Gut, dann hast du wenigstens deine Privatsphäre und deine Eltern reden dir nicht ständig rein. Ah, ich hab vergessen, er hat euch ja eine Wohnung besorgt.
Ich denke, du nimmst zumindest manchmal wahr, dass die ganze Sache mit dem KV eine große, große Illusion war. Aber ich glaube, wenn du dich nicht auf ihn eingelassen hättest, dann auf einen anderen Narzissten. Freundschaften und Beziehungen funktionieren nur auf gleicher Ebene. Man kann
auf Dauer nur das von anderen erwarten, was man selber geben kann. Andernfalls hat der, der mehr gibt, eines schönen Tages die Schnauze voll und knallt den Schwächeren gegen die Wand. Das ist immer so.
Du wünschst dir ja sehnlich jemanden, der dich liebt und bei dem du dich anlehnen kannst. Aber sobald du dich dauerhaft anlehnen willst, ist es wieder keine Beziehung auf Augenhöhe, und die Sache geht schief. Die einzige Möglichkeit, sich als Erwachsene anzulehnen, ist eben, eine Therapie anzufangen oder sich Beratungen zu holen. Was man auch nicht verachten sollte, ist die Telefonseelsorge. Ich hab zweimal dort angerufen, einmal wegen mir, einmal, weil ich jemand anderem besser helfen wollte. Beide Male waren die Leute sehr nett, sehr einfühlsam, ich konnte natürlich anonym bleiben, und sie wollten mich in keinster Weise missionieren. In manchen Städten kann man zur Telefonseelsorge direkt hingehen. Und chatten ist auch möglich.
Die Sache ist: Wenn du eine gute Beziehung führen willst, brauchst du unbedingt ein gutes Selbstwertgefühl und möglichst weitgehende psychische Gesundheit, sonst geht es daneben. Jedes größere Problem eines der beiden Partner ist eine Belastung für die Beziehung. Also - ohne Selbstliebe und ohne professionelle Hilfe von außen ist eine weitgehend harmonische Beziehung für erwachsene Kinder aus lieblosen Elternhäusern schlicht nicht möglich. Es gibt jede Menge Leute, die in ihrer Kindheit nicht geliebt worden sind, das alles noch nicht aufgearbeitet haben und von einer Missbrauchsbeziehung in die nächste stolpern. Oder ständig verlassen werden. Wie gesagt, es gibt da das psychologische Gesetz der Reziprozität - man kann
auf Dauer nur das erwarten, was man selber geben kann. Und dieses Gesetz ist unnachgiebig wie eine Betonwand.