Waldluft
Mitglied
Hallo ihr Lieben,
eigentlich spiele ich schon seit langem einen Gedanken, einen Thread zu eröffnen. Aber bislang habe ich mich irgendwie nie getraut.
Heute ist aber irgendwie so ein Tag, an dem ich mich total komisch fühle, nicht anfangen kann, für eine Prüfung zu lernen, obwohl ich müsste, und meine Gedanken schwirren nur so hin und her.
Ich bin 21 Jahre alt, studiere, wohne noch zuhause bei meiner alleinerziehenden Mutter und meiner 18-jährigen Schwester.
Die Probleme mit meiner Schwester begannen schleichend, vor einigen Jahren. Sie zog sich mehr und mehr zurück, klagte über ständige Kopfschmerzen, war aber nicht wirklich bereit, zu Ärzten zu gehen bzw. deren Tipps umzusetzen. Am Wochenende ging sie oft weg, eine Zeit lang konsumierte sie dabei auch manchmal recht viel Alkohol, was aber nur eine Art Phase gewesen sein dürfte. Freunde hatte sie eigentlich immer.
Leider fing sie in dieser Zeit, als sie so 15 Jahre alt gewesen sein muss, auch an, sich selbst mit einer Rasierklinge zu ritzen.
Uns gegenüber war sie sehr oft launisch und zickig, das Auskommen mit ihr war für mich nicht gerade einfach, aber irgendwie ging es immer.
Irgendwann fing sie auch eine Therapie an und bekam Medikamente verschrieben.
Letztes Jahr war ich zu Beginn des Frühjahrs einige Wochen ziemlich krank und musste mich einer OP unterziehen. Endlich ging es mir besser und ich konnte auch vom Krankenhaus wieder nach Hause. In meiner ersten Nacht daheim übergab meine Schwester sich mehrmals in ihrem Zimmer und behauptete, etwas Schlechtes gegessen zu haben. Erst nach und nach gab sie dann zu, Tabletten geschluckt zu haben, und zwar ziemlich viele (ich denke, es waren 2 Packungen oder so). Die Dosis war zwar nicht tödlich, aber trotzdem konnten meine Mutter und ich ja nicht tatenlos dastehen, also alarmierten wir gegen den Willen meiner Schwester den Notarzt und sie wurde in ein Krankenhaus auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie gebracht. Sie war sehr sauer, insbesondere auf mich, weil ich den Notruf gewählt hatte, kam dann wieder heim, irgendwie ging es nach einer Zeit auch wieder.
Sie hatte dann noch Nachtermine im Krankenhaus bei einer Psychiaterin oder Psychotherapeutin - vieles weiß ich nicht so genau, da sie meist wenig davon erzählt -, begann schließlich auch eine Gesprächstherapie. Diagnostiziert hat man bei ihr damals Depressionen.
Zwischendurch hatte sie immer mal Phasen, in denen es ihr besser ging, aber es gab dann eben auch die ganz, ganz schlechten Phasen. Da begleitete ich sie z.B. einmal in ein Krisenzentrum, als es ihr akut sehr schlecht ging. Sie bekam dort Unterstützung und auch Medis verschrieben.
Meine Schwester hat Medikamente, die ihr verschrieben wurden, leider nie länger genommen. Sie setzte sie immer nach kurzer Zeit selbstständig wieder ab, obwohl ja gerade Antidepressiva brauchen, bis sie zu wirken beginnen...
Es war irgendwie immer ein Auf und Ab. Aber in den letzten Monaten ist bei ihr alles wirklich ganz übel geworden. Sie schluckte zum Beispiel wieder Tabletten. Wir fuhren zweimal mitten in der Nacht mit ihr im Taxi in die Psychiatrie. Beim ersten Mal schickte die Ärztin sie wieder heim und meinte, sie solle am nächsten Tag wiederkommen, obwohl sie sich sehr heftig in der Nähe der Pulsadern geschnitten hatte. Meine Schwester ging am nächsten Tag nicht mehr zu der Ärztin, was ich vorausgesehen hatte. Sie hat diese ganz kurzen Zeitfenster, in denen sie bereit ist, Hilfe anzunehmen, aber schon wenige Stunden später will sie davon nichts mehr wissen 🙁
Beim zweiten Mal nahm man sie stationär auf, aber schon nach kurzer Zeit haute sie ab. Die Ärztin rief uns dann an und meinte, sie sei weg. Meine Schwester kehrte dann nach Hause zurück. Später erzählte sie, die Psychiatrie habe ihr Angst gemacht und die Leute dort hätten alle zugedröhnt von Medis gewirkt.
Die Ferien - bei uns 9 Wochen -waren mit ihr besonders schlimm. Stundenlange Heulkrämpfe sind fast an der Tagesordnung. Sie sitzt in ihrem Zimmer und weint lautstark. In diesen Situationen mit ihr zu sprechen, endet leider immer nur in Tränen und Wutausbrüchen. Niemand würde ihr helfen, ihr gehe es so S****, sie würde lieber sterben und wolle nicht mehr leben etc. Wenn man das aber über Wochen und Monate immer wieder hört, hat man keine Kraft mehr, der Person immer noch zuzureden,wisst ihr, was ich meine? Freundliche Annäherungen an sie enden fast immer damit, dass ich wüst beschimpft werde, ich solle abhauen, mich nciht als Psychiater aufspielen usw. Teilweise sind ihre Worte wirklich sehr verletzend.
Hinzu kamen bei ihr jetzt einige Misserfolge. Sie wollte eine eigene kleine Wohnung ein paar Stunden Fahrt von uns entfernt, eine Zeit lang schien ihr die Aussicht auf den Umzug wirklich gutzutun. Aber kaum in der neuen Wohnung angekommen, meinte sie, alleine halte sie es nicht aus. Meine Mutter vereinbarte mit ihr, dass sie zurückkommen, es aber so nicht weitergehen kann. Und traf diverse Abmachungen, an die meine Schwester sich aber psychisch bedingt wohl nicht halten kann.
Leider hat meine Schwester die Schule abgebrochen. Sie hätte aufgrund einer negativen Nachprüfung Anfang Herbst die Klasse wiederholen müssen, was wohl das Klügste gewesen wäre, denn während des Schuljahres geht es ihr immer besser als in den Ferien. Sie wollte die Klasse aber keinesfalls wiederholen. Derzeit ist sie als arbeitslos gemeldet, weint sehr viel, ist mürrisch und pampig und gibt einem permanent das Gefühl, für ihr Elend verantwortlich zu sein. Zwischendurch hat sie immer wieder mal gute Tage, dann ist es, als spräche man mit einem anderen Menschen, der vernünftige Zukunfstspläne macht, sehr reflektiert denkt, sehr intelligent ist. Abgesehen von diesem einem schlechtem Schulfach war sie auch eine gute bis sehr gute Schülerin. Aber meist ist das Zusammenleben mit ihr eine Katastrophe.
Ich verstehe natürlich, wie schwierig ihre Situation ist. Aber die Sache ist die, sie lässt sich nicht wirklich helfen 🙁 Schlägt man behutsam eine Therapie vor oder so etwas wie Betreutes Wohnen, wird sofort abgeblockt oder man wird beschimpft. Kommt man mit Stellenanzeigen oder ähnlichem, ist sie nie zufrieden mit den Angeboten. Ehrenamtlich engagieren will sie sich auch nicht, im Haushalt rührt sie kaum einen Finger, obwohl sie dann auch eine Aufgabe hätte, auch Besorgungen, Spaziergänge mit dem Hund etc. sind fast immer mein Job.
Ich merke einfach, dass es für mich gerade eine permanente Belastung darstellt, mit ihr zusammenzuleben. Meine Mutter arbeitet den ganzen Tag und ist auch schon oft dem Nervenzusammenbruch nahe, wenn meine Schwester das ganze Wochenende über lautstark weint, aber keinerlei Gesprächsbereitschaft zeigt. In den Ferien ging es ja irgndwie, aber bei mir geht nächste/übernächste Woche die Uni wieder los und ich weiß teilweise einfach nicht, wie ich es schaffen soll, mich auf Vorlesungen, Prüfungstermine, Kurse zu konzentrieren bei der derzeitigen Situation daheim. Außerdem kann ich nicht mal wirklich jemanden zu mir einladen, da ich nie weiß, wie meine Schwester sich dann "benimmt". Meine Mutter und ich fühlen uns zuhause eigentlich nur noch angespannt 🙁 Ich habe zum Glück mehrere Leute zum Reden, darunter auch Menschen, die beruflich mit psychisch Kranken zu tun haben, und eine dieser Frauen sagte zu mir schon des Öfteren mal, man müsse meiner Schwester trotz ihrer Symptomatik auch öfter Grenzen aufzeigen. Ich finde das ja auch irgendwie, da sie mit sehr vielem durchkam bislang. Allein ihr Umgangston uns gegenüber kann doch eigentlich nicht sein, oder dass man ständig stundenlanges Weinen aushalten muss, welches durch die ganze Wohnung hallt. Ich meine, ich muss eben auch mal lernen oder möchte jemanden zu mir einladen.
Meine Mutter findet auch, ewig könne es nicht mehr so weitergehen, wenn es weiter so läuft, müsse meine Schwester irgendwann ausziehen. Einerseits wäre das für uns eine riesige Erleichterung, andererseits natürlich schelcht, wenn es meiner Schwester dann immer noch so schlecht geht. Es ist so schwierig, da man sich einerseits nach Alltag und Ruhe sehnt, andererseits aber auch den Menschen "hinter der Krankheit" liebt.
Wie genau es zu den Problemen meiner Sis kam, ist schwer zu sagen. Wir hatten sicher keine perfekte, aber auch keine "schlimme" Kindheit. Wir waren als Kinder beide sehr schüchtern, ich hatte immer schon einen Hang zur Melancholie und früher auch eine depressive Verstimmung, wobei es mir recht schnell wieder besserging, obwohl ich 2 Therapien abbrach. Aber ich habe irgendwie einen Weg für mich gefunden, durch meinen Hund bin ich z.B. viel draußen unterwegs und ich habe auch sehr gute Freunde, mit denen ehrlich Gespräche möglich sind. Das alles hat mir irgendwie geholfen.
Verhältnis zu den Großeltern mütterlicherseits ist sehr eng, sie wohnen in derselben Stadt und sind auch Ansprechpersonen. Bieten viel praktische Unterstützung an, wir können auch jederzeit zu ihnen kommen. Nur mit psychischen Erkrankungen kennen sie sich altersbedingt weniger gut aus.
Verhältnis zu meiner Mutter ist grundsätzlich sehr gut, klar gibt's mal Reibereien, aber nichts Tragisches, sie ist auch ein sehr lieber Mensch. Und noch recht jung, falls das eine Rolle spielt.
Mein Vater hat sich nie für uns interessiert, Scheidung, als ich noch Volksschülerin war. Ich denke, meine Sis leidet darunter, keinen richtigen Vater gehabt zu haben. Sie hatte halt den Opa, der toll ist, aber anscheinend nimmt sie dieses "Abgelehnt-werden" vom eigenen Vater viel stärker war als ich. Bei dem Mann ist halt Hopfen und Malz verloren, der wird sich leider niemals ändern, das ist etwas, womit man einfach leben muss in dem Fall.
Er war ziemlich jähzornig, suchte die Schuld immer bei anderen. Meine Mutter vermutet heute, er könne ebenfalls psychische Probleme gehabt haben, sodass eine erbliche Komponente nicht ausgeschlossen ist. Aber mein Vater stammt aus einem völlig anderen Kulturkreis und hätte nie darüber gesprochen, dass er sich z.B. depressiv fühlt...
Ach ja, eine On-Off-Beziehung hat meine Schwester schon länger, wobei ihr Freund (er arbeitet) ein sehr lieber und umgänglicher Mensch ist. Und meist sie diejenige, die sich trennt, es aber ohne ihn noch schlechter aushält. Sie verehrt ihn in einem Moment, im nächsten will sie "nichts mehr von ihm wissen". Er ist eigentlich vernünftig, kommt aber auch nie ganz von ihr los. Er hat ihr auch schon oft zugeredet, sich wirklich Hilfe zu suchen etc., aber mit mäßigem Erfolg. Dass er weit weg wohnt, ist für meine Schwester auch ein großes Problem.
Der Verdacht auf Borderline wurde übrigens schon öfters geäußert. Ich glaube, eine offizielle Diagnose steht aber wohl noch aus.
Heute weint sie wieder einmal den ganzen Tag und ja, es ist belastend 🙁 Und ich gestehe, oft fühle ich nur noch Wut und wünschte mir, sie würde nicht mehr hier wohnen. Weil ich es einfach nicht mehr ertragen kann. Und ja auch nicht immer den ganzen Tag draußen rumlaufen kann. Manchmal spiele ich sogar mit dem Gedanken, das Studium abzubrechen, damit ich schnellstmöglich mein eigenes Geld habe und ausziehen kann, aber in Wahrheit ist das ja auch nicht das, was ich möchte.
Ich weiß, wirkliche Tipps könnt ihr mir nicht geben, ich wollte es mir aber mal auch hier von der Seele schreiben. Vielleicht hat jemand ja Ähnliches erlebt und würde sich gerne austauschen.
eigentlich spiele ich schon seit langem einen Gedanken, einen Thread zu eröffnen. Aber bislang habe ich mich irgendwie nie getraut.
Heute ist aber irgendwie so ein Tag, an dem ich mich total komisch fühle, nicht anfangen kann, für eine Prüfung zu lernen, obwohl ich müsste, und meine Gedanken schwirren nur so hin und her.
Ich bin 21 Jahre alt, studiere, wohne noch zuhause bei meiner alleinerziehenden Mutter und meiner 18-jährigen Schwester.
Die Probleme mit meiner Schwester begannen schleichend, vor einigen Jahren. Sie zog sich mehr und mehr zurück, klagte über ständige Kopfschmerzen, war aber nicht wirklich bereit, zu Ärzten zu gehen bzw. deren Tipps umzusetzen. Am Wochenende ging sie oft weg, eine Zeit lang konsumierte sie dabei auch manchmal recht viel Alkohol, was aber nur eine Art Phase gewesen sein dürfte. Freunde hatte sie eigentlich immer.
Leider fing sie in dieser Zeit, als sie so 15 Jahre alt gewesen sein muss, auch an, sich selbst mit einer Rasierklinge zu ritzen.
Uns gegenüber war sie sehr oft launisch und zickig, das Auskommen mit ihr war für mich nicht gerade einfach, aber irgendwie ging es immer.
Irgendwann fing sie auch eine Therapie an und bekam Medikamente verschrieben.
Letztes Jahr war ich zu Beginn des Frühjahrs einige Wochen ziemlich krank und musste mich einer OP unterziehen. Endlich ging es mir besser und ich konnte auch vom Krankenhaus wieder nach Hause. In meiner ersten Nacht daheim übergab meine Schwester sich mehrmals in ihrem Zimmer und behauptete, etwas Schlechtes gegessen zu haben. Erst nach und nach gab sie dann zu, Tabletten geschluckt zu haben, und zwar ziemlich viele (ich denke, es waren 2 Packungen oder so). Die Dosis war zwar nicht tödlich, aber trotzdem konnten meine Mutter und ich ja nicht tatenlos dastehen, also alarmierten wir gegen den Willen meiner Schwester den Notarzt und sie wurde in ein Krankenhaus auf die Kinder- und Jugendpsychiatrie gebracht. Sie war sehr sauer, insbesondere auf mich, weil ich den Notruf gewählt hatte, kam dann wieder heim, irgendwie ging es nach einer Zeit auch wieder.
Sie hatte dann noch Nachtermine im Krankenhaus bei einer Psychiaterin oder Psychotherapeutin - vieles weiß ich nicht so genau, da sie meist wenig davon erzählt -, begann schließlich auch eine Gesprächstherapie. Diagnostiziert hat man bei ihr damals Depressionen.
Zwischendurch hatte sie immer mal Phasen, in denen es ihr besser ging, aber es gab dann eben auch die ganz, ganz schlechten Phasen. Da begleitete ich sie z.B. einmal in ein Krisenzentrum, als es ihr akut sehr schlecht ging. Sie bekam dort Unterstützung und auch Medis verschrieben.
Meine Schwester hat Medikamente, die ihr verschrieben wurden, leider nie länger genommen. Sie setzte sie immer nach kurzer Zeit selbstständig wieder ab, obwohl ja gerade Antidepressiva brauchen, bis sie zu wirken beginnen...
Es war irgendwie immer ein Auf und Ab. Aber in den letzten Monaten ist bei ihr alles wirklich ganz übel geworden. Sie schluckte zum Beispiel wieder Tabletten. Wir fuhren zweimal mitten in der Nacht mit ihr im Taxi in die Psychiatrie. Beim ersten Mal schickte die Ärztin sie wieder heim und meinte, sie solle am nächsten Tag wiederkommen, obwohl sie sich sehr heftig in der Nähe der Pulsadern geschnitten hatte. Meine Schwester ging am nächsten Tag nicht mehr zu der Ärztin, was ich vorausgesehen hatte. Sie hat diese ganz kurzen Zeitfenster, in denen sie bereit ist, Hilfe anzunehmen, aber schon wenige Stunden später will sie davon nichts mehr wissen 🙁
Beim zweiten Mal nahm man sie stationär auf, aber schon nach kurzer Zeit haute sie ab. Die Ärztin rief uns dann an und meinte, sie sei weg. Meine Schwester kehrte dann nach Hause zurück. Später erzählte sie, die Psychiatrie habe ihr Angst gemacht und die Leute dort hätten alle zugedröhnt von Medis gewirkt.
Die Ferien - bei uns 9 Wochen -waren mit ihr besonders schlimm. Stundenlange Heulkrämpfe sind fast an der Tagesordnung. Sie sitzt in ihrem Zimmer und weint lautstark. In diesen Situationen mit ihr zu sprechen, endet leider immer nur in Tränen und Wutausbrüchen. Niemand würde ihr helfen, ihr gehe es so S****, sie würde lieber sterben und wolle nicht mehr leben etc. Wenn man das aber über Wochen und Monate immer wieder hört, hat man keine Kraft mehr, der Person immer noch zuzureden,wisst ihr, was ich meine? Freundliche Annäherungen an sie enden fast immer damit, dass ich wüst beschimpft werde, ich solle abhauen, mich nciht als Psychiater aufspielen usw. Teilweise sind ihre Worte wirklich sehr verletzend.
Hinzu kamen bei ihr jetzt einige Misserfolge. Sie wollte eine eigene kleine Wohnung ein paar Stunden Fahrt von uns entfernt, eine Zeit lang schien ihr die Aussicht auf den Umzug wirklich gutzutun. Aber kaum in der neuen Wohnung angekommen, meinte sie, alleine halte sie es nicht aus. Meine Mutter vereinbarte mit ihr, dass sie zurückkommen, es aber so nicht weitergehen kann. Und traf diverse Abmachungen, an die meine Schwester sich aber psychisch bedingt wohl nicht halten kann.
Leider hat meine Schwester die Schule abgebrochen. Sie hätte aufgrund einer negativen Nachprüfung Anfang Herbst die Klasse wiederholen müssen, was wohl das Klügste gewesen wäre, denn während des Schuljahres geht es ihr immer besser als in den Ferien. Sie wollte die Klasse aber keinesfalls wiederholen. Derzeit ist sie als arbeitslos gemeldet, weint sehr viel, ist mürrisch und pampig und gibt einem permanent das Gefühl, für ihr Elend verantwortlich zu sein. Zwischendurch hat sie immer wieder mal gute Tage, dann ist es, als spräche man mit einem anderen Menschen, der vernünftige Zukunfstspläne macht, sehr reflektiert denkt, sehr intelligent ist. Abgesehen von diesem einem schlechtem Schulfach war sie auch eine gute bis sehr gute Schülerin. Aber meist ist das Zusammenleben mit ihr eine Katastrophe.
Ich verstehe natürlich, wie schwierig ihre Situation ist. Aber die Sache ist die, sie lässt sich nicht wirklich helfen 🙁 Schlägt man behutsam eine Therapie vor oder so etwas wie Betreutes Wohnen, wird sofort abgeblockt oder man wird beschimpft. Kommt man mit Stellenanzeigen oder ähnlichem, ist sie nie zufrieden mit den Angeboten. Ehrenamtlich engagieren will sie sich auch nicht, im Haushalt rührt sie kaum einen Finger, obwohl sie dann auch eine Aufgabe hätte, auch Besorgungen, Spaziergänge mit dem Hund etc. sind fast immer mein Job.
Ich merke einfach, dass es für mich gerade eine permanente Belastung darstellt, mit ihr zusammenzuleben. Meine Mutter arbeitet den ganzen Tag und ist auch schon oft dem Nervenzusammenbruch nahe, wenn meine Schwester das ganze Wochenende über lautstark weint, aber keinerlei Gesprächsbereitschaft zeigt. In den Ferien ging es ja irgndwie, aber bei mir geht nächste/übernächste Woche die Uni wieder los und ich weiß teilweise einfach nicht, wie ich es schaffen soll, mich auf Vorlesungen, Prüfungstermine, Kurse zu konzentrieren bei der derzeitigen Situation daheim. Außerdem kann ich nicht mal wirklich jemanden zu mir einladen, da ich nie weiß, wie meine Schwester sich dann "benimmt". Meine Mutter und ich fühlen uns zuhause eigentlich nur noch angespannt 🙁 Ich habe zum Glück mehrere Leute zum Reden, darunter auch Menschen, die beruflich mit psychisch Kranken zu tun haben, und eine dieser Frauen sagte zu mir schon des Öfteren mal, man müsse meiner Schwester trotz ihrer Symptomatik auch öfter Grenzen aufzeigen. Ich finde das ja auch irgendwie, da sie mit sehr vielem durchkam bislang. Allein ihr Umgangston uns gegenüber kann doch eigentlich nicht sein, oder dass man ständig stundenlanges Weinen aushalten muss, welches durch die ganze Wohnung hallt. Ich meine, ich muss eben auch mal lernen oder möchte jemanden zu mir einladen.
Meine Mutter findet auch, ewig könne es nicht mehr so weitergehen, wenn es weiter so läuft, müsse meine Schwester irgendwann ausziehen. Einerseits wäre das für uns eine riesige Erleichterung, andererseits natürlich schelcht, wenn es meiner Schwester dann immer noch so schlecht geht. Es ist so schwierig, da man sich einerseits nach Alltag und Ruhe sehnt, andererseits aber auch den Menschen "hinter der Krankheit" liebt.
Wie genau es zu den Problemen meiner Sis kam, ist schwer zu sagen. Wir hatten sicher keine perfekte, aber auch keine "schlimme" Kindheit. Wir waren als Kinder beide sehr schüchtern, ich hatte immer schon einen Hang zur Melancholie und früher auch eine depressive Verstimmung, wobei es mir recht schnell wieder besserging, obwohl ich 2 Therapien abbrach. Aber ich habe irgendwie einen Weg für mich gefunden, durch meinen Hund bin ich z.B. viel draußen unterwegs und ich habe auch sehr gute Freunde, mit denen ehrlich Gespräche möglich sind. Das alles hat mir irgendwie geholfen.
Verhältnis zu den Großeltern mütterlicherseits ist sehr eng, sie wohnen in derselben Stadt und sind auch Ansprechpersonen. Bieten viel praktische Unterstützung an, wir können auch jederzeit zu ihnen kommen. Nur mit psychischen Erkrankungen kennen sie sich altersbedingt weniger gut aus.
Verhältnis zu meiner Mutter ist grundsätzlich sehr gut, klar gibt's mal Reibereien, aber nichts Tragisches, sie ist auch ein sehr lieber Mensch. Und noch recht jung, falls das eine Rolle spielt.
Mein Vater hat sich nie für uns interessiert, Scheidung, als ich noch Volksschülerin war. Ich denke, meine Sis leidet darunter, keinen richtigen Vater gehabt zu haben. Sie hatte halt den Opa, der toll ist, aber anscheinend nimmt sie dieses "Abgelehnt-werden" vom eigenen Vater viel stärker war als ich. Bei dem Mann ist halt Hopfen und Malz verloren, der wird sich leider niemals ändern, das ist etwas, womit man einfach leben muss in dem Fall.
Er war ziemlich jähzornig, suchte die Schuld immer bei anderen. Meine Mutter vermutet heute, er könne ebenfalls psychische Probleme gehabt haben, sodass eine erbliche Komponente nicht ausgeschlossen ist. Aber mein Vater stammt aus einem völlig anderen Kulturkreis und hätte nie darüber gesprochen, dass er sich z.B. depressiv fühlt...
Ach ja, eine On-Off-Beziehung hat meine Schwester schon länger, wobei ihr Freund (er arbeitet) ein sehr lieber und umgänglicher Mensch ist. Und meist sie diejenige, die sich trennt, es aber ohne ihn noch schlechter aushält. Sie verehrt ihn in einem Moment, im nächsten will sie "nichts mehr von ihm wissen". Er ist eigentlich vernünftig, kommt aber auch nie ganz von ihr los. Er hat ihr auch schon oft zugeredet, sich wirklich Hilfe zu suchen etc., aber mit mäßigem Erfolg. Dass er weit weg wohnt, ist für meine Schwester auch ein großes Problem.
Der Verdacht auf Borderline wurde übrigens schon öfters geäußert. Ich glaube, eine offizielle Diagnose steht aber wohl noch aus.
Heute weint sie wieder einmal den ganzen Tag und ja, es ist belastend 🙁 Und ich gestehe, oft fühle ich nur noch Wut und wünschte mir, sie würde nicht mehr hier wohnen. Weil ich es einfach nicht mehr ertragen kann. Und ja auch nicht immer den ganzen Tag draußen rumlaufen kann. Manchmal spiele ich sogar mit dem Gedanken, das Studium abzubrechen, damit ich schnellstmöglich mein eigenes Geld habe und ausziehen kann, aber in Wahrheit ist das ja auch nicht das, was ich möchte.
Ich weiß, wirkliche Tipps könnt ihr mir nicht geben, ich wollte es mir aber mal auch hier von der Seele schreiben. Vielleicht hat jemand ja Ähnliches erlebt und würde sich gerne austauschen.