Die Lebensverhältnisse von Deutschland etwa mit denen in Indien oder Südamerika zu vergleichen, bedeutet Äpfel mit Birnen zu vergleichen. In "südlichen" Ländern sind schon durch die Umgebung die Verhältnisse ganz anders, wer nicht mit monatelangem Winter in jedem Jahr leben muß, sondern das ganze Jahr über seine Feldfrüchte anbauen kann und den größten Teil des Jahres keine extra Heizung braucht um nicht zu erfrieren, lebt von vorneherein viel entspannter als ein Mittel-oder Nordeuropäer, das wirkt sich auf die gesamte Lebenseinstellung aus. Aber selbst das angesprochene Großbritannien, das uns doch so nahe liegt (und unter vergleichbaren Klimaverhältnissen) bringt als ehemalige weltumspannende Kolonialmacht mit "großer" Vergangenheit, auf die man bis heute stolz ist und die bis heute nachwirkt, ganz andere Verhältnisse mit, in Form einer ganz anderen Mentalität, Selbst- wie Weltsicht. Die allerdings, wenn man sich die aktuellen Zustände dort ansieht, längst nicht mehr gerechtfertigt sind, das Land ist bekanntlich in einem langsam wirkenden Umbruch begriffen, hängt auf halbem Wege zwischen geliebten aber nicht mehr zukunftsfähigen Traditionen einerseits und einem wenig geliebten, aber notwendigen Schritt in die Zukunft andererseits. Ein weiterer Punkt ist schlicht, daß sich hoher materieller Lebensstandard nach deutschem Muster - den sich vermutlich jeder wünscht - und reichlich Zeit für Sozialleben, Freunde, Familie etc. und natürlich auch noch persönlichen Vorlieben, Hobbys, Reisen, Unterhaltung etc., für viele genauso wünschenswert - zeitlich irgendwann in die Quere kommen, ein Tag hat nun mal nicht mehr als 24 Stunden, und große Leistungen lassen sich meist nicht im Vorbeigehen aus dem Handgelenk schütteln, dafür muß man sich schon am Arbeitsplatz auf den Hosenboden setzen, von nix kommt nix, und wer nichts leistet, braucht und darf dann auch keine großen Ansprüche stellen. Es ist also eine Frage der Balance, alles so weit miteinander in Einklang zu bringen, daß nichts davon zu kurz kommt - und man, ganz wichtig, selbst nicht über all den (Selbst-)Ansprüchen zu kurz kommt. Wie man das tut, und welches Teil einem wichtiger ist, das ist (zum Glück) jedem einzelnen selbst überlassen. In einer stark individualisierten Kultur wie bei uns, wo der Einzelne wichtiger ist als der Familienklan und jeder erst mal für sich selber sorgen muß, kommt halt für viele der Beruf zuerst und der "Genuß" der Freizeit hinterher, denn vom Beruf kann man in der Regel leben und sich was leisten, von "Genuß" dagegen nicht, und nicht jeder hat das Glück, Notwendigkeit und persönliche Vorlieben immer miteinander verbinden zu können. Genauso wie nicht jeder alles räumlich miteinander verbinden kann, die Zeiten, die man im Auto oder den Öffentlichen sitzt, um zur Arbeit und wieder zurück zu kommen, gehen auch wieder von der Zeit ab, die man ggf. "genießen" könnte. Die Frage nach Glück und Genuß ist auch eine nach der allgemeinen Perspektive. Es ist nicht so, daß jeder Latrinenputzer in Indien automatisch glücklich ist mit seinem Job - aber wenn er jeden Tag andere Personen sieht, die als Bettler in der Gosse sitzen, weil sie nicht einmal das Glück haben, als Latrinenputzer arbeiten zu können, dann fühlt er sich automatisch als bevorzugt, und geht seinen Job dann eher mit einem Lächeln an. Vielleicht fehlt uns hier einfach der tägliche Umgang mit Leuten, denen es tatsächlich und gut sichtbar dreckiger geht als uns... und nicht zuletzt gilt es hierzulande geradezu als unfein, als "zu glücklich" dazustehen, anders als in vielen Ländern haben wir gerade in Deutschland eine ausgeprägte "Neidkultur", in der viele den anderen nicht die Butter auf dem Brot gönnen, geschweige denn daß sie glücklich sind (oder zumindest so aussehen, als wären sie es). Ob das was mit der jahrhundertelangen christlich-seßhaften Prägung zu tun hat, mit der Erde als Jammertal, in dem man eingesperrt ist ohne (räumlichen) Ausweg (was man so in Indien und sonstwo auch nicht kennt) vermag ich nicht zu sagen. Zum Vergleich die USA, auch sehr christlich geprägt, aber ohne diese Neidkultur, dort überwiegt das Selbstverständnis als Pioniere, die auf eigenen Füßen stehen, sich ihr Leben selbst erarbeiten und dafür nicht beneidet, sondern bewundert werden, vom Tellerwäscher zum Millionär und so, und wenn es vor Ort nichts zu wollen gibt, dann zieht man einfach weiter, die Suche nach dem persönlichen Glück, wie auch immer man das definieren will, ist dort sogar in die Verfassung eingeschrieben... abermals eine ganz andere Mentalität. Jeder liegt so wie er sich betten will, und wem das eine Bett nicht paßt, muß halt umziehen...