Ob mein Freund eine Depression hat, kann ich nicht beurteilen. Ich arbeite nicht im medizinischen Bereich. Ganz ausschließen kann ich es nicht. Ich habe schon von mehreren Seiten gehört, dass depressive Menschen viel schlafen, keine Struktur haben und sich schon mit den einfachsten Aufgaben im Alltag schwer tun.
Gestern hatten wir Zoff wegen Unordnung und Dreck. Mein Freund meinte, er wäre einfach nur noch nicht dazu gekommen und würde heute alles erledigen. Und was ist? Er ist um 10 aufgestanden (obwohl er schon gegen 22:30 Uhr im Bett war), hat Frühstück gemacht und die Küche aufgeräumt. Wohnzimmer und Badezimmer sind immer noch nicht sauber. Er sitzt seit Stunden im Esszimmer und hört Musik. Kinder sind übrigens kein Thema für uns, wir haben beide keinen Kinderwunsch.
Fairerweise muss ich zugeben, dass ich vor unserer Beziehung auch eine solche Phase hatte. Ich war zwar immer berufstätig, aber es gab eine Zeit, in der ich mit den anderen Aufgaben im Alltag große Probleme hatte und vieles schleifen ließ. Das lag an der unglücklichen Liebe zu einem Mann, mit dem ich nicht offiziell zusammen war. Ich habe mich lange von ihm hingehalten und ausnutzen lassen. Doch eines Tages hatte ich die Schnauze voll und krempelte mein Leben um. Seit 2015 habe ich es bestens im Griff.
Meinen Zweitjob habe ich, weil mein früherer Umgang mit Geld zu wünschen übrig ließ. Ich bin durch ganz Europa gereist, um den besagten Mann zu treffen, obwohl mein damaliges Gehalt nicht gerade üppig war. Das ging so weit, dass ich in manchen Phasen nicht einmal genug Geld auf der Kante hatte, um elementare Dinge wie Miete, Strom und Müllgebühren pünktlich zu bezahlen. In den letzten 7 Jahren habe ich alle meine Rechnungen pünktlich bezahlt, mache aber trotzdem noch den Nebenjob, um mir etwas zur Seite zu legen. Früher war Sparen kein Thema für mich. Ich habe mein ganzes Geld für die Reisen zu dem besagten Mann (er war Musiker, ich bin ihm durch Europa gefolgt, wenn er auf Tour war) ausgegeben. Studium, Weiterbildung etc. war damals alles kein Thema für mich. Mein ganzes Leben und Denken drehte sich nur um diesen Mann, ich war emotional abhängig von ihm und hatte nichts anderes mehr im Kopf.
Wie ihr seht, ist es schon möglich, sein Leben zum Positiven zu verändern. Ich habe es geschafft und möchte deshalb auch meinem Freund die Chance geben, es zu schaffen. Die Sache mit der gemeinsamen Haushaltsführung muss ich mir durch den Kopf gehen lassen. Es wird aber nicht immer funktionieren, weil ich in manchen Phasen im Hauptjob so viel zu tun habe, dass ich abends einfach nicht mehr in der Lage sein werde, noch viel im Haushalt zu mafchen.