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Mein Vater ist schwerkrank

A

AnnaLu

Gast
Hallo zusammen,

seit ca. 2 Wochen weiß ich, dass mein Vater Magenkrebs hat. Die Chancen stehen nicht besonders gut. Ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich bin erst 23 und habe gerade mein Studium angefangen. Ich habe große Angst. Angst davor meinen Vater zu verlieren und damit nicht umgehen zu können. Zusätzlich zerrüttet die Situation die ganze Familie. Meine Mutter hat große Angst, allerdings muss man dazu sagen, dass meine Mutter nicht mit Trauer auf die Situation reagiert, sondern mit Stress und niemanden an sich ranlässt. Meine Schwester, die 13 Jahre älter ist, reagiert überhaupt nicht und blockt bei dem Thema komplett ab. Sie sagt sie habe genug Stress, da sie Mutter von 3 Kindern ist. Ihre Gleichgültigkeit verletzt mich zusätzlich. Ich fühle mich einfach so alleine mit meinen Gefühlen. Ich habe zwar Freunde, die mir helfen, aber ich spüre dass sie es überfordert und sie nicht so recht wissen, wie sie auf meine Trauer reagieren sollen. Ich will gerne stark sein und meinem Vater Mut machen, aber ich habe so große Angst ihn zu verlieren.
 
Hallo AnnaLu,
mein Vater ist auch ziemlich jung gestorben, da war
ich 13 und mein jüngster Bruder war noch gar nicht
geboren (er kam einen Monat nach dem Tod seines
Vaters auf die Welt). Ich kann also ein bisschen nach-
empfinden, wovor du Angst hast.
Ich denke, es ist okay, wenn du deine Gefühle zeigst
und auch einmal deine Angst zu Ende denkst - also
den "schlimmsten Fall" nicht verdrängst, sondern dich
auf ihn vorbereitest, auch wenn es noch Hoffnung auf
Heilung gibt. Denn letztlich muss halt jeder Mensch
sterben und es ist sinnvoll, sich mit dem Tod anzu-
freunden und ihn als Teil des Lebens zu akzeptieren.
Dann kannst du vielleicht auch die verbleibende Zeit
mit deinem Vater wertschätzen und für ihn da sein,
wenn er das möchte und braucht. Und gleichzeitig
dich bereit machen zum Loslassen, falls es soweit
kommen sollte, dass das notwendig wird.

Alles Gute, dir und deinem Vater!
Werner
 
Hallo AnnaLu!

An dem Verhalten Deiner Schwester und Mutter wirst Du nichts ändern können. Als Gesprächspartner scheinen sie auch auszufallen. Sie scheinen eher abzublocken. Sie können wohl anders (offener) mit dieser Situation umgehen. Ich finde es gut, dass Sie sich der Situation nicht verschließen und dass Sie auch die Möglichkeit des Todes nicht außer acht lassen.

Ich finde es gut, wenn Sie den Kontakt zu Ihrem Vater aufrecht erhalten und offen mit der Situation umgehen. Falls Ihr Vater sterben sollte, kann es wichtig sein, dass Sie diese jetzige Zeit mit Ihrem Vater so gut wie möglich genutzt haben. Andernfalls könnten Sie sich vielleicht später Vorwürfe machen.

Sie brauchen einen oder mehrere gute Gesprächspartner. Diese müßte man eigentlich finden können. Vielleicht gibt es Selbsthilfegruppen. Auch ein Krankenhaus verfügt vielleicht über Tipps oder Anlaufstellen. Im Internet findet man bestimmt auch viele Infos dazu.

Nutzen Sie die Zeit! Und denken Sie auch an Sich! Ich wünsche Ihnen, dass Sie einigermaßen gut durch diese Zeit kommen und dass es Ihr Vater nach Möglichkeit doch noch schafft.
 
Hallo AnnaLu,

mein Vater ist auch an Krebs (Lungenkrebs) erkrankt, als ich noch in der Ausbildung war. Ich war damals 29, wohnte noch im Elternhaus und war mitten im 2. juristischen Staatsexamen, von dem meine gesamte berufliche Zukunft abhing. Man hatte uns von Anfang an gesagt, dass man ihn nicht würde retten können. Als ich 30 war, immer noch mitten im Examen, starb er. Hinzu kam, dass meine Mutter chronisch krank war und ich mir auch Sorgen gemacht habe, wie sie das Ganze verkraften würde (sie neigte, ähnlich wie deine Mutter, auch eher zum Verdrängen). Letztlich haben wir es aber verkraftet. Ich habe dennoch ein ordentliches Examen gemacht und auch eine ordentliche Stelle gefunden. Mein Vater wäre sehr stolz auf mich gewesen, das weiß ich. Und ich habe die Zeit seiner Krankheit genutzt, um häufiger und intensiver mit ihm zu reden als vorher. Teilweise ging die Initiative dazu auch von ihm aus. So konnten wir in einer guten Weise voneinander Abschied nehmen.

Menschen in der Umgebung helfen einem in solchen Situationen oft nicht. Sie ziehen sich zurück und meinen immer, nur SIE hätten es am schlimmsten. Viele ach so warmherzige Mütter verstecken sich dann gern hinter ihren Kindern. Kein wirkliches Zeichen von Stärke. Ich hatte auch eine Cousine, die nicht mal zur Beerdigung meines Vaters gekommen ist, weil sie ihr acht Monate altes Kind angeblich nicht mal für die paar Stunden von einer Nachbarin, Verwandten oder Freundin (hat sie alles an ihrem Wohnort) betreuen lassen konnte. Aber als ihre eigene Mutter dann viele Jahre später auch an Krebs erkrankte und sie im Endstadium erfuhr, dass die Mutter bald sterben würde, war sie (als 45-Jährige, mit Lebensgefährten, Sohn und weiteren Verwandten vor Ort im Rücken) gleich fix und fertig und ließ sich wochenlang krank schreiben nach dem Motto "Herr Doktor, ich kann nicht mehr." Ich dagegen musste immer "können", danach hat niemand gefragt. Einige Monate nach dem Tod unseres Vaters erzählte meine Mutter mal einer anderen Cousine, dass die Situation für mich auch besonders schwierig gewesen sei, weil ich ja mitten im Examen steckte. Die Reaktion der Cousine war, zu erzählen, sie hätte sich auch nur wundern können, dass ihr Sohn überhaupt das Abitur geschafft hätte, da sein Opa (ihr Schwiegervater) kurz vorher gestorben war, an dem er sehr gehangen hätte. Später meinte selbst meine (jüngere) Schwester, dass sie diese Bemerkung völlig "daneben" gefunden hätte, denn es ist wohl etwas anderes, ob der Vater stirbt oder der Großvater und man seine relativ jungen, gesunden Eltern noch hat. Außerdem liegen zwischen dem Abitur und einem juristischen Staatsexamen Welten, was die intellektuellen Anforderungen betrifft. Aber so sind die Menschen. Sie helfen einem nicht, leisten keinen Beistand, zeigen kein Einfühlungsvermögen, sondern wollen nur mit ihrem angeblich noch schwereren Schicksal auftrumpfen. Wenn sie sich nicht eh von vornherein zurückziehen und dich mit deinem Leid allein lassen. Halte dich von solchen Menschen in deiner jetzigen Situation fern!

Ich möchte dir empfehlen, in deiner Situation nicht auf Beistand von Verwandten oder "Freunden" zu hoffen, der dann doch nicht kommt, sondern eine Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen aufzusuchen, und dich dort begleiten zu lassen. Die Beratung ist kostenlos. Da kannst du dich aussprechen und auch mal weinen, wenn dir danach ist. Versuche auch, dich an den Gedanken zu gewöhnen, dass du deinen Vater nicht mehr allzu lange haben wirst. Das ist hart, aber besser, als sich Illusionen zu machen und dann hinterher um so schockierter zu sein. Versuche auch, die Zeit, die euch gemeinsam noch bleibt, so gut wie möglich zu nutzen. Und vernachlässige dein Studium nicht deswegen, das würde dein Vater sicher nicht wollen. Mein Vater sagte damals immer: "Deins geht vor" oder "Dein Leben geht ja weiter." Das hat sehr zu meiner Entlastung beigetragen.

Ich kenne mehrere andere Menschen, die auch ihren Vater in deinem Alter und in einer vergleichbaren Situation verloren haben. Ein Klassenkamerad von mir verlor bereits mit 18 Jahren seine Mutter, die damals erst 39 war und ebenfalls an Krebs starb. Kurz darauf hat er dennoch ein gutes Abitur gemacht. Du darfst dir nicht einreden und auch nicht von anderen einreden lassen, man könne mir solchen Belastungen das Studium nicht schaffen. Wenn du nicht daran zerbrechen willst, zerbrichst du auch nicht daran. Du wirst höchstens stärker dadurch werden. Meine Mutter hat bereits mit 10 Jahren ihre Mutter und mit knapp 12 Jahren ihren Vater verloren und hat ihr Leben trotzdem gemeistert. Letztes Jahr ist sie im Alter von 86 Jahren verstorben. Eltern wollen nicht, dass man über ihren Tod nicht hinweg kommt, sondern, dass man mit dem Leben fertig wird.

Ich habe durch den Tod meines Vaters vieles gelernt. Auch, was ich von bestimmten anderen Menschen zu halten habe.

Viel Kraft wünsche ich dir!
 
Hallo AnnaLu,

Menschen gehen mit Trauer sehr verschieden um. Die Einen verdrängen, die Anderen setzen sich auseinander... was auch immer. Jeder macht eher nur das, wie er/sie das verkraften kann. Das ist ganz individuell. Die Einen stürzen sich in Arbeit, die Anderen blenden alles aus, die wieder Einen trauern und können es kaum fassen.

Alles davon ist in Wirklichkeit Trauer. Und der Versuch den Verlust irgendwie zu bewältigen.

Viele Familien zerbrechen über so eine Trauer, weil jeder denkt, die 'eigene Art' zu trauern, wäre die einzig Richtige.

Steh deinem Vater so gut du kannst bei. Versuche, die Angehörigen nicht für ihr Verhalten zu verurteilen.

In so Momenten ist es egal, wer recht oder unrecht hat. So grausam ist das Leben manchmal.

Und dir ganz viel Kraft 🙂

Lieben Gruß
Fragende
 
Ich möchte mich dem Gastbeitrag anschließen. Such dir professionelle Hilfe. Die meisten Menschen sind sich selbst der Nächste und möchten mit dem Leid anderer nicht konfrontiert werden, solange es ihnen selbst gut geht. Wenn es sich um Freunde oder entferntere Verwandte handelt, ist das auch keine eigene Art zu trauern, sondern pure Gleichgültigkeit. Und auch Leute mit eigener Familie trauern vielfach um ihre Eltern nicht mehr so intensiv bzw. machen sich nicht so große Sorgen und Ängste um einen schwerkranken Elternteil, wie jemand, der noch jung ist und/oder weder Partner noch Kinder, noch allzu viele Freunde hat.
 
Alles davon ist in Wirklichkeit Trauer. Und der Versuch den Verlust irgendwie zu bewältigen.

Versuche, die Angehörigen nicht für ihr Verhalten zu verurteilen.
Sehe ich anders. Die meisten Menschen trauern und trösten andere nur dann, wenn ein Verlust sie auch persönlich irgendwie betrifft. Als mein Vater an Lungenkrebs starb und ich in dieser Phase Examen machen musste (einen Freund hatte ich zu der Zeit auch nicht), war das in den Augen einer entfernteren Verwandten (Nichte meiner Eltern) nichts, gar nicht der Rede wert. Als dann aber Jahre später der Vater ihrer Schwiegertochter nach monatelangem Wachkoma starb , rief dieselbe Verwandte meine Mutter an, um wehzuklagen, obwohl meine Mutter den Mann gar nicht kannte und daher auch nicht so mittrauern konnte wie bei einem ihr persönlich bekannten Menschen. Weil meine Mutter die Nachricht gefasst und eher sachlich zur Kenntnis nahm und dieser Verwandten nicht bestätigte, dass der Tod des Vaters der Schwiegertochter der schlimmste Schicksalsschlag ist, der einen treffen kann, wurde das Verhältnis in der Folgezeit etwas kühler. Manche Leute meinen eben, nur ihre eigenen Schicksalssschläge seien schlimm.

Wer abblockt, wenn eine junge Frau, die gerade ihr Studium aufgenommen hat, sich Sorgen um den schwerkranken - vielleicht todkranken - Vater macht, der macht es sich zu leicht.
 

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