Wie steht es denn um die Opfer, welche genauso einfach ihr Leben leben wollten?
Oder werden diese verletzten Seelen nichtig, wenn es um die Belange des Täters geht?
Ich hatte selbst ja auch schon Gewalt erlebt. Und wünsche den Peinigern keine Therapie, kein Gefängnis oder gar Folter. Sondern schlicht den Tod. Kannst du mir versichern, das sie denn überhaupt therapierbar sind? Oder nicht einfach wieder weiter Gewalt ausüben?
Hallo Seth, ich verstehe deine Gedanken und Gefühle dazu. Ich bin selbst Überlebende von Gewalt, seelisch, körperlich, sexuell. Und ich habe sehr lange davon geträumt, meiner Ex-Mutter Messer in den Hals zu rammen, ihr schwere Gegenstände über den Schädel zu schlagen, sie zu schlagen, hungern zu lassen, sie zu foltern und dabei auszulachen. Ich habe Fotos von ihr an eine Dartscheibe gehängt und beschossen, bis ihr Bild nicht mehr erkennbar war. Ich habe geflucht und gehadert, weil ich es unerträglich fand, daß sie "einig mit sich selbst und vor Gott" weiterleben durfte, während meine Seele so zertrümmert war, daß es ein "Ich" nicht mehr gab. Und weil ich es so ungerecht fand, daß niemand sich dafür zu interessieren schien, was aus uns Kindern geworden ist - sie lebt noch und wird bestens betreut in einem Pflegeheim. Ihre Rente bezieht sie aus ihrer Tätigkeit als SOS-Kinderdorfmutter.
Ich verstehe solche Gefühle sehr gut und auch den Wunsch, solche Seelenzerstörer tot zu wissen. Aber wie Tuesday schon geschrieben hat: dadurch würde die eigene Seele nicht heil, und wenn man selbst tötet, tötet man viel mehr als nur solche Peiniger: auch ein Stück von sich selbst.
Ist natürlich meine subjektive Erfahrung, aber ich teile sie mit vielen anderen: der Weg, sich selbst wieder zum Leben zu überwinden und zum Heilwerden führt nicht über Rache. Diese Erfahrung habe ich vor nicht einem Monat machen dürfen, als ich nach über 30 Jahren zum ersten Mal Verantwortlichen des Kinderdorf-Vereins gegenübersaß und hören durfte: Ja, es ist zu Mißhandlungen bei uns gekommen und Ja, wir bedauern das zutiefst. Klingt vielleicht nach wenig, aber es war für mich einer der größten und wichtigsten Schritte, um loslassen zu können. Nicht, um damit Täter zu entlasten - das tue ich nach wie vor nicht. Sie können mich aber nicht mehr so sehr berühren, daß mein Leben davon nennenswert beeinträchtigt wird.
Ich fürchte nur, daß diese Erfahrung - nämlich daß 'Aussöhnung' weniger einen Täter schont, sondern für's eigene Weiterleben wichtig ist - nicht unbedingt weitergegeben werden kann. Gerade aktuell bin ich wieder an einem Punkt angelangt, wo ich miterlebe, wie andere Überlebende von Gewalt ihren ganzen Zorn und Haß in Tiraden und Rechtfertigungen für den unrechtmäßigen Tod Osama bin Ladens loslassen - aus meiner Sicht lediglich "Ersatzwut" gegen Peiniger aus der eigenen Vergangenheit, aber auch das mein subjektives Empfinden. Es ist nicht so, daß ich das nicht verstünde. Nur: es macht mir so viel Angst und Unwohlsein, daß ich mich von diesen Leuten zurückgezogen habe. Weil ich davon überzeugt bin, daß letzten Endes jeder Gewaltverbrecher, Mörder, Despot oder Kinderschänder Rechtfertigungen und Gründe für sein Handeln vorbringen könnte und würde. Und weil ich weiß, daß ich während der Jahre, in der mich mein Haß so sehr im Griff hatte, sehr nahe an der Grenze lebte, selbst zum Gewalttäter zu werden.
Weiß nicht, ob das für dich nachvollziehbar ist? Ich kann Opfer und Täter nicht mehr getrennt wahrnehmen. Und deshalb kann ich auch nicht die Zerstörung des einen beklagen, des anderen befürworten.