeschädigt, also so richtig und nicht nur ein bisschen.. daher kann ich so einige Schilderungen sehr gut nachvollziehen. Gut, ich bin erwachsen und auch nicht auf den Mund gefallen. Trotzdem bin ich auch schon mit einigem konfrontiert worden... und musste heftig schlucken.
Da war z.B. der Projektleiter-Kollege, der trotz meiner Bitte, ein persönliches Meeting anzusetzen statt einer Telefonkonferenz (weil ich durch die akustische Verzerrung der damals noch gängigen Telefonspinnen nichts verstehen konnte) auf das Meeting per Telco bestand mit dem Hinweis, "das sei für ihn nicht zielführend". - Ich wollte mich dann aus dem Projekt zurückziehen, da es keinen Sinn machte, dabei zu bleiben, wenn ich nichts verstehe. Als meine Chefin den Grund erfuhr gab es die ultimative Ansage für den Kollegen. Für mich war er ab da aber unten durch. Ein menschliches Arxxxloch. Und ich dachte nur "Du kommst auch noch dran."
Dann eine vermeintliche Freundin, die mich beim Doppelkopf-Spielen wie aus heiterem Himmel anbrüllte, es ginge ihr auf den Keks, dass ich so häufig nachfragen würde. Da hab ich dann einfach meine Jacke angezogen und bin gegangen. Habe sie nie wiedergesehen.
Das Highlight war dann aber meine Katastrophenbeziehung, aus der mein Partner mich nicht gehen lassen wollte, ich aber schon alle Weichen zum Abflug gestellt hatte. Da gab er mir dann noch die "taube Sau" mit, die "eh keinen anderen mehr abkriegen würde". Klar wusste ich, das das Quatsch und reine Boshaftigkeit war, weil ich alles an mir habe abprallen lassen. Trotzdem dringt immer doch ein bisschen durch und - wie bei deiner Tochter die Beschimpfung als Krüppel - ist das schon verdammt hart. Man versucht, sich einen Panzer zuzulegen und eben auch oft, sein Handicap zu verdecken, um nicht angreifbar zu sein. Selbstbewusstsein klappt nicht immer.
Noch heute entscheide ich wohldurchdacht, wem ich mein Handicap offenbare und wo ich mich eben so durch die Situation laviere.
Manchmal brauche ich Hilfe - in den Skiurlsub fahre ich z.B. mit einer Freundin, die für mich mithört und mein Handicap kompensiert. Wir sind ein eingespieltes Team.
Man sieht mir mein Handicap noch nicht einmal an, meine langen Haare verdecken die Höris. Sitzt mir mein Gesprächspartner gegenüber und ich kann unterstützend von den Lippen ablesen, verstehe ich eh alles. Wenn ich mich dann doch mal outen muss, damit ich in Situationen adäquat reagieren kann, heißt es erstaunt "Ach, das hab ich gar nicht gemerkt. Ist doch nicht schlimm." Das hasse ich.. und ich denk dann "Das kannst du doch gar nicht beurteilen. Klar ist das schlimm. Unsere Sinne sind der Schlüssel zur Teilhabe am Leben!" Aber ich diskutiere dazu nicht. Ich ziehe mich zurück. Dieser Rückzug ist ein ständiger Kampf, da ich eigentlich ein sehr geselliger und kommunikativer Mensch bin. Es passt aber nicht mehr gut und ich will mich nicht stressen.
Ich will auch oft keine Hilfe. Will viel seltener darüber reden als mich das Leben dazu zwingt. Will mich nicht erklären müssen. Ein Handicap zu haben ist ätzend - wobei es ja viel schlimmere Handicaps gibt als meins. Trotzdem reicht es mir schon. Deine Tochter hat ja ein noch viel schwereres Los gezogen. Und das als Kind - bei mir begann es viel später. Ein tapferes Mädchen!
Und nein, wir sind von einer inklusiven Gesellschaft noch ganz weit weg. Man möchte, dass die Menschen riechen, was man braucht. Nicht darum bitten müssen, nicht entmündigt werden durch übereifrige Helfer. Nicht mehr Hilfe bekommen als man braucht. Das wäre super, ist aber natürlich zuviel verlangt.
Als Hörgeschädigte freue ich mich über Menschen, die mich beim Reden anschauen... und die deutlich sprechen. Schwerhörigkeit ist nämlich nur bedingt eine Frage der Lautstärke, sondern vielmehr eine Frage von Klarheit. Und ich bin auch noch 10 Minuten später schwerhörig. Leider wird das schnell wieder vergessen und dann bin ich wieder gezwungen nachzufragen. Mache ich, klar, aber es nicht machen zu müssen, wäre schon schöner.
Ach, ich könnte noch so viel dazu schreiben...