Ich finde, man sollte das wie mit "Ich will als Autor Geld verdienen" oder "Ich will als Schauspieler berühmt werden" sehen - kann man, muss man aber nicht. Neben Rowling gibt es unzählige Autoren, die nie größeren Erfolg haben werden und das ist die Mehrheit. Oder wie viele Schauspieler gibt es, die sich unglaublich bemühen und hart an sich arbeiten, aber niemals in einem bekannteren Film oder Serie zu sehen sind?
Meine Existenz und berufliche Basis würde ich niemals darauf setzen. Und ich empfehle es auch niemanden, denn spätestens, wenn man dann merkt, es klappt so überhaupt nicht, kommt das böse Erwachen und man hat keine Ausbildung oder Berufserfahrung, auf die man zurückgreifen kann.
Ich finde diesen YouTuber-Hype gefährlich, denn er impliziert gerade Kindern und Jugendlichen, dass jeder dahergelaufene nur mit etwas coolen Geschwätz und Style einen Volltreffer landet und reich und berühmt wird. Gerade weil es so locker zugeht und viele Erfolgsgeschichten durch Zufall und als Hobby entstanden sind. Und das würde ich auch jedem raten, der das versuchen will: nebenbei als Hobby. Und dann sehen, was daraus wird. Aber immer mit einer beruflichen Basis, die einen ernährt und unabhängig macht. Und zu der man zurückkehren kann, wenn es nichts wird mit YouTube.
Jetzt ist der Bereich sowieso überlaufen und es ist sehr schwer, sich dort zu behaupten. Viele Ideen wurden schon zu tausendfach, ach, millionenfach präsentiert. Es ist eine Maschinerie, die versucht Geld aus Zuschauern zu pressen, wenn man nicht aufpasst und YouTubern folgt, die eigentlich nur Produkte verkaufen.
Ich habe selbst interessante und tolle Kanäle abonniert, die mir auch was bringen und die ich gerne sehe. Es ist also nicht alles schlecht. Aber es gibt auch viele, da geht es nur um Vermarktung und dass möglichst viel Geld abgeschöpft wird. Die "Alteingesessenen" YouTuber, das sind oft die, die es aus einem Hobby heraus gemacht haben, weil sie sich begeistert haben für ihr Thema - jetzt hast du viele, die eigentlich nur das Geld sehen wollen und dass sie beklatscht werden. Und das ist für mich eine ganz andere Motivation, als zu sagen, man möchte einfach sein Hobby präsentieren und was dazu erzählen.
Ich sehe das auch in der Blogger-Szene. Ich habe mit einer Freundin einen solide laufenden Blog mit akzeptablen Abonnentenzahlen. Wir spielen nicht in der obersten Liga, aber im guten Mittelfeld mit und die Wachstumsraten sind nicht schlecht. Wir werden auf Veranstaltungen kostenlos eingeladen und erhalten auch dabei Führungen und Interviews. Da gehörst du dann zur "Presse" und wirst auch so behandelt. Wir bekommen auch teure Produktpakete zum Testen geschickt, einfach damit wir darüber schreiben. Das ist schon cool, das ist Zeug, das könnte ich mir niemals selbst so einfach leisten, bzw. würde es mir mehrmals überlegen, ob ich es mir kaufe.
Wir - also meine Mitbloggerin und ich - sagen, dass es ein Hobby bleiben soll. Und dass der Spaß dabei im Vordergrund steht. Wir beide sind da auch nicht naiv und haben von Anfang an nie gedacht, dass wir jemals davon gut leben können. Das ist uns auch nicht wichtig. Der Blog darf nicht mit unserem Privatleben und Alltag so in Konflikt geraten, dass wir da irgendeinen Druck hätten, den wir nicht wollen. Natürlich sind wir schon konsequent und engagiert, wir nehmen uns schon vor, regelmäßig zu posten, besprechen und planen auch Themen und gehen auf unsere Leser ein. Aber daneben gibt es halt auch noch die Arbeit, Freunde, Familie und andere Hobbys.
Für uns steht der eigentliche Grundgedanke von Blogs in Vordergrund: nämlich zu informieren und eine freie Meinung zu schreiben. Heißt, wenn wir etwas testen, das uns nicht gefällt, dann bemängeln wir das auch. Wir erklären aber immer dabei, warum das so ist, wo wir Verbesserungsbedarf sehen oder wo es Alternativen gäbe, die besser sind. Wir sind da also sehr kritisch und darauf konzentriert, ehrlich und transparent zu sein und unseren Lesern einen Mehrwert zu bieten, damit sie sich auch unabhängig informieren können.
Das hast du überwiegend nicht mehr. Viele Blogger lassen sich mittlerweile kaufen. Die schreiben keinen Beitrag mehr, der nicht bezahlt ist. Und da sie natürlich Geld verdienen wollen, hüten sich sehr viele davor, eine ehrliche, ganzheitliche Meinung abzugeben oder das Produkt wirklich zu hinterfragen oder ausreichend zu testen. Die wollen ja auch nicht andere Firmen abschrecken, die kein ehrliches Feedback wollen. Das ist schon so ein Thema. Viele Unternehmen wollen die Reichweite der Blogger positiv für sich nutzen und die "ehrliche Meinung" der Blogger für sich nutzen - aber bitte immer nur positiv und wehe, du hinterfragst was oder bist zu kritisch. Meine Mitbloggerin und ich erteilen Unternehmen auch Absagen. Oder gehen auch nicht auf bestimmte Veranstaltungen, weil es nicht in unser angestrebtes Image passt oder nicht zum Thema unseres Blogs. Das machen mittlerweile immer weniger Blogger. Die Szene ist sehr käuflich und geldgierig geworden. Und das finden wir schade. Da gibt es Blogger, die verdienen viel Geld, aber jeder Beitrag, den die geschrieben haben, ist bezahlt und abgesprochen. Und spiegelt oft ihre eigene Meinung gar nicht mehr wieder. Was die auch bei Treffen und Events dir erzählen, wenn du mal persönlich mit denen redest. Es ist ein Business geworden, wo Geld und "Fame" im Vordergrund stehen. Und für die Unternehmen käufliche Meinungen.
Und es ist auch manchmal wirklich gemein: mir hat erst neulich auf einem Event die Chefin eines sehr netten Startups erzählt, dass sie teilweise von Bloggern Druck bekommt. Wenn sie da kein Geld springen lässt oder nicht sehr viele und teure freie Exemplare, dann wird halt schlecht über sie geschrieben. Oder gar nicht. Das ist dann die Kehrseite. Da geht es vielen Bloggern echt nur noch um Geld und das ist echt schlimm, wenn man bedenkt, dass wenn du ausreichend Reichweite und Leser hast, du da echt was kaputt machen kannst, wenn du schreibst: "Die Produkte von XY sind alle komplett schlecht".
Das ist mit YouTube oft nicht mehr anders. Du kannst sehr viel Geld machen, wenn du eine große Reichweite und viele Abos hast. Die Unternehmen bezahlen dich dann, dass du für sie Werbung machst. Es ist soweit besser geworden, dass allgemein seit einiger Zeit eine Kennzeichnungspflicht besteht, dass Beiträge von Unternehmen bezahlt oder gesponsert wurden oder dass die Produkte, die du testest, kostenlos zugeschickte Exemplare waren.
Durch die neuen Gesetzgebungen wird es sowieso immer schwerer, da noch irgendwie Kohle abzugreifen. Und ich denke, dass es noch härter wird und komplizierter. Man hat das ja auch mit YouTube vor kurzem gesehen: da ändern die bestimmte Auflagen oder Regeln und zack haut es dir hunderte, tausende Abos raus.
Also als Hobby: ja, unbedingt! Wenn man was zu sagen hat und etwas interessantes präsentieren kann. Aber als gelebter Traum von der Unabhängigkeit, von dem man langfristig leben kann: lieber vergessen!