Hallo AnnaLu,
mein Vater ist auch an Krebs (Lungenkrebs) erkrankt, als ich noch in der Ausbildung war. Ich war damals 29, wohnte noch im Elternhaus und war mitten im 2. juristischen Staatsexamen, von dem meine gesamte berufliche Zukunft abhing. Man hatte uns von Anfang an gesagt, dass man ihn nicht würde retten können. Als ich 30 war, immer noch mitten im Examen, starb er. Hinzu kam, dass meine Mutter chronisch krank war und ich mir auch Sorgen gemacht habe, wie sie das Ganze verkraften würde (sie neigte, ähnlich wie deine Mutter, auch eher zum Verdrängen). Letztlich haben wir es aber verkraftet. Ich habe dennoch ein ordentliches Examen gemacht und auch eine ordentliche Stelle gefunden. Mein Vater wäre sehr stolz auf mich gewesen, das weiß ich. Und ich habe die Zeit seiner Krankheit genutzt, um häufiger und intensiver mit ihm zu reden als vorher. Teilweise ging die Initiative dazu auch von ihm aus. So konnten wir in einer guten Weise voneinander Abschied nehmen.
Menschen in der Umgebung helfen einem in solchen Situationen oft nicht. Sie ziehen sich zurück und meinen immer, nur SIE hätten es am schlimmsten. Viele ach so warmherzige Mütter verstecken sich dann gern hinter ihren Kindern. Kein wirkliches Zeichen von Stärke. Ich hatte auch eine Cousine, die nicht mal zur Beerdigung meines Vaters gekommen ist, weil sie ihr acht Monate altes Kind angeblich nicht mal für die paar Stunden von einer Nachbarin, Verwandten oder Freundin (hat sie alles an ihrem Wohnort) betreuen lassen konnte. Aber als ihre eigene Mutter dann viele Jahre später auch an Krebs erkrankte und sie im Endstadium erfuhr, dass die Mutter bald sterben würde, war sie (als 45-Jährige, mit Lebensgefährten, Sohn und weiteren Verwandten vor Ort im Rücken) gleich fix und fertig und ließ sich wochenlang krank schreiben nach dem Motto "Herr Doktor, ich kann nicht mehr." Ich dagegen musste immer "können", danach hat niemand gefragt. Einige Monate nach dem Tod unseres Vaters erzählte meine Mutter mal einer anderen Cousine, dass die Situation für mich auch besonders schwierig gewesen sei, weil ich ja mitten im Examen steckte. Die Reaktion der Cousine war, zu erzählen, sie hätte sich auch nur wundern können, dass ihr Sohn überhaupt das Abitur geschafft hätte, da sein Opa (ihr Schwiegervater) kurz vorher gestorben war, an dem er sehr gehangen hätte. Später meinte selbst meine (jüngere) Schwester, dass sie diese Bemerkung völlig "daneben" gefunden hätte, denn es ist wohl etwas anderes, ob der Vater stirbt oder der Großvater und man seine relativ jungen, gesunden Eltern noch hat. Außerdem liegen zwischen dem Abitur und einem juristischen Staatsexamen Welten, was die intellektuellen Anforderungen betrifft. Aber so sind die Menschen. Sie helfen einem nicht, leisten keinen Beistand, zeigen kein Einfühlungsvermögen, sondern wollen nur mit ihrem angeblich noch schwereren Schicksal auftrumpfen. Wenn sie sich nicht eh von vornherein zurückziehen und dich mit deinem Leid allein lassen. Halte dich von solchen Menschen in deiner jetzigen Situation fern!
Ich möchte dir empfehlen, in deiner Situation nicht auf Beistand von Verwandten oder "Freunden" zu hoffen, der dann doch nicht kommt, sondern eine Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen aufzusuchen, und dich dort begleiten zu lassen. Die Beratung ist kostenlos. Da kannst du dich aussprechen und auch mal weinen, wenn dir danach ist. Versuche auch, dich an den Gedanken zu gewöhnen, dass du deinen Vater nicht mehr allzu lange haben wirst. Das ist hart, aber besser, als sich Illusionen zu machen und dann hinterher um so schockierter zu sein. Versuche auch, die Zeit, die euch gemeinsam noch bleibt, so gut wie möglich zu nutzen. Und vernachlässige dein Studium nicht deswegen, das würde dein Vater sicher nicht wollen. Mein Vater sagte damals immer: "Deins geht vor" oder "Dein Leben geht ja weiter." Das hat sehr zu meiner Entlastung beigetragen.
Ich kenne mehrere andere Menschen, die auch ihren Vater in deinem Alter und in einer vergleichbaren Situation verloren haben. Ein Klassenkamerad von mir verlor bereits mit 18 Jahren seine Mutter, die damals erst 39 war und ebenfalls an Krebs starb. Kurz darauf hat er dennoch ein gutes Abitur gemacht. Du darfst dir nicht einreden und auch nicht von anderen einreden lassen, man könne mir solchen Belastungen das Studium nicht schaffen. Wenn du nicht daran zerbrechen willst, zerbrichst du auch nicht daran. Du wirst höchstens stärker dadurch werden. Meine Mutter hat bereits mit 10 Jahren ihre Mutter und mit knapp 12 Jahren ihren Vater verloren und hat ihr Leben trotzdem gemeistert. Letztes Jahr ist sie im Alter von 86 Jahren verstorben. Eltern wollen nicht, dass man über ihren Tod nicht hinweg kommt, sondern, dass man mit dem Leben fertig wird.
Ich habe durch den Tod meines Vaters vieles gelernt. Auch, was ich von bestimmten anderen Menschen zu halten habe.
Viel Kraft wünsche ich dir!