jamie
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Wer bist du? Wo bin ich?“
Ein kleiner Raum, weiße Wände, glatt, völlig ohne Makel. Ich sitze auf einem bequemen Stuhl, der mit dem hellen Weiß des Zimmers zu verschmelzen scheint.
Vor mir steht ein alter Mann, gekleidet in reine, weiße Baumwolle, der lange Bart so weiß wie Schnee. Nur die klaren, blauen Augen und die gesunde Farbe seiner Haut bilden einen angenehmen Kontrast zur klinisch strahlenden Farbe der Umgebung.
Er sieht mich erstaunt an.
„Wer bist du? Wo bin ich?“, frage ich erneut.
„Sehr interessant, sehr interessant, wirklich“, murmelt er in seinen Bart hinein und lächelt. „Eigentlich müsste ich dich fragen, warum du hier bist.“
„Ich weiß es nicht“, antworte ich wahrheitsgemäß. Der alte Mann kratzt sich nachdenklich an der Nase.
„Nun, du bist am Anfang und am Ende aller Dinge, mein Freund.“
„Aller Dinge? Was heißt das?“
„Wie soll ich das beschreiben?“ Er seufzt. „Es ist der Anfang deiner eigenen Schöpfung innerhalb der Evolution. Mit Sicherheit jedoch der Anfang eines universellen Bewusstseins. Und es ist das Ende einer Reise.“
Ich bin verwirrt. Er lacht freundlich.
„Eigentlich solltest du nicht hier sein. So etwas wie jetzt ist noch niemals zuvor geschehen. Denn hier kommst du im besten Fall einmal hin.“
Ich bin immer noch verwirrt. Vor mir steht plötzlich ein weiterer Stuhl. Ich bin mir sicher, dass vor einigen Augenblicken dort noch keiner gestanden hatte.
„Bist du ein Zauberer?“ frage ich.
„Nein“, erwidert er. „Ich bin ein Gott. Oder zumindest ein Teil eines Gottes.“
Jetzt bekomme ich den Mund nicht mehr zu. Ein Gott spricht mit mir. Ich kneife in meinen Arm. Es tut ziemlich weh und wird rot.
Der alte Mann setzt sich mir lächelnd gegenüber.
„Das hier ist so real wie Bäume, Wasser, Luft, Zeit. Es ist nur eine übergeordnete Realität.“
Ich erstarre in Ehrfurcht. Und stelle fest, ich mag den alten Mann sehr, irgendwie fühle ich mich zu ihm hingezogen.
„Kennen wir uns irgendwoher?“, frage ich ihn und schäme mich im gleichen Augenblick für die dumme Frage.
„Das ist schon in Ordnung“, beruhigt mich der Alte. „Ja, wir kennen uns, wir kennen uns sogar sehr gut.“
„Woher?“
„Nun, vielleicht kommst du ja noch darauf. Hast du irgendwelche Fragen an mich?“
Und ob ich welche habe. Wann bekommt man schon mal die Gelegenheit, von einem Gott Antworten zu bekommen?
„Was ist der Sinn im Leben?“, frage ich und warte gespannt auf die Antwort.
Er nickt bedächtig mit dem Kopf.
„Eine gute Frage. Zumindest für Menschen. Worin liegt der Sinn in diesem, worin liegt der Sinn in jenem? Das Leben der Menschen besteht aus zwanghafter Sinngebung. Hat etwas keinen klar erkennbaren Sinn, dann ist es gleich böse, falsch oder einfach ohne jeglichen Wert. Sag mir, was denkst du selbst darüber?“
Ich überlege nicht lange.
„Ich denke, das Leben an sich ist Sinn genug und mit einem Überfluss an sinnvollen Dingen erfüllt.“
Der alte Mann nickt.
„So ist es. Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Nur wenn man sich befreit vom Denken in Schienen, sich befreit von den Strukturen, die eine kranke Gesellschaft errichtet hat, um nicht schreiend vor sich selbst davon zu laufen, nur dann kann man die Reise zu einem guten Ende bringen.“
Ich beginne mich wohl zu fühlen. Ein guter Gott, denke ich mir.
„Wer sagt dir, was gut und was böse ist?“
Er liest meine Gedanken, durchfährt es mich, aber so richtig überrascht bin ich nicht. War ja zu erwarten.
„Gut und Böse“, sinniere ich, „das sind zwei Dinge, über die sich Menschen ebenfalls ohne Unterlass den Kopf zerbrechen. Ist dieses hier gut? Ist jenes dort böse? Wie kann dieses einem anderen schaden und doch gut sein? Und das da, es sieht gut aus, fühlt sich gut an, aber ist es nicht böse?“
Der alte Mann sieht mich viel sagend an.
„Der Mensch in seiner heutigen Form ist nur noch selten in der Lage, eine Polarität in etwas mehr zu transzendieren“, führt er aus, „ als einfach nur zwei sich gegenüberstehende Seiten zu sehen. Er braucht klare Abgrenzungen, er braucht Einteilungen, denn man hat ihn niemals gelehrt selbst richtig einzuteilen, selbst festzustellen, wie es sich mit Gut und Böse verhält.“
„Aber diese Form der Gesellschaft wie wir sie haben“, überlege ich, „ist auf Wertungen, Vorurteile, Einteilungen und Schubladendenken gegründet. Sie würde zusammenbrechen, nähme man all das weg.“
Der Alte stimmt mir zu.
„Natürlich würde es das. Aber sieh dich doch einmal selbst an. Auch wenn du weißt, dass es um mehr geht als bloße Kategorien, so hast auch du ein Herz, welches durch gute und schlechte Erziehung, gute und schlechte Erfahrungen konditioniert ist. Du weißt beispielsweise, dass deine Eltern sicherlich keine schlechten Menschen sind, sie handelten in der Überzeugung, nur das Beste für dich zu wollen, aber sie haben dir trotzdem so viel Schlechtes angetan. Tief in deinem Herzen stellst du sie immer und immer wieder auf die böse Seite.“
Wie Recht er hat, denke ich. Es ist schwer, nicht automatisch zu werten, besonders wenn das Herz sich gut an alte Verletzungen erinnert.
„Solche Dinge brauchen Zeit, das Herz braucht immer sehr viel Zeit“, erklärt der alte Mann. „Denk doch nur an die Beziehungen, welche in die Brüche gegangen sind. Im Moment des Schmerzes macht dein Herz dir den Wunsch zu sterben so sehr verlockend.“
„Ja, allerdings war bei mir immer etwas da, was mir ganz tief im Innern zuflüsterte, dass ich gestärkt daraus hervorgehen werde, dass ich auch dieses Tal der Tränen durchschreiten werde und dass das Leben etwas Wundervolles ist, selbst im Schmerz.“
„Diese Stimme, tief in dir drin, das war ich.“ Der Alte lächelt mir zu.
„Du hast mit mir gesprochen?“, frage ich ein wenig überrascht.
„Ich spreche sehr oft zu dir. Du hörst mir auch meistens zu. Nur ganz selten stellst du dich taub. Aber das wird schon noch.“
Er ist eben ein Gott, also kann er auch mit mir sprechen. Eigentlich völlig logisch.
„Sprichst du auch mit anderen Menschen? Hören sie dich auch?“
Er lacht.
„Nein. Die anderen Menschen haben alle ihre eigene Göttlichkeit. Viele wissen jedoch gar nichts davon, hören nicht zu wenn sie zu ihnen spricht, bedecken sie mit geistigem Unrat, mit Gleichgültigkeit, Routine und Tod.“ Seine Miene verfinstert sich.
„Ein Trauerspiel“, sage ich.
Da ertönt hinter mir eine metallische Stimme, Lachen erfüllt den kleinen Raum und das helle, strahlende Weiß wird durchzogen von fluoreszierenden Schatten.
„Ein Trauerspiel, ein Trauerspiel“, höhnt die Stimme. Der Alte vor mir sieht nicht sonderlich überrascht aus. Ich wende mich um und der Schreck fährt mir in die Glieder. Der alte Mann steht zum zweiten Mal da, allerdings in dunkelstes Schwarz gehüllt und mit kalten, boshaften Augen sowie einem mehr als spöttischen Zug um seine Lippen.
„Ein Trauerspiel, ein Trauerspiel“, singt der schwarze Mann und wiegt sich hin und her. „Wie lächerlich ihr beide seid. Da meint das Schicksal es mal gut mit euch und führt euch zusammen, an diesen Ort, noch vor deiner Zeit und lässt dich den Lauf der Dinge deines Lebens erblicken. Doch ihr habt nichts Besseres zu tun, als euch über den Sinn dieses lächerlichen, kleinen Lebens zu ereifern. Was ist dein Leben schon als Mensch? Ein Nichts im knisternden Feuer der Vergänglichkeit, ein Witz gesprochen für die Unendlichkeit und ohne lachenden Nachhall. ICH bin Gott und ICH bin es der die Zeit überdauert. Was wissen schon die anderen Menschlein von mir? Du siehst mich, du hast mich, du bist ich. Aber was machst du daraus? Schwafelst von Sinn und Unsinn, vergisst dabei jedoch das Wesentliche: Herrsche über deine Unmündigkeit!“
„Ich bin du?“, frage ich. „Wie soll ich das verstehen?“
Der Schwarze lacht blechern.
„Hat unser Herr der universellen Heiligkeit und kosmischen Reinheit, unsere Selbsterkenntnis um jeden Preis, dir nicht alles erklärt?“
„Es ist Selbsterkenntnis, die den richtigen Pfad führt, nicht die Bauanleitung eines schlechten Meisters!“, erwidert der Weiße zornig.
„Ein schlechter Meister ist nur derjenige, welcher Offensichtliches versteckt und unter Plattitüden zu verbergen sucht. Man kann vor lauter Selbstfindungssucht auch bald dem Wahnsinn anheim fallen und den Blick für das, ach, so Wesentliche schnell verlieren.“ Der schwarze Mann beginnt auf und ab zu gehen.
„Du“, beginnt er zu erklären, „du bist ich und er ist sowohl ich als auch du. Wir sind also eins. Erheiternd, nicht wahr? Eine solche Konstellation wird in der Menschenwelt da draußen wie genannt, wenn sie denn zum Vorschein kommt?“
Ich weiß was er meint.
„Multiple Persönlichkeit.“
„Oh ja“, doziert er, „so kategorisiert man es. Heißt es nicht so schön: Wenn ein Blinder einen Blinden leitet, fallen beide in die Grube? Unbewusste Wesen erlauben sich, über die vielen Persönlichkeiten einer Seele zu urteilen oder sie gar als Verrücktheit abzutun. Biederes Rationalistentum von seelenlosen Robotern. Ein Lustspiel für den, der es erkennt.“
„Du… Ihr seid also meine Seele?“
Der weißgekleidete, alte Mann mit den sanften Augen nickt.
„Wir sind Teile deiner Seele, Facetten einer ungeformten Persönlichkeit, die eigentlich aus vielen Persönlichkeiten besteht.“
„Wie recht der Magier des Pseudowerdens doch hat“, lästert der in Schwarz gekleidete. „Du bist ein Teil des kosmischen Bewusstseins, du bist ein Alles und doch nichts. Was macht es da schon aus, wenn du nicht weißt wohin?“
Der Schwarze verwandelt sich plötzlich, steht in einer weißen Tunika mit Lorbeerkranz da, ein Cäsar aus dem alten Rom.
„Ave Cäsar, morituri te salutant“, höre ich mich unwillkürlich sagen und der Cäsar krümmt sich vor Lachen.
„Ein Weltherrscher alter Zeit, ein harter Feldherr tief in dir und doch der Sinn des Gladiatoren und der Wunsch nach Tod in der ruhmreichen Ehrlosigkeit der Arena.“
Er beugt sich vor und ich kann seinen Atem an meiner Wange spüren.
„Was bist du nun, tausendfach Geteilter?“
Er verwandelt sich und plötzlich erscheint ein Galgen, er hängt daran, tot. Dann öffnet er die Augen und ich höre seine Stimme gespenstisch hohl in meinem Kopf.
„Tod und Verderben und das Gehängt-Sein eines langen Leidensweges der zur Bewegungslosigkeit verdammten, gesplittert gespaltenen Seele. Was bin ich? Ein Rädchen im Wind der Zeit? Wo bin ich? Warum bin ich? Bin ich überhaupt?“
Er macht sich lustig über mich. Ich suche Rat in den Augen des weißgekleideten alten Mannes, aber jener schweigt und betrachtet mich nur.
Der Schwarze wandelt sich wieder und steht in der Kleidung eines Henkers vor mir.
Er holt mit einem riesigen Beil aus und schlägt mir durch den Hals. Kichern, als die Klinge wirkungslos durch meinen Hals gleitet, nur der Schock sitzt tief, irgendwo.
„Hast du nicht schon oft den Henker beschworen?“, fragt er mich. „Du tötest jeden Tag eine Persönlichkeit deiner Seele, jedes Mal dort, wo du dich beschränkst im Narrenspiel des Regelzwangs eures Massenkonformismus. Der Henker wartet überall. Bist du erregt, weil eine Frau deine Leidenschaft entzündet hat und du mit ihr in sexueller Ausschweifung tanzen möchtest, bis die Glut dich niedergebrannt hat? Doch halt, der Richter naht.“
Er verwandelt sich, ein gestrenger Richter schaut auf mich herab mit dem Gerichtshammer in der Hand.
„Seid Ihr nicht ein verheirateter Mann?“, donnert die tiefe Stimme der Gerichtsbarkeit. „Und trotzdem entbrennt Ihr vor Lust zu einen andern Weibe? Schuldig seid Ihr und für Eure Sünden sollt Ihr in der Hölle büßen!“ Er lacht wie ein Geisteskranker und der Hammer saust hernieder. Dann steht der Henker erneut vor mir.
„Sterben sollst du, böse Leidenschaft.“ Das Beil durchfährt mich erneut und etwas stirbt.
Der schwarz gekleidete Alte steht wieder da.
„Wie viele Persönlichkeiten mussten sterben, weil du nicht die Kraft hattest, dich aufzulehnen gegen den Wahn deiner Erziehung, welcher dir durch Mark und Bein in Seele und Geist brannte und dich glauben ließ, du seiest ein Stück Dreck in einem ganzen Berg von Unrat? Was wurde in dir zerstört im Reigen todbringender Ideologie, gehüllt in den Mantel der Erlösung?“
Ich fühle nichts mehr, alles dreht sich.
Er verwandelt sich in ungeheurer Geschwindigkeit, ich sehe den Fußballer, den Pianisten, den Abenteurer, den Archäologen, den Komponisten und den Dichter vor mir. Plötzlich stehen alle meine Träume gemeinsam da und ein Chor der Toten intoniert lang vergessene Verse.
„Wie oft hast du uns hingerichtet? Wo ist die Kraft, die aus uns Wesen macht, die uns vereint und dich befreit? Schwächling!“
Ich schreie als der Henker mit seinem Beil ein schreckliches Werk vollbringt, will in die Arme meiner Selbstfindung fliehen, zu meiner Erkenntnis, zu dem weisen, weißen Alten der mich sanft anblickt, aber er steht in der Reihe der Verurteilten und geht unter den gnadenlosen Hieben des Schwarzen zu Boden. Wie paralysiert sitze ich da, begreife das Geschehen nur langsam.
Der in Schwarz gehüllte setzt sich ruhig vor mir auf den Stuhl, als wäre das grausame Schauspiel nie passiert. In seinen Augen spiegelt sich jede Facette meiner Seele, jede der hunderttausend Persönlichkeiten, die nur darauf warten erweckt und vereint zu werden.
Er lächelt. Freundlich und bestimmt. Dieses Mal ganz ohne harte, böse Attitüde.
„Verstehst du nun?“, fragt er. „Es geht nicht um den Sinn, es geht nicht um das Was und Wie und Wo.“
„Es geht um das Werden“, sage ich und fühle mich auf einmal befreit.
„Ganz recht“, sagt er und ist wieder der weiße, weise alte Mann. „Die Zwänge sind groß, doch lass den Henker nicht mehr töten. Jeder Teil deiner Seele ist wichtig. Jeder Teil ist die Essenz deines inneren Selbst. Und das was verloren ging, kannst nur du wieder zum Leben erwecken. Verbinde sie, heile die Wunden. Und wenn du eines Tages eins bist mit dir selbst, dann hast du das Ziel deiner Reise erreicht, dann bist du hier, dann bist du vollends Ich.“
Ich sehe ihn Rat suchend an.
„Aber ich habe nicht genug Zeit und auch nicht die Möglichkeit, sie alle zu heilen und zurückzuholen.“
Er nickt.
„Natürlich nicht. Du hast nur diese deine begrenzte Zeit auf Erden. Doch in dir, in deiner Seele, da betreibe nicht weiter Raubbau. Vereine alles im Rahmen deiner Möglichkeiten zu der einen wahren, zu deiner alles umfassenden Persönlichkeit. Werde was du bist, werde dein Gott.“
Ich begreife vollends.
Und in jenem Moment fängt mein Leben an mit dem hohen Schrei eines Babys, dessen Seele bereits weiß, was es auf Erden will. Und irgendwann erwacht ihre Kraft in mir zu stetig wachsendem Bewusstsein.
Ich, die tausendfache Person.
Ich, der Kosmos.
Ein kleiner Raum, weiße Wände, glatt, völlig ohne Makel. Ich sitze auf einem bequemen Stuhl, der mit dem hellen Weiß des Zimmers zu verschmelzen scheint.
Vor mir steht ein alter Mann, gekleidet in reine, weiße Baumwolle, der lange Bart so weiß wie Schnee. Nur die klaren, blauen Augen und die gesunde Farbe seiner Haut bilden einen angenehmen Kontrast zur klinisch strahlenden Farbe der Umgebung.
Er sieht mich erstaunt an.
„Wer bist du? Wo bin ich?“, frage ich erneut.
„Sehr interessant, sehr interessant, wirklich“, murmelt er in seinen Bart hinein und lächelt. „Eigentlich müsste ich dich fragen, warum du hier bist.“
„Ich weiß es nicht“, antworte ich wahrheitsgemäß. Der alte Mann kratzt sich nachdenklich an der Nase.
„Nun, du bist am Anfang und am Ende aller Dinge, mein Freund.“
„Aller Dinge? Was heißt das?“
„Wie soll ich das beschreiben?“ Er seufzt. „Es ist der Anfang deiner eigenen Schöpfung innerhalb der Evolution. Mit Sicherheit jedoch der Anfang eines universellen Bewusstseins. Und es ist das Ende einer Reise.“
Ich bin verwirrt. Er lacht freundlich.
„Eigentlich solltest du nicht hier sein. So etwas wie jetzt ist noch niemals zuvor geschehen. Denn hier kommst du im besten Fall einmal hin.“
Ich bin immer noch verwirrt. Vor mir steht plötzlich ein weiterer Stuhl. Ich bin mir sicher, dass vor einigen Augenblicken dort noch keiner gestanden hatte.
„Bist du ein Zauberer?“ frage ich.
„Nein“, erwidert er. „Ich bin ein Gott. Oder zumindest ein Teil eines Gottes.“
Jetzt bekomme ich den Mund nicht mehr zu. Ein Gott spricht mit mir. Ich kneife in meinen Arm. Es tut ziemlich weh und wird rot.
Der alte Mann setzt sich mir lächelnd gegenüber.
„Das hier ist so real wie Bäume, Wasser, Luft, Zeit. Es ist nur eine übergeordnete Realität.“
Ich erstarre in Ehrfurcht. Und stelle fest, ich mag den alten Mann sehr, irgendwie fühle ich mich zu ihm hingezogen.
„Kennen wir uns irgendwoher?“, frage ich ihn und schäme mich im gleichen Augenblick für die dumme Frage.
„Das ist schon in Ordnung“, beruhigt mich der Alte. „Ja, wir kennen uns, wir kennen uns sogar sehr gut.“
„Woher?“
„Nun, vielleicht kommst du ja noch darauf. Hast du irgendwelche Fragen an mich?“
Und ob ich welche habe. Wann bekommt man schon mal die Gelegenheit, von einem Gott Antworten zu bekommen?
„Was ist der Sinn im Leben?“, frage ich und warte gespannt auf die Antwort.
Er nickt bedächtig mit dem Kopf.
„Eine gute Frage. Zumindest für Menschen. Worin liegt der Sinn in diesem, worin liegt der Sinn in jenem? Das Leben der Menschen besteht aus zwanghafter Sinngebung. Hat etwas keinen klar erkennbaren Sinn, dann ist es gleich böse, falsch oder einfach ohne jeglichen Wert. Sag mir, was denkst du selbst darüber?“
Ich überlege nicht lange.
„Ich denke, das Leben an sich ist Sinn genug und mit einem Überfluss an sinnvollen Dingen erfüllt.“
Der alte Mann nickt.
„So ist es. Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst. Nur wenn man sich befreit vom Denken in Schienen, sich befreit von den Strukturen, die eine kranke Gesellschaft errichtet hat, um nicht schreiend vor sich selbst davon zu laufen, nur dann kann man die Reise zu einem guten Ende bringen.“
Ich beginne mich wohl zu fühlen. Ein guter Gott, denke ich mir.
„Wer sagt dir, was gut und was böse ist?“
Er liest meine Gedanken, durchfährt es mich, aber so richtig überrascht bin ich nicht. War ja zu erwarten.
„Gut und Böse“, sinniere ich, „das sind zwei Dinge, über die sich Menschen ebenfalls ohne Unterlass den Kopf zerbrechen. Ist dieses hier gut? Ist jenes dort böse? Wie kann dieses einem anderen schaden und doch gut sein? Und das da, es sieht gut aus, fühlt sich gut an, aber ist es nicht böse?“
Der alte Mann sieht mich viel sagend an.
„Der Mensch in seiner heutigen Form ist nur noch selten in der Lage, eine Polarität in etwas mehr zu transzendieren“, führt er aus, „ als einfach nur zwei sich gegenüberstehende Seiten zu sehen. Er braucht klare Abgrenzungen, er braucht Einteilungen, denn man hat ihn niemals gelehrt selbst richtig einzuteilen, selbst festzustellen, wie es sich mit Gut und Böse verhält.“
„Aber diese Form der Gesellschaft wie wir sie haben“, überlege ich, „ist auf Wertungen, Vorurteile, Einteilungen und Schubladendenken gegründet. Sie würde zusammenbrechen, nähme man all das weg.“
Der Alte stimmt mir zu.
„Natürlich würde es das. Aber sieh dich doch einmal selbst an. Auch wenn du weißt, dass es um mehr geht als bloße Kategorien, so hast auch du ein Herz, welches durch gute und schlechte Erziehung, gute und schlechte Erfahrungen konditioniert ist. Du weißt beispielsweise, dass deine Eltern sicherlich keine schlechten Menschen sind, sie handelten in der Überzeugung, nur das Beste für dich zu wollen, aber sie haben dir trotzdem so viel Schlechtes angetan. Tief in deinem Herzen stellst du sie immer und immer wieder auf die böse Seite.“
Wie Recht er hat, denke ich. Es ist schwer, nicht automatisch zu werten, besonders wenn das Herz sich gut an alte Verletzungen erinnert.
„Solche Dinge brauchen Zeit, das Herz braucht immer sehr viel Zeit“, erklärt der alte Mann. „Denk doch nur an die Beziehungen, welche in die Brüche gegangen sind. Im Moment des Schmerzes macht dein Herz dir den Wunsch zu sterben so sehr verlockend.“
„Ja, allerdings war bei mir immer etwas da, was mir ganz tief im Innern zuflüsterte, dass ich gestärkt daraus hervorgehen werde, dass ich auch dieses Tal der Tränen durchschreiten werde und dass das Leben etwas Wundervolles ist, selbst im Schmerz.“
„Diese Stimme, tief in dir drin, das war ich.“ Der Alte lächelt mir zu.
„Du hast mit mir gesprochen?“, frage ich ein wenig überrascht.
„Ich spreche sehr oft zu dir. Du hörst mir auch meistens zu. Nur ganz selten stellst du dich taub. Aber das wird schon noch.“
Er ist eben ein Gott, also kann er auch mit mir sprechen. Eigentlich völlig logisch.
„Sprichst du auch mit anderen Menschen? Hören sie dich auch?“
Er lacht.
„Nein. Die anderen Menschen haben alle ihre eigene Göttlichkeit. Viele wissen jedoch gar nichts davon, hören nicht zu wenn sie zu ihnen spricht, bedecken sie mit geistigem Unrat, mit Gleichgültigkeit, Routine und Tod.“ Seine Miene verfinstert sich.
„Ein Trauerspiel“, sage ich.
Da ertönt hinter mir eine metallische Stimme, Lachen erfüllt den kleinen Raum und das helle, strahlende Weiß wird durchzogen von fluoreszierenden Schatten.
„Ein Trauerspiel, ein Trauerspiel“, höhnt die Stimme. Der Alte vor mir sieht nicht sonderlich überrascht aus. Ich wende mich um und der Schreck fährt mir in die Glieder. Der alte Mann steht zum zweiten Mal da, allerdings in dunkelstes Schwarz gehüllt und mit kalten, boshaften Augen sowie einem mehr als spöttischen Zug um seine Lippen.
„Ein Trauerspiel, ein Trauerspiel“, singt der schwarze Mann und wiegt sich hin und her. „Wie lächerlich ihr beide seid. Da meint das Schicksal es mal gut mit euch und führt euch zusammen, an diesen Ort, noch vor deiner Zeit und lässt dich den Lauf der Dinge deines Lebens erblicken. Doch ihr habt nichts Besseres zu tun, als euch über den Sinn dieses lächerlichen, kleinen Lebens zu ereifern. Was ist dein Leben schon als Mensch? Ein Nichts im knisternden Feuer der Vergänglichkeit, ein Witz gesprochen für die Unendlichkeit und ohne lachenden Nachhall. ICH bin Gott und ICH bin es der die Zeit überdauert. Was wissen schon die anderen Menschlein von mir? Du siehst mich, du hast mich, du bist ich. Aber was machst du daraus? Schwafelst von Sinn und Unsinn, vergisst dabei jedoch das Wesentliche: Herrsche über deine Unmündigkeit!“
„Ich bin du?“, frage ich. „Wie soll ich das verstehen?“
Der Schwarze lacht blechern.
„Hat unser Herr der universellen Heiligkeit und kosmischen Reinheit, unsere Selbsterkenntnis um jeden Preis, dir nicht alles erklärt?“
„Es ist Selbsterkenntnis, die den richtigen Pfad führt, nicht die Bauanleitung eines schlechten Meisters!“, erwidert der Weiße zornig.
„Ein schlechter Meister ist nur derjenige, welcher Offensichtliches versteckt und unter Plattitüden zu verbergen sucht. Man kann vor lauter Selbstfindungssucht auch bald dem Wahnsinn anheim fallen und den Blick für das, ach, so Wesentliche schnell verlieren.“ Der schwarze Mann beginnt auf und ab zu gehen.
„Du“, beginnt er zu erklären, „du bist ich und er ist sowohl ich als auch du. Wir sind also eins. Erheiternd, nicht wahr? Eine solche Konstellation wird in der Menschenwelt da draußen wie genannt, wenn sie denn zum Vorschein kommt?“
Ich weiß was er meint.
„Multiple Persönlichkeit.“
„Oh ja“, doziert er, „so kategorisiert man es. Heißt es nicht so schön: Wenn ein Blinder einen Blinden leitet, fallen beide in die Grube? Unbewusste Wesen erlauben sich, über die vielen Persönlichkeiten einer Seele zu urteilen oder sie gar als Verrücktheit abzutun. Biederes Rationalistentum von seelenlosen Robotern. Ein Lustspiel für den, der es erkennt.“
„Du… Ihr seid also meine Seele?“
Der weißgekleidete, alte Mann mit den sanften Augen nickt.
„Wir sind Teile deiner Seele, Facetten einer ungeformten Persönlichkeit, die eigentlich aus vielen Persönlichkeiten besteht.“
„Wie recht der Magier des Pseudowerdens doch hat“, lästert der in Schwarz gekleidete. „Du bist ein Teil des kosmischen Bewusstseins, du bist ein Alles und doch nichts. Was macht es da schon aus, wenn du nicht weißt wohin?“
Der Schwarze verwandelt sich plötzlich, steht in einer weißen Tunika mit Lorbeerkranz da, ein Cäsar aus dem alten Rom.
„Ave Cäsar, morituri te salutant“, höre ich mich unwillkürlich sagen und der Cäsar krümmt sich vor Lachen.
„Ein Weltherrscher alter Zeit, ein harter Feldherr tief in dir und doch der Sinn des Gladiatoren und der Wunsch nach Tod in der ruhmreichen Ehrlosigkeit der Arena.“
Er beugt sich vor und ich kann seinen Atem an meiner Wange spüren.
„Was bist du nun, tausendfach Geteilter?“
Er verwandelt sich und plötzlich erscheint ein Galgen, er hängt daran, tot. Dann öffnet er die Augen und ich höre seine Stimme gespenstisch hohl in meinem Kopf.
„Tod und Verderben und das Gehängt-Sein eines langen Leidensweges der zur Bewegungslosigkeit verdammten, gesplittert gespaltenen Seele. Was bin ich? Ein Rädchen im Wind der Zeit? Wo bin ich? Warum bin ich? Bin ich überhaupt?“
Er macht sich lustig über mich. Ich suche Rat in den Augen des weißgekleideten alten Mannes, aber jener schweigt und betrachtet mich nur.
Der Schwarze wandelt sich wieder und steht in der Kleidung eines Henkers vor mir.
Er holt mit einem riesigen Beil aus und schlägt mir durch den Hals. Kichern, als die Klinge wirkungslos durch meinen Hals gleitet, nur der Schock sitzt tief, irgendwo.
„Hast du nicht schon oft den Henker beschworen?“, fragt er mich. „Du tötest jeden Tag eine Persönlichkeit deiner Seele, jedes Mal dort, wo du dich beschränkst im Narrenspiel des Regelzwangs eures Massenkonformismus. Der Henker wartet überall. Bist du erregt, weil eine Frau deine Leidenschaft entzündet hat und du mit ihr in sexueller Ausschweifung tanzen möchtest, bis die Glut dich niedergebrannt hat? Doch halt, der Richter naht.“
Er verwandelt sich, ein gestrenger Richter schaut auf mich herab mit dem Gerichtshammer in der Hand.
„Seid Ihr nicht ein verheirateter Mann?“, donnert die tiefe Stimme der Gerichtsbarkeit. „Und trotzdem entbrennt Ihr vor Lust zu einen andern Weibe? Schuldig seid Ihr und für Eure Sünden sollt Ihr in der Hölle büßen!“ Er lacht wie ein Geisteskranker und der Hammer saust hernieder. Dann steht der Henker erneut vor mir.
„Sterben sollst du, böse Leidenschaft.“ Das Beil durchfährt mich erneut und etwas stirbt.
Der schwarz gekleidete Alte steht wieder da.
„Wie viele Persönlichkeiten mussten sterben, weil du nicht die Kraft hattest, dich aufzulehnen gegen den Wahn deiner Erziehung, welcher dir durch Mark und Bein in Seele und Geist brannte und dich glauben ließ, du seiest ein Stück Dreck in einem ganzen Berg von Unrat? Was wurde in dir zerstört im Reigen todbringender Ideologie, gehüllt in den Mantel der Erlösung?“
Ich fühle nichts mehr, alles dreht sich.
Er verwandelt sich in ungeheurer Geschwindigkeit, ich sehe den Fußballer, den Pianisten, den Abenteurer, den Archäologen, den Komponisten und den Dichter vor mir. Plötzlich stehen alle meine Träume gemeinsam da und ein Chor der Toten intoniert lang vergessene Verse.
„Wie oft hast du uns hingerichtet? Wo ist die Kraft, die aus uns Wesen macht, die uns vereint und dich befreit? Schwächling!“
Ich schreie als der Henker mit seinem Beil ein schreckliches Werk vollbringt, will in die Arme meiner Selbstfindung fliehen, zu meiner Erkenntnis, zu dem weisen, weißen Alten der mich sanft anblickt, aber er steht in der Reihe der Verurteilten und geht unter den gnadenlosen Hieben des Schwarzen zu Boden. Wie paralysiert sitze ich da, begreife das Geschehen nur langsam.
Der in Schwarz gehüllte setzt sich ruhig vor mir auf den Stuhl, als wäre das grausame Schauspiel nie passiert. In seinen Augen spiegelt sich jede Facette meiner Seele, jede der hunderttausend Persönlichkeiten, die nur darauf warten erweckt und vereint zu werden.
Er lächelt. Freundlich und bestimmt. Dieses Mal ganz ohne harte, böse Attitüde.
„Verstehst du nun?“, fragt er. „Es geht nicht um den Sinn, es geht nicht um das Was und Wie und Wo.“
„Es geht um das Werden“, sage ich und fühle mich auf einmal befreit.
„Ganz recht“, sagt er und ist wieder der weiße, weise alte Mann. „Die Zwänge sind groß, doch lass den Henker nicht mehr töten. Jeder Teil deiner Seele ist wichtig. Jeder Teil ist die Essenz deines inneren Selbst. Und das was verloren ging, kannst nur du wieder zum Leben erwecken. Verbinde sie, heile die Wunden. Und wenn du eines Tages eins bist mit dir selbst, dann hast du das Ziel deiner Reise erreicht, dann bist du hier, dann bist du vollends Ich.“
Ich sehe ihn Rat suchend an.
„Aber ich habe nicht genug Zeit und auch nicht die Möglichkeit, sie alle zu heilen und zurückzuholen.“
Er nickt.
„Natürlich nicht. Du hast nur diese deine begrenzte Zeit auf Erden. Doch in dir, in deiner Seele, da betreibe nicht weiter Raubbau. Vereine alles im Rahmen deiner Möglichkeiten zu der einen wahren, zu deiner alles umfassenden Persönlichkeit. Werde was du bist, werde dein Gott.“
Ich begreife vollends.
Und in jenem Moment fängt mein Leben an mit dem hohen Schrei eines Babys, dessen Seele bereits weiß, was es auf Erden will. Und irgendwann erwacht ihre Kraft in mir zu stetig wachsendem Bewusstsein.
Ich, die tausendfache Person.
Ich, der Kosmos.