Liebe Ilina,
Ich habe deinen Text durchgelesen und kann mich in einigem, was du schreibst, sehr gut wiederfinden.
Du schwankst hin und her zwischen "Mir gehts doch eigentlich gut" und "Ich fühl mich eigentlich total sch***). Sobald du aber dieses Gefühl zulässt, dass es dir nicht gut geht, kommt schon wieder diese Stimme: "Aber es ist doch eigentlich alles in Ordnung". Oder:
Ja, das klingt schlecht. Ich kann's mir nur unter tränen durchlesen. Aber vielleicht übertreibe ich ja, und eigentlich bin ich ok?
Wurde es dir erlaubt, deine Gefühle zu zeigen? Kann es sein, dass du die Erfahrung gemacht hast, dass du deine Gefühle gezeigt hast und dann dafür verurteilt wurdest, oder dass dir jemand gesagt hat: "Das ist zu viel" oder "Es ist doch eigentlich alles gut"?
Was mir aufgefallen ist, ist dass du schreibst, wie dein Vater dich bezeichnet hat, und dass dies in Zusammenhang damit zu stehen scheint, dass du jetzt denkst, du bist nicht liebenswert und es komisch für dich ist, wenn jemand zeigt, dass er/sie dich mag. Dieses sich nicht liebenswert fühlen hat oft damit zu tun, welches Gefühl uns unsere Eltern gegeben haben. Das heißt nicht, dass diese Schuld oder schlecht sind (wobei es dir auch gibt aber viele Eltern machen solche Dinge ohne es bewusst zu wollen). Aber alle Eltern machen irgendwelche Fehler, geben Dinge unreflektiert an ihre Kinder weiter etc. Und vielleicht hat dein Vater dir das Gefühl gegeben, nicht liebenswert zu sein, als er dich so nannte. Wichtig hier ist: was hast DU in dem Moment gefühlt, wie war es für dich?
Auch bei dem Vorschlag, Therapie zu machen, kommt dir der Gedanke: "Aber mir geht es doch eigentlich gar nicht so schlecht." Ich war auch lange überzeugt, dass ich keine Therapie brauche, weil "mir gehts doch so gut". Ich habe es erst eingesehen, als ich mit dieser Einstellung fast gegen die Wand gefahren bin.
Nimm deine Gefühle ernst. Du bist es wert, dass es dir gut geht, dass du dir Unterstützung holst, dass du gemocht wirst. Du darfst Warmherzigkeit und Liebe erfahren, du darfst Schwäche zeigen, du musst nicht immer funktionieren, du darfst dir selbst Gutes tun. Ohne, dass du dich dafür schlecht fühlen musst oder dir sagen musst: "Ich habe das doch gar nicht verdient." Und du kannst, wenn du diese Dinge in der Therapie aufarbeitest, dir bewusster darüber werden, woher diese Stimmen kommen, und aufhören, ihnen so viel Macht zu geben.