S
S20
Gast
Hallo.
Ich bin ein Junge... ein Mann. 20 Jahre alt. Wenn ichs nicht besser wüsste, würde ich mich auf 16 schätzen. In meinem Pass steht aber 20 und ich habe auch zu viele Erinnerungen für einen 16-Jährigen. 20 wird wohl stimmen. Ich habe einen kleinen Bruder. Ich erinnere mich noch genau, als meine Mutter mit dem Babybauch auf dem Bett saß und sagte: "S, du wolltest doch ein Geschwisterchen, nicht wahr?" Ich war damals 6 Jahre alt. Alles, was ich wollte, war einen Bruder und den sollte ich auch bekommen.
Momentan sitze ich auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Wann sitze ich nicht dort? Immer sitze ich auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Ich tippe auf meinem Laptop irgendwelchen Blödsinn ein. Wahrscheinlich merke ich gar nicht mehr, was ich eintippe. Computersucht. Ein süßes Phänomen der Neuzeit. Manchmal denke ich mir "Ich bin doch eigentlich zu stark, um anders zu sein", aber bevor der Gedanke zu Ende gedacht ist, tippe ich wieder. Bin weiterhin anders. Wieso auch nicht? Anders heißt ja nicht schlechter. Dachte ich mir auch, als ich damals in der Schule immer anders war. Besser? Nein, ein Narr. Blind vielleicht, ... benebelt. Ich hatte immer gute Noten. In der Grundschule hatte man mir gesagt, ich solle zwei Klassen überspringen, sonst langweile ich mich nur. Das hat mich aber gar nicht gekümmert, ich fand Schule toll. Meine Eltern entschieden sich lieber, dass ich wie alle anderen aufwachse und alle Klassen durchmache. Im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung, aber ich glaube, es ist etwas kontraproduktiv gewesen. Meine Eltern wollten mich drillen, aber so tun, als sei es meine Entscheidung. Ich war halt ein Narr. Jemand, der mal großes vollbringen wird, der mit vier Jahren 3-stellige Zahlen im Kopf addierte, der mit fünf perfekt radfahren und schwimmen konnte, der Schach spielte, der drei Sprachen beherrschte, der fließend las... der Spaß daran hatte, dass ihn alle lobten. Dummkopf. Alles Sachen, womit andere sich rühmen könnten. Interessiert mich alles nicht. Ich habe mich nie dafür interessiert, anderen zu zeigen, was für ein Narr ich war. Wahrscheinlich deshalb, weil ich es nie musste. Sie sahen es früher oder später. Als ich die Grundschule verließ, begann ich auf einem schweren Gymnasium meinem Drill zu folgen. Arzt wollte ich werden, wie mein Opa. Arzt, weil ich anderen Menschen helfen konnte.
Ich habe keine Freunde. Nicht mehr. Wozu braucht man Freunde, wenn man auf seinem Stuhl sitzt... in seinem Zimmer. Damals hatte ich viele Freunde. Ich habe mich gut mit Leuten verstanden und hatte keine Scheu gegenüber Fremden, weil ich wusste, dass sie genauso an eine Freundschaft interessiert wären wie ich. Ich habe viel gelacht und das Verhältnis zu meinem Bruder besserte sich die ersten Grundschuljahre. Davor war ich es schlicht nicht gewohnt die Aufmerksamkeit meiner Eltern zu teilen. Außerdem konvertierte ich. Ja, ich konvertierte zum Agnostizismus. Streng betrachtet ist es gar keine Religion, da es keine Person gibt, die nicht agnostisch sein kann, aber ich beschloss danach zu leben. Ich meldete mich vom katholischen Religionsunterricht ab und freute mich über die eine freie Stunde, die ich mit einer Klassenkollegin verbrachte. Es sollte sich am Ende der Grundschule herausstellen, dass sie in mich verknallt war. Liebe. Nichts für mich. Ich bin noch immer jungfrau. Ich brauchte bis 17, um daruf zu kommen, dass ich Frauen interessant sind. Ich war ein durchgeknallter Mensch. Ich hatte so viel Blödsinn im Kopf. Meine Noten im Gymnasium waren mir allesamt egal, ich wollte einfach nur lustig sein. Ich habe viel gelacht und viel Spaß gehabt. Ich habe auch einige Male versucht mich umzubringen. Keine Ahnung wieso. Ich war traurig. In der Pubertät. Ein Clown. Ich habe gelacht und geweint, solange es lustig war. Ich fing an, den Sinn meines Lebens aus den Augen zu velieren. Mein Agnostizismus hatte starke Tendenzen zum Atheismus. Ich wusste nicht, was nach dem Tod kommt und es war mir schlicht egal. Gleichermaßen lebte ich mit dem Wissen vor Augen, dass alle Menschen nur ein Haufen Moleküle sind. Meine Eltern, die sich oft stritten, haben nicht bemerkt, dass ich anders wurde. Ein Logiker. Apropos Streit. Ich habe manchmal Hassattacken auf meine Eltern, weil mein Vater mich in der Kindheit wenige Male schlug und er das klein redet bis heute. Es tut ihm Leid und er war dumm. Sie wollten beide das Beste für mich. Meine Mutter tat es falsch, indem sie mich mit meinem Vater verfeindete, wenn sie stritten, und versöhnte, wenn sie sich verstanden. Das Beste für mich. Ich sollte sie hassen. Ich tat es eine Weile auch. Ich sollte sie aber lieben. Ich tat es eine Weile auch. Mittlerweile ist es mir egal. Ich brauche nicht darüber nachdenken, was ich fühlen sollte. Ich fühle ungern. Auch Zungen auf meiner Zunge.
Mein erster Kuss. Ich war betrunken. 17? Ich küsste ein Mädchen, weil so halt. Ich hatte keine Ahnung, was ich tat. Ich war sturzbetrunken. Ihre Worte "War das dein erster Kuss?". Scheiße, ich hab schlecht geküsst. Ich Idiot hab veruscht die Zunge einfach reinzustecken. Betrunken halt. Ein Kumpel kam zu mir "S, sogar du kriegst Frauen ab und ich nicht.". Meine Freunde wussten, dass ich kein Interesse an Frauen hatte. Es war was Neues mich mit einem Mädchen zu sehen. Ich tröstete meinen Kumpel und ließ das Mädchen ziehen. Liebe. Nicht mein Ding. Wer braucht das schon, der den ganzen Tag am Zocken ist. Auf seinem Stuhl. In seinem Zimmer.
Abitur. Ein Desaster. Die letzten 3 Jahre des Gymnasiums waren für mich keine Schuljahre mehr. Kein lustig. Ich saß täglich einige Stunden zuhause. Damals noch auf einem anderen Stuhl, den ich aber über die Zeit kaputt gesessen hatte. Ich zockte, chattete, hörte Musik, onanierte. War ja noch putzig damals. Mit 13 hat mir ein Kumpel einen Porno gezeigt und ich probierte es irgendwann aus und es fühlte sich toll an. Liebe machen hieß es. Alle kicherten auf der Schulwoche, wenn ein Mädchen und ein Junge in einem Zimmer waren. Mich ließ es kalt. Für mich hatte onanieren nichts mit Sex zu tun. Es war etwas, was zuhause geschah. Alleine und wenn keiner da war. Der Computer war alles für mich. Ich schwänzte die Schule, damit ich davor sitzen konnte. Meine Noten wurden schlecht. Ich schrieb keine 1 mehr, sondern nur noch eine 2. Wenn interessierts? Niemanden. Ich habe für mein Abitur nicht gelernt, keine bisschen. Ich hatte einen miserablen Notendurchschnitt. Wenn interessierts? Niemanden. Meine Welt zuhause interessierte sich für gar nichts.
Ich studiere jetzt Medizin. Ich werde wohl Arzt, um Leuten zu Leuten helfen..? Nein, ich werde Arzt. Punkt. Ich studiere, weil ich studiere. Ich lebe, weil ich lebe. Ich habe dahinter keinen Sinn zu finden. Es gibt keinen. Ich lebe nur, weil ich zu faul zum Selbstmord bin. Medizin ist interessant, wenn auch nicht wenig. Andere Studenten müssen tagtäglich lernen. Ich lerne auch, zwei Stunden. Das, was andere machen in einer Woche lernen, lerne ich an einem Tag. Ich schiebe es mir auf, bis ich es sich zeitlich genau ausgeht und dann lerne ich. Manchmal habe ich das Gefühl, es geht es nicht aus. Dann breche ich zusammen. Ich will das Studium hinschmeißen, möchte jemanden haben, der mich umarmt und mir hilft. Meine Eltern haben mir oft geholfen. Ein Haufen Moleküle, die dir sagen, dass alles besser wird und du dir keinen Kopf machen sollst. Kaum bist du aber am Versagen, heißt es, dass du dich zusammenreißen sollst. "Spiele weniger und lerne mehr. Gehe raus, treffe Freunde, treibe Sport!" Das frustriert mich, weil ich weiß, dass sie Recht haben. Darauf muss ich immer eine Runde spielen, bis die Frustration weg ist. Trotz all dem habe ich bisher keine Prüfung versaut. Ich bin ein Narr, ein Logiker. Jemand, der Großes vollbringen kann. Wieso ich? Wieso bin ich so ein Narr? Ich will stark sein wie alle anderen. Ich will den Tag mit einem Gebet beginnen, für meine Prüfungen zittern, mich zukiffen und einen Autounfall bauen. Stattdessen sitze ich auf einem Stuhl in meinem Zimmer und zocke. Wieso sollte ich auch mit einem Haufen Moleküle etwas unternehmen?
Als ich anfing Medizin zu studieren, trieb ich schon keinen Sport mehr. Ich hatte davor Taekwondo gemacht, was ich aber dann aufhörte. Mein Meister war sehr enttäuscht. Ich traue mich bis heute nicht wieder hin, weil er so viel Hoffnung hatte, dass ich es weit bringe und dann sowas. Wen interessierts? Niemanden. Ich ging dann zum Bundesheer, um mich vom Computer wegzulocken. Ich begriff in welcher Situation ich steckte. Ich war beim Bundesheer einer der gehorsamsten Soldaten. Ein Vorbild? Niemals. Die Kommandanten waren ebenso proletuid wie meine Kollegen. Sie gingen ins Casino, hatten Sex mit Huren, verprügelten sich und regten sich auf, wenn man sich über ihre Mütter lustig machte. Gehorsamkeit war dort rar. Wer gehorsam war, wurde ausgenutzt. Immerhin verstand ich jetzt, wieso Frauen so viele Vorurteile gegenüber Männer haben, die in meinen Augen nie stimmten. Diese Männer waren es, die so waren und sie machten mindestens 50% der Männer aus. Echte Männer halt, nicht so Waschlappen wie ich, die nur zuhause waren und auf ihrem Stuhl saßen.
Ich habe mich in der gesamten Zeit zweimal sechs Mal verliebt. Im Kindergarten wollte sie einen Anderen heiraten. In der Grundschule war sie ein Pärchen mit einem Freund. Im Gymnasium fand sie mich dumm, weil ich zu lustig drauf war. Kein Mann eben. Dumm von mir, dass ich sie in der letzten Klasse total bescheuert fragte, ob sie mit mir ausgehen möchte. Ich stellte mich bescheuert an und sie war leider auch die Sorte Mädchen, die gerne Klatsch und Tratsch weitererzählte. Ich gab ihr eine Uhr, die mich an die Welt vor jener in meinem Zimmer erinnerte. Sie hat die Uhr heute vermutlich weggeschmissen, sie funktionierte nicht einmal. Ein anderes Mädchen wohnte in einer anderen Stadt, eine Stunde Fahrt entfernt. Wir küssten uns. Ich fand küssen langweilig, sie regte sich darüber jedes Mal auf. Es dauerte keinen Monat bis es meinerseits zu einer On-Off-Beziehung wurde, weil ich etwas spinnte. Sie schlief mit einem anderen Typen. Es war ihr erstes Mal. Es traf mich hart, aber es musste mir eigentlich egal sein. Es waren ja nur Moleküle. Moleküle, die Molekülen Herzschmerz bereiteten. Absurd. Ein Weiteres Mädchen hatte mich "gefriendzoned" leider. Ich hätte dran bleiben sollen wahrscheinlich, aber war zu faul dazu. Sie hatte viele Jungs als Freunde und ich dachte, ich würde sowieso zu eifersüchtig werden, um eine Beziehung zu führen. Sie suchte oft noch die Freundschaft, aber ich wollte keinen Kontakt mehr. Sie hat jetzt einen Freund und ist glücklich.
Die Letzte hat auch viele männliche Freunde. Sie ist meine Nachbarin und Studienkollegin. Ich denke noch immer an sie. Schade, dass ich es ihr per SMS beichtete und damit auch bat, den Kontakt mit mir abzubrechen, weil ich keinen Gedanken an eine hoffnungslose Liebe verschwenden wollte. Ich hatte zwei Treffen mit ihr vereinbart, die sie beide am Tag zuvor absagte, weil sie schlicht keine Zeit hatte. Da war es mir auch schon egal und ich schrieb ihr einfach, dass ich sie liebte. Dumm und ungeduldig... vielleicht. Ich bereue nichts. Niemand interessiert sich dafür in meiner Welt.
Ich werde als gutaussehend beschrieben. Humorvoll und charmant. Jemand, der schnell die Sympathie seines Gegenübers erringt. In meiner Welt ist es aber egal. Ich bin seit mehr als 2 Jahren täglich im Durchschnitt vielleicht 2 Stunden außerhalb meines Zimmers. Die Bundesheerzeit einberechnet. Ich esse, trinke, schlafe und spiele. Ich habe mich gestern zum ersten Mal umgedreht und mein Zimmer um 3 Uhr morgens gesehen. Meine Kopfhörer nahm ich ab und stand auf. Ich war alleine, es war dunkel, der Geruch der Spaghetti, die ich neben dem Laptop aß, erfüllte den Raum. Was hatte ich aus meinem Leben gemacht? Ich studiere Medizin. Ich habe keine Freunde. Ich habe einen Bruder, der alt genug ist, dass er kein Vorbild mehr braucht. Ich habe mich eines Tages mal für Medizin und Physik interessiert. Zwei absolut grundlegende Dinge im Universum. "Wer bin ich und ich wie funktioniere ich?" und "wie funktioniert das Universum?". Ich wollte forschen, Großes vollbringen. Dinge herausfinden, die die Menschheit voran bringt. Was bin ich jetzt?
Ich lebe nicht, ich existiere. Ich fühle nicht, ich denke. Ich spiele nicht einmal, ich schlage nur Zeit tot, bis ich sterben kann. Ich lache, weine, scherze, schmerze, hoffe und glaube mit der Tatsache vor Augen, dass wir alle ein Haufen Moleküle sind.
Ob ich traurig bin? Absolut nicht. Ich führe ein schönes Leben. Eine wohlhabende Familie in einem wohlhabenden Land. Ich habe mich nicht zu beklagen. Es verhungern tagtäglich Menschen am anderen Ende der Welt, weil sie all das nicht haben, was ich für selbverständlich halte. Ich bin sogar gut gelaunt, wenn sie Sonne scheint. Sofern ich sie sehen kann. Auf meinem Stuhl in meinem Zimmer.
Am Liebsten wünschte ich, dass ein Mädchen käme, die mir den Stuhl wegreißt und so lange von mir fernhält, bis ich morgens aufwache, den Stuhl sehe und mich nicht draufsetze.
S? Nein... A
Ich bin ein Junge... ein Mann. 20 Jahre alt. Wenn ichs nicht besser wüsste, würde ich mich auf 16 schätzen. In meinem Pass steht aber 20 und ich habe auch zu viele Erinnerungen für einen 16-Jährigen. 20 wird wohl stimmen. Ich habe einen kleinen Bruder. Ich erinnere mich noch genau, als meine Mutter mit dem Babybauch auf dem Bett saß und sagte: "S, du wolltest doch ein Geschwisterchen, nicht wahr?" Ich war damals 6 Jahre alt. Alles, was ich wollte, war einen Bruder und den sollte ich auch bekommen.
Momentan sitze ich auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Wann sitze ich nicht dort? Immer sitze ich auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Ich tippe auf meinem Laptop irgendwelchen Blödsinn ein. Wahrscheinlich merke ich gar nicht mehr, was ich eintippe. Computersucht. Ein süßes Phänomen der Neuzeit. Manchmal denke ich mir "Ich bin doch eigentlich zu stark, um anders zu sein", aber bevor der Gedanke zu Ende gedacht ist, tippe ich wieder. Bin weiterhin anders. Wieso auch nicht? Anders heißt ja nicht schlechter. Dachte ich mir auch, als ich damals in der Schule immer anders war. Besser? Nein, ein Narr. Blind vielleicht, ... benebelt. Ich hatte immer gute Noten. In der Grundschule hatte man mir gesagt, ich solle zwei Klassen überspringen, sonst langweile ich mich nur. Das hat mich aber gar nicht gekümmert, ich fand Schule toll. Meine Eltern entschieden sich lieber, dass ich wie alle anderen aufwachse und alle Klassen durchmache. Im Nachhinein eine sehr gute Entscheidung, aber ich glaube, es ist etwas kontraproduktiv gewesen. Meine Eltern wollten mich drillen, aber so tun, als sei es meine Entscheidung. Ich war halt ein Narr. Jemand, der mal großes vollbringen wird, der mit vier Jahren 3-stellige Zahlen im Kopf addierte, der mit fünf perfekt radfahren und schwimmen konnte, der Schach spielte, der drei Sprachen beherrschte, der fließend las... der Spaß daran hatte, dass ihn alle lobten. Dummkopf. Alles Sachen, womit andere sich rühmen könnten. Interessiert mich alles nicht. Ich habe mich nie dafür interessiert, anderen zu zeigen, was für ein Narr ich war. Wahrscheinlich deshalb, weil ich es nie musste. Sie sahen es früher oder später. Als ich die Grundschule verließ, begann ich auf einem schweren Gymnasium meinem Drill zu folgen. Arzt wollte ich werden, wie mein Opa. Arzt, weil ich anderen Menschen helfen konnte.
Ich habe keine Freunde. Nicht mehr. Wozu braucht man Freunde, wenn man auf seinem Stuhl sitzt... in seinem Zimmer. Damals hatte ich viele Freunde. Ich habe mich gut mit Leuten verstanden und hatte keine Scheu gegenüber Fremden, weil ich wusste, dass sie genauso an eine Freundschaft interessiert wären wie ich. Ich habe viel gelacht und das Verhältnis zu meinem Bruder besserte sich die ersten Grundschuljahre. Davor war ich es schlicht nicht gewohnt die Aufmerksamkeit meiner Eltern zu teilen. Außerdem konvertierte ich. Ja, ich konvertierte zum Agnostizismus. Streng betrachtet ist es gar keine Religion, da es keine Person gibt, die nicht agnostisch sein kann, aber ich beschloss danach zu leben. Ich meldete mich vom katholischen Religionsunterricht ab und freute mich über die eine freie Stunde, die ich mit einer Klassenkollegin verbrachte. Es sollte sich am Ende der Grundschule herausstellen, dass sie in mich verknallt war. Liebe. Nichts für mich. Ich bin noch immer jungfrau. Ich brauchte bis 17, um daruf zu kommen, dass ich Frauen interessant sind. Ich war ein durchgeknallter Mensch. Ich hatte so viel Blödsinn im Kopf. Meine Noten im Gymnasium waren mir allesamt egal, ich wollte einfach nur lustig sein. Ich habe viel gelacht und viel Spaß gehabt. Ich habe auch einige Male versucht mich umzubringen. Keine Ahnung wieso. Ich war traurig. In der Pubertät. Ein Clown. Ich habe gelacht und geweint, solange es lustig war. Ich fing an, den Sinn meines Lebens aus den Augen zu velieren. Mein Agnostizismus hatte starke Tendenzen zum Atheismus. Ich wusste nicht, was nach dem Tod kommt und es war mir schlicht egal. Gleichermaßen lebte ich mit dem Wissen vor Augen, dass alle Menschen nur ein Haufen Moleküle sind. Meine Eltern, die sich oft stritten, haben nicht bemerkt, dass ich anders wurde. Ein Logiker. Apropos Streit. Ich habe manchmal Hassattacken auf meine Eltern, weil mein Vater mich in der Kindheit wenige Male schlug und er das klein redet bis heute. Es tut ihm Leid und er war dumm. Sie wollten beide das Beste für mich. Meine Mutter tat es falsch, indem sie mich mit meinem Vater verfeindete, wenn sie stritten, und versöhnte, wenn sie sich verstanden. Das Beste für mich. Ich sollte sie hassen. Ich tat es eine Weile auch. Ich sollte sie aber lieben. Ich tat es eine Weile auch. Mittlerweile ist es mir egal. Ich brauche nicht darüber nachdenken, was ich fühlen sollte. Ich fühle ungern. Auch Zungen auf meiner Zunge.
Mein erster Kuss. Ich war betrunken. 17? Ich küsste ein Mädchen, weil so halt. Ich hatte keine Ahnung, was ich tat. Ich war sturzbetrunken. Ihre Worte "War das dein erster Kuss?". Scheiße, ich hab schlecht geküsst. Ich Idiot hab veruscht die Zunge einfach reinzustecken. Betrunken halt. Ein Kumpel kam zu mir "S, sogar du kriegst Frauen ab und ich nicht.". Meine Freunde wussten, dass ich kein Interesse an Frauen hatte. Es war was Neues mich mit einem Mädchen zu sehen. Ich tröstete meinen Kumpel und ließ das Mädchen ziehen. Liebe. Nicht mein Ding. Wer braucht das schon, der den ganzen Tag am Zocken ist. Auf seinem Stuhl. In seinem Zimmer.
Abitur. Ein Desaster. Die letzten 3 Jahre des Gymnasiums waren für mich keine Schuljahre mehr. Kein lustig. Ich saß täglich einige Stunden zuhause. Damals noch auf einem anderen Stuhl, den ich aber über die Zeit kaputt gesessen hatte. Ich zockte, chattete, hörte Musik, onanierte. War ja noch putzig damals. Mit 13 hat mir ein Kumpel einen Porno gezeigt und ich probierte es irgendwann aus und es fühlte sich toll an. Liebe machen hieß es. Alle kicherten auf der Schulwoche, wenn ein Mädchen und ein Junge in einem Zimmer waren. Mich ließ es kalt. Für mich hatte onanieren nichts mit Sex zu tun. Es war etwas, was zuhause geschah. Alleine und wenn keiner da war. Der Computer war alles für mich. Ich schwänzte die Schule, damit ich davor sitzen konnte. Meine Noten wurden schlecht. Ich schrieb keine 1 mehr, sondern nur noch eine 2. Wenn interessierts? Niemanden. Ich habe für mein Abitur nicht gelernt, keine bisschen. Ich hatte einen miserablen Notendurchschnitt. Wenn interessierts? Niemanden. Meine Welt zuhause interessierte sich für gar nichts.
Ich studiere jetzt Medizin. Ich werde wohl Arzt, um Leuten zu Leuten helfen..? Nein, ich werde Arzt. Punkt. Ich studiere, weil ich studiere. Ich lebe, weil ich lebe. Ich habe dahinter keinen Sinn zu finden. Es gibt keinen. Ich lebe nur, weil ich zu faul zum Selbstmord bin. Medizin ist interessant, wenn auch nicht wenig. Andere Studenten müssen tagtäglich lernen. Ich lerne auch, zwei Stunden. Das, was andere machen in einer Woche lernen, lerne ich an einem Tag. Ich schiebe es mir auf, bis ich es sich zeitlich genau ausgeht und dann lerne ich. Manchmal habe ich das Gefühl, es geht es nicht aus. Dann breche ich zusammen. Ich will das Studium hinschmeißen, möchte jemanden haben, der mich umarmt und mir hilft. Meine Eltern haben mir oft geholfen. Ein Haufen Moleküle, die dir sagen, dass alles besser wird und du dir keinen Kopf machen sollst. Kaum bist du aber am Versagen, heißt es, dass du dich zusammenreißen sollst. "Spiele weniger und lerne mehr. Gehe raus, treffe Freunde, treibe Sport!" Das frustriert mich, weil ich weiß, dass sie Recht haben. Darauf muss ich immer eine Runde spielen, bis die Frustration weg ist. Trotz all dem habe ich bisher keine Prüfung versaut. Ich bin ein Narr, ein Logiker. Jemand, der Großes vollbringen kann. Wieso ich? Wieso bin ich so ein Narr? Ich will stark sein wie alle anderen. Ich will den Tag mit einem Gebet beginnen, für meine Prüfungen zittern, mich zukiffen und einen Autounfall bauen. Stattdessen sitze ich auf einem Stuhl in meinem Zimmer und zocke. Wieso sollte ich auch mit einem Haufen Moleküle etwas unternehmen?
Als ich anfing Medizin zu studieren, trieb ich schon keinen Sport mehr. Ich hatte davor Taekwondo gemacht, was ich aber dann aufhörte. Mein Meister war sehr enttäuscht. Ich traue mich bis heute nicht wieder hin, weil er so viel Hoffnung hatte, dass ich es weit bringe und dann sowas. Wen interessierts? Niemanden. Ich ging dann zum Bundesheer, um mich vom Computer wegzulocken. Ich begriff in welcher Situation ich steckte. Ich war beim Bundesheer einer der gehorsamsten Soldaten. Ein Vorbild? Niemals. Die Kommandanten waren ebenso proletuid wie meine Kollegen. Sie gingen ins Casino, hatten Sex mit Huren, verprügelten sich und regten sich auf, wenn man sich über ihre Mütter lustig machte. Gehorsamkeit war dort rar. Wer gehorsam war, wurde ausgenutzt. Immerhin verstand ich jetzt, wieso Frauen so viele Vorurteile gegenüber Männer haben, die in meinen Augen nie stimmten. Diese Männer waren es, die so waren und sie machten mindestens 50% der Männer aus. Echte Männer halt, nicht so Waschlappen wie ich, die nur zuhause waren und auf ihrem Stuhl saßen.
Ich habe mich in der gesamten Zeit zweimal sechs Mal verliebt. Im Kindergarten wollte sie einen Anderen heiraten. In der Grundschule war sie ein Pärchen mit einem Freund. Im Gymnasium fand sie mich dumm, weil ich zu lustig drauf war. Kein Mann eben. Dumm von mir, dass ich sie in der letzten Klasse total bescheuert fragte, ob sie mit mir ausgehen möchte. Ich stellte mich bescheuert an und sie war leider auch die Sorte Mädchen, die gerne Klatsch und Tratsch weitererzählte. Ich gab ihr eine Uhr, die mich an die Welt vor jener in meinem Zimmer erinnerte. Sie hat die Uhr heute vermutlich weggeschmissen, sie funktionierte nicht einmal. Ein anderes Mädchen wohnte in einer anderen Stadt, eine Stunde Fahrt entfernt. Wir küssten uns. Ich fand küssen langweilig, sie regte sich darüber jedes Mal auf. Es dauerte keinen Monat bis es meinerseits zu einer On-Off-Beziehung wurde, weil ich etwas spinnte. Sie schlief mit einem anderen Typen. Es war ihr erstes Mal. Es traf mich hart, aber es musste mir eigentlich egal sein. Es waren ja nur Moleküle. Moleküle, die Molekülen Herzschmerz bereiteten. Absurd. Ein Weiteres Mädchen hatte mich "gefriendzoned" leider. Ich hätte dran bleiben sollen wahrscheinlich, aber war zu faul dazu. Sie hatte viele Jungs als Freunde und ich dachte, ich würde sowieso zu eifersüchtig werden, um eine Beziehung zu führen. Sie suchte oft noch die Freundschaft, aber ich wollte keinen Kontakt mehr. Sie hat jetzt einen Freund und ist glücklich.
Die Letzte hat auch viele männliche Freunde. Sie ist meine Nachbarin und Studienkollegin. Ich denke noch immer an sie. Schade, dass ich es ihr per SMS beichtete und damit auch bat, den Kontakt mit mir abzubrechen, weil ich keinen Gedanken an eine hoffnungslose Liebe verschwenden wollte. Ich hatte zwei Treffen mit ihr vereinbart, die sie beide am Tag zuvor absagte, weil sie schlicht keine Zeit hatte. Da war es mir auch schon egal und ich schrieb ihr einfach, dass ich sie liebte. Dumm und ungeduldig... vielleicht. Ich bereue nichts. Niemand interessiert sich dafür in meiner Welt.
Ich werde als gutaussehend beschrieben. Humorvoll und charmant. Jemand, der schnell die Sympathie seines Gegenübers erringt. In meiner Welt ist es aber egal. Ich bin seit mehr als 2 Jahren täglich im Durchschnitt vielleicht 2 Stunden außerhalb meines Zimmers. Die Bundesheerzeit einberechnet. Ich esse, trinke, schlafe und spiele. Ich habe mich gestern zum ersten Mal umgedreht und mein Zimmer um 3 Uhr morgens gesehen. Meine Kopfhörer nahm ich ab und stand auf. Ich war alleine, es war dunkel, der Geruch der Spaghetti, die ich neben dem Laptop aß, erfüllte den Raum. Was hatte ich aus meinem Leben gemacht? Ich studiere Medizin. Ich habe keine Freunde. Ich habe einen Bruder, der alt genug ist, dass er kein Vorbild mehr braucht. Ich habe mich eines Tages mal für Medizin und Physik interessiert. Zwei absolut grundlegende Dinge im Universum. "Wer bin ich und ich wie funktioniere ich?" und "wie funktioniert das Universum?". Ich wollte forschen, Großes vollbringen. Dinge herausfinden, die die Menschheit voran bringt. Was bin ich jetzt?
Ich lebe nicht, ich existiere. Ich fühle nicht, ich denke. Ich spiele nicht einmal, ich schlage nur Zeit tot, bis ich sterben kann. Ich lache, weine, scherze, schmerze, hoffe und glaube mit der Tatsache vor Augen, dass wir alle ein Haufen Moleküle sind.
Ob ich traurig bin? Absolut nicht. Ich führe ein schönes Leben. Eine wohlhabende Familie in einem wohlhabenden Land. Ich habe mich nicht zu beklagen. Es verhungern tagtäglich Menschen am anderen Ende der Welt, weil sie all das nicht haben, was ich für selbverständlich halte. Ich bin sogar gut gelaunt, wenn sie Sonne scheint. Sofern ich sie sehen kann. Auf meinem Stuhl in meinem Zimmer.
Am Liebsten wünschte ich, dass ein Mädchen käme, die mir den Stuhl wegreißt und so lange von mir fernhält, bis ich morgens aufwache, den Stuhl sehe und mich nicht draufsetze.
S? Nein... A