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Wie gewöhnt man sich an's Arbeitsleben?

Boone92

Aktives Mitglied
Hallo Zusammen,

die obige Frage fasst mein "Problem" eigentlich sehr gut zusammen.
Die Anführungszeichen deshalb weil es eigentlich garkeins ist, mich aber seit nunmehr einigen Jahren beschäftigt und ich komme für mich einfach nicht weiter.

Zu mir:
kerzengerader Lebenslauf: Abi in 12.5 Jahren, zur Überbrückung bis zum Studium versch. Praktika gemacht. Ein halbes Jahr nach dem Abi dann studiert, Master in Regelstudienzeit (10 Semester). Meine Studienrichtung waren Sprachen, womit ich auch sehr gut klarkam. neben dem Studium Teilzeitjob im Einzelhandel, wo mir auch sehr schnell Verantwortung übertragen wurde (Personalthemen). deshalb habe ich mich auch in die Personalrichtung orientiert, noch vor dem Diplom einen gut bezahlten Job gefunden, indem ich 2 Jahre gearbeitet habe, dann gewechselt in eine Führungsposition.

Soweit so gut. Klar gab es dazwischen auch mal kleinere Hürden (hatte schon während des Masters panische Angst garnichts Adäquates zu finden, lief dann ja aber absolut problemlos). Nichtsdestotrotz: ich fühle mich absolut unwohl. Mich nervt diese tägliche Arbeit einfach so unglaublich. Aufstehen, arbeiten, 5-6 Stunden frei. Das 5 Tage die Woche 46 Wochen im Jahr. Im Urlaub ist man schon in den Tagen vor Urlaubsende gedanklich wieder im Büro. Ich habe auch viel Abwechslung bin weder über- noch unterfordert, verdiene gut und muss mir im Grunde um Nichts wirklich Gedanken machen.
Privat läuft es auch gut. Verheiratet, Haus gekauft. Alles toll.

Aber die Perspektive noch 40 Jahre so weitermachen zu müssen. Ich bin Ende 20 und "freue" mich gefühlt auf die Rente oder zumindest auf die Zeit in 15-20 Jahren wo ich definitiv reduzieren werde. Mir fehlt seit Studienende einfach ein Ziel für mich, eine Aufgabe. Karriere interessiert mich nicht, wenn überhaupt dann nur in Form von "mehr Schmerzensgeld". Wofür ich das aber ausgeben würde, weiß ich nicht: Sondertilgungen wahrscheinlich. Urlaube und Freizeitaktivitäten können wir uns auch so bequem leisten.

Es liegt auch nicht am Job direkt, das habe ich mir ja so ausgesucht und bin damit zufrieden. Ich bin für die Arbeitswelt einfach nicht gemacht habe ich das Gefühl. Ich sehe keinen Sinn darin. Meine intrinsische Motivation reicht über schnödes "Geld Verdienen" nicht hinaus.

Klar, alles Luxusprobleme, aber wie schafft man es, sich mit dem Status Quo abzufinden? Jeder muss arbeiten und mit gutem Gehalt, unbefristet, guten Arbeitszeiten und kaum Anfahrtsweg hat man doch im Grunde schon die Nadel im Heuhaufen gefunden. Dauert das wirklich mehrere Jahre? Ich bin jetzt fast 4 Jahre mit dem Studium fertig und habe wie gesagt auch währenddessen permanent gearbeitet.
Ist das schon ne Midlife-Crisis oder eher noch "Selbstfindungsphase", die ich aufgrund meiner eigenen Ansprüche alles so schnell und gut wie möglich hinter mich zu bringen quasi garnicht hatte?
 
Die "gute" Nachricht: Es werden dich viele verstehen und du bist mit dem Problem nicht alleine.
Sehr viele Menschen empfinden es als ermüdend und Diebstahl am eigenen Leben so viel so lange arbeiten zu müssen. Ich werde vermutlich an die 47 Jahre arbeiten, davon bislang ohne Unterbrechung in Vollzeit 41 Stunden die Woche.

Ich glaube man muss irgendwo Spass an der Arbeit finden damit das klappt. Das können nette Kollegen sein, die Tätigkeit an sich oder ein Ziel für das man Geld verdient. Machst du eine Arbeit zB länger, bist du irgendwann recht sicher und gut darin und das sehen auch andere. Man holt sich dann Anerkennung im Job.

Ein Ziel kann auch die von dir angestrebte Teilzeit sein. Lebe sparsam und setze dein Geld sinnvoll ein, spare einen Teil und lege ihn an, dann kannst du bei gutem Einkommen sogar recht früh in Teilzeit gehen oder sogar früher aussteigen. Manche "Frugalisten" streben gar einen Ausstieg mit 40 an. Zumindest ist es aber schön, die Option zu haben statt mit 67 lieber schon mit 60 oder früher aufhören zu können.

Ich glaube vieles ist auch Gewohnheit. Vielleicht wird dir dein Job niemals so richtig Spass machen, aber er funktioniert irgendwann wie die Autofahrt zur Arbeit automatisch.

Schlimm ist allerdings wenn man nicht abschalten kann. Ich stelle auch manchmal fest, dass ich selbst wenn ich mal Zeit habe, noch lange gedanklich an der Arbeit hänge. Abends ist bei mir oft nur Fernsehen/Netflix drin, weil mir die Ruhe für aktive Beschäftigung wie Lesen oder PC Spiele fehlt.

Manchmal hilft Sport. Sich auszupowern hilft runter zu kommen, besonders wenn man sich über einen Chef oder Kunden geärgert hat.

Auch eine gewisse "LMAA" Einstellung hilft. Man soll die Arbeit vernünftig machen ja, aber man ist nicht für alles alleinverantwortlich. Man darf auch mal nein sagen. Der typische Burnout Kandidat macht alles selber, kann nicht deligieren und hält sich für unverzichtbar bis er durchknallt...

Hab auch kein schlechtes Gewissen. Ja viele sind neidisch, dass du "alles" hast, guter Job, Familie etc aber du hast trotzdem das Recht unglücklich über einzelne Elemente zu sein. Die meisten Angestellten stellen sich vermutlich irgendwann im Leben die Frage "Wars das? Mache ich das jetzt die nächsten 40 Jahre im Leben?"
 
Denke das hat viel damit zu tun ob man in seinem Beruf Anerkennung erfährt und ihn als Weg zur Selbstentfaltung nutzen kann. Gerade wenn es sich um etwas sinnstiftendes handelt und eine Veränderung (in der Welt) bewirkt, die man sich wünscht.
Gerade Menschen zu helfen kann sehr befriedigend sein, egal ob Arzt, Anwalt oder Berater. Aber auch Design und Herstellung, Gestaltung usw. können einem viel geben.

Für mich dagegen ein Graus ist Buchhaltung oder ähnliche Verwaltungstätigkeiten. Vor allem wenn man dabei ein Zahnrad im Getriebe von etwas ist das man weder als sinnvoll noch lohnenswert erachtet. Dabei kann es schon einen Unterscheid machen ob man sich mit den Zielen des Unternehmens identifizieren kann oder der ganze Betrieb von vorn herein im Grunde für jeden Beteiligten nur Mittel zum Zweck, sprich Geld verdienen, ist.

Gerade die jüngere Generation erwartet vom Berufsleben vor allem Sinn- und Identitätsstifendes, das Gehalt kommt von der Wichtigkeit her meist viel später. Studien haben zudem festgestellt dass Mitarbeiter die kündigen dies selten des Geldes wegen tun, sondern vor allem aufgrund ihrer Vorgesetzten und deren mangelner Anerkennung, teils sogar Unverständnis über das Geleistete -da von der Materie und was da geschafft wurde gar keine Ahnung.

Mir geht es nach mehr als 13 Jahren im Berufsleben inzwischen ähnlich wie dir. Mehr als die Hälfte meines Einkommens (und damit aufgebrachte Lebenszeit) geht sofort an Steuern weg, die dann für utopische Projekte und politische Fehlentscheidungen in unvorstellbaren Summen rausgehauen werden.
Als arbeitender Teil der Bevölkerung gehöre ich inzwischen ohnehin zu einer verschwindend geringen Minderheit, aber alle halten die Hand auf und wollen von meiner Leistung (mit) leben, dafür darf ich dann hören dass meine Rente von 67 auf 69 Jahre verschoben und bei der Gelegenheit gekürzt werden soll.
Ich schaue mich also um und sehe dass ein Großteil der Menschen ihr Leben in vollen Zügen und mit viel Freizeit genießen kann, während meines hauptsächlich daraus besteht jeden Tag im selben Büro meine Arbeit abzuleisten.

Gleichzeitig würde mir so einiges einfallen was ich gerne noch erleben oder tun würde, aber es ist schon echt schwer sein gesamtes Leben auf 6 Wochen Urlaub im Jahr zu reduzieren.
Anmerkung: Den Samstag verschlafe ich in der Regel komplett, Sonntag kommt dann die ganze Hausarbeit. Und ein paar Kontakte möchte ich ja auch mal pflegen.

Denke es würde sich bessern wenn es sich wieder sinnvoll anfühlen würde. Seit einem Jahr verwende ich relativ viel Zeit darauf nach Möglichkeiten zu suchen wie ich Geld wertstabil anlegen kann, um es mir nach dem Zusammenbruch des Euros leisten zu können die Arbeitszeit zu reduzieren.

Vielleicht ist es aber auch ein bisschen dieses "Alles erreicht-Problem. Außer dem verlockenden Ziel die Arbeitszeit zu reduzieren gibt es im Grunde nichts mehr worauf ich hinarbeiten oder sparen müsste. Mangels Beziehung sind auch Kinder keine Option, die, so habe ich mir sagen lassen, insbesondere jungen Eltern wieder ein Ziel geben.

Folglich gehört zu den nächst besten Dingen eben dann Spaß und Genuß, wie du eingangs geschrieben hast, also wahrscheinlich tatsächlich ein Wohlstandsproblem. Und dann kommt es zu dem Dilemma: Entweder man hat Zeit dafür, oder man hat das Geld. Selten beides.
Außerdem ist die Berufstätigkeit in unserer Gesellschaft ansich auch mit einem gewissen Ansehen und Identitätsstiftung verbunden. Da ich aus einer Familie komme wo die meisten, und insbesondere mein Vater, immer viel und hart gearbeitet haben, käme es mir schon irgendwie schräg vor die einzige Ausnahme zu sein und nicht mehr voll zu arbeiten. Und das auch noch in vergleichsweise so jungen Jahren. Man hat ja schon irgendwo das Bedürfnis sich auch zu beweisen...

Eine Weile hatte ich relativ viel Freude daran die nächste Generation auszubilden oder einfach Vorträge im Unternehmen zu halten. Generell mochte ich es schon immer anderen etwas beizubringen oder sich gemeinsam im Team etwas zu erarbeiten. (Bin ein großer Kritiker unseres extrem schlechten Schulsystems)
Vielleicht gibt es ja auch bei dir die Möglichkeit für einen Tapetenwechsel, mal zwischendurch für ein paar Stunden oder Tage etwas anderes tun oder jemand Neuen auszubilden / einzuweisen.

Ansonsten möchte ich dir die Hoffnung ja nicht nehmen, aber ich befürchte den Gedanken wirst du auch in vielen Jahren noch haben. Und damit bist du bestimmt auch nicht alleine.
 
Sicher ist es auch irgendwie Lebenszeitverschwendung, wenn man wie ein Roboter jeden Tag den Arbeitsalltag abfunktioniert. Wir haben uns schon sehr daran gewöhnt in ständiger Abhängigkeit zu Leben, obwohl unser Wesen nach der Freiheit durch Unabhängigkeiten giert.........bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Jeden Vertrag den wir unterzeichnen, macht abhängig. Ein Arbeitsvertrag tut dies ebenfalls - wir verkaufen vertraglich unsere Arbeitskraft und das zu Bedingungen, die uns vordiktiert werden. Es gibt keinen Verhandlungsspielraum, denn wir sind Bittsteller, die sich unterzuordnen haben.
So sieht das Arbeitsleben für viele aus..........Jahrzehnt um Jahrzehnt.
Eigentlich deprimierend, aber wir haben auch gelernt, die positiven Seiten zu fokusieren und im Arbeitsalltag Momente zu erschaffen indenen wir Freude und Spass entwickeln und in diesen Augenblicken spüren wir unsere eigene Unabhängigkeit, die uns die Abhängigkeit vergessen lässt und uns den Arbeitsalltag durchfliegen lässt......weil wir uns befreit fühlen.
 
Ich vermute auch, dass du nur den falschen Job gewählt hast und dir nur was vormachst, weil du Angst vor einen beruflichen Neuorientierung hast.

Mein Vater (Fleischer) hat auch auch endlos 24/7 über seine Arbeit gejammert, Vorschläge sich weiterzubilden oder umzuschulen hat er mit "dafür bin ich doch zu alt" abgeschmettert und weiter stets nach Feierabend sich über die Arbeit beschwert.
 
Ich kenne das Gefühl sehr gut, dass einen der Job einfach nur ankotzt und man sich fehl am Platz fühlt, aber in meinem Fall hatte ich da keine große Auswahl.
Du bist aber sehr gut ausgebildet, könntest Du Dir denn vorstellen das Berufsfeld zu wechseln? Vielleicht brauchst Du eine Arbeit, die etwas mehr Kreativität verlangt.
 
Danke für die ganzen Antworten.

Kinder sind kein Thema für uns. Auch ein Teil des Problems: alle klassischen Ziele sind schon erreicht, Haus, Ehe, Studienabschluss plus Job. Ich müsste mir halt mal ein neues Ziel setzen. Klar gibt es noch einige Dinge, die ich machen möchte, aber eher auf's Privatleben bezogen.

Natürlich gibt es Bereiche, die ich mehr interessieren würden, aber für die bin ich falsch qualifiziert bzw gibt es dort wenig Aussichten auf Erfolg und ich bin niemand, der zu große Risiken eingeht.
 

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