Lieber Bayer93...
hmm. Also erst mal vorweg, wegen deinem Nicknamen.
Ich bin auch aus Bayern und falls '93 dein Geburtsjahr ist, auch nur wenig jünger als du.
Vielleicht hast du mal Lust zu schreiben. 🙂
Mir ging es in meinem Leben mit Trauerfällen bisher ganz ähnlich wie dir.
Es ist so... ich bin in einer sehr komplizierten Familie aufgewachsen, meine Eltern hatten einen Freund, der etwas älter als sie war, als Untermieter.
Er war für mich so eine Mischung aus Onkel/Kumpel/Papa. In ganz vielen Situationen eigentlich Papa, weil mein leiblicher Vater ein sehr sehr distanzierter Mensch ist, der morgens um 7 in der Arbeit verschwindet und nachts zwischen 8 und 10 heimkommt, oft auch Samstags.
Für Familienleben und Bindung bleibt da kaum Zeit... naja.
Jedenfalls ist dieser Mann, mein "Ersatzpapa" an Krebs erkrankt, als ich 15 war.
Als ich 16 war ist er gestorben.
Es war keine Überraschung wie bei dir. Trotzdem habe ich das damals total verdrängt.
Erst als er im Krankenhaus lag und alle wussten, er hat jetzt nur noch wenige Tage oder Wochen, hatte ich mal kurz einen Nervenzusammenbruch.
Der dauerte vielleicht 5 Minuten.
Danach, als er tot war... nichts. Ganz ganz lange.
Ich glaube es hat bei mir fast ein Jahr gedauert, bis ich mal weinen konnte.
Heute glaub ich, dass ich entweder unter Schock stand oder mich die Situation überfordert hat.
Oder vielleicht bin ich auch einfach so.
Als ich 18 war starb einer meiner besten Freunde.
Letztes Jahr beging ein anderer sehr guter Freund Selbstmord, aus Liebeskummer.
Ich konnte wieder nicht weinen, hatte auch ehrlich gesagt nicht mal so arge Trauergefühle oder Mitteilungsbedarf.
Klingt jetzt vielleicht erst mal komisch und es ist für mich auch nicht leicht das offen zuzugeben.
Aber die sind halt jetzt einfach tot. Da kann ich nichts ändern, das ist halt so.
Ich meine...
Klar häng ich an diesen Leuten. Klar habe ich sie geliebt und klar tut der Verlust ordentlich weh.
(Vielleicht sind das auch Trauergefühle?)
Ich habe mich da sehr lange selbst nicht verstanden, habe mich geschämt, gewundert, gefragt ob ich gefühlskalt bin.
-- Bin ich nicht.
Ich bin traurig, wenn jemand stirbt. Sehr sogar.
Am Anfang aber, löst die Nachricht bei mir halt mehr so eine Art Leere aus.
Wahrscheinlich muss einem das erst mal bewusst werden.
Ich kannte diese beiden Jungen z.B. seit dem Kindergarten bzw einen seit meiner Geburt.
Das ist lange. Das ist etwas intensives, eine starke Freundschaft.
Das kann niemand ersetzen.
Und natürlich entsteht dadurch eine Lücke, die niemand füllen kann.
Es wäre auch ein bisschen seltsam, das zu versuchen.
"Einen Menschen ersetzen" - das geht nicht.
Und das so jemand plötzlich weg ist? Wie soll man mit so einer Nachricht denn auch spontan umgehen?
Sowas "plant" man ja nicht einfach so ein. Man verlässt sich in gewisser Weise auf's Leben, dass es weitergeht.
Und wenn es das mal nicht tut, dann steht man erst mal da und weder das Bewusstsein, noch das Unterbewusstsein, noch die Emotionen oder Instinkte wissen, wie man jetzt reagieren soll.
Aber der Tod ist etwas natürliches, das im Leben allgegenwärtig ist.
Etwas unvermeidbares.
Gemäß unserer Gesellschaft sammelt man sich aber halt dann nach dieser unerwarteten Begebenheit erst mal und tut die ganzen formellen Sachen.
Oder, je nachdem, wann die Realisation kommt, bricht man auch zusammen.
Mir ist so eine langsame, schleichende Realisierung aber ehrlich gesagt lieber.
Wenn das Unterbewusstsein es schon einige Zeit mitbekommen hat, dann hat es auch die emotionale Belastung, die so ein Fall auslöst besser unter Kontrolle, wenn die Botschaft dann auch mal ins Bewusstsein durchdringt.
Du siehst, ich hab mich mit der Frage schon etwas intensiver befasst.
Ich habe mich sehr lange gewundert, warum ich nicht so intenstiv trauere.
Bzw. eigentlich schon intensiv. Nur halt nicht so "extrovertiert".
Gibts ja auch im Alltag.
Die extrovertierten Menschen, die die ganze Zeit reden können, das Bedürfnis nach Kommunikation und vielen Bekanntschaften haben und immer nen guten Spruch parat haben.
Und die introvertierten, die eher zurückgezogen sind, einen kleinen Bekanntenkreis bevorzugen und eher ruhig oder gar schweigsam, oft auch schüchtern sind.
Ich trauere also irgendwie einfach nur nicht "so laut" und "nach außen".
Sondern halt mehr nach innen. Das geht denke ich auch.
Man muss nicht immer mit anderen reden und alles laut rausplärren, damit es gut wird.
Es gibt auch Leute, denen geht es besser, wenn sie in sich gehen und Dinge mit sich selbst ausmachen.
Das kann auch nur rein auf die Trauer bezogen sein, da das ja eine Art Ausnahmezustand ist.
Irgendwann habe ich einfach für mich akzeptiert, dass ich einfach so bin, dass ich mich lieber still an diese wunderbaren Leute erinnere und manchmal, aber sehr selten und meistens erst nach Monaten oder sogar über einem Jahr, auch mal ein paar leise Tränen vergieße, wenn ich dann doch mal mit sehr engen gemeinsamen Freunden über sehr erinnerungswürdige Momente rede.
Aber dann ist es mir doch auch lieber, diese Tränen wieder wegzuwischen und im nächsten Augenblick über eine schöne oder lustige Erinnerung zu lächeln oder lachen.
Weil das diesen Leuten doch viel mehr gerecht wird, als unendliche Trauer und Depression.
Auch wenn diese zwei Dinge natürlich auch sehr menschlich und verständlich sind.
Ich bin auf Beerdigungen und vorher und nachher halt einfach mehr die Person, die Taschentücher reicht, Hände hält und Leute in den Arm nimmt, statt das alles selbst zu brauchen.
Muss ja auch jemand machen.
Lass dich auf jeden Fall nicht zum reden drängen, wenn du nicht willst oder dazu Dinge zu fühlen, die du nicht empfindest.
Nimm dir vielleicht lieber eine oder ein paar Stunden (ohne Ablenkung) für dich selbst Zeit, um in dich zu gehen und einfach mal darüber nachzudenken, was das jetzt in dir ausgelöst hat.
Vielleicht schreibst du einfach mal deine Gedanken und Gefühle zur Situation oder zu deiner Mutter nieder.
Ob das dann 10 Seiten begleitet von befreiendem Geheule werden oder 3-4 kurze Sätze, die erklären, dass und warum dir stilles Trauern einfach besser liegt, ist im Endeffekt egal.
Aber es kann eben helfen, sich zu öffnen.
Oder zumindest dabei, dass man dann eine schlüssige Erklärung parat hat, damit die Verwandschaft Ruhe gibt. 😉
Vielleicht kommt auch ein schönes Gedicht dabei raus oder ein Brief, in dem du deiner Mutter "Auf Wiedersehen" sagst. Was immer dir in den Sinn kommt. Es gibt da viele Möglichkeiten.
Fühl dich auch alle Fälle von mir gedrückt, lieber (mit)Bayer, egal ob die großen Gefühle irgendwann noch kommen oder nicht.
Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen helfen oder Klarheit verschaffen.
Deine unwichtig/whatever :blume: