Mir sind auch Menschen bekannt, die einen Verein zu ihrer Ersatzfamilie gemacht haben, andere ihre Firma, wieder andere ihre Haustiere! Aber kann sowas denn wirklich die Familie ersetzen? Gerade in Vereinen habe ich es oft erlebt, daß genau so ein Leistungsdruck besteht wie auf der Arbeit. Vereine suchen Talente. Wer wenig Talent hat, hat hier keine Chancen Anerkennung zu finden. Und gerade das ist doch das Besondere an einer Familie: daß hier jeder willkommen ist, unabhängig davon, was er kann und was er leistet. Deshalb bin ich auch der Meinung, daß bei einer solchen Diskussion die Frage nach dem Alter oder dem Wohnort eigentlich keine Rolle spielen sollte. In einer Familie ist doch jeder willkommen. Das mit der Omi, die sich um psychisch kranke junge Leute kümmert, war natürlich nur als ein Beispiel gedacht. Ich kann mir etliche andere Konstellationen vorstellen.
Sich sozial zu engagieren ist sicherlich auch eine gute Idee. Vielleicht kommt da auch mal ein Dankeschön zurück. Aber familiäre Liebe ist doch etwas anderes.
"Wer gibt, der nimmt". Oft ist das der Weg, um Gemeinschaft zu erfahren. Dazu muss man selbst den ersten Schritt tun, von alleine passiert nichts.
Und genau das ist der Unterschied zu einer Familie: Es gibt Menschen, die aufgrund von körperlicher oder seelischer Krankheit nicht dazu in der Lage sind, etwas zu geben. Eine intakte Familie fängt sowas auf. Doch nicht jeder hat eine solche Familie.
Wenn man hier in diesem Forum einmal liest, wie viele Menschen unter der eigenen, natürlichen Familie leiden und sich eine andere wünschen würden, dann finde ich die Idee, sich eine Ersatzfamilie bzw. Wahlverwandte zu suchen, eigentlich ganz toll. Das ist nicht dasselbe wie Freunde oder einen Partner zu suchen. Das Kennzeichen von erwachsenen Familienangehörigen besteht doch darin, daß man sich zwar besucht, miteinander telefoniert, sich Geschenke macht,... darüber hinaus aber jeder sein eigenes Leben lebt. Die Tante, Schwester, Omi, ... zu der ich immer wieder fahre, um mich auszuweinen, ist für mich da, wenn ich sie brauche und ich für sie. Und zwar ganz unabhängig von gemeinsamen Interessen oder Unternehmungen, ganz unabhängig von dem, was ich leiste oder zu bieten habe. Bei einer Freundin oder gar einem Partner ist das anders. Die stellen gewisse Erwartungen bzw. Voraussetzungen an mich.