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Warum ist mir mein Bruder "egal"?

Hi ihr,

heute wurde ich mal wieder mit der Einstellung zu meinem Bruder konfrontiert. Folgendes ist passiert:

Im Januar 2013 hatte er einen schweren Autounfall, lag 4 Wochen im Koma und hat eine lange stationäre Reha durchlaufen. Schon im Krankenhaus damals brachte ich es nicht übers Herz, ihn zu besuchen...ich konnte das einfach nicht. Meine Eltern hatten Verständnis dafür.

In der stationären Reha war ich selbst auch nur einmal mit und das fiel mir sehr schwer, meinen Bruder in dieser Verfassung zu sehen. Nach einer Zwischenstation ist er nun in einer weiteren Reha, quasi einer Ergotherapie, wo er auch vor Ort wohnt. Sein Zustand ist wesentlich besser, man würde ihm kaum anmerken, dass er einen Unfall hatte, wenn da nicht sein noch immer in Mitleidenschaft gezogenes Kurzzeitgedächtnis wäre. Körperlich ist er soweit wieder fit und kann sich auch ganz normal bewegen.

Er vergisst halt immer noch häufig Dinge, die natürlich dann sein Umfeld stärker in die Pflicht nehmen, quasi auf ihn "aufzupassen". Er hätte am vergangenen WE hier z.B. die untere Etage (etwa 40qm²) putzen sollen, nachdem ich vorher gesaugt hatte und die Möbel beiseite geräumt hatte. So hatte ich ihm das gesagt, was er auch verstand... Ich habe mich dann in mein Zimmer zurückgezogen und weiter am PC gearbeitet, in der Hoffnung, das er zwischenzeitlich unten putzen würde.

Das hat er an beiden Tagen nicht getan. Gleichzeitig war hier im Dorf Pfarrfest (ca. 5 Gehminuten von unserem Haus entfernt), wo meine Eltern beim Aufbau mitgeholfen haben und dementsprechend Freiverzehr hatten. Wir waren eingeladen, vorbeizukommen, wenn wir Hunger gehabt hätten.

Meiner Bruder wollte wohl alleine hin, hat das aber natürlich auch wieder vergessen, sowohl Samstags als auch Sonntags. Und ich habe das wieder schleifen lassen, weil ich dachte "Wenn er Hunger hat, dann wird er sich schon was zu essen machen".

Meine Eltern waren natürlich wiederholt "not amused" darüber, was sie mir sehr deutlich zu verstehen gaben.

Das Verhältnis zu meinem Bruder vor dem Unfall war eher zweigeteilter Natur. Man hatte teils heftigen Streit, besonders in der Pubertät, was dann auch manchmal gewalttätig wurde, aber kamen unterm Strich ganz gut miteinander aus, wenn ich das mal auf die letzten 25 Jahre zurückrechne. Besonders nach der Pubertät besserte sich das Verhältnis spürbar.

Aber ich frage mich nach wie vor, wie es passieren kann, dass ich mich hier total zurückziehe und mir mein Bruder quasi "egal" ist. Ich versuche seine Angelegenheit immer irgendwie rational zu sehen und schotte mich ziemlich ab. Ich verstehe nicht, warum das so ist... er ist mir ja nicht egal, im Gegenteil...

Was soll ich nur tun?

Sry, wenn das nun alles etwas wirr klang, aber vllt. könnt ihr mir ja helfen.

Gruß und gute Nacht
 
Hi Bass_Player89,

ich hab jetzt bei deinem Geschriebenen auch nicht wirklich den Eindruck, daß dir dein Bruder tatsächlich egal ist.
Aber du schottest dich ab...

Kann es sein, daß dich diese Situation einfach überfordert?
Dein Bruder ist zwar wieder recht fit aber solche Gedächtnisprobleme haben schon starke Auswirkungen.
Ich glaub, da muss man schon teilweise recht hinterher sein und (gerade, wenn was abgesprochen wurde) immer mal wieder nach ihm sehen, ihn erinnern... und wohl auch etwas "an die Hand nehmen".
So war er ja vor dem Unfall nicht und jetzt hat sich dadurch das Miteinander verändert.

Du schriebst, daß du in den, von dir beschriebenen Situationen, dachtest er macht das schon allein... war das dein Wunsch, es wäre wieder so?
 
Lieber Bass_Player89,

zuerst einmal möchte ich Dir sagen, dass Dein Bruder Dir KEINESWEGS egal ist !!!!! im Gegenteil :Eure Beziehung war und ist normal , sogar gut ! Dass Ihr als Kids ab und zu auch heftig Streit hattet ist ok..... Du schreibst ja, wie sich die Dinge nach der Pubertät merklich besserten ! Auch normal ! Und die Tatsache, dass Du ihn im jämmerlichen Zustand nach dem Unfall nicht sehen konntest, heisst alles andere als Lieblosigkeit, sondern Du konntest es einfach nicht ertragen ihn so leiden zu sehen. Mein Bruder, der sehr an meiner Mutter hing, schaffte es nicht in den letzten Monaten vor ihrem Krebstod zu ihr zu gehen. Als er sie das letzte Mal sah, war er dermassen schockiert..dass es zu viel gewesen wäre..

Na ja, und dass ein junger Mann in Deinem Alter nicht gerade Freude an Pfleger- und Nannyaufgaben hat und über dem PC solches vergisst ist irgendwo nachvollziehbar. Klar wäre es nett gewesen, wenn Du an Deinen Bruder gedacht hättest irgendwann an dem Tag, oder auf die Idee gekommen wärst, Dir eine Notiz zu machen "Bruder an Putzen erinnern" oder "Bruder an essen zu erinnern" ( na ja, jetzt hab ich Dir eine gute Idee gegeben ;.)) ), ABER Deine Eltern haben KEIN RECHT, das von Dir per se zu erwarten, und vor allem Dir dann nicht solch argen Vorwürfe zu machen, dass Du tatsächlich ein schlechtes Gewissen bekommst weil Du Dich fragen musst, ob Dir Dein Bruder egal sei...das ist echt schlimm, besonders wenn dem ganz und gar nicht so ist !!!!!! Das sagt mir, wie Deine Eltern Dich
zusammengestaucht haben müssen. Und das geht definitiv nicht ! Deshalb kommt mir auch die Idee, wie es wäre
wenn Du Dich gelegentlich mal selbstständig machen tätest, mit 27 Jahren ist diesbezüglich die Zeit eigentlich reif..
Aber kenne natürlich die Umstände nicht näher. Ob das für Dich ein Thema ist. Und ob Du öfters in solche Situationen kommst oder sowas eher Ausnahme ist. Auf jeden Fall finde ich es dicke Post. Du hast unverhältnismässig stark
an Deiner Bruderliebe zu zweifeln begonnen. Nur weil Du eher ein nüchterner Typ bist und nicht der grosse Helfertyp
bist, hast Du nicht verdient auf eine Art beschimpft zu werden, dass Du so an Deinen Gefühlen zum Bruder zweifeln musst. Das definitiv nicht ! Glaube es mir bitte ! Liebe Grüsse, Desdemonaschall
 
Lieber Bass_Player89,

Du hast geschrieben, dass bei Deinen Eltern nicht von "zusammenstauchen" die Rede sein könne. Willst Du damit auch generell sagen, dass sie nichts damit zu tun haben, dass Du Dir ein gewissen machst, weil es Dich belastet, dass Du nicht stärkere (Liebes-oder Zuneigungs) Gefühle für Deinen Bruder empfindest seit er den Unfall hatte ? Im Moment ist mir nicht so klar, wo genau und weshalb Du mir Dir selbst nicht zufrieden bist ? Liebe Grüsse, Desdemonaschall
 
Doch, sie haben schon damit zu tun, weil sie natürlich meinen, das ich mit meinem Bruder ja mal mehr unternehmen könnte, ihn unter der Woche mal anrufen könnte etc.

Aber ich hab unter der Woche eben mit meinem eigenen verdammten Leben so viel zu tun, das ich für Hobbys, Freunde und Familie quasi keine Zeit mehr finde.
 
Lieber Bass_Player89,

dann erwarten Deine Eltern eben doch zu viel von Dir ( was sie echt tun !) , denn Du hast immer noch ( deshalb) bei Dir ein wenig das Gefühl, dass Du Dein Bruder für Dich zu wenig wichtig - ja sogar ev. EGAL !!!!! - sein könnte. Und
ich sage Dir, lieber junger Mann, dass dem ganz und gar nicht so ist. Im Gegenteil ist es ein gesundes Zeichen , wenn jemand in Deinem Alter sein eigenes volles Leben hat, worauf er sich konzentriert. Geschwister sind sehr sehr selten in dieser Phase gefragt, denn man BEFREIT sich, wird AUTONOM von der Ursprungsfamilie...das ist ein Prozess. Später, Du wirst es erleben, gibt es dann wieder eine Annäherung an die Familie...in ein paar Jahren. Doch umso besser und freier Du jetzt diese Phase wirklich leben kannst ( eben grad OHNE wenn und aber und Bedingungen!!!) , desto schneller wirst Du Dich für Eltern, Bruder, Tanten und Grossonkels und so weiter wieder ECHT ( und nicht aufgezwugen) interessieren können. Ok ? Liebe Grüsse, Desdemonaschall
 
Naja, du bist halt in der Verantwortung teilweise, durch sein Kurzzeitgedächtnis, und er hatte diesen Unfall, also musstest du wohl eine Zeit lang der starke, verständnisvolle Bruder sein, was dir nicht geschmeckt hat.

Mein Bruder und ich sind, wenn du 89 geboren sein solltest, vermutlich so im gleichen Alter wie ihr, und auch wir haben ein gespaltenes Verhältnis. Mein Bruder ist mir keinesfalls egal, aber wir haben uns in den vergangenen Jahren heftigst gefetzt. Nicht nur, möchte ich sagen, wir kamen auch zwischendurch super miteinander aus, aber es lief für uns beide nicht rosig. Scheinbar waren diese Phasen nötig, um sich selbst zu finden und zu definieren und auch unsere Beziehung zueinander halbwegs zu definieren, die aber immer noch teilweise angeknackst ist. Nicht fundamental, aber es sind Narben da.

Mittlerweile geht es, würde ich aber sagen. Was ich damit überhaupt sagen will: Wir beide, er und ich, mussten begreifen lernen, dass wir, nur weil wir Geschwister sind, uns nicht für selbstverständlich nehmen dürfen. Unser gutes Verhältnis ist keine Selbstverständlichkeit. Dass mein Bruder mir zuhört und mir Ratschläge gibt oder mir Dinge aus seinem Leben mitteilt, ist keine Selbstverständlichkeit, ich habe da kein Anrecht drauf, genauso wie er kein Anrecht auf mich, meine Anwesenheit oder sonstwas hat. Man ist immer geneigt, sich in die Pflicht nehmen zu lassen, grade von Familie, weil es Familie ist, aber wir mussten da heftigst zusammenrasseln, um die Fronten zu klären.

Ich muss mich immer zwischendurch daran erinnern, ihn nicht mehr zu behandeln, wie ich ihn damals behandelt habe, als wir uns nicht ausstehen konnten und uns gegenseitig beleidigt haben. Dass er mein kleiner Bruder ist und ich so oft so sauer war und ihn nicht für voll genommen habe, aber dass er jetzt erwachsen ist und meinen Respekt verdient. Ich glaube, es ist normal, dass sich solche Beziehungen neu definieren müssen, bzw. sollte es so sein. Wie gesagt, bei Familie ist es immer schwierig, bei Eltern kommt man vermutlich nie 100% aus der Kindrolle raus. Gefühlt war es gestern, dass ich meinen kleinen Bruder verprügelt habe und er mich beschimpft hat, und gefühlt gestern habe ich ihn für selbstverständlich genommen.

Er hat sich auch abgeschottet, und teilweise auf den Putz gehauen und seine Position verteidigt. Nimm das nicht so schwer, wenn es bei euch holpert. Der ist dir nicht egal. Dir ist einfach deine Rolle momentan zu viel.

Vielleicht könnt ihr ja mal was zusammen unternehmen, ich hab immer gerne mit meinem Bruder zusammen gezockt, oder einfach nur Blödsinn gelabert. Gut kommt auch, sich für den anderen offen zu interessieren, auch wenns ja nur der doofe Bruder ist, den man schon sein Leben lang kennt. Er hat eventuell äußerst faszinierende Seiten, die man noch nicht entdeckt hat.
 
Ja, vllt. habe ich mir tatsächlich zu viele Gedanken gemacht bzw. die Urteile mancher Menschen zu nahe an mich ran gelassen.

Ich weiß ja nun selbst, das mir mein Bruder nicht egal ist.
 

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