Liebe TE,
(...)
Fakt ist doch aber: wir sind alle Menschen und Menschen sind nunmal fehlbar und nicht perfekt. (...)
Ja, deine Reaktion war unverhältnismäßig, da gibt es nichts schön zu reden. Und doch hatte diese Reaktion sicher ihre Wurzeln und somit auch ihre Berechtigung - zumindest für dein Wesen in dir, das diese Beziehung zu den Eltern nicht aufgearbeitet hat.
Der wichtigste Schritt, den bist du ja bereits gegangen: du hast die Ursache erkannt und willst daran arbeiten. Das ist gut! Viele schaffen dies nicht. Es sibd dann diejenigen, die hier die große Moralkeule raushauen...
Die Schuld jetzt alleine bei dir zu suchen ist erstmal nicht ungewöhnlich. Mir ging es auch sehr lange so. Tatsächlich aber ist es auch so, dass zu einer solchen Dynamik IMMER zwei gehören. Da mögen sicherlich auch viele unbewusste Faktoren eine Rolle spielen. Nicht du allein trägst die Verantwortung innerhalb einer Beziehung oder Freundschaft. Jeder hat seinen Anteil. Wahrscheinlich wird es noch Zeit brauchen, bis du dies erkennst, denn der Verlust überschattet erst einmal alles. Und da fühle ich mit dir. Ich habe selbst einen sehr wichtigen Freund aus meinem Leben verloren aufgrund einer solchen ungünstigen Dynamik.
Heute weiß ich aber: auch er hatte seinen Anteil daran und nicht ich, sondern hat die Erde hinter sich verbrannt. Das tut sehr weh, ja. Ich würde lügen wenn ich sage, dass ich heute gut damit zurecht komme. Aber als ich anfing zu erkennen, dass er selbst ziemlich kaputt ist und sich daraus dann eine toxische Dynamik entwickelt hatte, woraufhin Aktion auf Reaktion folgten, wurde es leichter für mich.
Aktion und Reaktion. So scheint es mir bei euch gewesen zu sein. Ich glaube dir jedenfalls jedes Wort, wenn du sagst, dass du sonst nicht so unverhältnismäßig reagierst. Ich lernte mich in dieser Freundschaft selbst auch von einer mir bis dato fremden Seite kennen. Wichtig finde ich daher, dass du versuchst diese Freundschaft aufzuarbeiten und zwar von allen Seiten, damit du für die Zukunft weißt, welche Menschen du meiden solltest, um eine solche Dynamik und dann auch Reaktion zu vermeiden. Das ist das, was du selbst tun kannst! Denn niemand hat seine Gefühle und Handlungen IMMER im Griff. Sowas behaupten nur sehr schwache Menschen, weil sie mit ihrer eigenen Unvollkommenheit nicht klar kommen.
Versuche dich von diesen Schuldgefühlen zu befreien. Der Schmerz um den Verlust ist schon Aufgabe genug, ihn zu bewältigen. Und sieh es vielleicht auch einmal so: nicht du hast ihr den Rücken gekehrt, sondern sie. Es ist ihr Verlust und nicht deiner.
Die Angst, jemand wichtigen im Leben zu verlieren sitzt bei dir tief. Aber heute bist du erwachsen und du brauchst dich vor dem alleine sein nicht zu fürchten. Anders als das Kind in dir.
Ich habe als Jugendliche meinen geliebten Vater verloren und später aus anderen Gründen meine Familie (nicht physisch). Was dies mit mir gemacht hat, erkenne ich heute erst. Leider für so manche Menschen zu spät. Ich habe mir mehr als einmal gewünscht, ich könnte die Zeit zurück drehen. Aber was wäre damit gewonnen? Ich stünde am selben Punkt wie damals.
Heute bin ich um viele Erkenntnisse reicher - den Schmerz und die Trauer um diesen Menschen - zusätzlich im Gepäck. Leben bedeutet Schmerz, so sagen jedenfalls die Buddhisten.
Sei nicht so hart zu dir selbst, es reicht, wenn es andere tun, weil sie nie in deinen Schuhen gelaufen sind. Und passe gut auf diese deine Schuhe auf, sie sind das, was und wer du bist und sein wirst. D.h kümmer dich gut um dich selbst und versuche zu erkennen, dass du kein schlechter Mensch bist.
Oft sagt man ja: es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung.
So ist es vielleicht auch mit den Menschen. Es gibt keine grundsätzlich schlechten Menschen, es gibt nur (vielleicht mit vereinzelten Ausnahmen) schlechte Dynamiken, die ein Verhalten begünstigen oder nicht.
Ich wünsche dir von Herzen, dass du eines Tages loslassen kannst. Mehr kannst du hinsichtlich dieser Freundschaft nicht mehr tun. Es ist ihre Entscheidung. Deine wird es sein, welchen Weg du gehen wirst, um damit umgehen zu können.
"Die Zeit, die du für deine Rose gegeben hast, sie macht deine Rose so wichtig." ( Antoine de Saint-Exupéry).