Jetzt muss ich mich aus der Versenkung melden, weil mir Sprache am Herzen liegt und ich beim Gendern keinen natürlichen, fließenden, über lange Zeit gewachsenen Wandel sehe (wie so oft behauptet), sondern einen ideologisch und politisch aufgeladenen Kurs, der sich aus bestimmten Milieus seinen Weg in die Institutionen gebahnt hat und von dort aus auf die Allgemeinheit losgelassen wurde. Das alles unter dem Deckmantel der Achtsamkeit, Toleranz, Diversität, Gerechtigkeit, Gleichheit usw. – kurz gesagt: aus der moralischen Position, etwas besser zu machen, auf der „richtigen“ Seite zu stehen.
Es gibt da ein schönes Gedicht von Axel Kutsch, das man vielleicht nicht nur auf Lyrik sondern auch analog auf Sprache oder auf das Sprechen übertragen könnte.
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Anleitung
Wenn Sie ein Gedicht lesen,
dann lesen Sie es am besten so,
sehen Sie, so.
Selbstverständlich können Sie
es auch anders lesen.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten.
Beispielsweise so.
Oder so.
Ich habe einen Mann gekannt,
der Gedichte so las.
Aber er war eine Ausnahme.
Die meisten lesen Gedichte so.
Ja, genau so.
Haben Sie schon einmal
ein Gedicht so gelesen?
Nein, nicht so, sondern so.
Ich sage Ihnen, es bringt nicht viel,
wenn man ein Gedicht so liest.
Man liest es besser so.
Verbindliche Regeln gibt es nicht.
Aber glauben Sie mir:
Sie haben mehr von einem Gedicht,
wenn Sie es so lesen -
sehen Sie, so.
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Ich habe mir gedacht, dass man die Analogie zur Sprache bzw. zum Sprechen in etwa so ziehen könnte: betrachtet man z.B. die heutige Jugend (ja, unzulässige Verallgemeinerung), so muss man altersmäßig gar nicht so weit davon entfernt sein, um einem Gespräch unter Jugendlichen vielleicht nicht mehr vollständig folgen zu können. Womöglich liegt darin ja auch der Sinn der Jugendsprache und der Reiz für die Jugendlichen: Abgrenzung von den Erwachsenen. Das gab es wohl zu allen Zeiten und ein Teil dieses Slangs hat es in den allgemein gebräuchlichen Sprachschatz geschafft, einen anderen bedeckt eine dicke Staubschicht der Geschichte.
Jugendliche reden also „so“. Niemand würde auf die Idee kommen, zu fordern, dass plötzlich alle Welt „so“ sprechen sollte, geschweige denn verstehen muss, was jede einzelne Vokabel bedeutet. Das würde ja die Abgrenzung völlig unterlaufen. Aus diesem Grund wird es von den Jugendlichen auch meist als peinlich empfunden, wenn sich Erwachsene an deren Vokabular bedienen, um zeitgemäß, hip oder „jung geblieben“ zu wirken.
So weit so gut. So harmlos.
Nun gibt es aber andere Gruppierungen, die es nicht bei der Abgrenzung belassen wollen. Im Gegenteil, es geht ihnen um Sichtbarkeit, Würdigung ihres Daseins, nichts Geringeres als ihre Identität. Nach den graphischen Symbolen wird eine Abbildung in der Sprache gefordert.
So weit so … suspekt (milde gesprochen).
Institutionen, Schulen und Universitäten, Bildungseinrichtungen, Ämter und öffentlich-rechtliche Anstalten wie Funk- und Fernsehen folgen den Forderungen dieser Gruppierungen in größten Teilen völlig unkritisch und ohne Hinterfragen. Plötzlich ist es da, dieses noch immer für Irritationen sorgende Neusprech aus Genderstern, Unterstrich, Binnen-Doppelpunkt, Partizipien, Sprachverirrungen (Tormännin statt Torfrau) und grammatikalischem Unsinn (Deutschland ist Europameisterinnen). Man feiert sich gegenseitig mit banalen Hashtags in Sachen Toleranz, Vielfalt und Gerechtigkeit.
Rückschlüsse auf politische Haltung lassen nicht lange auf sich warten. Wie kann man auch gegen Gerechtigkeit, Toleranz und Vielfalt sein? Geht ja nicht! Aus diesem Elfenbeinturm heraus, unterwegs in den Blasen der Weltverbesserer, bemerkt man nicht, dass dieses artifizielle Instrument keinesfalls kommunikative Brücken baut, sondern Gräben aushebt oder vorhandene vertieft.
Warum?
Weil bei jedem Thema, sei es noch so banal, selbiges in einer um sich selbst kreisenden Sprache mit Gewichtung auf sexueller Identität, Geschlechtergerechtigkeit, Diskriminierungsarmut und allumfassender Inklusion untergeht. Wenn bei der Diskussion um den Preis für die Kugel Eis der Fokus auf den Eisdealenden in der Eisdiele liegt, ist das eigentliche Thema, der Preis, nur noch Nebensache.
Das betrifft leider nicht nur Banales, sondern auch viele wichtige Diskussionen, denen u.a. Binnen-Doppelpunkt, Partizipien, laufende geschlechterspezifische Aufzählungen etc. nicht nur formal, sondern auch sprachlich durch Unterbrechung des Rhythmus und der Verschiebung weg von der thematischen Betonung, den Argumenten, hin zur Frage nach dem/den Adressaten (und im Hinterkopf, ob denn auch wirklich alle eingeschlossen wurden), das Wasser abgraben.
Ironischerweise wirft es oft sowohl Befürworter als auch Gegner aus dem Konzept. Erstere Gruppierung wartet auf die Sprachgerechtigkeit und macht bei korrekter Ausführung den gedanklichen Haken in der imaginären Gerechtigkeits-Checkbox und Letztere verlieren nach der Sprachpause die Fassung oder schalten ab. Das Ergebnis ist, dass das eigentliche Thema bzw. die Botschaft, die die Sprache vermitteln wollte, allgemein nicht mehr so stark ankommt.
Die Botschaft war einmal die Königin, der die ganze Aufmerksamkeit galt. Klarheit war ihre Maxime. Heute machen ihr diese vermeintlichen Verbesserungen den Platz streitig, die Klarheit vernebelt sich.
Dadurch, dass sich die vielen verschiedenen Gruppierungen/Gemeinschaften sprachlich voneinander abgrenzen wollen – z.B. Schwule/Lesben, Non-Binäre, People of Color, religiöse/ethnische Minderheiten, Behinderte usw. – entfernt man sich von einer gemeinsamen Sprache. Einer Sprache, der es um den ursprünglichen Sinn der Verständigung, der es auch um Schönheit und Ausdruck geht, anstelle von politischer Korrektheit und moralischer Hoheit.
Und hier kommt der große Knackpunkt. Es wurde nie öffentlich zur Diskussion gestellt, ob diese gestellten Forderungen sinnhaft sind. Sprache schließt grundsätzlich niemanden aus, der sie hören und/oder lesen kann. Selbst der Blinde kann sie erfühlen lernen. Es gibt kein Recht auf besondere Vertretung einzelner Gruppen in der Sprache. Dadurch, dass die einzelnen Gruppen ihre sexuelle Orientierung und ihre Identität immer empfindlicher ausdifferenzieren und von anderen erwarten, ebenso empfindlich, achtsam, rücksichtsvoll damit umzugehen (sonst Shitstorm!), erschwert sich die Kommunikation im Allgemeinen.
Ich wünschte mir, dass wir alle wieder weniger hysterisch und empfindlich miteinander reden, so wie die meisten von uns ein gutes Buch lesen und sich dabei eine schöne Sprache, eine mitreisende Geschichte und spannende Charaktere erhoffen. Der ganze andere, angesprochene Ballast, der der Sprache heute aufgebürdet wird, erschöpft mich.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass ähnlich der Bürokratie, die ein Geschwür an Wirtschaft und Wachstum ist, dieser Ballast an der Sprache und ihrer Botschaft nagt, sie aushöhlt. Auch frage ich mich, ob bei den Anhängern des Genderns eine wirkliche Liebe für die Sprache und ein Sprachgefühl vorhanden sind. Können sie Poesie genießen oder schrillen stattdessen die Alarmglocken?