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Susans Problembeichte

S

sellerie

Gast
Hallo miteinander!

jetzt will ich mich doch mal vorstellen und sagen, was es mit mir auf sich hat, nach ganzen drei Monaten hier drin. Ich hab die Problemformuliererei immer vor mich hergeschoben, weil ich dachte, das übersteigt mich, dafür finde ich keine Form, kein Anfang und kein Ende. Und das hängt auch mit dem Problem zusammen, dem ich nachgehen wollte, bevor ich auf dieses Forum stiess. Ich mache viele Sachen zu spät, komme zu spät, komme gar nicht, machs gar nicht, fang an und machs nicht zuende, steige intensiv ein, breche dann plötzlich ab und tu ewig lang zwanghaft was ganz anderes. Wie ich mittlererweile festgestellt habe, verhalte ich mich hier im Forum und mit dem Forum auch nicht anders.

Seit ein paar Monaten bin ich nun für mich auf der Spur von Aufmerksamkeits-Defizitstörung bei Erwachsenen oder ADS oder ADD oder wie auch immer das abgekürzt wird. Ich bin dem auch soweit nachgegangen, dass ich das von einer Psychiaterin habe abklären lassen und sie würde mich tatsächlich so diagnostizieren, meint sie. Das finde ich sehr schön. Ich hab nämlich schon viele verschiedene Ursachen für mein Verhalten gesucht und bin auch oft fündig geworden, aber bisher hat mir ein übergeordnetes Modell gefehlt, das mir nicht nur Ursachen anbietet sondern mir auch hilft, mit mir umzugehen.

Eines meiner gröberen Probleme ist, dass ich seit ACHTZEHN Jahren in der Universität immatrikuliert bin. Das zweite grössere Problem liegt daran, dass ich das nicht eigentlich als Problem betrachtet habe, ich bin halt einfach nicht dazu gekommen, hatte kein Geld oder keine Zeit abzuschliessen - keine "Krankheitseinsicht". Klar hatte ich nebenbei depressive Phasen deswegen und klar hat mich das immer beschämt, wenn das thematisiert wurde. Andererseits habe ich es auch nie lange genug in meinem Bewusstsein halten können, um das Problem auf geeignete Weise anzugehen. Es hat auch Vorteile, etwa kann ich immer Rabatte mit der Studentenkarte beziehen...nein, es ist wirklich sehr kränkend, so lange auf der Stufe einer Studentin zu stehen. Ich habe auch keine andere Ausbildung. Schliesslich war ich immer davon überzeugt, dass ich ja bald den Abschluss mache, und die Ausbildungen, die mich sonst noch interessieren, erfordern ein abgeschlossenes Studium. Es ist mir also nie ernsthaft in den Sinn gekommen, mir ein anderes Ziel zu suchen.

Inzwischen habe ich aber einen vierjährigen Jungen. Noch während ich mit diesem schwanger war, wurde dem Kindsvater ein bösartiger Krebs diagnostiziert und er ist seit vier Jahren deswegen in Behandlung und zwar mit allen schrecklichen Programmen, welche die Medizin da zur Zeit anbietet (und ausprobiert). Mehrmals standen wir vor der Situation, ob er die nächste Woche noch überlebt oder nicht. Aber er lebt noch und seine Gesundheit ist zur Zeit stabil. Wir wohnen nicht zusammen, ich wohne mit dem Kind in der Schweiz, er achthundert Kilometer weiter weg in Deutschland. Seine Krankheit und mein Studium sind zwei der Gründe, weshalb wir bisher kein Zusammenziehen geschafft haben. Für das Kind ist die Krankheit besonders belastend: Die Sorge um den Papa, aber auch die Angst aus der geschlechtliche Identifikation ("Gell, Männer sind oft krank?"). Durch die chronische Angst, dass der Mann stirbt, habe ich mich an die Frage "was dann" gewöhnt und daran, meine Zukunft anzusehen. Dadurch hab ich gefolgert, dass ich JETZT abschliessen muss, solange er noch lebt. Keine zwingende Vorstellung, ist mir inzwischen klar, aber weiter konnte ich nun mal vor Belastung nicht mehr denken.

Also habe ich vor zwei Jahren meine ziemlich gute Stelle gekündigt, im Wissen, dass ich sie ohne Ausbildung heute nicht mehr bekommen würde und wegen Einstellungsstopp auch nicht mehr zurück kann. Leute auf Stellensuche und eigentlich alle, die einen grösseren Bezug zur Realtität hatten als ich, erklärten mir, dass selbst in der Schweiz die Leute längst in Jobs bleiben, die ihnen eigentlich nicht mehr gefallen und dass ich dann als Studienabgängerin um die vierzig wahrscheinlich nicht leicht was finden werde. Krönung: Ich stand kurz vor einer Gehaltserhöhung. Die Leute haben ziemlich stark reagiert, die von der Arbeit ungläubig und fassungslos, mein Freund entsetzt, meine Eltern erschüttert und aus der Verwandtschaft bekam ich auch so einiges zu hören. Man hat einfach gehofft, ich wisse hoffentlich, was ich tue. Ich war sehr nervös aber guter Dinge, hab mir mein Alter überhaupt nicht vergegenwärtigt oder daran gedacht, was passiert, wenn ich's nicht schaffe, schliesslich hatte ich mir mit meinem Optimismus bereits ein studentisches Darlehen organisiert, von dem ich dachte, es hält ewig. Ich hatte mir eben gedacht, dass es am Geldverdienen liegt, dass ich nie Zeit zum Studieren hatte, und dass es ohne Nebenarbeit super einfach mit dem Studieren klappt. Da hatte ich aber falsch gedacht, denn das Darlehen ist jetzt aufgebraucht und ich bin immer noch nicht fertig, denn, wie sich leider zeigte, lag es nicht nur an der knappen Zeit. Ich hab mich wochenlang, monatelang in Arbeitsblockaden und sinnlosen Haushaltssachen verloren.

Hier im Forum habe ich direkt in die Diskussion mit "ADD-Profis" einsteigen können und fühlte mich gleich zuhause 🙂 (Jochen, wo steckst du eigentlich??). Etwas vorher habe ich begonnen, Ritalin auszuprobieren. Ich war ziemlich überrascht von der Wirkung. Plötzlich hab ich täglich acht Stunden an meiner Arbeit gesessen! Ich kam mir vor, wie ein anderer Mensch. Als könnte ich plötzlich mal mein Potential leben. Dann kamen ein paar gesundheitliche Erscheinungen, Schmerzen in kleinen Gelenken und so was. Ich hab das Zeugs erst mal abgesetzt, um zu prüfen, obs daran liegt. War aber nicht so, es sind beginnende Altersbeschwerden. Ich hatte dann trotzdem Angst, wieder mit Ritalin anzufangen, weil ich viel darüber im Internet gelesen habe. Aber dann habe ich es wieder genommen und ich verhalte mich zur Zeit, als könnte ich all die verlorenen Studienjahre bzw. Nicht-Studienjahre für meinen Abschluss wieder aufholen. Die Diplomarbeit habe ich am Dienstag von der Druckerei abgeholt! Allerdings zeigen sich jetzt, wo ichs angehe, auch in der Uni die Konsequenzen von der ganzen Verlauerei. Ich wollte mich jetzt gleich für die Prüfungen anmelden, dafür hätte mein Geld grad noch gereicht. Aber die Chefs an der Uni finden, ich müsse einen Abschluss über die aktuelle Psychologie und nicht über die von vor 15 Jahren machen und solle noch ein paar Vorlesungen besuchen. Das war mein hier angedeuteter Stress der letzten Wochen. Denn jetzt dauert alles noch mindestens ein weiteres Jahr und ich brauche Geld. Aber so fit wie damals bei Studienbeginn, als ich alle Aushilfsjobs angenommen habe, die ich kriegen konnte, bis zu fünf gleichzeitig! So fit bin ich jetzt leider nicht mehr. Und wegen des Kindes kann ich auch nicht ausserhalb der Krippenzeiten arbeiten. Der Freund schafft es mit seiner Gesundheit und seiner Arbeit grade so, selbst über die Runden zu kommen.

Zusammengefasst hab ich das Problem, ein ziemliches Problem zu haben, welches es mit sich bringt, dass ich meist gar nicht dran denke, dass ich es habe. Wenn ich dann längere Zeit dran denke, handle ich oft impulsiv. Klar denke ICH, dass ich es bestimmt noch schaffe, mein Leben auf die Reihe zu kriegen 🙂 aber ich realisiere allmählich, dass meine Entscheidungen ziemlich "atemberaubend" sind. Und es dämmert mir manchmal, dass auch meine Zeit abläuft.

susan
 
Liebe Susan,

bin erst neu hier registriert und möchte Dir trotzdem etwas antworten. Ich habe mir Deine "Problembeichte" durchgelesen und so einiges kommt mir ganz schön bekannt vor. Allerdings habe ich kaum Ahnung von ADS /ADD bei Erwachsenen, kann also nicht mit psychologischem Verständnis um mich werfen. Ich finde es auf jeden Fall gut, wenn Du Dir auch Menschen suchst, die ähnliche Probleme haben bzw. diese Diagnose teilen. Denn obwohl Diagnosen auch ganz schön herb sein können, sind sie wie Du schon gesagt hast bei so einem länger währenden Problem, was so offensichtlich ist, auch eine "Erleichterung". Weißt Du, eigentlich denke ich bei "Diagnose" immer, "Oh Gott, Schublade", aber mir ist klar, dass das auch hilft. Wenn einem aus der Diagnose heraus die Informationen über die Symptome um die Ohren geschlagen werden und man nur noch mit den Ohren schlackert, weil plötzlich ein Groschen fällt- "ach deshalb also...".

Ich möchte hier nicht gleich von mir quatschen, das finde ich in einer Antwort manchmal erschlagend. Es freut mich, dass Du -in Deinem Post erwähnt- scheinbar jemanden kennengelernt hast, dem es ähnlich geht. Vielleicht gibt es neben der Sache mit dem Ritalin noch andere Wege, sich ein paar Strukturen zu erarbeiten. Auch wenn das für Erwachsene sicher schwieriger ist als für Kiddies, bei denen das schnell erkannt wird. Ich weiß, es ist leicht gesagt, aber schäme Dich nicht zu sehr für Dein ewiges (nicht böse gemeint!) Studium. Wenn man nebenbei noch arbeitet, kann man sich auch immer schön sagen, es liegt nur am Job, dass ich keine Kraft mehr für die Uni habe. (Sorry, jetzt muss ich doch von mir reden) Das habe ich auch gedacht nach drei Jahren jobben. Das Resultat nach der Kündigung war, dass ich ein Jahr weder Geld hatte noch was für die Uni auf die Beine gekriegt hab. Im Moment arbeite ich wieder und habe mich mit aller Kraft ins Studium wieder reingehangen. Ja, und wenn man dann bei Prüfungen oder zur Prüfungsanmeldung schief angesehen wird, wundert man sich. Ich glaube, hier hilft nur Verständnis für das Unverständnis (? *g*) der Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass das bei Dir keine "Faulheit" war, so lange nicht fertig zu werden. Für andere sieht das einfach so aus. Aber es ist klar, dass es damit nichts zu tun hat. Also sei Dir nicht "böse" dafür, dass es so gelaufen ist. Lass die Steine die Dir nun eben in den Weg gelegt werden nicht so an Dich herankommen, dass sie Dich entmutigen können. Der Optimismus ist vielleicht, von den etwas weltfremden Aspekten abgesehen, nicht der schlechteste Weg, wenn Du es jetzt fertig kriegen willst. Nur lass Dir ruhig Rat geben von ein zwei Leuten, die Du kennst, und denen Du vertraust. Damit Du nicht ständig fürchten musst, Dich in einer optimistischen Phase total zu verzetteln. Jetzt hast Du ja die Diplomarbeit und ich wünsche Dir, dass Du das Geld zusammenkriegst, um noch ein paar Vorlesungen besuchen zu können. Ich hoffe das war nicht zu lang. Wünsche Dir für Dich, Deinen Sohn und Deinen Freund alles alles Gute. Caresse
 
Liebe Caresse

**erleichtertes Aufseufzen** ach wie schön, es antwortet mir doch jemand!! War schon bange, dass ich mich irgendwie ins Off geschrieben hab, obwohl ich ja weiss, dass es kurz vor Weihnachten ist, dem Feiertag des heiligen STRESS, und alle sich bereits in Stimmung bringen... Von wegen lange Beiträge - äh, nein, deine Antwort war nicht zu lang, und - äh - es fehlen mir auch ehrlich gesagt die Mittel, einen Beitrag als zu lang zu identifizieren **rotwerd** 🙂) - bin ja schon mehrmals bestöhnt worden, wegen meiner Längen - vielleicht würde es nützen, wenn mal jemand richtig schimpft? (Na? na?)

Das "Verständnis für das Unverständnis", sehr gut!! Und mit dem Wert einer Diagnose auch. Wollte die Diagnose gleich wie einen Massanzug stolzieren führen, aber es ist ja schon so, dass es keine anerkannte Diagnose ist - es gibt da viele Fachleute, die diese Diagnose ablehnen, nicht nur bei Kindern, sondern auch für Erwachsene. Es ist eben eine Symptomerklärung, die nicht aus der Tiefenpsychologie sondern aus der Neuropsychologie stammt, eben aus dem medizinischen Sektor. Die Symptome werden in der Neuropsychologie nicht als Verhaltenreaktion auf die zugrundeliegenden Konflikte erklärt, sondern als Exekutivstörungen, Störungen in den Gehirnfunktionen. Dann ist das auch eine Modeerscheinung, Ritalin für alle! nach dem amerikanischen Vorbild. So liege ich zumindest im Trend 🙂). Jedenfalls ist es schon ein blödes Gefühl, zu sagen, ich hab ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (attention deficit syndrom ADS oder attention deficit desease ADD) und das Gegenüber sagt: Aha, sagt man DEM heute so! Meine Ritalin-Liferantin behandelt mich glücklicherweise als mündige Erwachsene und überlässt es mir abgesehen von ein paar Grundregeln selbst, damit zu experimentieren. Ich geh 10 Tage weg über Weihnachten und während dieser Zeit nehm ichs zum Beispiel nicht.
Ich danke dir für deine guten Wünsche, solche kann ich nämlich brauchen.
susan
 
unsere Zeit läuft doch Gottes Zeit und Liebe bleibt. Seit ich verstanden habe, dass Jesus das ewige Leben schenkt, fühle ich mich jeden Tag wie neu geboren und muss keine Angst mehr haben vor einem Ende das ja doch nur dem Körper gilt, weil er Materie ist. Die Seele unser Bewusstsein ist auf das ewige Dasein ausgerichtet. Sorge dich nicht mehr, bete 🙂 Alles Liebe dir und Gottes Segen, Er kann solche Menschen wie dich sehr gut gebrauchen.
Sein Wille soll in deinem Leben wichtig werden.
 
Hallo,Susan,bevor Du nun Deinen tollen Weihnachtsurlaub machst: von mir auch viele gute Wünsche!!
Du schreibst😀u kannst sie gebrauchen von vielen...bin SICHER,es haben viele Deine Texte gelesen!!
Mir fiel auch so eine umfassende richtige komplexe Antwort nicht gleich ein...bin dann im Vergleichen stehengeblieben (ich hab zwar das Studium abgeschlossen...aber...).
Wichtig ist: Der Weg!!! Du bist ja nie TATENLOS !!!
Daumendrück (von mir OHNE Gottes hilfe (-: ,sorry...).
"Die Wege der Menschen sind unverplanbar" sag ich jetzt mal ganz alternativ.
Leider würde MIR Ritalin nichts bringen )-:
Ich such nach einer "Energie-wieder-auffüll-Droge"....habt Ihr da einen heißen Tipp???? Sowas "Battarieladegerätmäßiges"???? Nööö??
Muß ich eben selbst ein Patent entwickeln....grummel grummel.....

Der Studienabschluß ist dann sicher beruhigend für Dich...und das hast Du ja fast geschafft...wir drücken Daumen bis zum Fingerbruch....!!!
Ich plädiere angesichts der geänderten Bevölkerungspyramide für mehr Gelassenheit...Diese Einstellungspräferenzen werden sich bald ändern müssen,logisch.Außerdem bleiben FRAUEN(*höhöhö*!!!!) sowieso gaaanz laaange innerlich/äußerlich BLUTJUNG,nich wahr!!! In diesem Sine:Streßfreie Urlaubstage!!!
Gruß von der
Micky
 
Hallo Susan,

auch ich habe leider keine Erfahrung, was ADD oder ADS angeht. Aber ich hatte beim Studium ein ähnliches Problem wie Du. Ich habe 9 Semester gebraucht um mein Vorstudium (also die Hälfte des Weges) in VWL abzuschliessen. In der Zeit sollte man normalerweise das ganze Studium abgschlossen haben.
Damals habe ich für mich die Konsequenzen gezogen und damit aufgehört. Da mußte ich mir auch vieles von meiner Familie anhören. Aber ich war der Sache einfach nicht gewachsen. Danach ging es mir richtig gut. Ich bereue diesen Schritt bis heute nicht.

Wie gesagt die psychischen Probleme, die Du geschildert hast kann ich nicht beurteilen. Trotzdem empfinde ich Hochachtung vor Dir. Ein Kind, einen kranken Freund, die vielen Jobs neben dem Studium und dann trotzdem weiter zu machen und trotz der langen Zeit und der Rückschläge nicht das Ziel aus den Augen zu verlieren das Studium zu beenden. Ich empfinde das als positiv.

Vielleicht hättest Du die Sache mit dem Studium schon vor Jahren überdenken sollen und Dir einen anderen Weg suchen sollen. Aber jetzt finde ich solltest Du die Sache durchziehen. Ich wünsche Dir viel Glück und die nötige Kraft dazu.
 

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