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So kann es nicht mehr weitergehen...

Kannja

Aktives Mitglied
Hallo!

Bitte helft mir... ich weiß gerade überhaupt nicht mehr weiter, könnte jede Minute "die Wände hochlaufen" vor Hilflosigkeit und Verzweifelung. Nie bekomme ich auch nur eine Sekunde all diese Probleme und diese Angst aus meinem Kopf. Ich kann nicht mehr schlafen, nicht mehr essen und habe oft von einer Sekunde zur anderen Tränen in den Augen ohne mich dagegen wehren zu können - früher konnte ich nichtmal weinen wenn ich es wollte... Aber jetzt ist der Schmerz so übermächtig geworden. Ich weiß ich hab mein Problem hier schon einmal geschildert, aber leider fast keine Antworten erhalten... Ich möchte Euch echt nicht auf die Nerven gehen, komme aber einfach allein nicht mehr damit klar und brauche so sehr Hilfe.

Seit mein Vater vor einigen Monaten so plötzlich starb bin ich ja ganz allein. Ich schrieb ja schonmal davon, dass meine Freunde auf seinen Tod hin quasi "weggelaufen" sind. Der einzig nahestehende Mensch den ich noch habe ist mein Bruder. Doch dem scheine ich nun plötzlich völlig egal zu sein... Erst standen wir uns grade durch die Trauer um unseren Dad sehr nah, doch genau das war seiner Freundin ein Dorn im Auge. Also sorgte sie teils richtig offen für Distanz... Vor kurzem hat sie dann von meinem Bruder verlangt dass ich von Familienveranstaltungen ausgeschlossen werde wenn die beiden mal hier zu Besuch sind (sie leben eh sehr weit weg und kommen selten), da ich ja nicht zur Familie dazugehören würde. Er sagte dazu einfach sofort ja und amen. Das Ganze hat mich in meiner ohnehin schon einsamen Situation getroffen wie ein Dolchstoß - vor allem weil seine Freundin früher immer sagte ich sei wie eine kleine Schwester für sie und wir uns schon ewig kennen. Wir haben uns immer gut verstanden, obwohl sie teils extrem eifersüchtige Anflüge in Bezug auf meinen Bruder hatte, wenn wir uns mal zu dritt sahen. Ich hab das dann immer schweigend hingenommen und später hat sie sich dann auch einige male von allein dafür entschuldigt und gemeint sie könne einfach nichts gegen ihre Eifersucht machen. Doch seitdem mein Vater gestorben ist, macht sie mir das Leben schwer, ist kühl, teils richtig abweisend, vermeidet Kontakt... Deshalb habe ich meinen Bruder dann als sie an Ostern beide hier waren gebeten ausnahmsweise mit ihm allein ein Eis essen gehen zu können o.ä. Von deren Osterfeierlichkeiten war ich ja eh ausgeschlossen. Ich hätte in dem Moment nach all dieser Ablehnung/Verletzung von ihr nur einfach nicht ausgehalten mich da mit ihr an einen Tisch zu setzen, wollte ja aber meinen Bruder natürlich gern sehen, so selten wie er mal hier ist. Mein Bruder hatte aber kein Verständnis dafür, dass mich ihr Verhalten trifft und dass ich ihn deshalb dieses eine Mal lieber allein sehen wollte. Also ließ er mich einfach sitzen und seitdem straft er mich mit Kälte und Distanziertheit.... Ich bin so verzweifelt und traurig darüber. Er ist doch mein Bruder und zudem der einzige Mensch den ich noch habe... und so völlig allein und ungeliebt möchte ich am liebsten nur noch sterben dürfen.

Ich habe dann versucht meinem Bruder meine Lage und Gefühle zu erklären, aber irgendwie redete er in seinen wenigen Antworten (Email) nur komplett (scheinbar absichtlich) an mir vorbei und blieb komplett stur. Deshalb weiß ich nicht mehr weiter... es erscheint mir als liefe ich eh nur gegen eine Mauer...

Nun ist es ja so, dass ich in wenigen Wochen umziehen muss. Ich versuche das alles allein zu organisieren, aber bei manchen Dingen habe ich als Frau einfach keine Ahnung mehr wie ich das bloß ganz allein schaffen soll. Mein Bruder hatte die ganze Zeit von sich aus gesagt, er würde mir doch "selbstverständlich helfen". Nun haben wir aber letzte Woche von einem sehr weit entfernten Cousin den wir beide kaum kennen eine Einladung zu einer größeren Geburtstagsfeier bekommen. Diese findet etwa 150km von mir statt. Von meinem Bruder entfernt ungefähr 600km. Und sie ist genau an dem We wo ich umziehe und ich hab wenige Tage darauf Geburtstag... Nun schrieb mir mein Bruder nur ganz kühl, so als wäre das nichts, dass er mit seiner Freundin direkt von sich aus zu der Feier dieses Cousins fliegen werde und ich könne ja irgendwie allein hinfahren. Dazu dass damit seine Hilfe bei meinem Umzug automatisch wegfällt, sagte er nichtmal was. Nach meinem Geburtstag hatte ich ihn zuvor gefragt, da dies ja mein erster ohne eine Familie wird, - vor allem eben ohne meinen Dad... Dazu meinte mein Bruder er hätte dann wegen der anderen Feier keine Lust extra auch zu mir zu kommen. Aber ich könne ja jetzt versuchen bei seiner Freundin "Schön-Wetter" zu machen, vielleicht könne ich dann an meinem Geburtstag zu ihm und ihr zu Besuch kommen...

Ich weiß nicht... mir erscheint sein Verhalten so gemein und kalt. Seine Freundin hat mir die Trauerzeit durch so vieles doppelt hart und einsam gemacht... ich bin eigentlich gar kein sturer Mensch, aber irgendwie erschiene es mir jetzt, unter diesen Umständen, so verkehrt noch bei ihr zu kreuze zu kriechen. Und ich hab dann ja auch nicht das Gefühl dass ich an meinem Geburtstag da echt gewollt bin bei den beiden. So wie das klingt... Oder? Aber hier allein zu sein ist auch furchtbar... Am liebsten würde ich meinem Bruder nun antworten und ihm mal sagen wie weh er mir tut und wie krass ich das mit dem Umzug finde, wo er mich einfach im Stich lässt und es nichtmal nötig hat dazu etwas zu sagen... Aber wenn ich ihm Vorwürfe mache und richtig offen bin, dann wendet er sich vielleicht komplett von mir ab... Ich hab solche Panik davor. Was also soll ich bloß machen? Es kann doch irgendwie nicht richtig sein wenn es immer so weiter geht und es normal ist mich so zu behandeln... aber vielleicht bin ich ihm lange nicht wichtig genug, dass er noch Kontakt zu mir will, wenn ich mich jetzt "unbequem" mache. Ich weiß einfach nicht was jetzt richtig und falsch ist, oder ob vielleicht ich all das ganz falsch sehe...? Bitte, bitte helft mir.
 
Hallo,
ganz ehrlich, wenn ich das alles lese, finde ich das echt ziemlich gemein von denen und ich wundere mich, das Du trotz der Gemeinheiten und Enttäuschungen trotzdem noch den Kontakt suchst. Allein die Formulierung mit dem Schön Wetter machen ist echt mies und auch respektlos, ebenso wie nicht zur eigentlich zugesagten Hilfe zum Umzug zu stehen und das noch nichtmals zu begründen! Ich kann Deine Situation sehr gut verstehen, denn grade nach dem Tod Deines Vaters würdest Du Dich über Unterstützung freuen, aber ich denke, Du musst Dir nicht alles bieten lassen, nur aus Angst vor dem Alleinesein, viel schlimmer finde ich die Gemeinheiten und Respektlosigkeit Dir gegenüber, ich würde versuchen meinen eigenen Weg zu gehen und denen nicht hinterher zu laufen- denn die sind zu zweit und Du bist alleine. Du hast da immer schlechtere Karten und anscheinend besitzen die Zwei nicht genügend Herz, um für Dich da zu sein, sondern schliessen DIch aus. WObei ich auch das Gefühl habe, das Dein Bruder sicher nicht ganz so ist, aber die Freundin sehr besitzergreifend und eifersüchtig zu sein scheint, aber wenn Dein Bruder zu 'schwach' ist um dagegen anzukämpfen um DIr auch einen Platz in seinem Leben zu geben, dann ist das schon enttäuschent. Ich würde wirklich versuchen, meinen eigenen Weg zu gehen und mir selber etwas aufzubauen. Ich wünsche Dir sehr viel Glück und Kraft dabei und sende DIr ganz viel liebe Grüsse!!!
 
Hallo Kannja, hast du denn in der Zwischenzeit Kontakt mit Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen oder einer Trauergruppe aufgenommen, um dir emotionale Unterstützung zu holen?

Auch wenn es jetzt hart klingt: du hast deinem Bruder bereits Vorhaltungen gemacht. Er hat sich bereits von dir distanziert. Das ist die Situation, mit der du seit dem Tod deines Vaters nicht zurecht kommst - sehr verständlich. Du kannst im Moment nicht auf deinen Bruder bauen, aus welchen Gründen auch immer. Deshalb brauchst du unbedingt Menschen, die dir beistehen.

Konntest du diesbezüglich inzwischen einen ersten Schritt unternehmen?
 
Hi Fritzie!

Ich habe eine Psychologin aufgesucht und hatte dort bisher zwei Sitzungen... sie hat mich als Notfall aufgenommen, möglich sind also erstmal nur 5 Sitzungen insgesamt, auf einen richtigen Therapieplatz muss ich länger warten. Diese Frau ist zwar nett und ich nehme jetzt auch ein Medikament, aber so recht geholfen hat es mir bislang nicht. Was die selbsthilfegruppen angeht gibt es hier tatsächlich kaum offene die nicht entweder an ein Hospiz, Tod durch Suizid oder nur für verweiste Eltern gedacht sind. Ich habe eine in meiner Nähe gefunden die offen ist - sie trifft sich wieder in drei Wochen und da werde ich hingehen. Ansonsten muss ich zugeben, dass mir einfach alles über den Kopf wächst: Das Haus unseres Vaters, Umzug und Planung, arbeiten trotz allem, Geldsorgen... mir fehlt oft die Kraft für das kleinste bisschen - ich will mich nicht damir herausreden, aber das ist der Auslöser weshalb es mir auch so schwer fällt momentan etwas vielleicht besseres zu suchen was mir helfen könnte. Das klingt bestimmt lächerlich, aber ich bin fast schon stolz auf mich, dass ich wenigstens die paar Anrufe geschafft habe und so zu der Psychologin gehen kann.

Nein, Vorhaltungen gemacht habe ich ihm nicht. Ich habe ihm Ostern in der akuten Situation eine sehr betont vorsichtige Email geschrieben, nur in Bezug auf seine Freundin und den Konflikt, also regelrecht um Verständnis bettelnd. Vorwürfe gegen ihn habe ich betont vermieden - auch wenn ich sie empfunden habe - ich habe nichts ausgesprochen um ihn nicht zu verärgern und von mir zu treiben. Ganz so wie Du es beschreibst, dass mein Bruder und ich seit dem Tod unseres Vaters NUR auf Distanz waren und ich somit langsam dran gewöhnt sein könnte, ist es ja zudem auch nicht... erstmal haben wir uns sehr nahe gestanden. Er hat mich "nur" in der unmittelbaren Situation gleich nach der Trauerfeier hier allein sitzen lassen, auf Initiative seiner Freundin. Der Rest ist seine eigene Verantwortung, klar. Er hat sich zu selten gemeldet und mich allein mit dem Haus, Auto etc gelassen... Aber das war dennoch nicht die Art von Kälte die ich jetzt erlebe. Ich hatte zumindest das Gefühl mein Bruder stünde mir nah. Trotz allem. Wenn wir redeten fühlte es sich zumindest so an. Dieser heftige Konflikt wo es so eskalierte und er mir einfach den Rücken zuwendete war ja erst Ostern. Seit dem lässt es mich nicht los und ich gehe wie gesagt die Wände hoch... es ist nicht so leicht es einfach wegzustecken, wenn so etwas von dem einzigen Menschen kommt den man noch hat, - und den man ja liebt, Fritzie... Auch wenn Du vielleicht Recht damit hast, dass ich das tun und ihn als Mensch einfach abhaken sollte. Er ist doch mein Bruder. Und wie gesagt: Bis vor zwei Wochen sagte er ja selbst mehrfach von allein er würde mir helfen bei meinem Umzug. Dass er das nun einfach auch noch so eiskalt streicht, ohne Erklärung, überrascht mich daher schon, bzw. schockt mich sehr schmerzhaft.

Naja, ich weiß jedenfalls noch immer nicht ob und was ich ihm nun auf seine letzte Email antworten soll oder nicht. Ob ich nun offen sein und ihm quasi die "Vorwürfe" machen soll, statt weiter zu versuchen "Schön-Wetter zu machen" indem ich sein Handeln todschweige...
 
Liebe Kannja - meine Mittagspause ist grad rum. Ich werde dir heute Abend ausführlich antworten, einverstanden?
 
Liebe Kanja,

Du BIST allein.

Ich weiss zwar nicht, wie ich Dir gerade weiterhelfen kann, doch:
Dein Beitrag bewegt-emich.
Sind denn "hier" die Orte / Geo-Entfernung / o.ä. eingegeben ??-
Vielleicht findet sich SO etwas "spontaneres".
Ich habe das Gefühl, es geht nicht um Bruder, - oder dessen Freundin....-
Du fühlst dich abgewiesen.
Von der einzigen Person, an welche Du dich wenden kannst, MEINST DU.
die Welt ist voler Menschen, -

...und das "kleine"Glück, liegt oftmals um die Ecke....vielleichthast du es noch nicht gesehen.
( Das heisst: GEH RAUS!! ( ein Eis eseen, irgende.t.w.a.s. , aber: TU WAS - )

Ich melde mich wieder, wenn ich mich mit dem "System" besser vertraut gemacht habe.
Bis dahin, die besten Wünsche, L.G. , Marleen
 
Hallo Marleen!

Auch Dir vielen Dank für Deine Worte! Ja, das stimmt, ich fühle mich generell abgewiesen... und das ist wohl einer der größten Schmerzpunkte. Es hat viel mit meiner Kindheit und ganzen Vorgeschichte zu tun... Aber dennoch geht es mir tatsächlich auch um meinen Bruder als Mensch. Er war mir schon immer sehr wichtig - auch als ich noch nicht so einsam war, noch meinen Dad und eine Beziehung hatte... ich liebe meinen Bruder, er ist für mich nicht nur "Mittel zum Zweck" gegen Einsamkeit etc. Nur könnte ich JETZT wohl grade sehr viel eher mit der Distanz zwischen ihm und mir umgehen, bzw. sie notfalls eine Weile aushalten um meinen Standpunkt zu verdeutlichen oder ein wenig Stolz zu wahren..., wenn ich nicht eh schon so traurig und einsam wäre. Das macht es halt doppelt schwer und die Verlustangst umso größer.

Rausgehen und Dige unternehmen mache ich! Ich bin nicht der Typ Mensch der nur selbstmitleidig zuhaus sitzt, sondern versuche ja echt dagegen anzugehen mich so mies und allein zu fühlen. Aber auch wenn man allein etwas unternimmt und draussen ist, ist man doch immer noch allein. Ich habe auch Kontakte und hatte ja mal Freunde... offenbar jedoch alles so oberflächliche Beziehungen (nicht aus meiner Sicht!) dass wie gesagt seit dem Tod meines Vaters keiner mehr da ist. Ich verstehe mich mit vielen Menschen gut, bin kommunikativ und offen, aber ich habe eben keinen Platz irgendwo... niemand macht sich Sorgen, fragt am Wochenende mal nach wie es mir geht oder ob ich Lust habe gemeinsam etwas zu unternehmen und ich wüsste auch nicht wen ich um Hilfe bitten könnte... was die Trauer angeht oder zum reden darüber ist erstrecht keiner da. Ganz ehrlich und mal nur objektiv betrachtet: Würde mir etwas passieren oder ich mir etwas antun - wäre ich tod... es würde nichtmal jemandem auffallen und niemand würde trauern deswegen. Mein Leben ist einfach nur noch sinnlos.

Wie gesagt, ich versuche auf andere Menschen zu zugehen, aber vielleicht verändert einen der Tod eines so nahen Menschen einfach zu sehr... Alle haben von mir erwartet, dass ich schon zwei Wochen nach seinem Tod meines Vaters wieder "normal" bin, das habe ich versucht so gut ich konnte. Aber als ich z.B. auf einer Geburtstagsparty noch nicht tanzen mochte, bekam ich nur Vorwürfe deswegen und war die Spaßbremse. Da wendeten sie sich noch mehr ab... Ich wäre allerdings schon froh nur mal mit jemandem am We ins Kino gehen zu können! Ich würde nichtmal erwarten, dass sich jemand mein Gejammere anhört - nur eine Unternehmung, Gemeinsamkeit, nicht allein sein würde mich so erleichtern. Doch selbst dafür hatten meine "Freunde" seit dem Tod meines Vaters angäblich kein einziges Mal mehr Zeit... ganz plötzlich. Und irgendwann mag man ja auch nicht mehr nachhaken, denken man nervt eh nur und sich dadurch erniedrigen. Es ist auch doppelt schwer die Kraft dafür aufzubringen in all der Traurigkeit...
 
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Andersrum gefragt: Sollte oder darf es denn so weitergehen, muss das Gleichgewicht erhalten bleiben?

Beim Umzug helfen ist zwar nett, aber nicht Pflicht. Und Nettsein an sich ist auch nicht Pflicht. Andere Leute bezeichnen ihre Verwandtschaft 😎 als bucklich, was von einer besonderen Wertschätzung kündet.

Aber als ich z.B. auf einer Geburtstagsparty noch nicht tanzen mochte, bekam ich nur Vorwürfe deswegen [...] Ich wäre allerdings schon froh nur mal mit jemandem am We ins Kino gehen zu können!
*grübel* Trauern oder nicht, das ist die Frage. Natürlich trauert jeder anders, aber bist Du Dir sicher ob Du trauern willst?
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Kannja,

es ist eine fürchterliche Situation, in der du steckst. Der Tod deines Vaters ist ja noch nicht lange her und dein Bezugspunkt - dein Bruder - läßt dich momentan eiskalt im Stich. Wenn ich das richtig erinnere, erlebst du in / mit ihm dasselbe, das du bereits durch deine Eltern erlebt hast?

Es ließen sich nun eine Menge Gründe zusammenreimen, warum das so ist - beim Nachdenken fiel mir auf, daß sie alle darauf abzielen würden, Verständnis für das Verhalten deines Bruders zu entwickeln. Es würde dir im Moment nichts helfen, ich glaube eher: dir noch mehr schaden, weil du dann zusätzlich noch die Bürde des Verstehen-Müssens auf deinen Schultern hättest. Ich weiß, man möchte Schmerzen verstehen, weil man ihrer irgendwie Herr werden möchte und weil einfach Ertragen so unmöglich scheint, im wahrsten Sinn Ohnmacht bedeutet.

So ist das jetzt. Ich bin davon überzeugt, daß dein Bruder in irgend einem Winkel seines Fühlens das weiß, trotzdem läßt er dich allein. Das ist nun also deine Situation.

Ob du ihm nochmals vorsichtig und nachfragend schreibst oder anrufst, ob du ihm harte Vorhaltungen machst - glaubst du, daß du ihn damit erreichst? Wenn du etwas stabiler wärest, würde ich dir sofort dazu raten, ich fürchte aber, daß du im Moment nicht genug Kraft und Empörung aufbringen könntest, eine weitere - vielleicht harschere - Zurückweisung zu verkraften. Es geht jetzt darum, dich erstmal zu schützen und zu versuchen, dich wieder zu stärken.

Dein Bruder wird dir nicht mehr weglaufen, als er es schon getan hat. Du mußt dich nicht von ihm abwenden oder dich von ihm lossagen - kannst du gar nicht, er ist doch ein großer Teil deines Lebens, ein wichtiger Teil, nicht? Aber was du versuchen kannst, ist: ihn gedanklich "beiseite" tun. Das klingt vielleicht lieblos, meine ich aber nicht. Im Moment bedeutet dir sein Verhalten Schmerz, den du kaum ertragen kannst und der dich Kraft kostet, die du für dich dringend brauchst! Das heißt: schreib dir auf - vielleicht in einem Brief oder auf kleinen Zetteln oder im Computer - was du ihm sagen wollen würdest. Was er dir bedeutet, wie er dich verletzt, ob du wütend auf ihn bist und was du dir wünschst. Mach das mit aller Sorgfalt und allen Gefühlen für ihn. Und diesen Brief pack dann ganz bewußt an eine Stelle, wo du ihn gut aufgehoben weißt. Vielleicht in eine hübsche Kiste oder eine Geldkassette oder in einem Versteck, von dem du weißt, daß du nicht jeden Tag damit konfrontiert wirst - aber dann, wenn du wieder mehr Kraft hast, wirst du dir diesen Brief wieder hervorholen und wissen, ob du ihn abschicken oder in einer Therapie abarbeiten oder vielleicht sogar unter einer schönen Blütenstaude vergraben wirst, je nachdem, was dir dann weiterhilft.

Ich bin sehr froh zu lesen, daß du zu einer Psychologin gegangen bist und ich hoffe, daß sie dir eine Notfalladresse für Krisenintervention nennen kann für die Zeit, bis du einen festen Therapieplatz gefunden hast. Ich bin noch froher, daß du nicht zu Hause passiv sitzt und daß du nicht aufgibst. Du hast erstaunlich viel Kraft, Kannja!

Deine Erfahrungen, was den Rückzug deiner früheren Freunde angeht: auch das ist eine Erfahrung, die fast alle machen müssen, wenn sie verunglücken, wenn sie einen nahestehenden Menschen verloren haben und trauern oder wenn sie ernsthaft erkrankt sind. Das ist eine bittere Erfahrung. Es hilft dir nicht viel, wenn du weißt, daß die meisten Menschen nicht aus Bösartigkeit oder Gleichgültigkeit so handeln, sondern einfach, weil sie im Grunde ängstlich und unsicher sind und nicht wissen, wie sie reagieren sollen. Da ist Abwehr "leichter". Das hilft dir nicht weiter, richtig? Es könnte dir vielleicht aber den Anstoß geben, daß du dir unabhängig von den letzten Wochen überlegst, wer von diesen Menschen dir früher sympathisch und freundlich begegnet ist. Waren da welche dabei? Dein Bauchgefühl ist da vielleicht ein kluger Ratgeber: wenn dir ein oder zwei Menschen einfallen, dann sind das die, die du gezielt ansprechen kannst. Du könntest ihnen sagen, daß deine Trauer eine Weile dauern wird und du weißt, daß du momentan nicht die unbeschwerte Freundin sein kannst, die sie kennen. Daß du trotzdem froh bist, wenn du ab und zu mit ins Kino oder ins Café gehen kannst, statt alleine. Könntest du dir vorstellen, das zu versuchen? Vielleicht erstmal nur in Gedanken?

Was ist mit den beiden Freundinnen, die du im Zusammenhang mit deinem Umzug erwähnt hast. Konntest du sie um Rat fragen, ob sie vielleicht Ideen haben, wo du zwei, drei kräftige Jungs für den Umzug auftreiben könntest? Vielleicht hat hier von den Mitlesern eine kreative Idee, ob ein Aushang an der Uni "Suche Umzugshelfer / Biete Mettbrötchen" oder so Aussicht auf Erfolg hätte.

Was das Haus angeht: das stellen wir für's Erste beiseite, mehr als ein konkretes Problem kannst du nicht lösen, das schafft auch kein unbelasteter Mensch.
 

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