Wer genau will wem genau seinen Willen aufdrücken?
Du kannst doch sprechen und schreiben, wie du möchtest.
Müssen sie doch in der Regel und außerhalb sehr spezifischer Kontexte nicht, hä?
In meinem Umfeld gibt es Menschen, die gendern und Menschen, die nicht gendern. Jeweils aus ganz unterschiedlichen Gründen oder Nichtgründen (- mein 85+ Nachbar hat sich vermutlich bislang null Gedanken drüber gemacht. Total in Ordnung).
Wie auch immer: ist doch okay. Ich persönlich gendere, weil ich es will und als wichtig und sinnvoll empfinde. Wenn ich mit jemanden spreche, der nicht gendert, registriere ich es manchmal, oft genug aber auch nicht. Genau so gut, wie ich mir frei herausnehme zu gendern, kann sich jeder andere Mensch herausnehmen, es nicht zu tun. Juckt mich bei Nicht-Nahestehenden genau gar nicht und auch jene, die mir nahestehen, entscheiden das natürlich ganz allein für sich selbst. Alles andere wäre ja noch schöner.
Im engeren Umfeld gab und gibt es schon immer wieder Gespräche drüber, auch sehr spannende und bereichernde, durchaus auch aus unterschiedlichen Positionen heraus. Aber persönlich habe ich noch nicht erlebt, das jemand dem anderen Gendern oder Nichtgendern aufdrängen oder aufzwingen möchte.
Gut, wenn man es schon als Zwang empfindet, Gendersprache auch nur zu hören (- etwa durch Nachrichtensprecher*innen), ist das natürlich eine andere Sache und vielleicht sollte man in dem Fall dann noch einmal mit den Definitionen von Zwang und Toleranz auseinandersetzen.
Der ÖRR unterliegt dem Medienstaatsvertrag und hat den Auftrag gesellschaftliche Vielfalt und Gleichberechtigung zu fördern und Gendern ist dabei ein einfaches Mittel, um zu signalisieren, dass die gesamte Gesellschaft wahrgenommen, mitgedacht und respektiert wird.
Muss man nicht gut finden, aber mit dem Gebühren-Argument zu kommen, ist absurd. Wir zahlen keine Gebühren, um ein auf den persönlichen, individuellen Geschmack abgestimmtes Fernsehprogramm geliefert zu bekommen und mit allem, was gemacht wird, einverstanden zu sein. Das ist doch auch bei keinem Netflix-Abo so. Es gibt Inhalte, die man gut findet und konsumiert, andere findet man uninteressant oder sogar schlecht. Kräht kein Hahn danach, weil jedem klar ist, dass das Angebot möglichst viele Menschen erreichen soll und deswegen sehr breit gefächert ist.
Was den ÖRR betrifft, fand ich beispielsweise immer ziemlich kacke, dass so viel Geld in die Übertragung von Motorsport investiert wurde oder jetzt noch immer in Skisport. Oder der ganze Schlager-Volksmusik-Quatsch: Hilfe! Mit Nachrichtenformaten bin ich manchmal aus Gründen nicht so ganz okay, die nichts mit dem Gendern zu tun haben. Aber empfinde ich es als Zwang oder Gebühren-Missbrauch, weil auch Inhalte, die ich nicht gut oder sogar kritisch finde, gesendet werden? Nö.
Im Kontext von Institutionen wie Schulen, Universitäten usw., sehe ich persönlich Gendern als formale Vorgabe wie jede andere, etwa bestimmte Zitierregeln wissenschaftlicher Texte (- die sich übrigens gefühlt ständig ändern).
Am Gymnasium meines Neffens einigte sich der Lehrkörper beispielsweise auf die Verwendung des generischen Maskulinums für jegliche Arbeiten. (Ist schon ein paar Jahre her) Das entsprach nicht der Haltung vieler Schüler*innen und sorgte auch für einige Diskussionen mit den Lehrenden, aber letztlich waren es die formalen Vorgaben der Schule und es war klar, dass man sich daran halten muss, wenn man keinen Punkteabzug bekommen möchte, egal wie kritisch man das persönlich sieht. Ist halt andersrum genauso, wenn es eine Vorgabe gibt, auf bestimmte Weise zu Gendern.
Für mein Empfinden ist Kritik am Gendern tatsächlich vor allem Nörgelei und Trotz, weil es niemandem etwas wegnimmt, aber dafür anderen etwas gibt. Ja, es mag vielleicht beim ersten Mal Hören oder Lesen ungewohnt klingen, aber dass es so viel Aufregung und teilweise Krawall rechtfertigt... ich weiß nicht.
Vielmehr denke ich, dass prinzipielle Ablehnung für manche Menschen einfach eine gewohnte Reaktion auf Neues ist.
Neulich in einem Artikel über die Einführung der Anschallpflicht in Deutschland gelesen, dass die Mehrheit der Menschen erstmal dagegen war, der Sicherheitsgurt würde die persönliche Freiheit einschränken, wäre unbequem, usw. usf. Obwohl so eine simple, lebensrettende Sache, die keinen einzigen Nachteil hat. Ich verstehe bei sowas nicht, wie man sich so aufregen und querlegen kann. Aber gut, die Anschnallpflicht ist tatsächlich eine Pflicht, die alle Autofahrer*innen nachkommen müssen. Das ist beim Gendern überhaupt nicht der Fall. Insofern kann man doch machen, wie man selbst möchte und gut ist.