Es folgt wiedermal eine Fortsetzung.
Tabu
Eigentlich müsste sich in mir ein tiefes Glücksgefühl manifestieren und uneigentlich zerbreche ich an der Realität, weil ich selbst nicht weiss, wohin mich dieser Weg führen wird. Ich habe von dieser Frau viel mehr, als ich mir jemals nur ansatzweise erträumt hätte. Sie ist zu einem festen Bestandteil meines Lebens geworden und mir ist bewusst, dass diese Verbindung jederzeit das Zeitliche segnen kann. Wie stellt sie sich das vor? So einfach lässt sich bei mir der Schalter nicht auf Freundschaft umlegen. Diese zärtlichen Umarmungen rauben mir den Verstand und ich habe meine liebe Mühe, nachts die Illusionen zu bezwingen. Gestern war meine Welt in Ordnung. Ich durfte mich in ihrer Nähe verlieren und innige Momente genießen. Wohin hat mich diese Frau nur gebracht? Ich liege hier wie benommen und würde ihr am liebsten ganz nahe sein. Meiner Mutmaßung zufolge, ist sie sich dessen nicht ganz bewusst, auch wenn wir uns in endlosen Diskussionen darüber verloren haben. Was mir bleibt, ist ein Stück vom ewigen Glück. Ein Lichtblick, der in sinnlichen Stunden seinen Höhepunkt erreicht, verblasst in der Einsamkeit zu einem monotonen Schwarz. Bilder, die ich sehe, dunkel oder heller, sind von Erinnerung gemalt. Einige davon verschwinden mit der Zeit und andere werden mit mir alt. Ich trage sie in meinem Kopf zur Schau und könnte so manche Räumlichkeit damit schmücken. Besucher meiner Ausstellung müssen ein hohes Preisgeld zahlen, um an meinen Irrungen und Wirrungen teilhaben zu können. Bis jetzt gehe ich leer aus, denn niemand hat Ambitionen, in meine verworrene Seele zu blicken. ‚Zum Glück’ meldet sich der Selbstschutz und ‚Schade’ schreit die Sehnsucht. Die Furchen des Lebens scheinen vorerst gezogen und könnten wahrlich gerade sein. Fast schon renitent verspottet mich das Selbstmitleid. Und ich? Ich füge mich meinem Schicksal, immer an zweiter Stelle zu stehen. Niemals werde ich bei ihr die Gelegenheit haben, all meine Gefühlsduselei auf den Punkt zu bringen. Wieder und wieder muss ich mich in Worte flüchten, die niemals das sagen, was mein Herz letztlich zu verstehen geben möchte. Auf der einen Seite wirke ich sehr gelassen, wenn sie bei mir ist. Andererseits frisst mich diese Abgeklärtheit auf und ich traue mich nicht, einen viel bedeutenderen Schritt zu wagen. Ja, ich hätte zu gern ihre Lippen mit den Meinigen berührt, um endlich eins zu werden. Meine Feigheit stampfte dieses Vorhaben in den Boden und das Verlangen hatte keine Chance gegen diesen Tyrann, obwohl ich nicht einmal eine Abneigung ihrerseits spürte. Ein einziges Mal durfte ich vom verbotenen Wein kosten und er mundete zartbitter süß. Jetzt obliegt mir dieses Privileg nicht mehr und ich bezweifle, jemals wieder an diesen Punkt zu kommen. Jede verdammte Nacht zeichnet meine Phantasie diese Bilder mit ihr und sie ist wahrlich ein Augenschmaus für mich. Anfangs stellte sich meine Begierde sehr abstrakt dar, doch mittlerweile werden die Einzelheiten filigran herausgearbeitet. Impressionistisch setzt mein Gehirn einen Bildpunkt neben den Anderen und es ergibt sich ein Kunstwerk von unglaublicher Schönheit. Ich würde Alles für diese Frau geben und ertappe mich ständig bei dem Gedanken, eine Nacht mit ihr zu verbringen. Ich kann von Glück reden, dass sie mich so nicht sehen kann. Meine Hand geht auf Erkundungstour und klammert sich an Bildern fest, die uns eng umschlungen zeigen. Ganz heiß wird mir dabei und mein Körper windet sich, um dem Verlangen danach zu entfliehen. Doch die Vorstellung, sie nicht nur liebevoll mit Küssen zu bedecken, sondern ihre Lust zu erforschen, treibt mich zum Äußersten. Wenn ich nur daran denke, wohin mich ihr leises Stöhnen bringen könnte, verlässt mich mein Widerstand, gegen Gegebenheiten anzukämpfen, die so wundervoll verlockend sind. Innig entdecke ich mich und würde diesen Moment so gerne mit ihr genießen. Meine experimentierfreudigen Gedanken lassen mich ihre weichen Finger ganz tief spüren. Spielerisch wissen meine Hände mit Sanftheit und Härte umzugehen und sie führt mich ein in diese wundervolle unbekannte Welt. Unsere Erregtheit überzieht den Spannungsbogen gewollt und endet in einem lustvollen Schrei. Erschöpft unser Körper. Erschöpft unser Geist. Um uns herum existiert die Welt nicht mehr. Wir atmen schwer und erst durch sie weiss ich, was Leidenschaft bedeutet. Eine Befreiung, die ich mir schöner nicht vorstellen könnte. Diese Frau macht mich verrückt und ich begehre sie wie keinen anderen Menschen vor ihr. Ich bin völlig aufgelöst und greife zum Handy, weil ich diese Stille gepaart mit meiner inneren Unruhe nicht länger aushalte. ‚Ich habe dem Mann im Mond ins Ohr geflüstert, dass er dir ein gute-Nacht-Kussi vorbeibringen soll. Nur ein winzig Kleines auf die Wange. Ich habe mich gerade an dich verloren.’ tippe ich mit zittrigen Händen. Gerne hätte ich ihre Stimme gehört, doch ich getraue mich nicht so recht.
Und eigentlich wollte ich heute Abend vor dem Schlafengehen nur noch meine Deutschhausaufgaben erledigen, was mir jetzt immer noch bevorsteht. Wie naheliegend, dass ich dabei nur an sie denken kann und was geht mich Emilia Galotti an. Ihr Schicksal ist schon längst besiegelt und ich habe noch ein paar Jahre, um mich im Leben auszuprobieren. Vielleicht hatte Lessing eine fesselnde Begegnung mit einer Frau, die er niemals frei lieben durfte, und flüchtete sich in eine Phantasiewelt, einer sehr Traurigen, denn wer schreibt schon ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. Vor Jahrhunderten kamen die gleichen menschlichen Abgründe wie in der heutigen Zeit vor. Der Mensch ist in seiner Existenz nicht mehr geworden, als das, was er schon immer war – Mensch. Die Liebe, in Gedanken noch so frei, unterwirft sich bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die es heldenhaft zu brechen gilt oder der Mensch scheitert daran wie dieses Mädchen Emilia, deren Seele im Schwarz ertrinkt und sie selbst lieber den Tod erleiden möchte, weil sie sich der Gefahr ihrer Verführbarkeit vollkommen bewusst ist. Um es mit den Worten dieses Mädchens auszudrücken: „Verführung ist die wahre Gewalt.“ Hey, ich staune gerade, wie sich in Gedanken meine Hausaufgaben von selbst erledigen. Schnell nehme ich Zettel und Stift zur Hand, um alles festzuhalten. Ich werde einen Aufsatz schreiben, bei dem sie sich fragen wird, ob es Emilia ist, die Höllenqualen leidet. So einfach kann also Deutsch sein. Okay, eine schlechte Note muss ich vielleicht in Kauf nehmen. Aber das ist es mir mehr als wert.
Mit lieben Grüßen an alle,
*.*Gast*.*, die heute Kopfschmerzen hat *grummel*