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Warum wird der Mehrheitswille beim Gendern nicht beachtet?

Dein Beispiel "Fräulein" ist absolut perfekt als Vergleich warum Menschen wenig Problem mit sprachlicher Änderung haben, aber sehr wohl Probleme mit eine sprachlichen Steuerung.
Das habe ich anders als du erlebt. Denn der Begriff "Fräulein" ist meiner Erinnerung nach nicht allmählich in Vergessenheit geraten, sondern es kam zu einem deutlichen Bruch, ab dem das "Fräulein" nicht mehr adäquat war und auch kritisch gesehen wurde.
 
Das Unnatürliche daran sind die nicht existierenden, und in meiner eigenen Wahrnehmung diskriminierenden Wortschöpfungen, die daraus folgen. Als Person männlichen Geschlechts möchte ich beispielsweise nicht als "Kund", "Zeug" oder, sofern ich ein solcher wäre, als "Beamt" oder "Ärzt" bezeichnet werden.
Wenn man sich durch den generischen maskulinum diskriminiert oder gar unterdrückt fühlt, nehme ich für mich in Anspruch, mich durch das gendern und diese neuen, oder gar fehldeutigen Wortschöpfungen diskriminiert zu fühlen. Und wenn mir gesagt wird, gewöhne Dich halt dran (oder in Deinen blumigeren Worten, es sei nur "noch nicht vertraut"), dann empfinde ich meine Gefühle mit Füßen getreten.
Denn ich möchte nicht als "Kund", oder gar "Zeug" bezeichnet werden. Wer in meiner Gegenwart in dieser Art gendert, tut dies aber. Deswegen bin ich der Meinung, wer vermeintlich sprachlich durch gendern inkludieren möchte, betreibt tatsächlich Exklusion. Denn es gibt mMn keine sprachlich korrekte Ausdrucksform, in der alles und jeder tatsächlich berücksichtigt werden kann. Und damit drehen wir uns im Kreise.

Aber generell als Kundin ginge schon? Sehr geehrte Kundin? Feminines Generikum?
 
Dein Beispiel "Fräulein" ist absolut perfekt als Vergleich warum Menschen wenig Problem mit sprachlicher Änderung haben, aber sehr wohl Probleme mit eine sprachlichen Steuerung.
Ach so? Dann erkläre doch folgendes nochmal genauer 🙄

Die Anrede "Fräulein" wurde im Amtsdeutsch offiziell durch einen Erlass des Bundesinnenministers am 16. Januar 1972 abgeschafft.
 
Die Anrede "Fräulein" wurde im Amtsdeutsch offiziell durch einen Erlass des Bundesinnenministers am 16. Januar 1972 abgeschafft.
Vielen Dank für den Hinweis, das wusste ich gar nicht so genau. Ich habe nur wie gesagt diesen Bruch erlebt, nach dem das "Fräulein" nicht mehr verwendet werden sollte.

Meine Mutter hatte sich damals ziemlich lange auch "nichts sagen lassen", und hat weiterhin oft "Fräulein" gesagt. Auch damals schon ist sie deswegen kritisiert worden.

Ich könnte mir vorstellen, dass ohne einen solchen Erlass das Fräulein immer noch im Sprachgebrauch verwendet werden würde. Und das, obwohl es wirklich kränkend sein konnte, weil damals auch der Gedanke mitgeschwungen hat, dass die "keinen abgekriegt hat" (wenn die Frau etwas älter war).
 
Dann ist doch alles gut - die Rollenbezeichnung benennt die soziale Funktion und bezieht sich nicht auf das Geschlecht. Man kann also problemlos das generische Maskulinum verwenden. 🙂
Klar kann man das generische Maskulinum verwenden. Man kann auch noch Briefe per Hand schreiben oder Faxe verschicken. Nur weil man kann, heißt das nicht, dass es noch zeitgemäß ist, oder für alle funktioniert.
 
Ach so? Dann erkläre doch folgendes nochmal genauer 🙄

Die Anrede "Fräulein" wurde im Amtsdeutsch offiziell durch einen Erlass des Bundesinnenministers am 16. Januar 1972 abgeschafft.
Danke für den Link.
Dort steht wörtlich:
"Bereits ab 1950 hatten sich im Frauenreferat die Beschwerden von Frauen gehäuft, die nicht mehr als "Fräulein" bezeichnet werden wollten. In den 60er Jahren wurde die Bezeichnung "Fräulein" dann im Rahmen der gesellschaftlichen Veränderungen immer stärker als altmodisch abgelehnt."

Das Wort "Fräulein" wurde also im offiziellen Amtsdeutsch erst abgeschafft 22(!) Jahre nach diesen Beschwerden und nachdem ein Großteil der Deutschen dieses Wort ablehnte.
Literarische Werke und Theaterstücke aus den späten 1950ern und frühen 1960ern reflektieren den auch diesen Wandel. Das Wort "Fräulein" wurde aus dem Volk heraus immer unüblicher.
Der Sprachgebrauch hatte sich bereits gewandelt, und man reagierte 1972 lediglich auf gesellschaftlichen Druck.

Das ist beim Gendern aber genau das Gegenteil! Der gesellschaftliche Druck (= die Mehrheit) geht gegen das Gendern.
Während man bei "Fräulein" eine gesellschaftliche Veränderung der Sprache aus dem Volk heraus umgesetzt hat, gibt es keine gesellschaftliche Änderung zum Gendern aus dem Volk heraus. Das Gendern wird von oben "diktiert".
 
Während man bei "Fräulein" eine gesellschaftliche Veränderung der Sprache aus dem Volk heraus umgesetzt hat, gibt es keine gesellschaftliche Änderung zum Gendern aus dem Volk heraus. Das Gendern wird von oben "diktiert".
Wie gesagt habe ich das eher gegenteilig erlebt, und ich bin immerhin alt genug, dass ich mich an diese Änderung noch erinnern kann.

Ich kann mich jedenfalls nicht dran erinnern, dass das "Volk" explizit nach einer derartigen Änderung gerufen hätte. Im übrigen kommt auch das Gendern aus dem "Volk", wenn man es so sehen mag, denn wer sonst als Menschen hätten sich denn darüber Gedanken gemacht? Es waren Menschen, die mit den bisherigen Sprachregelungen Schwierigkeiten hatten, also waren bzw. sind es Menschen aus der Bevölkerung. Also eigentlich ziemlich ähnlich wie damals.

Mir scheint, es wird versucht, hier einen Gegensatz zu konstruieren, den ich ehrlich gesagt nicht so wahrnehme und nicht wahrgenommen hatte.
 
Vielen Dank für den Hinweis, das wusste ich gar nicht so genau. Ich habe nur wie gesagt diesen Bruch erlebt, nach dem das "Fräulein" nicht mehr verwendet werden sollte.

Meine Mutter hatte sich damals ziemlich lange auch "nichts sagen lassen", und hat weiterhin oft "Fräulein" gesagt. Auch damals schon ist sie deswegen kritisiert worden.

Ich könnte mir vorstellen, dass ohne einen solchen Erlass das Fräulein immer noch im Sprachgebrauch verwendet werden würde. Und das, obwohl es wirklich kränkend sein konnte, weil damals auch der Gedanke mitgeschwungen hat, dass die "keinen abgekriegt hat" (wenn die Frau etwas älter war).
Bei einer Anrede, die in jedem offiziellen Anschreiben zur Verwendung kommt, ist eine offizielle Regelung natürlich nötig. Aber das bedeutete ja nicht, dass der Begriff ansonsten nicht mehr verwendet werden "durfte".

Was das Verschwinden aus dem allgemeinen Sprachgebrauch angeht - das ging sukzessive und langsam, da hat Andreas vollkommen recht. Nicht zuletzt auch deshalb, weil nicht wenige unverheiratete Damen stolz auf diesen Status waren und auch in höherem Alter explizit Wert darauf legten, Fräulein genannt zu werden.

Natürlich gab es aber auch feministisch Bewegte, die die Bezeichnung als kränkend empfanden und sich beschwerten, wenn ältere oder eher konservativ eingestellte Mitmenschen sie weiterhin verwendeten. Aber so ist das eben, das einmal Gelernte und Eingeprägte legen Menschen nicht so schnell ab...
 
Jetzt muss ich mich aus der Versenkung melden, weil mir Sprache am Herzen liegt und ich beim Gendern keinen natürlichen, fließenden, über lange Zeit gewachsenen Wandel sehe (wie so oft behauptet), sondern einen ideologisch und politisch aufgeladenen Kurs, der sich aus bestimmten Milieus seinen Weg in die Institutionen gebahnt hat und von dort aus auf die Allgemeinheit losgelassen wurde. Das alles unter dem Deckmantel der Achtsamkeit, Toleranz, Diversität, Gerechtigkeit, Gleichheit usw. – kurz gesagt: aus der moralischen Position, etwas besser zu machen, auf der „richtigen“ Seite zu stehen.

Es gibt da ein schönes Gedicht von Axel Kutsch, das man vielleicht nicht nur auf Lyrik sondern auch analog auf Sprache oder auf das Sprechen übertragen könnte.

***

Anleitung


Wenn Sie ein Gedicht lesen,
dann lesen Sie es am besten so,
sehen Sie, so.
Selbstverständlich können Sie
es auch anders lesen.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten.
Beispielsweise so.
Oder so.
Ich habe einen Mann gekannt,
der Gedichte so las.
Aber er war eine Ausnahme.
Die meisten lesen Gedichte so.
Ja, genau so.
Haben Sie schon einmal
ein Gedicht so gelesen?
Nein, nicht so, sondern so.
Ich sage Ihnen, es bringt nicht viel,
wenn man ein Gedicht so liest.
Man liest es besser so.
Verbindliche Regeln gibt es nicht.
Aber glauben Sie mir:
Sie haben mehr von einem Gedicht,
wenn Sie es so lesen -
sehen Sie, so.

***

Ich habe mir gedacht, dass man die Analogie zur Sprache bzw. zum Sprechen in etwa so ziehen könnte: betrachtet man z.B. die heutige Jugend (ja, unzulässige Verallgemeinerung), so muss man altersmäßig gar nicht so weit davon entfernt sein, um einem Gespräch unter Jugendlichen vielleicht nicht mehr vollständig folgen zu können. Womöglich liegt darin ja auch der Sinn der Jugendsprache und der Reiz für die Jugendlichen: Abgrenzung von den Erwachsenen. Das gab es wohl zu allen Zeiten und ein Teil dieses Slangs hat es in den allgemein gebräuchlichen Sprachschatz geschafft, einen anderen bedeckt eine dicke Staubschicht der Geschichte.

Jugendliche reden also „so“. Niemand würde auf die Idee kommen, zu fordern, dass plötzlich alle Welt „so“ sprechen sollte, geschweige denn verstehen muss, was jede einzelne Vokabel bedeutet. Das würde ja die Abgrenzung völlig unterlaufen. Aus diesem Grund wird es von den Jugendlichen auch meist als peinlich empfunden, wenn sich Erwachsene an deren Vokabular bedienen, um zeitgemäß, hip oder „jung geblieben“ zu wirken.

So weit so gut. So harmlos.

Nun gibt es aber andere Gruppierungen, die es nicht bei der Abgrenzung belassen wollen. Im Gegenteil, es geht ihnen um Sichtbarkeit, Würdigung ihres Daseins, nichts Geringeres als ihre Identität. Nach den graphischen Symbolen wird eine Abbildung in der Sprache gefordert.

So weit so … suspekt (milde gesprochen).

Institutionen, Schulen und Universitäten, Bildungseinrichtungen, Ämter und öffentlich-rechtliche Anstalten wie Funk- und Fernsehen folgen den Forderungen dieser Gruppierungen in größten Teilen völlig unkritisch und ohne Hinterfragen. Plötzlich ist es da, dieses noch immer für Irritationen sorgende Neusprech aus Genderstern, Unterstrich, Binnen-Doppelpunkt, Partizipien, Sprachverirrungen (Tormännin statt Torfrau) und grammatikalischem Unsinn (Deutschland ist Europameisterinnen). Man feiert sich gegenseitig mit banalen Hashtags in Sachen Toleranz, Vielfalt und Gerechtigkeit.

Rückschlüsse auf politische Haltung lassen nicht lange auf sich warten. Wie kann man auch gegen Gerechtigkeit, Toleranz und Vielfalt sein? Geht ja nicht! Aus diesem Elfenbeinturm heraus, unterwegs in den Blasen der Weltverbesserer, bemerkt man nicht, dass dieses artifizielle Instrument keinesfalls kommunikative Brücken baut, sondern Gräben aushebt oder vorhandene vertieft.

Warum?
Weil bei jedem Thema, sei es noch so banal, selbiges in einer um sich selbst kreisenden Sprache mit Gewichtung auf sexueller Identität, Geschlechtergerechtigkeit, Diskriminierungsarmut und allumfassender Inklusion untergeht. Wenn bei der Diskussion um den Preis für die Kugel Eis der Fokus auf den Eisdealenden in der Eisdiele liegt, ist das eigentliche Thema, der Preis, nur noch Nebensache.

Das betrifft leider nicht nur Banales, sondern auch viele wichtige Diskussionen, denen u.a. Binnen-Doppelpunkt, Partizipien, laufende geschlechterspezifische Aufzählungen etc. nicht nur formal, sondern auch sprachlich durch Unterbrechung des Rhythmus und der Verschiebung weg von der thematischen Betonung, den Argumenten, hin zur Frage nach dem/den Adressaten (und im Hinterkopf, ob denn auch wirklich alle eingeschlossen wurden), das Wasser abgraben.

Ironischerweise wirft es oft sowohl Befürworter als auch Gegner aus dem Konzept. Erstere Gruppierung wartet auf die Sprachgerechtigkeit und macht bei korrekter Ausführung den gedanklichen Haken in der imaginären Gerechtigkeits-Checkbox und Letztere verlieren nach der Sprachpause die Fassung oder schalten ab. Das Ergebnis ist, dass das eigentliche Thema bzw. die Botschaft, die die Sprache vermitteln wollte, allgemein nicht mehr so stark ankommt.

Die Botschaft war einmal die Königin, der die ganze Aufmerksamkeit galt. Klarheit war ihre Maxime. Heute machen ihr diese vermeintlichen Verbesserungen den Platz streitig, die Klarheit vernebelt sich.

Dadurch, dass sich die vielen verschiedenen Gruppierungen/Gemeinschaften sprachlich voneinander abgrenzen wollen – z.B. Schwule/Lesben, Non-Binäre, People of Color, religiöse/ethnische Minderheiten, Behinderte usw. – entfernt man sich von einer gemeinsamen Sprache. Einer Sprache, der es um den ursprünglichen Sinn der Verständigung, der es auch um Schönheit und Ausdruck geht, anstelle von politischer Korrektheit und moralischer Hoheit.

Und hier kommt der große Knackpunkt. Es wurde nie öffentlich zur Diskussion gestellt, ob diese gestellten Forderungen sinnhaft sind. Sprache schließt grundsätzlich niemanden aus, der sie hören und/oder lesen kann. Selbst der Blinde kann sie erfühlen lernen. Es gibt kein Recht auf besondere Vertretung einzelner Gruppen in der Sprache. Dadurch, dass die einzelnen Gruppen ihre sexuelle Orientierung und ihre Identität immer empfindlicher ausdifferenzieren und von anderen erwarten, ebenso empfindlich, achtsam, rücksichtsvoll damit umzugehen (sonst Shitstorm!), erschwert sich die Kommunikation im Allgemeinen.

Ich wünschte mir, dass wir alle wieder weniger hysterisch und empfindlich miteinander reden, so wie die meisten von uns ein gutes Buch lesen und sich dabei eine schöne Sprache, eine mitreisende Geschichte und spannende Charaktere erhoffen. Der ganze andere, angesprochene Ballast, der der Sprache heute aufgebürdet wird, erschöpft mich.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass ähnlich der Bürokratie, die ein Geschwür an Wirtschaft und Wachstum ist, dieser Ballast an der Sprache und ihrer Botschaft nagt, sie aushöhlt. Auch frage ich mich, ob bei den Anhängern des Genderns eine wirkliche Liebe für die Sprache und ein Sprachgefühl vorhanden sind. Können sie Poesie genießen oder schrillen stattdessen die Alarmglocken?
 
Das ist beim Gendern aber genau das Gegenteil! Der gesellschaftliche Druck (= die Mehrheit) geht gegen das Gendern.
Erzähle mir bitte von der Gesellschaft, die in den 80ern/90ern gegen das Gendern war.
Kann es sein, dass z.B. Beidnennung (Lehrerinnen und Lehrer) bei dir - warum auch immer - nicht zum Gendern gehört?

Seit den 70er-Jahren werden zwei Vorgehensweisen gewählt: Sichtbarmachung und Neutralisierung.
 

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